Den Anfang der Geschichte findest Du hier.

Frau Dr. Hoffmann schritt den Stadtweg entlang und bog in die Plessenstraße ein. Wie einsam es hier war, vor jedem Schatten, den sie nicht zu deuten wusste, graute ihr. Nun führte sie der Weg um den Dom herum, obwohl sie sich hätte sagen können, dass Jürgen ihn vielleicht zu derselben Minute auf der anderen Seite umging. Aus dem ruhigen Schreiten, wie es ihr eigen war, wurde ein Hasten, doch als sie in die Süderholmstraße kam, fühlte sie sich geborgen. Sie konnte ja zu jeder Zeit um Hilfe an eines der niedrigen Fenster klopfen. Jetzt lag der Holmer Kirchhof vor ihr, dort war Süver Krübbes Haus, wie sie in ihres Mannes Buch nachgesehen hatte. War Jürgen noch dort, so konnte er ihr nicht entgehen. Ob sie mal anklopfte? Aber sie verwarf den Gedanken ebenso rasch, wie er gekommen war. Eine halbe Stunde wollte sie warten, kam er bis dahin nicht, so ging sie wieder heim.
Eine halbe Stunde warten! Es war in ihrer Stimmung eine doppelte Pein. Sie schritt immer in der Runde um den Kirchhof herum, sie brauchte nicht zu fürchten, dass sie beobachtet wurde, es war kein Licht mehr in den niedrigen Behausungen – Fischer haben ein mühseliges Gewerbe; wenn sie zu Hause sind, gehen sie frühzeitig schlafen. Wozu sollten sie noch unnötig Petroleum verbrennen?
Nur in dem Häuschen von Süver Krübbe war die Mansarde, die nach vorn im Giebel lag, hell erleuchtet. Darum glaubte Marianne ihren Mann noch dort. Das Mädchen würde die Stube wohl bewohnen. Könnte sie doch droben sein, wie gern würde sie Jürgen helfen. Ein großer Strom von Menschenliebe erfüllte plötzlich ihr Herz, das machte, weil sie selber so glücklich war. Alles sollte sich mit ihr freuen.
Blitzender Mondschein brach durch das Gewölk und erleuchtete die dahinsausenden Wolken. Die junge Frau blieb stehen und blickte empor. Hier unten der Friede, kaum dass der Wind zu spüren war, so abgeschlossen lag die Stelle, auf der sie stand. Und droben die Wolkenschlacht! Kleine Wolken voraus al Plänkler, und dahinter das dichte Gros, geschlossen wie eine einzige, unbezwingbare Masse, die in Karriere dahinjagte mit wilden Rossen. Dazu das Sausen, Ächzen und Stöhnen, mit denen der Sturm über die Dächer fuhr.
Nun fiel Mariannes Blick auf die hell beleuchteten Gräber und die Grabkapelle. Es zog sie näher, sie schritt durch das kleine Tor auf die Totenstätte. auf die Totenstätte. Die trockenen Kränze flüsterten leise traurige Botschaft von denen, die drunten in der kühlen Erde lagen. Die Kreuze glänzten, und die neuen Inschriften leuchteten hell auf, als wollten sie die Aufmerksamkeit der Einsamen auf sich ziehen. Marianne trat heran, sie wollte versuchen, ob sie die Worte entziffern könnte, aber im Weiterschreiten fühlte sie, dass irgendwas sie festhielt, so sehr sie auch zerrte. Laut schrie sie auf vor Entsetzen, denn das grelle Licht löschte ebenso plötzlich aus, wie es gekommen war. Im Schatten der Grabkapelle umgab sie Finsternis und Schrecken.
Ihre Nerven, die ohnehin auf das Höchste gespannt waren, versagten völlig in diesem Augenblick abergläubischer Gespensterangst. Der aberwitzige Gedanke, eine Totenhand griffe nach ihr und hielt sie fest, gewann bei ihr Gestalt, und ein zweiter Aufschrei verklang in der einsamen Runde. Noch ein verzweifelter Ruck, ein Reißen, und sie fühlte, dass sie frei war.
