Hier geht es zum Anfang und zur 1. Fortsetzung, hier ist ein eine kurze Zusammenfassung des Inhalts und Informationen über die Autorin

Zweites Kapitel.
Süver Krübbe hatte nur zu gut die Wahrheit getroffen, als er behauptete, Maren Jebsen erwarte etwas.
O dieses Warten! Die Kranke verging an diesem Warten. Vierzehn Tage waren vergangen, und keine Botschaft von Hartwig Raven kam, noch kam er selber. Sie durfte wider am Lehnstuhl am Fenster sitzen in der warmen Sonne, die der erste Mai als Vorläufer sandte, um die Menschen zu narren, dass sie meinten, die gute Zeit sei schon angebrochen. Und man hatte es doch schon zu oft erfahren, wie die gestrengen Herren alle Schrecken der rauen Monde von neuem heraufbeschworen, und der sture Ost sich auf die kranke Brust legte, ihr allen Atem raubend.
Doch heute saß Maren in der Sonne. Das Fenster stand weit offen, und sie starrte auf den Platz hinunter. Sie sah nicht die Gräber, über denen es heute auch wie Lenzesfreude lag; sie verfolgte mir ihren großen, bangen Augen den Briefboten, der seinen Rundgang von Häuschen zu Häuschen begann. Er kam immer näher. Maren bemerkte Hoffmann nicht, der grüßend zu ihr emporblickte, sie hatte den Sessel verlassen und bog sich weit zum Fenster hinaus, um zu beobachten, ob der ersehnte Bote nicht auch über ihre Schwelle treten würde.
Mit einem leisen Wehlaut sank sie im Sessel zusammen – er ging vorbei. So fand sie der Arzt, halb bewusstlos von der Anstrengung und der Aufregung.
„Das geht so nicht weiter, Maren,“ schalt er, als sie wieder zu sich gekommen war. „Wozu legten Sie sich denn zum Fenster hinaus? Erwarten Sie irgendeinen Brief? – Sie nicken? Er wird schon kommen. Vielleicht ist Doktor Raven verreist?“
„Ach ja, das kann sein.“ Wie in ersticktem Jubel stimmte sie ihm zu. Dass sie daran nicht schon eher gedacht hatte!
„Blieb er Ihnen den Betrag für die Kopie schuldig?“
Die Kranke sah Hoffmann so verwirrt an, als ob sie ihn nicht begriffe.
„Soll ich Ihnen aushelfen, Maren? Verfügen Sie über meine Kasse. Später geben Sie es mir wieder.“
Ein leises, melodisches Lachen brach aus der wunden Brust, wurde aber durch einen heftigen Hustenanfall jäh unterbrochen.
„Nicht mal zum Lachen reicht es mehr, Herr Doktor,“ klagte sie mit tonloser Stimme. „Und ich habe so gern gelacht.“
„Das kommt alles wieder, Maren,“ tröstetet der Arzt.
„Nein, nur die Sonne wird wieder über dem Grabe der armen Maren lachen, die so töricht war, an bleibendes Glück zu glauben. Es ist überhaupt nichts mit der Liebe. Ruhm ist besser, nicht, Herr Doktor?“
„Besonders für den Mann, der Frau steht die Liebe besser an.“
„Und doch haben sich viele Frauen Ruhm und Ehre erworben. Ich kannte eine Schriftstellerin, es war eine von den Großen. Ich arbeitete für sie. Wie oft habe ich mir gewünscht, an deren Stelle zu sein.“
„Doch nur, um den Mann Ihrer Liebe für immer an sich zu fesseln.“
„Woher wissen Sie das?“ stieß die Kranke erregt hervor.
