Was bisher geschah:

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Achtes Kapitel

Der Roman Ravens war im Buchverlag erschienen. Durch den Druck in dem großen, vielgelesenen Tageblatt war ihm der Weg bereitet worden, und der November sah schon die dritte Auflage. Der Schriftsteller hatte viele Freunde unter den Fachgenossen und Kritikern, die seine Arbeit wohlwollend besprachen. Sie taten es umso lieber, da sie ihrer innersten Überzeugung folgen konnten.
„Es freut mich, dass du trotz des großen Erfolges nicht eitel wirst, Raven,“ sagte Freund Steiner.
Raven wusste wohl, warum. Das Bild der Toten verfolgte ihn im Wachen und Schlafen. Furchtbare Träume quälten ihn, so dass er in einem Schlaftrunk oftmals Vergessenheit suchte. Doch das besserte sich mit der Zeit, die Erinnerung an Maren verblasste, und er wurde seines Erfolges von Herzen froh. Mit Marianne war er neuerdings in regen Briefwechsel getreten, er wusste, dass sie einen längeren Roman begonnen hatte. Darum drängte er auch noch nicht wegen des versprochenen Besuches in Berlin.
Ja, Marianne arbeitete, und ihre Arbeit nahm sie so gefangen, dass sie alles andere darüber vernachlässigte. Jürgens Schwester rückte dadurch langsam zu der Würde der Hausfrau empor, sie leitete das ganze Hauswesen, sie hatte die Schlüssel, und das Behagen des Bruders wurde nicht nur durch nichts gestört, sondern er empfand oft wohltuend das umsichtige Walten des Hausgeistchens, das so lautlos das Getriebe der Wirtschaft in Ordnung hielt. So herrschte denn eine ganze Weile beglückender Friede in dem kleinen Heim am Lollfuß, weil jeder sich befriedigt fühlte.
Der November brachte viel Nässe und raue Winde sowie Nebeltage, wo man das graue Gespenst, allüberall spürte. Viel Krankheit war in der Stadt, und Jürgen Hoffmann war der Vielbegehrte. Von früh bis spät auf den Beinen, kam ihm nachts kaum der Schlaf in die Augen. Marianne, die bei der angestrengten Geistesarbeit einer ungestörten nächtlichen Ruhe bedurfte, hatte schon bald nach ihrer Heimkehr in ihrem Toilettenzimmer ihr Lager aufgeschlagen; so merkte sie wenig von den nächtlichen Berufswegen ihres Mannes, und Jürgen wäre der letzte gewesen, der über Überbürdung geklagt hätte. Seine kräftige Natur konnte schon viel aushalten, er wuchs unter seiner Arbeitslast und blieb seinen Kranken gegenüber stets derselbe fürsorgliche Helfer und warmherzige Freund.
Doch heute schritt er im Nebel dahin, als sei ihm alle Kraft vergangen. Im Kopf zogen die schweren Gedanken, sie beugten den stolzen Nacken. Was hatte die neue Patientin, deren Mann, ein hoher Regierungsbeamter, erst seit kurzem hierher versetzt worden war, gesagt, als er in einem luxuriösen Boudoir von ihr empfangen wurde: „Sie sind mir kein Unbekannter, Herr Doktor, aber noch besser kenne ich Ihre Frau Gemahlin. Ich war im September mit ihr in der Holsteinschen Schweiz zusammen. Ich sah sie häufig in der Begleitung von Hartwig Raven, dem berühmten Schriftsteller, dessen herrlicher Roman überall Aufsehen macht. Eine Auflage folgt ja der andern. Ich beneide sie noch nachträglich um diese Bekanntschaft.“
Marianne war mit Raven zusammen gewesen! Mit dem fremden, von dem sie wusste, dass er ihm längst die Freundschaft gekündigt hatte, und dem eignen Manne hatte sie geschrieben: „Lass mich allein!“
Nicht mit ihrer Arbeit, nein, mit Raven wollte sie allein und ungestört sein. Warum hatte sie auch nach ihrer Heimkehr ihm nichts von diesem zusammentreffen gesagt? Oder war es gar ein verabredetes Spiel gewesen? Sollte er Marianne fragen?
