Was bisher geschah:

Anfang,  1. Fortsetzung2. Fortetzung , 3. Fortsetzung, 4.Fortsetzung , 5. Fortsetzung , 6. Fortsetzung , 7.Fortsetzung , 8.Fortsetzung , 9. Fortsetzung , 10. Fortsetzung und hier ist ein eine kurze Zusammenfassung des Inhalts und Informationen über die Autorin

Von diesem Tage an ging in dem Hause am Lollfuß ein wunderliches Wesen um. Jürgen geizte mit jeder Minute, die er seiner Frau schenken konnte. Seine Gegenwart wurde ihr oft zur Qual, und doch wagte sie nicht, sich ihm zu entziehen. Sie wünschte, in Frieden zu ihrem Ziel zu kommen, und der Termin rückte immer näher, den sie sich für die Berliner Reise gesetzt hatte.
Ravens Briefe wurden immer dringender, seine Schilderung der sie erwartenden Genüsse immer glühender. Die Sehnsucht, die ihn verzehrte, sprach immer unverhüllter zwischen den Zeilen zu ihr, und sie berauschte sich heimlich daran wie an süßem Gift. Der Ruhm wurde ihr nicht zum Rivalen, der Freund blieb ihr treu.
Jürgen, der Marianne früher vernachlässigt hatte, umgab sie jetzt mit eifersüchtiger Liebe. Er machte sich frei, um in ihrer Begleitung den Schwager in Hamburg zu besuchen, und wurde von Tag zu Tag mehr der Jürgen früherer Zeiten. Er las den Frauen abends vor und ging auf alle ihre Interessen ein. Auch berichtete er auf Mariannes Bitte von Selbsterlebtem, sie konnte nicht genug davon hören. Das ruhige, stete Feuer seiner Liebe zu Marianne war wieder zur lodernden, verzehrenden Flamme geworden, die er aber in verlegener Scheu vor ihr verbarg. Er sah es gern, wenn sie sich schmückte, und bemerkte es jetzt erst mit sehenden Augen und täglich wachsender Leidenschaft, zu welch eigenartiger, reizvoller Persönlichkeit sich Marianne entwickelt hatte. Die ernsten, dunklen, die nur noch selten den Kinderblick zeigten, beherrschten das ganze Gesicht. Die große Nase passte sich jetzt dem Ganzen harmonisch an, da der Ausdruck der Züge bedeutender geworden war. Doch gewann man nicht den Ausdruck der Strenge und des allzu Herben, weil der liebliche Ausdruck des Mundes alles milderte. Ihr Lächeln war ein Zauber, ihr leises Lachen berückend. Die Klarheit des Teints war von einer solchen Reine, und die Haut so zart, dass man alle Adern zu sehen vermeinte, und an den Schläfen war sie von bläulichem Weiß.
An all diesem berauschte sich Jürgen mit dem Gefühl der heimlichen Angst, es könnte ihm genommen werden. Die zarte, oft sogar ein wenig ungeduldige Abwehr Mariannes, wenn er in ihren Verkehr den Ton leidenschaftlichen Verlangens und stürmischer Zärtlichkeit tragen wollte, verletzte ihn tief, aber an ihrer kühlen Unbefangenheit prallte alles ab.
„Zu spät! Zu spät!“ klagte er bitter und konnte sich selbst den Vorwurf nicht ersparen, dass das die Frucht der jahrelangen Vereinsamung sei, in der er sein Weib gelassen hatte: aus Bequemlichkeit, lässiger Gleichgültigkeit und auch einer tüchtigen Portion von Selbstüberschätzung und Egoismus. Jetzt war er aufgerüttelt, und seine Liebe wuchs und vertiefte sich bei dem Kampf, den er gegen all die heimlichen Gewalten führte, die sein Leben des kostbarsten Schmuckes zu berauben drohten. Das Weihnachtsfest war vorüber, und der Januar schon zur Hälfte vergangen, als Jürgen mit seiner Frau von einem langen Spaziergang heimkam. Hedwig hatte den Kaffeetisch bereitet, und mit geschärftem Appetit ließen es sich die beiden schmecken. Das Mädchen brachte die Post. Ein Brief von Raven war darunter, den der Arzt schweigend, aber mit gefurchter Stirn Marianne reichte, dann sichtete er die eingegangenen Sachen, unter denen ein Schreiben aus Indien war. Freund Hans Ewers hatte lange nichts von sich hören lassen. Bald hatte Jürgen über seiner Lektüre vergessen, dass es einen Hartwig Raven gab, so fesselte ihn der Inhalt des langen Schreibens. Zum Schluss ließ er ein kurzes Lachen hören.