Nur dem Spiel des Sturmes in den Dachziegeln hatte sie es zu verdanken, dass ihr Ruf ungehört verhallte. Die eiserne Pforte, die sie endlich fand, schlug wieder hinter ihr zu, sie stand auf der Straße bei der brennenden Laterne, deren nüchternes Licht sie der Wirklichkeit zurückgab. Doch ihre Glieder bebten noch von der überstandenen Angst, und das Herz schlug in gewaltigen Schlägen. Aller Mut war ihr vergangen, sie stellte sich dicht an die Tür von Süver Krübbes Haus und wartete. Sollte es noch lange dauern, so würde sie um Einlass bitten. Sie zog ihre Uhr zu Rate – erst halb zehn. Kaum, dass sie eine Viertelstunde gewartet hatte.
Es wurden Stimmen laut, schwere Männerschritte näherten sich drinnen der Tür, die sich öffnete, sie hörte ihren Mann sagen: „Dieses Mal haben wir es noch glücklich überstanden. Nun aber völlige Ruhe, dafür muss ihre Frau sorgen.“
„Sie wird’s schon schaffen, Doktor. Dank auch, dass Sie solange blieben, für uns Alten allein wär’s zu schwer gewesen. Ich hätt‘ dem armen Wurm gegönnt, dass sie in der Ewigkeit eingelaufen wär‘.“
„Ich auch, Krübbe, aber es ist meine Pflicht, mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln das Leben zu erhalten.“
„Das ist so, wie wenn unsereins Schwimmen lernt. Auf der Marine zwingen sie die Leute ja dazu. Aber anders ist’s besser, ein Kopfsprung und rüber ins Jenseits:“
„Ich bin auch für den Kopfsprung, Krübbe, aber mein Beruf erlaubt es nicht. Und manchmal weiß man auch nicht, wofür es gut ist, wenn es länger dauert. Vielleicht soll noch das Gewissen in langen Leidensnächten wachgerüttelt werden. Oder es kommt noch eine große Freude, ein Wiedersehen mit einem geliebten Menschen.“
„Kann schon wahr sein. Und“ – der Fischer blickte über die Schulter nach oben – „ich glaub‘ die Maren wartet auf so was. Meine Frau meint’s auch. „
„So. Na, dann wollen wir froh sein, dass sie noch mal davongekommen ist. Aber Vorsicht, Krübbe, keine Bewegung. Als ob sie aus Glas wäre, versteht Ihr.“
„Oha, wollen das schmucke Fahrzeug schon über die Klippen lotsen und die hohe See. Keine Sorge, Doktor. Ich halt‘ das Steuer, und meine Alte stellt die Segel ein zu ruhiger Fahrt, wie sie für solch Krankes passt.“
Das heisere, unterdrückte Lachen des alten Seebären klang durch die stille Nacht bis zu der Wartenden hin, die sich in einem dunklen Winkel versteckte. Das Herzklopfen kam wieder, fast so stark wie vorhin. Sie bereute es jetzt, nicht ruhig zu Hause das Kommen Jürgens erwartet zu haben. Wie schlecht passte ihre Freudenbotschaft zu dem soeben Gehörten.
Hoffmann schlug den Weg zur Rechten ein. Marianne musste sich eilen, wenn sie den rasch Einherschreitenden einholen wollte. Nun war sie dicht hinter ihm, sie rief leise seinen Namen.
