Was bisher geschah:

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Neuntes Kapitel.

Der Abschied lag hinter ihr, Marianne saß im fahrenden Zuge, und alles, was sie noch bedrückte, fiel von ihr ab, sie wurde ihres Sieges froh. Jürgen hatte sie nicht zur Bahn gebracht, er war auch nicht mehr auf das ernste Gespräch zurückgekommen. Seit dieser Stunde war Jürgen noch mehr Fatalist geworden, er sagte sich mit einer gewissen Apathie, die er selbst am schärfsten verurteilte: „Was kommt, das kommt!“ Er bezwang seine leidenschaftlichen Gefühle und heuchelte seiner Frau gegenüber eine eisige Zurückhaltung, die ihm sonst fremd war.
Hedwig hatte dagegen Marianne mit strahlender Miene zum Bahnhof begleitet; sie war nur zu glücklich, ihren geliebten Bruder wieder einmal ganz für sich zu haben. Die Hoffnung, das sich ihr Provisorium mit der Zeit zu einer gesicherten Existenz auswachsen werde, gewann immer sichereren Boden. So hatte doch ein herzliches Wort, ein freundlicher Gruß der Abreisenden das Geleit gegeben.
Aber auch das war schon vergessen, Vorwärts ging es der großen Welt entgegen, dem vielgestaltigen Leben, dessen Reichtum Marianne unerschöpflich schien. Als der Schnellzug in die Halle des Lehrter Bahnhofs einfuhr, bog die junge Frau sich aus dem Fenster ihres Coupés – es wäre ihr ganz unverständlich gewesen, wenn sie Raven nicht ihrer wartend gefunden hätte.
Da stand er, einen Gepäckträger hinter sich, und blickte ihr mit einem Ausdruck strahlenden Glücks entgegen. Wie schön sie war, viel schöner, als die Erinnerung ihm ihr Bild gemalt hatte! Wie sicher und elegant sie sich gab und ihre vornehme Gelassenheit auch bei diesem Schritt in die ihr gänzlich fremde Großstadtwelt bewahrte. Ein heimlich prüfender Blick beruhigte ihn darüber, dass Mariannes Erscheinung auch in diesem Milieu nichts an Charme verlor.
Er ließ es sich nicht nehmen, sie persönlich zu der Pension zu bringen, in der sie Quartier genommen hatte. Als der Wagen durch die belebten Straßen rollte und das Gewoge des Potsdamer Platzes kreuzte, sah er ihre Augen aufleuchten. Da war nichts von kleinstädtischer Angst und Unruhe zu spüren; lässig zurückgelehnt, ließ sie das tolle Treiben an sich vorbeibrausen wie etwas Altgewohntes. Dies machte ihm Mut zu einer Bitte.
„Wollen sie heute Abend noch ein Theater besuchen, Marianne?“
„Ist das möglich, Raven? Schon heute?“ Die alten, lieben Kinderaugen sahen ihn plötzlich wieder an, und er fühlte sein Herz dabei erbeben, dass er hier ihr Führer sein durfte.
„Ich trage zwei Billets für den ‚Sommernachtstraum’ bei mir. Die Vorstellung beginnt in einer Stunde. Können Sie alsdann bereit sein?“
„Gewiss, Raven! Ich fürchtete mich schon vor dem einsamen Abend in der mir fremden Umgebung.“
„So werde ich dort drüben warten.“ Raven deutete auf ein Restaurant, der Pension gegenüber, vor der der Wagen gerade hielt. „Punkt sieben Uhr bin ich mit dem Auto vor der Tür. Machen Sie sich ein wenig hübsch – kleine Toilette, aber hell!“
Marianne lachte leise. „Was Sie doch gleich für Ansprüche machen! Ich werde sehen, was sich in der Geschwindigkeit tun lässt.“
Die junge Frau betrat das Haus, ein Lift brachte sie nach oben, wo sie von der Inhaberin der Pension zuvorkommend empfangen wurde. Ihr Zimmer war geräumig und behaglich eingerichtet, es lag gleich neben dem allgemeinen Salon, so wie Raven jederzeit empfangen konnte. Marianne sagte Frau Bertens einige freundliche Worte darüber, worauf diese erwiderte: „Sie haben Glück, gnädige Frau, es ist mein bestes Zimmer und gerade frei geworden. Werden Sie heute Abend noch ausgehen?“