„Nun, was belustigt dich so?“ fragte Marianne freundlich. Das Ehepaar war allein im Zimmer, da Hedwig dem Mädchen auf dem Fuß gefolgt war, sie war so übereifrig bei ihren häuslichen Pflichten.
„Ein Brief von Hans Ewers, Marianne. Ich werde euch heute Abend daraus vorlesen. Der liebe, anhängliche Kerl verspricht mir alle Schätze Indiens, wenn ich zu seiner Fahne schwören wolle.“
„Er bietet dir dort eine Stelle an?“
„Ja, Kind. Ei, sieh da, wie deine Augen leuchten! Du wärst sicher gleich dabei.“
„Natürlich, und wenn du im Verlauf der Jahre dich nicht zu solchem Pedanten gewandelt hättest, so würdest du das Angebot in reifliche Erwägung
ziehen.“
„Ich wurzle hier, Marianne, und fühle mich glücklich und befriedigt. Was sollte mich hinaustreiben?“
„Die Freude am Neuen.“
„Überall finde ich dasselbe, Krankheit und Tod, Marianne,“ erwiderte Jürgen ernst. „Ich würde in dem Wunderlande dieselbe Arbeit tun wie hier, nur wäre sie durch das Klima und die dort herrschenden Verhältnisse noch erschwert.“
„Du hast in der Enge den Blick in die Weite verloren.“
„In dieser Beschränkung liegt aber das Glück, Marianne. Uferlose Wünsche treiben uns ins Unbegrenzte. Mein Heim und mein Beruf, ich würde zum Ärmsten der Armen, wenn mir diese genommen würden. Ich denke, wir können mit unserm Geschick zufrieden sein, anstatt mutwillig in unser Schicksal einzugreifen, nur um des Neuen willen.“
„Mich erstickt oft diese Beschränkung!“ Die junge Frau sprang auf und stand mit sprühenden Augen vor Jürgen.
„Zieht es dich schon wieder hinaus?“ fragte Hoffmann traurig.
„Ich muss nach Berlin, Jürgen. Hier, lies! Zu dem großen Künstlerfest bin ich eingeladen. Steiner und Frau – du weißt, er ist der Redakteur, der meinen Roman genommen hat – wollen mich unter ihren Schutz nehmen. Ich werde ganz in ihrer Nähe in einer guten Pension wohnen, da ich natürlich die mir liebenswürdigerweise angebotene Gastfreundschaft dankend ablehnte.“
„Und Raven?“
Bei diesem Namen, der so einsilbig und eintönig von Jürgens Lippen fiel, schlug ihr das Gewissen. Eine flammende Röte überflog ihr bleiches Gesicht, und sie den forschenden Blick ihres Mannes nicht ertragen.
„Wenn dieser Mann nicht wäre, so ließe ich dich ruhigen Herzens ziehen.“
„Was hast du nur gegen ihn?“
„Willst du mir einmal ganz ruhig zuhören, Marianne, so werde ich dir die Gründe meiner Abneigung und meines Misstrauens nennen. Ich muss dazu weit ausholen und auch als Arzt und Mensch ein wenig indiskret werden.“
Marianne zwang sich zur Ruhe und nahm ihren Platz wieder ein, aber sie rückte die Lampe so, dass der Schirm den Schatten auf ihr Gesicht war.
Jürgen bemerkte es wohl und lächelte schmerzlich.
„Du erinnerst dich doch noch des Tages, da wir uns in der Domkirche trafen?“
„Und du das Manuskript des Romans von Raven zur Post trugst?“
„Du irrst, es war nicht ein Roman von Raven, sondern von Maren Jebsen.“
„Ach!“
„Diese Maren Jebsen war in Berlin lange Jahre als Stenotypistin tätig und wurde die Gehilfin vieler bedeutender Schriftsteller. So lernte Raven sie kennen und – lieben.“
Marianne fuhr zusammen, aber ein ungläubiges Lächeln umspielte bald darauf ihren Mund. Auch das sah Jürgen, er beobachtete sie scharf.