„Du bist hier, Marianne? Aber was treibt dich denn her, eine eilige Bestellung? Na, denn man zu, wer ist es? Du konntest doch aber das Mädchen schicken.“
„Nein, nein, Jürgen, es ist – ich habe einen Brief von Ernst erhalten.“
„Und darum treibst Du dich auf den nächtlichen Straßen Schleswigs herum? Kind, dazu bist du viel zu hübsch, und die Kapuze reizt besonders dazu, darunter zu sehen. Ich muss wirklich schelten.“
Marianne hing sich schmeichelnd an seinen Arm und blickte zu ihm auf. Als ob sie mit dem alten Herrn da droben ein Stickwort verabredet hätte, trat er jetzt auf die Szene, sie hell erleuchtend. Jürgen sah die großen Augen auf sich gerichtet, um den schönen Mund zuckte es von innerer Erregung, und die blassen Wangen überflog eine leichte Röte. Sie sah entzückend aus in diesem Augenblick, und er strich ihr zärtlich die zerzausten Haare von der hohen, weißen Stirn zurück, deren Schönheit es ihm in der Zeit, als er um Marianne war, besonders angetan hatte. Er wollte eine kluge Frau haben, und hinter dieser Stirn konnten nur kluge Gedanken kreisen. Es galt nur, sie zu wecken.
Hatte er sich die Mühe dazu gegeben?
Er legte sich diese Frage gar nicht vor, jetzt nicht und früher auch nicht. Doch in jäh erwachender Leidenschaft zog er die geliebte Frau an sich und gab ihr einen Kuss.
„Aber Jürgen!“ rief sie verwirrt und blickte sich um, ob ein Zeuge der ehelichen Zärtlichkeit zu entdecken sei.
„Sei nur still, mein liebes Weib, bei dem Wetter treibt sich nicht mal eine Katze draußen herum, Aber nun sage endlich, was dich dazu trieb, mir wie eine verliebte Dirne nachzulaufen?“
Er lachte übermütig auf und zog ihren Arm noch fester an sich. Wie sie dieses Lachen liebte, und wie selten wurde es laut.
„O du!“ sagte sie zärtlich. „Also höre.“
Gerade wollte sie beginnen, als der Mond sein Licht ebenso rasch verhüllte, wie er es vorher über sie ausgegossen hatte. Eine dunkle Wolke zog er vor sein lächelndes Angesicht, und da alte Herren gerne ihren Scherz mit der blühenden Jugend treiben, ließ er einen Platzregen auf die beiden verliebten Leutchen niederprasseln, dass sie sich lachend davonmachten. Es war, als solle Marianne nicht zu Worte kommen. –
Nun saßen sie daheim bei der hellen Lampe. Jürgen vertilgte mit dem von dem Dauerlauf verschärften Appetit sein einfaches Abendessen, und Marianne tat noch einmal mit. Sie hatte solange gewartet, nun konnte sie ihm auch die Mitteilung noch vorenthalten, bis sie in seinem Zimmer saßen.
Endlich war es soweit; die Vorräte waren sorglich geborgen, die Zigarre brannte, und Jürgen sah mit wirklichem Interesse zu, wie Marianne Wein herzutrug und zwei Gläser.
O, o, diese Verschwendung, mein liebes Weib! Bier tat’s auch.“
„Heute nicht, Jürgen. Hätten wir armen Leute Sekt im Keller gehabt, heute hätte er herhalten müssen.“
„Was du nur hast, Kind! So kenne ich dich ja gar nicht?“
„Natürlich nicht!“ rief sie und fiel ihm überglücklich um den Hals, sich es alsdann auf seinem Schoß bequem machend.
Hoffmann ließ alles ruhig über sich ergehen. Er fragte sich nur immer wieder, was seine Frau so aus Rand und Band gebracht hatte. Erst der Weg in die stürmische Nacht hinaus, und nun diese ungestüme Zärtlichkeit, die ihr sonst gar nicht eigen war.
„Weißt du, Jürgen, dass du eine recht kostbare Frau hast?“ begann Marianne scherzend.
„In welchem Sinne, Marianne?“
„Nun, solche mit vergoldeten Federn.“
„Wie die Gans im Märchen? – Nein, Kind, dazu bist du zu klug,“ sagte Hoffmann, willig auf ihre fantastische Art eingehend. Sie sah so reizend dabei aus.