„Ich weiß noch mehr, Maren. Der Roman, den ich zur Post trug, war von Ihnen. Sie sandten ihn an Raven und baten um sein Urteil.“
„Woher wissen Sie das?“
„Also ich habe richtig geraten. – Regen Sie sich nicht so auf, Maren. Legen Sie sich behaglich in die Kissen, und dann wollen wir mal ganz vertraulich miteinander plaudern. Ein Arzt ist diskret, er ist eine Art Beichtvater, dem können Sie alles sagen. Sprechen Sie ganz leise, ich höre gut.“
„Was hätte ich von mir zu erzählen, Herr Doktor. Eine alltägliche Geschichte, viel Liebe und wenig Glück. Nein, damit ist es aus, aber das möchte ich noch erleben, dass eine Arbeit von mir gedruckt würde. Es kam mit einem Male so über mich, ich musste niederschreiben, was ich mir in den langen, einsamen Stunden zusammengereimt hatte. Da war eine alte Geschichte, die mir mein Vater einst erzählte, er hat sie selbst erlebt, und dazu tat ich alles, was ich von meiner Jugend her noch wusste.“
„So spielt der Roman auf dem Holm?“ fragte Hoffman interessiert.
Ja, und darum wurde es mir gar nicht schwer. Das ganze Milieu, wie die Schriftsteller es nennen, war mir so vertraut, und die Menschen – nun, man braucht nur einen Süver Krübbe und seine prächtige Frau zu kennen, dann hat man alles, was man braucht.“
„Haben Sie sich nicht schon früher in dieser Kunst versucht?“
„Ich traute mich nicht. Man fühlt sich so klein, solange man nur die Handlangerin ist. Auch dachte ich damals an nichts andres als an meine Arbeit –  meine Liebe. Es war eine selige Zeit, Doktor, und er war stets so lieb und gut zu mir,“ seufzte die Kranke und schloss erschöpft die Augen.
„Ich kann’s mir denken, Maren,“ sagte der Arzt leise und streichelte dem Mädchen über den schlanken Kopf mit dem seidenweichen, blonden Haar. Er erlebte ja so viel des Tragischen in seinem Beruf, aber das Geschick dieser stillen Dulderin, die nie mit ihrem Schicksal haderte, noch gegen den Mann ihrer Liebe Groll trug, griff ihm ans Herz.
„Maren,“ begann er wieder. „Geben Sie acht, ehe Sie es gedacht, kommt das ersehnte Glück zu Ihnen. Vielleicht hat Raven die Arbeit schon irgendeiner Redaktion angeboten, er hat als Schriftsteller doch seine Verbindungen und will Sie gleich mit der Nachricht der Annahme überraschen.“
„Ach!“ Die Kranke öffnete die Augen weit und drückte Hoffmanns Hand. „Wie Sie auch an alles denken, Doktor. Natürlich, darum schrieb er nicht.“
„Na, sehen Sie, man muss immer das Beste denken und den Kopf oben behalten. Vielleicht kommt er sogar selber, um es Ihnen zu erzählen. Darum müssen Sie sich so plagen, dass Sie gesund werden. Wenn die warmen Tage kommen, schicke ich Ihnen einen Liegestuhl, auf dem ruht sich’s wie in einer Wiege, den setzen wir unten an die Schlei unter das blühende Gesträuch. Dort liegen Sie in der Sonne und dürfen sich lauter schöne Geschichten ausdenken, die Sie niederschreiben, wenn Sie kräftig genug dazu sind.“
Die Kranke hörte dem Geplauder selig lächelnd zu, bis ihr einfiel, zu fragen: „Aber solch ein Stuhl ist wohl sehr teuer?“
„Diesen leihe ich Ihnen, Maren. Ich habe allerhand solcher Krankenmöbel und bin froh, wenn ich jemand damit aushelfen darf.“
„Aber das kann ich ja gar nicht annehmen.“
Ich würde es Ihnen sehr verübeln, Maren, wenn Sie es nicht täten. Doch nun muss ich weiter. Träumen Sie was Schönes, aber vergessen Sie nicht, dass das Fenster geschlossen wird, wenn die Sonne fort ist.“
Noch ein herzlicher Gruß, und der Arzt ging seines Weges fort zu einem anderen Patienten, der ihn schon sehnlichst erwartete. Herzlich müde, eilte er um die Mittagszeit seinem Hause zu. In ernste Gedanken versunken, hatte er der Begegnenden nicht acht, bis seine Augen auf einem Punkte haften blieben. Nach und nach wurde es ihm klar, dass in einiger Entfernung von ihm eine elegant gekleidete Dame einherschritt.