Kaum, dass er es gedacht, so wurde es wieder verworfen. Eine innere Angst warnte ihn, daran zu rühren. Wenn seine Frau Raven wärmere Gefühle entgegenbrachte, so war sie sich dessen sicher nicht bewusst. So sah keine schuldige Frau aus. Eine solche würfe sich auch nie derart in ihre Arbeit vertiefen können und alles andre darüber vergessen. Sie war überhaupt keine leidenschaftliche Natur, sie kam dem Mann nicht entgegen. Nein, einer anderen Macht war sie verfallen, dem Ehrgeiz, und um den zu befriedigen, gebrauchte sie Raven.
Wie stand es aber bei Raven? Benutzte er die Stellung, die Marianne ihm als ihrem literarischen Beirat gab, um sich zugleich auch in ihr Herz zu stehlen? Aus dem Briefwechsel machte seine Frau gar kein Geheimnis, ja, sie ließ oft genug ein Schreiben achtlos offen liegen.
Wenn er dies alles selbst mit der so jäh erwachten Eifersucht prüfte, so musste er den in ihm aufsteigenden Verdacht als grundlos verlachen. Seine Marianne, seine stolze, reine Frau, würde niemals sich also verirren können, um die Geliebte eines anderen Mannes zu werden. Er verspottete sich selbst wegen des seiner unwürdigen Argwohns, aber es stieg doch der Wunsch in ihm auf, das Buch Ravens kennenzulernen.
Als er bei seinem Buchhändler eintrat und den Roman forderte, sagte dieser: „Eine großartige Arbeit, Herr Doktor. Ich hörte, dass Hartwig Raven, während er diesen Roman verfasst hat, Ihr Gast gewesen ist. Damals haben Sie wohl auch nicht geahnt, dass er so bald berühmt werden würde. Ja, so etwas kommt wie der Dieb in der Nacht. Und wie er die Holmer Leute getroffen hat! Das erstaunt mich jetzt nicht mehr, denn er brauchte ja nur bei Ihnen in die Schule zu gehen. Gestehen Sie es ein, Herr Doktor, sie haben bei der Arbeit nicht nur Pate gestanden, Sie sind auch Mitarbeiter gewesen. Darum hat Raven den Roman auch Ihrer Frau Gemahlin gewidmet.“
Ein neuer Schlag traf die kaum beruhigten Nerven, doch vermochte Jürgen, mit einem Scherzwort den wissbegierigen Mann abzufertigen. Und während er mit raschen Schritten seinem Hause zustrebte, legte er sich die neue Frage vor: Warum hatte Marianne ihm auch die Widmung verschwiegen?
In dieser Nacht erlosch die Lampe in Jürgens Zimmer nicht, mit brennenden Augen und gefurchter Stirn las er den Roman, von dem er nichts hatte wissen wollen. Und als er zu Ende war, lag er in finsterem Grübeln wach bis zum Morgen. Kaum, dass der Tag graute, so stand er schon vor Süver Krübbes Haus, er musste die Frage an den alten Vertrauten stellen, die ihm das Hirn zermarterte, seitdem er Ravens Roman kannte, der den Titel „Die Vendetta des Nordens“ trug.
Der Fischer saß schon auf seinem Lehnstuhl; er war sehr alt geworden, seitdem der Tod ihm seine treue Gefährtin geraubt hatte. Frau Krübbe schlief neben Maren den letzten Schlaf, und ihr Mann hatte sich auch schon sein Plätzchen neben ihr gesichert; er fühlte, dass er bald in den Hafen des Todes einlaufen würde.
„Na, wie geht’s Krübbe? Ich hatte hier in der Nähe zu tun und wollte doch einmal rasch bei Ihnen vorsprechen. Ich störe doch nicht?“
„Sie stören nie, Doktor, man sieht Sie selten genug.“
„Es ist jetzt harte Zeit, Krübbe, das Wetter ist zu schlimm.“
„Schadet nicht, Doktor, da wird unter uns Alten aufgeräumt, wir müssen den Jungen Platz machen.“
„Wie geht es denn?“
„Das eine Ruderholz ist schon lange zersplittert, und jetzt will das andere auch nichts mehr taugen,“ erwiderte Krübbe und deutete auf sein steifes, eingewickeltes Bein.