„Sie hat ihn sehr lieb gehabt, ich weiß es aus ihrem Munde. Als die fruchtbare Krankheit sie packte, kam sie in ihre Heimat zurück, da sie hoffte, hier zu gesunden. Unser Klima beschleunigte nur den Verlauf. Als sie krank wurde, löste, wie die meisten Männer in solchen Fällen zu tun pflegen, Raven dieses Verhältnis. Ich mach ihm darauf am wenigsten einen Vorwurf. Die schöne Maren – sie muss in gesunden Tagen von großem Liebreiz gewesen sein – gab sich, wie so viele Schwindsüchtige, dem Glauben hin, bald gesund zu werden. Und um den Mann ihrer Liebe wieder an sich zu fesseln, wollte sie ihm ebenbürtig werden, sie schrieb einen Roman.“
„Einen Roman!“ wiederholte Marianne unwillkürlich.
„Sie nannte ihn: ‚Inge Boysen, ein Kind des Holms.’ Der von Raven heißt: ‚Die Vendetta des Nordens.’“
Marianne zuckte zusammen, und ihr Mann macht eine kleine Pause, ehe er fortfuhr: „Sie zog mich so weit ins Vertrauen, dass sie den Roman an Raven gesandt habe, ihn um sein Urteil bittend. Eine alte Geschichte, die auf dem Holm gespielt hat, und die ihr der Vater erzählte, hat sie benutzt und dazugetan, was sie von ihrer Jugend, die sie hier verlebte, noch wusste. Das ganze Milieu war ihr vertraut. Sie sagte mir wörtlich: ‚Man braucht nur einen Süver Krübbe und seien prächtige Frau zu kennen, dann hat man alles, was man braucht!’ So wartete sie nun Tag um Tag auf die Antwort Ravens, ich habe sie nach Kräften getröstet und alle Gründe angeführt, die die Schuld an der Verzögerung trugen. Ich schrieb ihm heimlich, ihn um möglichste Beschleunigung bittend, da es sonst zu spät sein würde. Sie sollte die Antwort nicht mehr froh werden – sie starb überraschend schnell. Raven telegrafierte: ‚Erst heute erhalten. Arbeit gut. Soll ich Vertrieb in die Hand nehmen? Ich habe diese Depesche als Kuriosum aufbewahrt. Ich konnte ihm damals nur die Todesnachricht übermitteln.“
Wieder wurde es still im Zimmer, so still, dass Marianne das Pochen ihres Herzens zu hören vermeinte, dann tönte wieder dieselbe, klare, ruhige Männerstimme an ihr Ohr, und sie musste hören, wie sich alles zu einem schweren Verdacht verdichtete, der ihren geliebten Freund traf. Auch sagte sie sich immer wieder dasselbe, dass er sonderbarerweise ihr gegenüber Marens Roman ruhig als den seinen hatte gelten lassen.
„Hartwig Raven war Miterbe der geringen Hinterlassenschaft, und ich teilte es ihm einige Tage später auf Bitten Süver Krübbes mit. Da kam er her und nahm wahrscheinlich alles auf Marens Arbeit Bezügliche an sich, denn wie der Fischer mir sagte, hatte sie ihm ihre Briefschaften und Manuskripte samt und sonders vermacht. An dem Tage, als Raven uns seinen ersten Besuch machte, und wir miteinander allein waren, erkundigte ich mich natürlich nach Marens Roman. Er behauptete, nur aus Mitleid mit der Sterbenden den Worten der Depesche diese Fassung gegeben zu haben. Er bezeichnete die ganze Arbeit als minderwertig. Aus seinem Benehmen schien mir und auch Süver Krübbe eine solche Anhänglichkeit an die Tote zu sprechen, dass wir ihn darum achteten, und ich ihm gern mein Haus öffnete. Du wirst schon erraten haben, worauf ich hinauskommen will, und dass ich mich für berechtigt halte, folgende Beschuldigung auszusprechen: Den Stoff, der einem tragischen Ereignis des Holms wörtlich nachgedichtet ist, kann Raven nur dem Roman Marens entnommen haben. Ich kenne die Geschichte von meinem Vater und habe durch Zufall niemals davon gesprochen, auch dir gegenüber nicht. Auch Süver Krübbe hat sie Raven nicht erzählt. Dir hat er gesagt, er habe den Stoff schon lange mit sich herumgetragen. Maren kannte ihn von ihrem Vater und war selbst ein Kind des Holms. Ich habe Ravens Arbeit gelesen, und von dem Tage an stand es bei mir fest, dass er Marens Arbeit nur überarbeitet hat. Wie kann ein Mensch in vier Wochen, Land und Leute derart kennen, dass er ihre Sprache, ihre Gebräuche und ihre Art sich so zu eigen macht? Es ist ein Roman von echter Heimatkunst, und den schreibt nur ein Schleswiger Kind. Raven hat an der Toten, die es nicht wehren konnte, gemeinen Diebstahl begangen und hat ihr Vertrauen schändlich missbraucht.“
„Das ist eine unerhörte Beschuldigung und eine bösartige Verleumdung, Jürgen!“
Marianne war aufgesprungen und stand ihrem Mann in hellster Empörung gegenüber.