Einmal seiner Umgebung wiedergegeben, bemerkte Hoffmann auch, wie die Herren, die an der Dame vorbeigingen, sich stets noch einmal nach ihr umsahen. Jetzt kreuzten zwei Husarenoffiziere ihren Weg. Was die für Augen machten! Der Arzt musste lächeln; aber wie groß war sein Erstaunen, als er wahrnahm, dass die vornehme Erscheinung über den Fahrdamm schritt und sich seinem Hause zuwandte.
„Vielleicht eine Bestellung, die eine besorgte Mutter lieber selbst ausrichtet,“ sagte er sich, um einen plötzlich aufsteigenden Argwohn zu ersticken. Aber schon wandte sich die Dame etwas zur Seite, dass er ihr Profil erkennen konnte – es war Marianne. Seine Frau in hellgrauem Tuchkostüm mit großem Hut, auf dem die vollen Straußfedern malerisch gruppiert waren. Um die Schultern hing ein breiter Stolakragen von Chinchilla, während unter den geschickt gerafften Rockfalten das leuchtende Rot eines seidenen Unterrocks sichtbar wurde.
Sie sah gut aus, sehr schick und vornehm, das musste Hoffmann sich eingestehen, und dennoch schmerzte es ihn, dass es nicht die alte Marianne in ihrer schlichten Kleidung war. Damals hatte sie ihm allein gehört, jetzt nahm sich jeder Vertreter der eleganten Herrenwelt – und es gab deren in Schleswig mehr als genug – das Recht, ihr nachzustarren. „Aha, die schöne Frau Doktor!“ würde es heißen. Und was dann alles weiter kam, wohin er ihr nicht folgen konnte, das wusste die Zukunft allein.
Wie war es dem kleinen Hause ergangen! Er hatte Marianne Vollmacht erteilt, zu machen, wonach ihr verlangte. Er dachte, recht klug gehandelt zu haben, ihr darin frei Hand zu lassen. Nun hantierten die Handwerker darin, und es blieb nichts verschont außer seinen Zimmern. Der Form wegen hatte sie seine Erlaubnis zu allem eingeholt, aber dass die Veränderungen so umfangreich werden würden, hatte er nicht für möglich gehalten. Er erblickte jetzt nur das Chaos und war unglücklich darüber.
Gerade zwei Wochen waren vergangen, und schon sah er alles, was früher zu seiner Gewohnheit und zu seinem Behagen gehört hatte, zusammenstürzen. Er fragte sich in diesem Augenblick mit wirklicher Sorge, was man noch alles erleben würde im Wandel der Monate und Jahre.
Seine Stirn furchte sich, und die hellen, blauen Augen blitzten zornig auf. So blickte Jürgen Marianne entgegen, die ihn entdeckt hatte und mit strahlendem Lächeln einige Schritte auf ihn zukam. Er sah nur das Lächeln; dass sich dahinter die heimliche Angst verbarg, was er zu ihrer Toilette sagen würde, das entging ihm.