„Lassen Sie es mich doch einmal sehen,“ bat der Arzt und wickelte geschäftig die Verpackung herunter. „Das sieht böse aus! Ich will Ihnen etwas verschreiben, was die Schmerzen lindert.“
„Wozu, Doktor? Kommen Sie lieber hin und wieder zu mir, und wir spinnen unser Garn. Dann vergesse ich das Bein und dass ich ein elender Krüppel bin,“
„Es kann ja beides geschehen,“ meinte Jürgen und setzte sich zu dem Alten. „Wir kennen unsern Holm gut und auch die, die früher hier ihr Wesen trieben.“
“So wie Ihr Vater. Solchen Doktor hat es nie wieder gegeben. „Und wie er erzählen konnte, nicht, Krübbe, aber nur vertrauten Leuten. Zum Beispiel die Geschichte von der Inge Nissen.“
„Oha, Doktor, die kenne ich gut. War sie doch meines Großvaters Schwestertochter, die schöne, starke Inge vom Holm.“
„Hat sie nicht ihren Schatz in ein leckes Boot gelockt, mit dem er unterging?“
„Der Kerl, der Christian Börnsen, hatte ihr doch die Ehre genommen und machte keine Anstalt zur Ehe, da stellte Inges Bruder, Volkmer, der nach dem Tode der Eltern seine Schwester von Kindesbeinen an wie ein Vater aufgezogen hatte, den Schuft zur Rede. Sie waren beide zum Fischfang draußen auf der Schlei, und die Wellen gingen wie eine Wiege, kein Lüftchen wehte, und doch kam der Börnsen allein im Boot zurück. Die Leiche von Nissen wurde drei Tage später ans Land gespült. Inges Augen sollen trocken geblieben sein, und man sagt ja, dass solch grausames, stummes Leid das ganze Herz frisst und den Verstand dazu. Wie sie es allein zuwege gebracht hat, niemand konnte es sagen, aber sie hatte ihren Schatz gebunden und im lecken Boot auf die Schlei gefahren. Als es unterging, schwamm sie ans Ufer, denn sie war stark wie ein Mann. Sie hat kein Wort mehr gesprochen, wie versteinert hat sie gesessen Jahr um Jahr, bis sie ins Meer des Todes schiffte. Ich habe sie noch gekannt, und es hat mir gegraust, wenn sie hier am Ufer saß, viele Stunden lang, und auf das Wasser starrte. Wir Jungen haben sie so gefürchtet, dass keiner über sie zu spotten wagte.“
„Meinen Vater mochte sie leiden, er hat’s mir oft erzählt; er sagte, er habe nie ein schöneres Mädchen gekannt.“
„Unsre Maren hatte Ähnlichkeit mit ihr, sie stammt ja auch aus derselben Familie.“
„Haben Sie denn Doktor Raven diese Geschichte erzählt, Krübbe?“
„Nein, so was bleibt in der Familie, Herr Doktor, aber Sie gehören ja mit zu uns und zum Holm.“
“Wusste Maren darum?“
„Kann schon sein, denn ihr Vater war Holmer Kind. Wenn ich mich recht besinne, so haben wir sogar davon gesprochen. Ja, nun weiß ich’s wieder, es war kurz vorher, ehe sie so schwer krank wurde.“
Nun hatte der Arzt erfahren, was er wissen wollte, und ging, nachdem er das Rezept aufgeschrieben hatte, wieder seines Weges. Es war wohl das erste Mal, dass seine Patienten nicht mit ihm zufrieden waren.