„Mir fehlt leider der Beweis, Marianne, und darum habe ich solange geschwiegen. Ich wollte, ich könnte ihm diesen Verdacht ins Gesicht aussprechen; ich wette, dass ich seine Schuld in seinen Augen lesen würde. Und darum wünsche ich, dass du nicht mehr mit diesem Mann verkehrst!“
„Raven ist mein Freund, und ich habe ihn stets als treu befunden.“
„Schöne Frauen finden leicht gute Freunde.“
„Du beleidigst mich, Jürgen!“
„Ich warne dich, Marianne! Dein unseliges Talent treibt dich in Bahnen, wohin ich dir nicht zu folgen vermag. Dein Ehrgeiz überwuchert alles andre und macht dich blind.“
„Ehrgeiz? – Schon in der Bibel steht, man solle sein Licht nicht unter einen Scheffel stellen.“
„Aber man soll in allem Maß und Ziel halten. Du bist nicht Herr über dich, du bist meine Frau.“
„Ich vernachlässige nichts, wenn ich für kurze Zeit nach Berlin gehe, Hedwig versorgt dich gut.“
„Glaubst du, dass mir eine Schwester die Frau ersetzen kann, die über alles geliebte Frau?“
Jürgen legte den Arm um die Widerstrebende und zwang sie, ihn anzusehen. „Fühlst du nicht, dass ich nicht ohne dich sein kann?“
„Ich komme ja bald wieder,“ sagte Marianne trotzig. Alles an ihr vibrierte noch in dem Gedanken an den schrecklichen Verdacht, den Jürgen auf Raven geworfen hatte. „Du kannst ja mitkommen, wenn du mir nicht vertraust.“
„Deine Ehre ist auch meine Ehre, Marianne! Ein leichter, trüber Hauch wird schon zu einem Flecken. Du weißt, wie boshaft die Welt ist.“
„Ich werde mich schon selber zu schützen wissen.“
„Das vermag keine Frau. Es gibt ein Sprüchlein: ‚Sei nicht nur rein, sondern meide auch den Schein.’ Was glaubst du wohl, was die Schleswiger sagen würden, wenn sie wüssten, dass du deinem Mann nicht nur Ravens Anwesenheit in der Holsteinschen Schweiz verschwiegen hast, sondern dir auch mein Kommen verbatest aus dem nichtigen Grunde, ich störe dich bei deiner Arbeit. Eine neue Patientin, die unlängst hierhergezogen ist, hat es mir in aller Harmlosigkeit erzählt. Sie sah dich oft in Ravens Gesellschaft, desselben Mannes, der durch seinen Erfolg das Interesse aller auf sich gezogen hat.“
„Warum hast du aber bis jetzt über dies alles geschwiegen? Ich hätte dir schon geantwortet, wenn du gefragt hättest.“
„Ich wollte dich nicht kränken, Marianne, wenn ich mich auch durch den Mangel an Vertrauen verletzt fühlte.“
„Ich schwieg, weil ich wusste, dass du Raven nicht mehr leiden konntest. Es war mir darum unerträglich, dass das schöne, anregende Zusammensein in einem solchen Missklang enden sollte.“
„Das ist eine Ausrede. Dein damaliger Brief war eine direkte Lüge, und die passt nicht zu dir.“
„Wie du alles tragisch nimmst.“
„Nicht mehr, als es nötig ist. De Umgang dieses Mannes wirkt nicht veredelnd auf dich.“
„Aber dann wenigstens auf mein Talent.“
“Marianne!“
„Wie du mich quälst, Jürgen. Ich will dir gewiss nicht wehe tun, lass uns doch in Frieden nebeneinander herleben.“
„Nebeneinander?“ – Das genügt mir nicht. Warte bis zum Frühjahr, dann gehe ich mit dir nach Berlin.“
„Dann ist dort das geistige Leben tot, im Mai beginnt schon die Ruhe, die bis Oktober dauert. Ich brauche die Anregung unter Kollegen, ich will Sitzungen besuchen, Vorträge anhören –“