Jetzt, wo er den vollen Anblick ihrer Erscheinung hatte, musste er sich sagen, dass seine Frau von eigenartigem Reiz war, und dass ihre schlanke Gestalt in dem langschössigen Paletot wunderbar zur Geltung kam. Und als sie vor ihm stand und mit ihren klugen Augen seine heimlichen Gedanken erriet, war alle ihre Befangenheit verflogen, und mit ihrem leisen, melodischen Lachen fragte sie: „Habe ich deinen Geschmack getroffen, Jürgen? Ich wollte dich mit dieser Toilette überraschen.“
„Das ist dir nur allzu gut gelungen, Marianne. Ich bin eine ganze Weile hinter dir hergegangen und habe dich nicht erkannt.“
„Das machen die neuen Federn, Jürgen.“
„Mit waren die alten lieber, Kind.“
„Nicht kleinlich sein, liebster Mann, das steht dir nicht. Warum soll ich mich nicht schmücken? Du musst doch sagen, dass ich guten Geschmack gezeigt habe.“
„Gewiss, Marianne. Doch nun komm, ich bin hungrig und hoffe, dass das Essen unter deiner Promenade nicht gelitten hat.“
„Ich werde mich hüten, meinen Hausfrauenpflichten schlechter als früher nachzukommen, das wäre sonst ein willkommener Grund für den Ehemann, mir meinen erschreckenden Leichtsinn vorzuhalten.“
„Wo essen wir denn heute?“
„In deiner Stube, Jürgen,“ erwiderte Marianne plötzlich etwas kleinlaut. „Verzeihe die Störung, es ist nur für wenige Tage, bis die Wand von meinem Zimmer in das Musikzimmer durchgebrochen ist, dann werden wir wieder im Wohnzimmer essen.“
„Warum ließest du nicht im Wartezimmer decken?“
„Ich dachte, es sei zu ungemütlich.“
„Wirklich?“ fragte er ironisch. „Aber ich wünsche es trotzdem, sage dem Mädchen Bescheid. An meinem Zimmer hört jede Neuerung auf, ich bitte dich, es dir für die Zukunft zu merken.“
Es wurde ein stilles Zusammensein. Wortkarg verzehrten sie die einfachen Gerichte. Auch im Speisezettel hatte sich Jürgen jede luxuriöse Änderung verbeten, wenigstens für seine Person, und da Marianne durchaus nicht materiell veranlagt war, platzten die Geister auf diesem Gebiet nicht aufeinander. Der beschäftigte Arzt bemerkte es kaum, dass auch bei der Ausschmückung der Tafel sich ein Luxusgegenstand nach dem anderen einschlich.
Am Abend desselben Tages fiel Hoffmann sein Gespräch mit Maren ein, und bevor er noch einen Schwerkranken besuchte, nahm er sich Zeit, einige Zeilen an Doktor Hartwig Raven zu schreiben – er hatte sich dessen Adresse in Berlin zufällig gemerkt. Auf seinem Wege warf er das Schreiben selbst in den Briefkasten an der Post, da ihm die Sache sehr eilig schien.

Der Schriftsteller Hartwig Raven war von einer Reise nach Pommern zurückgekehrt. Sein Vater war plötzlich gestorben und hatte als kleiner Beamter den Seinigen nichts als eine kleine Pension für seine Frau hinterlassen. Die beiden Söhne mussten in Zukunft ohne den Zuschuss auszukommen suchen. Für Hartwigs Bruder hatte es nicht viel zu bedeuten, er war Angestellter in einem Bankhause und bezog ein auskömmliches Gehalt. Ja, er hatte alle Aussicht, mit der Zeit dort Prokurist zu werden, da der alte leidend und der Chef dem tüchtigen jungen Mann gewogen war.
Für Hartwig war der Ausfall aber sehr bedeutend, besonders da er augenblicklich ohne Stellung war. Er hatte sich mit seinem direkten Vorgesetzten überworfen und, auf den väterlichen Zuschuss bauend, leichtsinnig seine Stellung in der Redaktion einer bedeutenden Tageszeitung geopfert, weil er seinen Kopf nicht beugen wollte.
„Sklavenarbeit!“ nannte er seine journalistische Beschäftigung und träumte stets von höheren Zielen, ohne doch bisher einen nennenswerten Erfolg erzielt zu haben. Kleine Plaudereien, Novelletten und Reisebriefe waren zuweilen unter dem Strich im Feuilleton erschienen, aber bei jeder größeren Arbeit versagte die Kraft. Die Arbeiten fanden keinen Abnehmer, oder er musste sich mit dem bescheidenen Honorar irgendeines kleinen Tageblättchens zufriedengeben.