Endlich waren die Besuche erledigt, und er ging heim. Wieder nahm er in der Stille seines Zimmers den Roman vor. Es war kein Zweifel möglich, der Stoff war der furchtbaren Tragödie entnommen, die auf dem Holm gespielt hatte. Der Verdacht, dass Raven den Roman Marens zu seiner Arbeit verwertet hatte, wurde ihm zur Gewissheit. Er hatte die Tote beraubt, ihr den Ruhm gestohlen, ihr Vertrauen missbraucht, Lüge auf Lüge gehäuft und die Welt betrogen. Wenn Hoffmann nur einen Beweis gehabt hätte, so wäre er noch zur Stunde zu Marianne getreten und hätte ihr den Freund gezeigt als das, was er war. Der Nimbus würde in nichts zerstieben und die Glorie des berühmten Schriftstellers ausgelöscht sein für immer.
Seine ehrliche Marianne wäre die erste, die sich von ihm lossagen würde, und sie, der alles Gemeine fremd war, würde ihn verachten und verurteilen wie einen Verbrecher. Aber es war seine Art nicht, auf einen bloßen Verdacht hin eine so furchtbare Beschuldigung auszusprechen. Nur, wenn Raven wieder ihren Weg kreuzen würde, dann musste er sie warnen, auch auf die Gefahr hin, in ihren Augen als Verleumder zu gelten.
So schwieg er denn, so schwer es ihm wurde, aber er machte den Versuch, wieder Teil an seines Weibes Leben zu gewinnen. Er suchte sie eines Tages in ihrem Arbeitszimmer auf, das er sonst nie betrat.
„Störe ich, Marianne?“ fragte er freundlich, als sie verwirrt von ihrem Papier aufblickte. „Ich habe freie Zeit und möchte ein wenig plaudern. Hedwig hat in der Küche zu tun, so flüchte ich denn zu dir.“
Sie waren beide verlegen, und Jürgen überfiel es mit bitterem Schmerz, wie sehr sich ihre Wege schon voneinander entfernt hatten. Er nahm sich vor, ihr Vertrauen wiederzugewinnen, koste es, was es wolle.
“Hast du die Novelle, die du in der Holsteinschen Schweiz schriebst, schon untergebracht?“
„Gewiss. Raven schickte sie selber einer Zeitschrift ein, die sie genommen hat, Ich bin ihm zu großem Dank verpflichtet, dass er auch noch jetzt Zeit findet, mich mit Rat und Tat zu unterstützen.“
„Warum hast du mir nicht gesagt, dass Raven dir seinen letzten Roman gewidmet hat? Ich erfuhr es durch Zufall beim Buchhändler.“
„Hast du ihn gelesen? – Ach, ich sehe es dir an, du kennst ihn!“ rief sie, ebenso überrascht wie erfreut.
„Ja, ich habe ihn gelesen, und ich frage mich, woher Raven von der traurigen Geschichte des Holms, die er seiner Arbeit zugrunde gelegt hat, gehört hat?“
„Ist er nicht herrlich?“ rief die junge Frau, die Frage ihres Mannes gar nicht beachtend.
„Er ist ein Meisterwerk. Doch wie gesagt, woher hatte Raven diese Kenntnis , und wie hat er in der kurzen Zeit seines Hierseins die Holmer Fischer in ihrer Eigenart derart studieren können, dass er ihre Sprache und ihr Wesen so echt wiederzugeben verstand?“
„Raven ist eben ein Genie. Außerdem vergisst du, dass er immer mit Süver Krübbe zusammensteckte, der wird schon sein Garn gesponnen haben.“
„Du irrst, ich habe ihn gefragt. Die Heldin heißt in Wirklichkeit Inge Nissen und war die Tante von Krübbe, der die Irrsinnige als Knabe oft gesehen hat, wenn sie, am Ufer der Schlei sitzend auf das Wasser starrte.“
„So hat Raven es von jemand anders gehört. Ich glaubte, ihn so verstanden zu haben, dass er sich schon lange mit dem Stoff getragen hat, bevor er hierherkam. Also, dass er von ihm selber stammte.“
„Hat er dir das gesagt?“
„Was du eifrig wirst, Jürgen! Das ist doch alles so nebensächlich, die Hauptsache ist doch, dass der große Erfolg da ist. Selbst dich lässt der Roman nicht los. Darauf kann Freund Raven besonders stolz sein.“
„Mein Freund ist er nicht, Marianne, vergiss das nicht.“
„Weil du auf ihn eifersüchtig bist!“ rief die junge Frau.