„Ich habe ein Billet zum ‚Sommernachtstraum’.“
„Da sehen Sie gerade das Beste, was wir augenblicklich an Aufführungen haben. Soll ich Ihnen das Mädchen schicken?“
„Ich werde später klingeln. Nur um mein Gepäck möchte ich bitten, die Zeit ist knapp.“ –
Marianne war pünktlich unten, und voll freudiger Erwartung fuhr sie mit Raven dem Theater zu. Als sie in der Garderobe den hellen Mantel und die Kopfhülle ablegte, suchten ihre Augen neckisch ihren Begleiter, als ob sie sagen wollte: „Habe ich es gut gemacht?“
„Sie sehen bezaubernd aus, verehrte Frau. Ganz großstädtischer Schick.“
„Wir im Norden haben auch guten Geschmack. Als Hinterwäldlerin möchte ich hier nicht auftreten.“
Nein, eine Kleinstädterin war sie nicht, das musste Raven sich im Verlauf des Abends immer wieder sagen, und doch gehörte sie nicht zu den Frauen, in deren Mitte sie heute zum ersten Mal saß. Schon diese Genussfreudigkeit“ Dieses immer wieder durchbrechende Temperament, diese köstliche Frische!
Wie sich alles in ihren Augen widerspiegelte, in diesen großen, staunenden Kindeaugen. Die herrliche Musik, die feenhaften Dekorationen, das wunderbare Spiel! Es war Marianne, als erlebe sie ein Märchen. Diese Stimmung hielt den ganzen Abend an, und sie schlug Raven die Bitte nicht ab, noch in einem Restaurant einzukehren. Dort fand sie erst ihr munteres Plaudern wieder.
„Es hat mich vollständig benommen,“ beichtete sie. „Der Eindruck war überwältigend. Doch nun bin ich wieder vernünftig. Wir müssen uns ja eine Art Programm aufstellen für die vierzehn Tage meines Hierseins.“
„VierzehnTage? Unter vier Wochen geben wir Sie nicht wieder her.“
„Ich muss doch mein Wort halten.“
„Das wird sich finden. Also jeden Morgen wird eine Sehenswürdigkeit in Augenschein genommen, daran knüpft sich ein kleines Frühstück und ein Bummel durch den Tiergarten oder durch die Straßen. Ihre Mittagszeit ist, soviel ich weiß, um drei Uhr, das passt gut. Nachher ruhen sie etwas, denn Sie werden noch spüren, wie dieses Leben auf die Nerven geht. Dann machen Sie in aller Ruhe Toilette für den Besuch von Theater, Vorträgen oder dergleichen. Morgen ist das Programm: Dom und Nationalgalerie, Abmarsch Punkt zehn Uhr, um zwölf Uhr Besuch und kleines Gabelfrühstück bei Freund Steiner. Er hofft, selbst anwesend sein zu können, wenn ihn die Redaktion loslässt.“
Marianne saß auf dem kleinen Sofa ihm gegenüber und hörte mit strahlenden Augen zu. Vorläufig ließ sie willenlos über sich bestimmen, später gedachte sie, die Führung wieder selber zu übernehmen, schon, um Freund Raven nicht zu übermütig zu machen. –
Acht Tage waren nun schon vergangen, und Marianne fühlte sich bei der Familie Steiner völlig vertraut. Raven hatte damit auch gerechnet, als er ihr zu der Pension in der Kurfürstenstraße geraten hatte. Nur fünf Minuten davon entfernt wohnten in der Frobenstraße Steiners, und es war ein so fröhliches Hin und Her zwischen den Frauen, dass Raven fast eifersüchtig wurde. Er fühlte sich in seinen Rechten beeinträchtigt.
„Nein, nein, mein lieber Raven, das geht nicht an, dass man die schöne Frau nur in Ihrer Begleitung sieht. Berlin ist zwar groß, aber jeder der Kreise, in denen wir verkehren, ist klein, wir haben hier auch bösartigen Klatsch, und der soll sich nicht an Frau Marianne wagen, dazu habe ich sie schon zu liebgewonnen.“
„Frau Hoffmann ist hier doch ganz unbekannt.“
„Aber Sie, mein Freund, sind, seitdem Sie berühmt geworden sind, umso bekannter. Und dann noch eins: Ihre Augen sprechen zu deutlich, diese sind’s, die Marianne am meisten kompromittieren. Vergessen Sie nicht, dass droben an der Wasserkante ein Mann lebt, der ältere Rechte besitzt.“