Übellaunig setzte er sich an seinen Schreibtisch, um die eingelaufenen Postsachen durchzusehen, als die Wirtin ihm Hoffmanns Brief brachte, zugleich meldend, dass der Postbote heute noch ein eingeschriebenes Paket abgeben würde, das kurz nach seiner Abreise abgekommen sei.
„Er wollte es nicht dalassen, obwohl er es mit mir, als einer Gerichtsvollzieherswitwe, gewissermaßen mit einer anständigen, amtlichen Person zu tun hat.“
Raven brummte etwas Unverständliches vor sich hin, so dass die anständige Beamtenwitwe es vorzog, in ihrem Revier zu verschwinden, da sie sah, dass ihr Mietsherr schlechter Laune war. Und das kannte sie von ihrem Seligen her, dann rühr nicht an.
Hartwigs Augen lagen erstaunt auf den wenigen Zeilen des Schreibens, das seine Hände hielten:

Sollten Sie Fräulein Maren Jebsen, meiner Patientin, noch vor ihrem Tode eine Freude machen können, so zögern Sie nicht so lange, bis es für immer zu spät ist.                                 Ergebenst Doktor Hoffmann.

Das weiße Blatt fiel auf die Schreibtischplatte. Raven stützte den Kopf in die Hand und gedachte der Vergangenheit. Was ihm da empor stieg an heiteren und düsteren Bildern, sie alle malten ihm die blonde Maren, wie sie von den Schriftstellern, mit denen sie zu tun hatte, nach abgekürztem, ungeniertem Verfahren genannt wurde. Bei aller Lebenslust von einem Bienenfleiß, und so spröde, wenn aus dem Lachen und Flirten Ernst werden sollte, bis – ja auch ihre schwache Stunde kam.
Und nun lag das schöne Geschöpf im Sterben. Sollte er dem Ruf Folge leisten? – Ihm bangte vor allem, was der Tod mit sich brachte. Er hatte noch keinen Menschen sterben sehen. Was verlangte dieser fremde Arzt von ihm? Glaubte er etwa, dass für seine Kasse eine Reise nach Schleswig ein Nichts war? Sie wohnte auf dem Holm, er erinnerte sich dunkel, dass sie es ihm geschrieben hatte in einem der wenigen Briefe, die er mit ihr nach der Trennung wechselte. Sie hatte ihm früher viel und anschaulich von ihrer Heimat erzählt. Sie plauderte überhaupt so allerliebst, es war eine Freude, ihr zuzuhören, wenn man, der Tändeleien müde, fröhlich beieinander saß.
Dann kam die Krankheit. Zuerst ein wenig Husten, über den sie scherzte, dann etwas Fieber, das sie zur Ruhe zwang. Es folgten bessere Tage, in denen sie die alte schien und schöner und zärtlicher denn je war, bis der Anfang vom Ende kam.
Hartwig Raven konnte kranke Menschen nicht sehen, er zog sich nur zu rasch von ihr zurück. Er hatte heimliche Angst vor einer Ansteckung, seitdem der  ärztliche Freund, der Maren behandelte, ihm die Krankheit beim richtigen Namen genannt hatte. Aber dass das Ende so rasch kommen würde, das hatte er nicht geglaubt. Aus Mitleid sorgte er dafür, dass sie auch in Schleswig noch die alten Arbeitgeber behielt, so dass sie Arbeit und Verdienst hatte, aber das war auch alles. Auf ihren letzten Brief hatte er gar nicht mehr geantwortet, und da war auch von ihr kein Lebenszeichen mehr gekommen, obwohl er von den Kollegen gelegentlich erfuhr, dass sie pünktlich die bestellten Arbeiten lieferte.