„Eifersüchtig?“ fuhr Jürgen erregt auf.
„Nun ja, wie soll ich es sonst nennen? Oder bist du etwa nicht eifersüchtig auf meine Arbeit? Die verdanke ich doch in erster Linie seiner Anregung.“
„Ach, so ist es gemeint?“
„Wie denn anders?“
Marianne blickte plötzlich scharf zu ihrem Manne hin. Sollt er wirklich eifersüchtig sein, eifersüchtig auf den Mann Raven? Nein, das lag Jürgen nicht. Wie sollte denn bei seinem Beruf noch Zeit zur Rolle des eifersüchtigen Ehemanns bleiben?
„Was schreibst du jetzt?“
„Interessiert dich das?“
„Sonst würde ich nicht fragen.“
Jürgen war richtig verlegen. Es kam ihm in diesem Augenblick so vor, als träte er zum ersten Mal nach langer Trennung seiner Frau gegenüber und frage nach ihrem Leben und Treiben, dem er jahrelang fremdgeblieben war. Er glaubte, sehr klug gehandelt zu haben, ihr in ihrer Liebhaberei, denn so nannte er im Grunde doch ihre ernste Arbeit, freie Bahn gelassen zu haben, anstatt, sich auch hierein das Vorrecht des Ehemanns wahrend, ihr mit Rat und Tat beizustehen.
„Ich schreibe einen längeren Roman.“
„Darf ich den Inhalt wissen?“
„Das würde dich wenig interessieren; aber wenn du durchaus willst, kann ich dir später eine der Kopien zu lesen geben.“
„Kannst du mir nicht daraus erzählen?“
„Unmöglich, Jürgen, ich kann es nicht. Er ist bald beendet, du brauchst nicht lange zu warten.“
„Hat dieser Raven auch diese Arbeit schon untergebracht, deren Inhalt er wohl sicher schon kennt?“
„Auf die Gefahr hin, dass du dich verletzt fühlst, muss ich beides bejahen.“
„Warum versagst du mir, was du diesem Fremden gewährst?“
„Du vergisst, dass du meinen Arbeiten stets feindlich oder wenigstens gleichgültig gegenüber standest. Da war es ein echtes Glück, dass ich bei dem Fachgenossen Anregung, Verständnis, Rat und Hilfe fand.“
„Also so ungeprüft und unbesehen werden deine Sachen schon genommen?“
„Wenn der Roman dem Freunde Ravens, dem Schriftsteller und Redakteur Steiner zusagt, so soll er in derselben Zeitung erscheinen, die Ravens Roman brachte,“ erwiderte Marianne stolz. „Es ist begreiflich, dass ich noch Zweifel hege, solches Glück und solche Auszeichnung verdient zu haben.“
„Und dann soll der Buchverlag folgen?“
„Ich hoffe es.“
„Und auch die öffentliche Kritik?“
„Auch diese.“
Hoffmann lief im Zimmer umher, der Gedanke war ihm unerträglich, den Namen seiner Frau so preisgegeben zu sehen. Die Sorge, dass ihre Arbeit minderwertig sei und dem Spott der öffentlichen Meinung verfallen könnte, wurde er nicht los. Wenn er nur diesem Raven hätte vertrauen können! Warum sollte es ihm als berühmten Mann nicht ein Leichtes sein, auch ein unbedeutendes Machwerk unterzubringen. Das wäre nicht das erste Mal geschehen.
Marianne erwartete einen gereizten Ausfall oder auch ein direktes Verbot und stählte sich schon dagegen, aber es kam nichts dergleichen. Jürgen hatte sich bezwungen, plauderte noch von anderen Dingen und bat sie um eine Kopie der Novelle, damit er doch wisse, was sie schreibe. Dann ließ er sie wieder allein.
Als sie an diesem Abend nach dem Essen in seinem Zimmer saßen, die beiden Frauen mit einer Arbeit, bemerkte Marianne zum Öfteren einen heimlichen Blick ihres Mannes, der prüfend zu ihr hinschaute, als sähe er sie zum ersten Mal. Sie war klug und kannte ihn zu gut, sie brauchte keine Frage an ihn zu richten. Sie fühlte, er hatte ihre Arbeit gelesen und gut befunden.
