Was bisher geschah:

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In den Sälen des Künstlerhauses wogte eine festliche Menge. In Begleitung von Herrn und Frau Steiner betrat Marianne die hinaufführende Treppe und wurde oben von Raven empfangen, der es sich nicht hatte nehmen lassen, die junge Frau einzuführen. Alles hatte das übliche Gepräge, für Marianne aber war es wie ein Traum aus Tausendundeiner Nacht. Hatte sie kurz vorher noch ein Gefühl der Befangenheit nicht loswerden können, als sie sich bei den Freunden in ihr Kostüm warf, so verlor sie hier jegliche Scheu.
Und doch fiel sie auf, mehr, als ihr anfangs bewusst wurde. Raven war eine zu bekannte Persönlichkeit, und als er mit seiner Gefährtin den Hauptsaal betrat, erregte er das größte Aufsehen. Man fragte, man suchte ihn auf, ließ sich vorstellen, und je mehr der Abend vorrückte, umso zahlreicher waren die Huldigungen, die der schönen Frau zuteil wurden.
Es wäre ein Wunder gewesen, wenn da alles an Marianne spurlos abgeglitten wäre. Und als Elisabeth Steiner, die als blonde Bürgerin der Fuggerzeit in der kleidsamen Haube und dem brokatenen Festgewand einherschritt, der neuen Freundin vertraulich zuflüsterte: „Wenn du dich nur einmal sehen könntest, Marianne, du hättest selber Freude an dir“, kam es wie ein neues Leben über sie. Ihre Antwort war nur ein glückliches Lächeln und ein leuchtender Blick aus ihren strahlenden Augen.
„Siegerin!“ – so nannte sie Raven, als er wieder einmal einen Rundgang mit ihr antrat. Er war unersättlich darin, sich mit ihr zu zeigen. Mitunter betrachtete er sie mit einem staunenden Blick, sie war ihm heute in ihrer stolzen Schönheit eine Fremde. Das weiße, wallende Gewand mit den schmalen Purpurstreifen war in jeder Falte antik, den köstlichen Goldschmuck, der den weißen Nacken, die herrlichen Arme und die dunklen Wellen des Haares schmückte, hatte der Bildhauer Martens ihr verschafft. Er kam jetzt auf die zu und schob Raven mit einem fröhlichen Scherzwort beiseite; dann legte er Mariannes Arm ungeniert in den seinen, ihr allerlei verliebtes Zeug vorschwatzend, das sie lächelnd anhörte.
Raven hätte ihn niederschlagen können, er war eifersüchtig auf den schönen, übermütigen Gesellen, der noch am Beginn einer vielversprechenden Laufbahn stand. Er war in der Tracht eines fahrenden Sängers und blieb den ganzen Abend seiner Rolle getreu, der Minnedienst der Schönen ließ ihn nicht los.
Der Schriftsteller sah auch sehr gut aus; die dunkle Tracht des spanischen Edelmannes stand der schlanken Gestalt vortrefflich. Jetzt lehnte er an einer Säule und blickte mit verzehrender Liebesglut zu Marianne hin. Dieser Nacken, diese Arme, die ganze wonnige Gestalt! Er hätte sie in seine Arme nehmen und forttragen mögen, weit fort in die Einsamkeit, um ihr zu sagen, wie er sie liebte, und wie er sie hasste, diese Männeraugen, die mit unverhohlener Bewunderung sich an der unverhüllten Schönheit der geliebten Frau weideten. Ihm gehörte sie, nur ihm. Er musste es ihr sagen, noch heute. – Und als sie vor ihm stand, ihn mit ihren schönen, strahlenden Augen bittend, wieder ihr Führer zu sein, versagte dennoch sein Mut. Er konnte ihr Vertrauen nicht täuschen.
Die Stunden vergingen, das Fest war zu Ende, Raven aber durchtollte die Nacht, er musste Vergessenheit finden. Ein tiefer Schlaf hielt ihn gefangen, und die Uhr war schon fünf, als er sich frisch genug fühlte, um bei Steiners vorzusprechen. Es war für den Abend ein Besuch im Schriftstellerverband vorgesehen, Marianne sollte als neues Mitglied von Steiner selbst eingeführt werden.