„Aber wie der Vogel Phönix. Das klingt schon anders, nicht, Jürgen? Halt mich nur fest, dass ich dir nicht davonfliege, mein Aschenhäufchen zurücklassend.“
„Ich verstehe von dem allen nichts. Sprich deutlicher, du holde Sphinx. Oder soll ich durchaus das mir gestellte Rätsel lösen?“
Marianne gab ihm einen stürmischen Kuss und sprang auf. „Was wünschst du dir? So was recht Großes, woran deine Seele hängt.“
„Mit sind die Grenzen zu eng gesteckt, Marianne. Wozu sich was wünschen, dessen Erfüllung zu den Unmöglichkeiten gehört.“
„Die mir gesteckten Grenzen sind für unsre spießbürgerlichen Begriffe schon recht weit, Jürgen. Möchtest du eine Armenkasse haben, die immer voll wäre, so viel du auch herausnähmst? Möchtest Du eine schöne Studienreise machen, medizinische Kurse an einer Universität nehmen? Möchtest du – “
„Hör auf, höre auf, du liebe Verführerin.“
„Nein, ich höre nicht auf, denn weißt du, was geschehen ist? – Deine arme Marianne hat eine große Erbschaft gemacht und ist eine reiche Frau geworden. Da lies!“
Sie drückte ihm den Brief ihres Bruders in die Hände und begann wieder ihre Wanderung durch die beiden Zimmer. Dass sie sich dabei heimlich eine Glücksträne nach andern abwischte, entging Jürgen nicht. Er beobachtete ihr aufgeregtes Tun mit besorgten Blicken, obwohl er ganz in das Schreiben vertieft schien.
„Komm einmal her, Marianne, und setze dich hierher!“ rief er, als er zum Schluss gekommen war. „So, und nun sage mir einmal ehrlich: Hast du in unsrer Ehe viel entbehrt?“
„Ach ja!“ sagte die junge Frau und blickte ihn mit ihren glänzenden Augen an wie ein Kind, das in die brennenden Kerzen des Weihnachtsbaumes sieht, nachdem es vorher lange im dunklen Zimmer gesessen hat.
„So? – Ich nichts.“
„Ich war so allein.“
„Daran ändert das dir zugefallene Vermögen nichts. Leider ist unsre Ehe kinderlos geblieben, aber das Mutterglück lässt sich nicht erkaufen, um alle Schätze der Erde nicht.“
„Nein, nein, aber vieles andre.“
„Zum Beispiel?“
„Ein neuer Flügel.“
„Damit bin ich einverstanden. Auch in der Kleidung wirst du künftig nach Frauenart mehr Luxus treiben!“
„Das ist doch auch was Hübsches. Du sollst mal erleben, wie sich der Vogel noch mausert.“
„Verwandle dich nur nicht in einen Paradiesvogel oder einen radschlagenden Pfau, Kind, dann soll’s mir schon recht sein.“
„Es ist doch sehr viel Geld, das jetzt uns gehört, nicht, Jürgen?“
„Gewiss, Marianne, für unsre Begriffe eine sehr große Summe. Du wirst achttausend Mark mehr zu verzehren haben.“
„Du betonst immer das „Du“, Liebster. Es gehört doch uns zusammen. Und sieh, wenn die Summe so groß ist“ –Zögernd hielt sie inne und fuhr dann fort: „Wie viel hatten wir bisher?“ „Meine Einnahme betrug im letzten Jahre sechstausend Mark, doch davon musste jährlich zurückgelegt werden, um nach und nach ein kleines Kapital zu erwerben. Das fällt ja nun fort, worüber ich mich herzlich freue.“
„Also vierzehntausend Mark im Jahr würde künftig die Einnahmen betragen. So sind wir wirklich reiche Leute,“ konstatierte sie und nahm ihren Sturmlauf im Zimmer wieder auf.