Von dieser Zeit an wiederholten sich Jürgens Besuche bei seiner Frau, auch die Abendstunden verbrachte er jetzt stets in ihrer Gesellschaft. Musizierte sie, wenn er daheim war, so kam er in das Zimmer und hörte zu. Auch die Spaziergänge früherer Zeiten wurden wieder aufgenommen, und Schleswig erlebte jetzt sehr oft das Schauspiel, das Ehepaar auf gemeinschaftlichen Wegen zu sehen.
Es war gut, dass der Roman beendet war; so ließ Marianne sich die mancherlei Störungen willig gefallen und änderte ihrem Manne zu Gefallen ihre ihr so lieb gewordenen Gewohnheiten, wenn es ihr auch oft lästig wurde. Kam ihr doch alles darauf an, ihn bei guter Laune zu halten, um seine Einwilligung zu der Berliner Reise zu erlangen. Es bangte ihr davor, und sie hatte schon feige den Termin auf die Zeit nach Weihnachten hinausgeschoben.
Kurz vor Weihnachten legte sie Jürgen einen Brief Steiners hin, der sollte als Vorbote dienen, damit er sich schon an den Gedanken gewöhne. Man sah es seinem Inhalt an, wie Raven ihr schon den Boden vorbereitet hatte. Jürgen las:

Sehr verehrte Frau!

Es macht mir große Freude, Ihnen mitteilen zu können, dass ich Ihre Arbeit für mein Blatt zu erwerben wünsche. Freund Raven, der das Geschäftliche mit mir regelte, teilte mir mit, dass Sie für ein Honorar von zweitausend Mark den Erstabdruck an uns abzugeben gedächten. Ich hoffe, die Arbeit noch vor dem Sommer zum Abdruck bringen zu können. Sollten Sie unsre Reichshauptstadt einmal mit Ihrem Besuch beehren, so hoffe ich bestimmt, Ihre Bekanntschaft machen zu dürfen. Meine Frau und ich würden es uns zur Ehre rechnen, wenn wir sie in den Kreis unsrer Kollegen einführen dürften. Freund Raven hat uns schon so viel von Ihnen erzählt, dass Sie uns keine Fremde mehr sind. So schließt sich denn meine Frau mir an, wenn ich auf ein baldiges Kennenlernen hoffe. Verfügen Sie stets über

Ihren ganz ergebenen Kollegen Steiner.

Hoffmann war zu Ende, und Marianne fragte ihn mit leuchtenden Augen: „Glaubst du nun, dass mein Roman gelungen ist? Das Blatt nimmt keine Dilettantenarbeit.“
„Ich bezweifle es nicht, Marianne,“ antwortete Jürgen und begann von etwas anderem zu sprechen. Wieder packte ihn die wahnsinnige Eifersucht
auf dieses fremde Element, einen Keil zwischen ihn und seine Frau trieb und sie ihm entfremdete. Er vermochte es nicht, Interesse und aufrichtige Freude an diesem neuen Erfolge zu empfinden. Marianne fühlte dieses nur zu gut, und es erkältete und verletzte sie wieder aufs tiefste.
Sie verließ das Zimmer und zog sich ohne ein weiteres Wort in das ihre zurück – sie musste allein sein. Allein mit ihrer überströmenden Freude, allein mit der überquellenden Dankbarkeit, mit der ihre Gedanken den Mann in der Ferne suchten, dem sie alles – alles verdankte, was sie so beseligte. Sie würde nach Berlin gehen, und sollte sie es ertrotzen müssen. Ihr Mann hatte nicht das Recht, ihr Steine in den Weg zu werfen. Dieser Erfolg berechtigte sie dazu, jede Rücksicht von seiner Seite zu fordern, er durfte ihr die Bitte nicht abschlagen.

 

Zur Rolle von Marianne als bürgerliche Ehefrau, die zerissen zwischen Pflicht und Ambition ist, gibt es diesen Blog-Artikel.

 

Die nächste Fortsetzung erscheint am Freitag, den 30. März 18.