Raven stand heute, als er so durch die Straßen schritt, unter einer tiefen Depression. Er liebte sonst das frische, strömende Leben, er liebte den Luxus, der ihm bisher versagt geblieben, er liebte ein sorgenloses, genussfrohes Leben, er liebte vor allem das schöne, elegante Weib. In seinem jungen Ruhm war ihn alles geboten worden, aber das Gold zerrann ihm unter den Händen, und die Zauberformel, die ihm neuen Reichtum bringen sollte, hatte er vergessen, oder richtiger gesagt, niemals gekannt. Sein Arbeitsfeld lag brach, und kein befruchtender Samen fiel ins öde Land.
Zu dieser Stunde fiel das Gefühl seines Unvermögens wieder zerschmetternd auf ihn, und die Liebe zu Marianne, die ihm mit ihrem Besitz die versagten Güter alle wiederzuschenken vermochte, wandelte sich zu einem grausamen, herrschsüchtigen Begehren. Wozu dieses Zaudern? Sie war doch im Grunde nur ein Weib wie die andern, die er so gut kannte, nur zu gut. Wie oft hatte er seine Macht erprobt! Er musste Gelegenheit suchen, wieder mit ihr allein durch Berlin zu wandern, Frau Steiners stete Anwesenheit verdarb ihm das ganze Spiel. Sollte es durchaus einer Chaperonesse (Anstandsdame) bedürfen, so war ihm eine der modernen Frauen viel lieber. Elisabeth Steiner war eine zu glückliche Frau und Mutter, und sie arbeitete seinen Wünschen mit Absicht entgegen.
In diesem Gedanken legte er den weiten Weg zur Frobenstraße zu Fuß zurück. Auch die letzten Spuren der durchschwärmten Nacht mussten verflogen sein, wenn er Marianne gegenüberstand. Sie durfte ja niemals ahnen, dass er trotz einer Liebe zu ihr dieses Sinnenkitzels bedurfte und gar keiner Versuchung aus dem Weg ging.
Als der Lift ihn zur zweiten Etage hinauftrug, in der Steiners ihr vornehmes, gemütliches Heim hatten, gab er sich noch einen Ruck und trat dann in gewohnter Frische in den großen Salon. Das Mädchen ging, ihn den Damen zu melden. Also war Marianne, wie er gehofft hatte, schon anwesend. Es verging eine ganze Weile, es kam niemand. In seiner Ungeduld trat er ins Nebenzimmer. Da er es leer fand, ging er weiter und blickte verstohlen in das Boudoir der Hausfrau, wo er zu seiner grenzenlosen Freude Marianne erblickte, die in einer lauschigen Ecke in einem niedrigen Sessel saß und las.
Das Mädchen, das mit einer Meldung in den Salon zurückkehrte, fand ihn leer und glaubte, Frau Hoffmann habe den Besuch schon empfangen. So kehrte es zu seiner Arbeit zurück.
Eine ganze Weile stand Raven zwischen der Portiere und belauschte das geliebte Weib. Sie musste seine heißen Blicke fühlen, denn mit einem hörbaren Seufzer ließ sie das Buch in den Schoß sinken und sah zu ihm hin.
„Marianne!“ rief er mit unterdrückter Stimme und war mit einigen Schritten an ihrer Seite, sie am Aufstehen hindernd. Er zog einen zweiten Sessel heran und warf sich hinein, ihre beiden Hände an die glühenden Lippen pressend.
„Das Kind ist krank, Elisabeth sitzt an seinem Bettchen.“
„Das Kind ist krank,“ wiederholte Raven beglückt.