‚“Aber liebste, beste Frau, man wird doch noch einer schönen Frau huldigen dürfen!“ rief Raven, halb belustigt, halb verlegen.
„In großer Gesellschaft gewiss, aber nicht so allein zu zweien. Sie müssen mich schon ertragen, lieber Freund.“
„Nichts lieber als das, dann werde ich mich eben verdoppeln.“
„Bemühen Sie sich nicht, Raven, mir genügt vorläufig noch Georg!“ lachte Elisabeth Steiner. „Und nun kommen Sie, wir wollen die schöne Frau nicht warten lassen. Was steht heute auf dem Programm?“
„Der Besuch des Mausoleums.“
„Ach, da bin ich doch gern dabei! Gut, dass diese Hetze in acht Tagen zu Ende ist, mein Bub weiß nicht mehr, dass er eine Mutter hat.“
„Das ist ja gerade modern, Frau Elisabeth.“
„O, Sie Spötter, was wissen Sei davon? Wenn Marianne Kinder hätte, wäre sie sicher nicht hier.“
„Wer weiß! Sie vergessen ihre Begabung, diese hätte sie auch ohne meine Hilfe den Weg gebahnt.“
„Ist sie wirklich so groß? Mein Mann nennt es ein liebenswürdiges Talent, ist aber nicht sicher, ob es noch recht entwicklungsfähig ist.“
„Ich zweifle nicht daran. Lassen Sie Frau Hoffmann erst Erfahrungen machen.“
„In der Liebe, Raven? – In einer unglücklichen Liebe zu Ihnen vielleicht?“
„Sie sind entsetzlich indiskret, verehrte Frau. Wozu immer dieses Spotten?“
„Damit Sie nachher nicht sagen können, ich hätte Ihnen bei dem Spiel geholfen.“
Elisabeth Steiner war plötzlich sehr ernst geworden, man hätte den lachenden, blauen Augen diesen Ausdruck gar nicht zugetraut.
„Jetzt machen Sie mich ernstlich böse, gnädige Frau. Es wird wohl besser sein, dass ich meiner Wege gehe.“
„Nein, das gibt’s nicht! Damit Marianne Verrat wittert? Ich habe Ihnen dies alles nur gesagt, um Sie zu warnen, und damit Sie wissen, dass die schöne Frau unter meinem besonderen Schutz steht. Dort kommt sie schon, eine solche Pünktlichkeit ist zu loben.“
„Ist der Tag nicht herrlich?“ rief Marianne den beiden entgegen.
„Ja, Sie haben Kaiserwetter, liebste Frau. Solange Sie hier sind, herrscht dieser leichte Frost und dabei klarer Sonnenschein. Begehren Sie nicht, Berlin in Regen oder Schnee kennenzulernen, das ist ein Graus,“ meinte Frau Steiner und hing sich vertraulich an den Arm der jungen Frau. „Und nun sagen Sie mir, was Sie gestern wegen Ihres Kostüms ausgerichtet haben?“
„Ich kam nicht zurecht, Sie fehlten mir überall. Das römische Gewand kommt mir so auffallend vor.“
„Nein, nein, es bleibt dabei!“ rief Frau Steiner, „Unser Bildhauer hat ganz recht, dass er dazu riet. Mit dieser Gestalt, Kindchen, wird es ein Labsal für alle Augen sein.“
Ravens Blicke streiften prüfend Mariannes Glieder, und seine Augen begegneten den ihren, es flammte zündend zu ihr hin, so dass sie einem tiefen Erröten nicht zu wehren vermochte. Es war nicht das erste Mal, dass sie ihre Schönheit so offen rühmen hörte, und sie freute sich dessen.
„Ja, dann wird es aber für heute mit dem Besuch des Mausoleums nichts werden. Morgen Abend ist das Fest, also muss heute alles besorgt werden. Ich denke, wir fahren gleich hin und geben Freund Raven Dispens, dafür darf er sich morgen an unserm Anblick weiden.“
Lachend zog sie die junge Frau mit sich und winkte ihm abschiednehmend zu, doch Raven ließ es sich nicht nehmen ihnen noch das Geleit zu geben. Sie benutzten die Hochbahn, die sie in kürzester Zeit zum Potsdamer Platz brachte. – –

Zur Rolle von Marianne als bürgerliche Ehefrau, die zerissen zwischen Pflicht und Ambition ist, gibt es diesen Blog-Artikel.

 

Die nächste Fortsetzung erscheint am Freitag, den 13. April 18.