„Wie diese wunderlichen Dinge dir schon leicht über die Lippen gehen. Du lebst in dieser anderen Welt, in der du doch eine Fremde bist, als ob du dazugehörtest.“
„Lass uns doch endlich zu Ende kommen, Jürgen. Es ist mein fester Entschluss, zu gehen.“
„Auch gegen meinen Willen?“
„Auch das, trotzdem es mir sehr schwer wird. Nach dem letzten Erfolg glaube ich ein Recht dazu zu haben.“
„Wie federleicht wiegt ein solcher kleiner Erfolg, wenn ich dagegen die Lieblosigkeit bedenke, die sich in deiner Hartnäckigkeit offenbart. Was ich damals vorausgeahnt habe, steht vor der Tür, wir wachsen uns auseinander, wir stehen an einem Scheideweg.“
„So begleite mich.“
„Selbst wenn ich es wollte, könnte ich es nicht. Seit heute mehren sich die Anzeichen für eine Influenzaepidemie, auch herrscht Scharlach unter den Kindern, ich bin unabkömmlich.“
„Wie stets, wenn es meinen Wünschen gilt,“ erwiderte sie kalt.
„Marianne, der Worte sind nun genug gesagt. Ich bin zu müde, den Kampf aufs Äußerste zu treiben, aber ich warne dich noch einmal vor Raven. Er ist ein Schmeichler und fasst dich an deiner Eitelkeit, an deinem Ehrgeiz. Hüte dich, du trittst in Verkehr mit Menschen einer Art, die dir bisher fremd geblieben sind. Neue Lehren wirst du hören, neuen Ansichten begegnen, die Rechte der Frauen werden laut verkündigt – man will sich ausleben. Bewahre dir ein reines Herz und ein unbefangenes Urteil, öffne deine Ohren nicht solchen Einflüsterungen, und schließe deine Augen, wenn du die Verderbtheit der Großstadt unverhüllt siehst. Die Laxheit der Sitten im Verkehr der Geschlechter untereinander hat in letzter Zeit rapid zugenommen. Hier in deiner engen Klause hast du nichts davon gemerkt, du lebtest in deiner eignen Welt, in deinen Träumen, in deinen Büchern.“
„Darum ist es eben höchste Zeit, dass ich einmal hinauskomme. Wer das Leben schildern will, muss es auch kenne, das Hässliche und das Schöne, das Erhabene und das Gemeine, wie es gerade kommt.“
„Aber nicht an der Hand eines Mannes wie Raven.“
„Du bist eifersüchtig!“
„Und wenn ich es wäre, es wäre kein Wunder!“ rief er, heftig werdend. „Doch ich weiß, dass du keiner solchen Verirrung fähig bist, aber ich fühle, dass ich dich dennoch verliere. Das ist kein Ganzes mehr, wenn die Frau von ihrem Mann fortstrebt. Früher klagtest du stets über deine Einsamkeit, das ist in letzter Zeit anders geworden, jetzt wirst du deiner Einsamkeit froh und bittest sogar noch: ‚Lass mich allein!’“
Marianne war bis ins Innerste getroffen von der Wahrheit seiner Worte, aber sie brach nicht wie damals in Tränen aus, sie war so ganz erfüllt von dem brennenden Wunsch, nach Berlin zu kommen, dass sie sich jeder besseren Einsicht verschloss. Sie wunderte sich selbst über die Ruhe, mit der sie auf ihrem Willen beharrte und sich einen Urlaub von vierzehn Tagen erzwang.
Was sollte Jürgen tun? Er sah, wie sie ihre eignen Wege ging, und doch, um den Konflikt nicht zu einem unheilbaren zu machen, gab er nach.

Zur Rolle von Marianne als bürgerliche Ehefrau, die zerissen zwischen Pflicht und Ambition ist, gibt es diesen Blog-Artikel.

 

Die nächste Fortsetzung erscheint am Freitag, den 6. April 18.