„Ich segne den Zufall, der mir endlich einmal wieder ein Alleinsein mit Ihnen verschafft.“
„Freveln sie nicht, Raven! Wenn nun der süße Junge ernstlich krank wird?“
„Lassen wir alles andre beiseite, Marianne, und freuen wir uns des Zusammenseins. Wie ist Ihnen Ihr Triumph bekommen? – Wissen Sie, dass Sie gestern die Schönste waren?“
„Übertreiben Sie nicht?“
„Ich sage nur die Wahrheit. Sie müssen es selbst gespürt haben. Hat Freund Steiner es Ihnen nicht auch gesagt? Er pflegt mit dergleichen nicht hinter dem Berg zu halten. Und dieser Bildhauer! Martens blieb ja nur in der Rolle, wenn er Ihnen seine Liebeslieder sang.“
„Eifersüchtig, mein lieber Freund?“
„Ja, Marianne, blind und toll.“
„Dazu haben Sie kein Recht, Raven,“ wehrte die junge Frau dem stürmischen Mann.
„Was haben Sie gelesen? – So zeigen Sie doch her! Oder sind es verbotene Früchte? Aber was sage ich, eine Frau darf und kann doch alles lesen.“
Um nicht den Anschein zu wecken, als ob es sich wirklich um ein schlechtes Buch handle, sagte sie, aufstehend: „Schach von Wuthenow von Fontane.“
„Ach, aus Fontanes gesammelten Werken! Ich empfahl sie Frau Steiner selber. In demselben Band ist auch die herrliche Novelle ‚l’Adultera’. Haben Sie diese nicht auch gelesen? Marianne, ehrlich – Sie halten es doch so genau mit der Wahrheit – kennen Sie dieses lebenswahre Menschenschicksal?“
„Ich las es soeben.“
„Wie finden Sie die Tendenz?“
„Im Allgemeinen oder im Besonderen?“ fragte sie mit gut gespielter Unbefangenheit.
„Im Besonderen.“
„Man muss von Fall zu Fall entscheiden. In diesem kann ich der l’Adultera wohl das Recht abstreiten, aber meine Sympathie steht doch ganz bei ihr.“
„Bravo! – Und wie würden Sie entscheiden, wenn Sie in der gleichen Lage wären?“
„Eine solche würde nie kommen.“
„Marianne!“
„Niemals, Raven, ich bin keine Melanie.“
„Das besagt gar nichts. Wenn Sie nun einen Mann liebten, einen Mann, der Sie mit glühender Leidenschaft zu eigen begehrte, wie –“
Die junge Frau erhob sich jählings aus ihrem Sessel und reckte ihre schlanke Gestalt zu voller Größe empor. So kühl, so stolz blickten die dunklen Augen, um den Mund lag der alte herbe Zug, den er so gut kannte und fürchtete, doch sagte sie nur: „Ich will mal nach dem Kinde sehen, ich denke, der Arzt ist dagewesen.“
Sie ging, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, hinaus, und er blieb zurück wie ein ungezogener Knabe, den man allein lässt, bis er zur Einsicht gekommen ist. Mit einem rauen Wort stieß er mit dem Fuß auf, und seine Augen blickten hart und grausam. O, er würde sie schon meistern, Ging es nicht Kraft der Liebe, so konnte man es ja mal mit dem Ehrgeiz versuchen. Heute Abend galt es, die Probe zu machen.
Marianne kehrte erst wieder, als Steiner zu Hause war. Der Arzt konnte noch nichts Bestimmtes sagen, das hohe Fieber ließ den Ausbruch einer Krankheit befürchten. So blieb denn Elisabeth daheim, und Marianne ging in Begleitung der beiden Herren zum Verbandsabend und hatte dort bald alles, was sie so tief erschreckt hatte, vergessen. Sie wurde mit großer Liebenswürdigkeit aufgenommen, es waren viele anwesend, die sie beim Künstlerfeste gesehen hatten, und der heutige Abend schien nur eine Fortsetzung des verflossenen zu werden, man huldigte der schönen, ernsten Kollegin allgemein. Und als der Wunsch geäußert wurde, sie möge etwas vortragen, zog Raven ein Exemplar des Märchens, das er für diesen Fall heimlich bereitgehalten hatte, aus der Tasche. Trotz alles Sträubens musste Marianne den Bitten Gehör geben und sah sich zum ersten Mal als Mittelpunkt diese von ihr so hoch geschätzten und bewunderten Kreises von tüchtigen Literaten und Gelehrten. Ein kurzes Zögern, ein anmutiges Neigen ihres Kopfes, und sie begann. Sie las sehr gut, einfach und natürlich, mit klangvoller sympathischer Stimme; so wurde die feine, sinnige Arbeit, wie sie es verdiente, mit großem Beifall aufgenommen. Man war einer so schönen Frau gegenüber beifallsfreudiger als gewöhnlich und gab der ihr dargebrachten Huldigung noch zwangloseren Ausdruck als am Abend vorher.