„Du hast noch irgendeinen großen Wunsch auf dem Herzen, Marianne, ich sehe es schon. In dieser Stunde, in der die Sagen von gehobenen Schätzen förmlich in der Luft schwirren, geht es in einem hin. Ich wette, dass du dir in den einsamen Stunden, die nach der Ankunft des Briefes vergingen, etwas ganz Törichtes ausgedacht hast.“
„Nein, nichts Törichtes, du superkluger Mann, etwas sehr Richtiges und Naheliegendes. Weißt du, was ich mir brennend wünsche und was mich über mein vieles Alleinsein trösten würde?“
„Nun?“
„Ich wünsche mir eine schön gelegene Villa mit Veranda und kleinem Garten mitten im Grünen, nahe am Wald – “
„Warum nicht gleich ein kleines Schlösschen an der Flensburger Straße?“ spottete Hoffmann.
„Unser Häuschen mit den engen, niedrigen Stuben und dem hässlichen Hof kannst Du doch nicht schön finden.“
„Nein, schön nicht, aber gemütlich. Hier lebt mein Großvater schon als Arzt, dann kam Vater an die Reihe, und jetzt ich. – Du denkst doch nicht daran, dass ich dir diesen Wunsch erfüllen werde?“
„Und nach deinem Tode kommt es doch in fremde Hände, da wir keine Kinder haben.“
„Wer weiß. Meine Brüder sind mit Söhnen reich gesegnet. Vielleicht erziehe ich mir aus ihnen einen Nachfolger.“
„Und ich soll mein ganzes Leben hier in diesem hässlichen, alten Winkel leben? Das halte ich nicht aus!“
„Man hält vieles aus, auch als reiche Frau,“ tadelte Hoffmann. „Ich glaubte, dein Heim wäre dir in den zehn Jahren unsrer Ehe auch lieb geworden.“
„Ich habe den alten Kasten nie leiden mögen. Jede moderne Bequemlichkeit fehlt.“
„Lass sie machen, ich lege dir keinerlei Zwang auf.“
„Der enge, dumpfe Hof, den man stets durchschreiten muss, um in den Garten zu kommen, der sich wie eine Festung aufbaut, Mauer über Mauer.“
„Mache die schwebenden Gärten der Semiramis daraus. Du hast Phantasie, übersetze sie in die Wirklichkeit, da liegt ein reiches Feld der Tätigkeit für Jahre vor dir,“ schlug Hoffmann launig vor und fing seine Frau auf.
Der Arzt ging nun seinerseits eine Weile schweigend auf und ab, dann zog er sich einen Stuhl heran und setzte sich seiner Frau gegenüber.
„Höre mich an, Marianne,“ begann er ernst. „Ich bin sonst nicht für Predigten am Alltag, aber heute muss ich dir schon eine halten, wenn auch nicht so wortgetreu wie unser Pfarrer. Kennst du das Evangelium: ‚Und der Teufel führte Jesum auf einen hohen Berg und zeigte ihm alle Schätze der Erde und sprach zu ihm: Dies alles ist dein, wenn du niederfällst und mich anbetest.’ Lass dich nicht verblenden, liebste Frau, damit das Gold, das dir das Schicksal in den Schoß geworfen hat, dir und mir nicht zum Unsegen werde. Ein Wunsch gebiert den andern, und zuletzt ist es ein Meer, in dem unser liebes, bescheidenes Glück untergeht.“
In diesem Sinne sprach Hoffmann noch eine Weile fort, bis Marianne ihm mit strömenden Tränen in die Arme sank, sich und ihm gelobend, ihm in alter Treue und Liebe dieselbe zu bleiben.
In dieser Nacht fand Marianne erst spät ihren sonst so gesunden Schlaf. Mit brennenden Augen starrte sie in die Dunkelheit und blickte in die Zukunft. In das graue Einerlei ihres Lebens hatte das Schicksal mit allmächtiger Hand gegriffen und sie herausgeholt, ihr einen Platz unter denen anweisend, die am schäumenden Flusse der fröhlichen, unbekümmerten Daseinsfreude sitzen und sich ohne Bedenken hineinwerfen, um sich von ihm von Genuss tragen zu lassen. Mit einem seligen Lächeln um die Lippen schlief sie endlich ein; bunte Träume, vielgestaltig, wechselnd wie ein Kaleidoskop, umgaukelten sie im Schlafe.

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