Das schmeichelte Mariannes Ehrgeiz und beglückte sie so sehr, dass sie auch Raven beim Heimweg herzlich dankte, als sie vor ihrer Pension von ihm Abschied nahm. Steiner war schon früher von ihr gegangen. In dieser Nacht schlief sie schlecht. Die Aufregung jagte das Blut durch die Adern und ließ es an den Schläfen klopfen, dass sie keine Ruhe fand.
Wenn sie doch auch eine von den Großen in ihrem Beruf werden könnte! Aber dazu hätte sie hier im Mittelpunkt leben müssen, in gegenseitigem geistigen Austausch, alles Neue in sich aufnehmend, auf den Höhen der Kunst lebend. Der Gedanke, schon in wenigen Tagen wieder von Berlin fort zu müssen, schien ihr so unerträglich, dass sie beschloss, Jürgen um längeren Urlaub zu bitten. Sie drehte die Kurbel, das elektrische Licht flammte auf, und sie schrieb den ersten langen Brief an ihren Mann. Er hätte einem alten Diplomaten alle Ehre gemacht.
Am nächsten Morgen erfuhr sie zu ihrem Kummer, das bei Steiners Kind die Masern ausgebrochen waren. Der kleine Kranke nahm nun seine Mutter ganz in Anspruch. Vor dieser Sorge trat bei Elisabeth die um Marianne ganz zurück, sie spann sich in das Grau des Krankenzimmers ein und dachte an nichts anderes als an ihren leidenden Liebling.
„Ich werde schon Ersatz für Frau Steiner schaffen, seien Sie ohne Sorgen, Marianne. Frau von Brylewska, Deutschrussin, die hier ruhigere Zeiten abwartet, ehe sie in die Heimat zurückkehrt, gehört zu meinen genauen Bekannten und wird mit Freuden Frau Elisabeths Erbe antreten. Sie ist auch eine begabte Künstlerin, sie beherrscht die Geige in wunderbarer Weise, obwohl sie ihre Kunst nur als Liebhaberei ausübt. Mit allen musikalischen Größen steht sie in regem Verkehr, und es dürfte für Sie bei Ihrer musikalischen Veranlagung doch ein großer Genuss sein, auch diese Kreise der Hauptstadt kennenzulernen. In der Oper sind wir auch noch nicht gewesen, der ‚Ring der Nibelungen’ wird Anfang Februar gegeben, das dürfen Sie sich nicht entgehen lassen. Sie können Berlin noch nicht so bald verlassen.“
‚“Dieser Ansicht bin ich auch, Raven, ich habe daher an meinen Mann geschrieben, mir noch zwei weitere Wochen Urlaub zu geben.“
„Ich danke Ihnen von Herzen,“ sagte Raven und drückte einen heißen Kuss auf die weiche Frauenhand, die sich ihm nicht entzog.
Marianne glaubte, ihrer so sicher zu sein, dass sie trotz der immer wieder spontan durchbrechenden Leidenschaftlichkeit Ravens wieder ganz unbefangen mit dem Freund verkehrt und sich sein unermüdliches Werben ruhig gefallen ließ. Sie hatte ja ihre Macht über ihn erprobt, es lag in ihrer Hand, einer Wiederholung jederzeit vorzubeugen.
Solange sie ihrer selbst sicher war!
Die junge Frau hatte schon geglaubt, Berlin zu kennen, aber jetzt tauchte sie in Begleitung ihrer geistreichen, jeder Fessel spottenden Führerin in ein Milieu unter, wo eine graziöse Frivolität aller strengen Sitte ein Schnippchen schlug. Und wollte sie sich diesem Umstand allen Ernstes entziehen, dann lachte Frau Brylewska sie herzhaft aus und fragte, ob sie ins Kloster gehen wollte. Man konnte dieser prickelnden, eleganten Frau nicht böse sein, zudem war sie Witwe, reich und daher völlig Herr ihrer selbst. Schlechtes wusste niemand von ihr, sie verkehrte auch in den besten Kreisen, aber am liebsten war sie unter ihresgleichen, womit die alle Ausübenden und Studierenden im Reich der Frau Musika meinte. Wer wirklich etwas leistete, hatte bei ihr einen Freipass, und so traf sich bei ihr eine bunt gemischte Gesellschaft, die für Marianne, trotz der oft sehr freien Sitten, im Grunde doch von großem Reiz war.
Was hatte sie ihrem Mann damals gesagt? „Ich muss alles kennenlernen, neben dem Schönen auch das Hässliche.“ Und dieses Milieu war gar nicht hässlich, sondern oft sehr amüsant und anregend, so dass sie sich dem Einfluss dieser Kreise gar nicht mehr entziehen konnte, noch wollte.
Frau von Brylewska durchschaute Raven sehr bald und sagte es ihm eines Tages mit ihrer unverblümten Offenheit. Er leugnete es auch gar nicht, denn er ahnte in dieser Frau die Bundesgenossin und Helferin. Er sollte sich nicht getäuscht haben, denn als sie sah, dass die Sache ihre sehr ernste Seite hatte, und Raven, ihr besonderer Schützling, die schöne Frau zur Ehe begehrte, versprach sie ihm, bei Marianne zu seinen Gunsten zu wirken. Sie war eine sehr gescheite Frau und bei aller scheinbaren Oberflächlichkeit eine gefährliche Verführerin, wenn es galt, ihr Geschlecht zu ihren Ansichten zu bekehren. Auf diesem Weg lag aber auch die Erfüllung von Ravens Wünschen, und so betrat sie ihn, ohne zu zögern.
„Wissen Sie, mein Seelchen, dass ich Sie gern ein wenig näher haben möchte? Droben in der Pension ist heute ein schönes Zimmer frei geworden, ziehen Sie die letzten acht Tage um. Wahrlich eine kurze Zeit, und wie ich es später ohne Sie aushalten werde, Marianne, das ist mir vorläufig noch unklar.“
Da in der Pension Bertens stets große Nachfrage war, so ließ die Inhaberin die junge Frau gern ziehen, und als Raven an demselben Abend die beiden Frauen zum Theater abholte – sie wollten der Aufführung der „Walküre“ beiwohnen – fand er schon die vollendete Tatsache vor, die ihn mehr beglückte, als er auszusprechen wagte.
„Frau Marianne wird gleich herunterkommen, Raven. Ist es Ihnen nicht lieb, das wir sie so stets zur Hand haben? Jetzt wird es erst ’ne richtige Hetz!“ rief die Russin, eine befreundete Österreicherin nachahmend.
„Wenn Sie nun das liebe Seelchen nicht bald zu eigen haben, so sind Sie ein Dummkopf, ein pedantischer Schulmeister, ein – Ah, sieh da, schon fertig, liebe Marianne? Heute übertreffen Sie sich selbst, mein Täubchen, diese lachsfarbene Seide kleidet sie à merveille. Sie sehen nicht so blass aus. Glauben Sie, mein Freund, dass ich den kleinen Eigensinn dazu bewegen könnte, ein wenig Rot aufzulegen? Was ist denn dabei? Tausende von Frauen tun es, und wie würden dann erst diese Augen leuchten. Einen Augenblick, meine Herrschaften, gleich bin ich bereit.“
Eine neckische Verbeugung, und Frau von Brylewska verschwand in ihrem Ankleidezimmer; sie waren allein.
„Hier, Marianne, ich habe Ihnen einige Nelken mitgebracht, wie schön, dass sie so gut zu der Farbe Ihrer Toilette passen, ich hatte sie an Ihr weißes Kleid gedacht. Doch nun lassen Sie sich einmal anschauen. Ist es eine Dichtung eines hiesigen Kleiderkünstlers? Sie nicken, der Mann ist allerdings ein Genie. Sie werden heute wieder Aufsehen machen, Sie und Ihre Begleiterin. Wie man mich beneiden wird.“
„Ich denke, wir wollen uns vor allem an Wagners göttlicher Kunst begeistern.“
„Sie vergessen, dass den meisten das etwas Altgewohntes ist, was Sie schier überwältigt. Darum beglückt mich auch der Gedanke, heute Abend Ihnen zur Seite zu sitzen und Sie schwelgen zu sehen. Die Partitur ist Ihnen doch vertraut?“
„Völlig, Raven, aber was bedeutet das gegenüber dem Zauber, den eine vollendete Aufführung auf mich ausübt. Wissen Sie, was mich seit gestern Abend mit brennendem Verlangen erfüllt?“
„Nun?“
„Der Wunsch, den Bayreuther Festspielen beiwohnen zu dürfen.“
„Dessen Erfüllung Sie sich ja jederzeit leisten können.“
„Meine Wünsche haben Grenzen.“
„Ich weiß – der Herr Gemahl!“ Raven trat ganz nahe an die junge Frau heran und sah ihr mit heißem Flehen in die Augen. „Marianne, Sie können nicht im Ernst daran denken, in wenigen Tagen abzureisen.“
„Ich muss. Jürgen hat mir den Nachurlaub nur darum so bereitwillig gewährt, weil ich ihm das feste Versprechen gab, dass dieser Termin der letzte sein sollte. Ich pflege mein Wort zu halten.“
„Ich kann Sie nicht mehr entbehren, Marianne. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, Sie bald wieder fern von mir zu wissen. Auch Sie werden sterbensunglücklich sein, wenn Sie wieder in Ihrer Einsamkeit sind.“
„Ich werde arbeiten,“ sagte Marianne einfach. „Und nun seien Sie vernünftig, Raven, Sie verderben mir sonst den ganzen Abend.“
„Na, da wäre ich endlich auch bereit!“ rief die eintretende Russin. „Avanti, Kinder, oder wir kommen zu spät. Der Chauffeur darf nicht fahren, wie er möchte. Ihr habt eine zu gute Polizei hier in Berlin. Ah, in Russland – da könnten wir dahin rasen, da hat man noch Freiheit.“
‚“Wenn nicht zufällig mit Bomben geworfen wird oder die Kosaken über einen herfallen,“ erwiderte Raven ein wenig spöttisch.
„Wird schon wieder ruhig werden, das heilige Russland. Zum Schluss bleibt doch alles beim Alten, und das ist gut.“
Der Kraftwagen brachte das Trio rasch zum Ziel, und kaum, dass man sich in der Loge seiner Hüllen entledigt hatte, so begann die Vorstellung. Marianne stand unter einem Bann, sie sah und hörte nichts mehr von ihrer Umgebung, auch in den Pausen blieb sie zerstreut und lächelte nur zu den Neckereien der eleganten Russin, die trotz ihres Kunstenthusiasmus doch völlig kühl blieb. Sie hatte dergleichen zu oft gesehen und gehört.
Der Feuerzauber verklang, der Vorhang fiel. Marianne saß wie erstarrt, bis sie sich mechanisch erhob und sich von Raven in ihren Mantel hüllen ließ.
Sie blieb auch während der Nachhausefahrt stumm.
„Kommen Sie noch ein wenig mit, Raven,“ schlug die Russin vor. „Es ist uns jetzt wohl allen noch nicht ums Schlafen zu tun. Der alte Meister packt einen stets wieder mit seinen Zauberkünsten. Wir müssen auch das liebe Seelchen wieder aufwecken, es ist ja gar nicht mehr auf dieser Erde.“
Marianne musste lachen. Als sie droben in den behaglichen Polstern im Salon ihrer Wirtin lag und eine Tasse schwarzen Kaffee nebst einem süßen, starken Likör genossen hatte, lebte sie wieder auf, wenn auch ihre Augen noch immer versonnen dreinschauten. Ein süßer Hauch zog durch den Raum, am Fenster standen blühende Pflanzen. In seliger Ermattung schloss sie die Augen, wie sie es in Augenblicken großer innerer Erregung oftmals zu tun pflegte. Sie hörte die beiden miteinander flüstern, der feine Duft einer Zigarette machte sich bemerkbar. Jetzt ein leichtes Rauschen von seidenen Gewändern, Frau Brylewska musste sich erhoben haben. Die junge Frau blinzelte mit den Augen wie ein müdes Kätzchen, war aber zu träge, sich zu erheben. Eine schmeichlerische Lässigkeit löste alle Spannkraft der Glieder und allen Willen in verstohlene, selige Erwartung von irgendetwas Süßem, Wunderbaren auf. Raven regte sich nicht.
Im anstoßenden Musikzimmer ertönten die weichen Klänge einer Geige, Frau von Brylewska spielte. Auf und nieder gehend, wie es ihre Gewohnheit war, ließ sie die Weisen der gehörten Oper wiederum erstehen. Das herrliche Instrument jauchzte und klagte, als habe es eine Seele.
„Marianne, hörst du mich?“ flüsterte es weich an Mariannes Ohr. „Sieh, so wie meine Hände die deinen halten, so hält meine Seele die deine fest. Sie kann sich nicht mehr von mir lösen. Ich und du und du und ich, wir sind eins. Sonnenkinder sind wir und fliegen in den Himmel hinein!“
Ein heißer, erstickender Hauch ging von dem Mann aus, der neben ihr auf den Knien lag und ihre Hände an sich zog. Sie versuchte, sich zu erheben, sie dachte an Flucht, da tönten wieder die Zauberweisen von nebenan, und sie sank zurück. Vor ihren Augen war ein Flimmern, ihr Herz setzte aus, um dann wieder von neuem zu schlagen, erstickend und doch wonnevoll.
Sie hatte mit ihm gespielt, sich seiner Liebe gefreut, und nun stand sie vor der Gefahr.
„Marianne!“ Wie die Stimme flehen konnte.
„Lass mich!“
Sie stand plötzlich auf ihren schwankenden Füßen und tastete nach einem Halt, ihre Brust flog.
„Du liebst mich!“ Ravens Arme umschlangen die weiche Gestalt. Mit ihrer letzten Kraft suchte sie sich seiner zu erwehren, aber in grausam zärtlicher Wildheit riss er sie umso fester an seine Brust und küsste den süßen, reinen Frauenmund, nur das eine stammelnd: „Du hast mich lieb!“
Ein tiefes Aufstöhnen kam aus Mariannes Brust, es war ihr, als ob der Nebel weiche, der schon so lange über ihr gelegen hatte, alles Sehnen, alles Verlangen erstickend, und ein blendendes Licht ihr die Augen öffne, dass sie sah, was wirklich war. Und so legten sich Marianne Hoffmanns Arme freiwillig um den Nacken des Mannes, und ihre Lippen küssten die seinen – all ihr Stolz, all ihre Kraft war gebrochen.
Die Geigentöne verhallten. Die beiden sahen sich noch einmal in die Augen, schweigend, einen Herzschlag lang – dann flohen sie voneinander. Als die Russin, eine Melodie trällernd, das Zimmer betrat, war es leer.
Zur Rolle von Marianne als bürgerliche Ehefrau, die zerissen zwischen Pflicht und Ambition ist, gibt es diesen Blog-Artikel.

 

Die nächste Fortsetzung erscheint am Freitag, den 20. April 18.