Raven zog eine Schublade auf und griff hinein. Ja, da lag es  noch, das reizende Bild, das er sich von ihr nach seiner Angabe hatte machen lassen. Sie war in seiner Begleitung in einem fantastischen Kostüm auf irgendeinem Künstlerfest erschienen, und er hatte mit ihr Triumphe gefeiert. Ein junger Maler, der mit Raven eng befreundet war, wollte sie durchaus malen. Eigensinnig wies sie es zurück.
„Ich will nur dir gefallen, Herzensmann. Dir zuliebe habe ich mich geschmückt, aber die Welt geht das nichts an. Für die bin ich nur die einfache Stenotypistin Jebsen und kein Modell.“
Wie ihm das wieder so deutlich einfiel, und er hatte doch so lange nicht an Maren gedacht. Sie war nicht die Erste in seinem Leben gewesen und blieb auch nicht die Letzte, und doch gestand er es sich ehrlich ein, sie war die Beste gewesen.
In dieses Grübeln hinein brachte die Wirtin wieder eine Störung, sie meldete den Postboten, der ihr auf dem Fuß folgte.
Argwöhnisch blickte Raven auf das Paket, das der Mann ihm aushändigte. War es etwa sein Roman, der in alter Anhänglichkeit zu ihm zurückkehrte? Doch die Handschrift war ihm nur zu gut bekannt. Was sandte ihm denn Maren? Sie hatte doch keinen Auftrag von ihm. Er zerschnitt die Bänder und griff nach dem kleinen Briefchen, das auf dem Manuskript lag.

Liebster Mann!

Erweise mir noch einen großen Gefallen, Du warst ja stets so einzig gut zu mir. Opfere ein Stündchen Deiner kostbaren Zeit und lies meinen Roman. Eine innere Stimme sagt mir, dass ich nichts Schlechtes geschaffen habe, aber sie kann mich ja täuschen. Was Du für mich tun willst, tue bald, denn meine Kräfte schwinden dahin. Lass mich vor meinem Ende noch die große Freude erleben, nicht umsonst gearbeitet und gehofft zu haben. In alter, fröhlicher Erinnerung nenne ich mich noch
Dein blondes Mädchen von der Wasserkante.

Die Hand, die den Brief hielt, fiel mit einem dumpfen Schlag auf die beschriebenen Bogen des Manuskriptes, und Raven lachte vor sich hin. Ja, so hatte er sie stets genannt, wenn er besonders guter Laune gewesen war, und so verliebt – ach, so verliebt. Und nun war sie unter die Schriftsteller gegangen, keck hatte sie den Sprung vom Handlanger zum Künstler gewagt.
Hartwig schüttelte den Kopf und lachte wieder. Diese Mal war es ein Lachen von hässlichem Klang. Spott und Hohn lag darin. Was ihm bisher nicht geglückt war, das wollte sie mit einer Erstlingsarbeit gleich erreichen? Welchen blühenden Unsinn würde er da zu lesen bekommen! Schon am Stoff würde sie scheitern, denn ihrem Erleben waren doch gar zu enge Grenzen gesteckt gewesen. Und dann die Sprache! Ihre Schulbildung war ja eine gute gewesen, und in ihrem Beruf hatte sie stetig weiter gelernt. Ihre Arbeitgeber waren unter den ersten Schriftstellern zu suchen, da konnte sie sich manches angeeigent haben.
Er las den Titel: „Inge Boysen, ein Kind des Holms.“ Wieder flog ein spöttisches Lachen durch das Zimmer. „Schwerfälliger, altmodischer Titel!“ kritisierte er. „Er klingt so wie: Bianca, die Räuberbraut.“
Er begann zu lesen, Seite auf Seite folgte der andern. Die Zigarre erlosch, die Finger, die sie gehalten hatten, spielten ein nervöses, aufgeregtes Spiel auf der Schreibtischplatte. Auf der Stirn grub sich eine tiefe Falte, seine Augen, aus denen meist goldener Leichtsinn lachte, verrieten ungewöhnliches Leben, sie blickten nicht auf, als die Wirtin die Lampe brachte, sie sahen nichts als die Blätter, die sich immer rascher umschlugen.
„Setzen Sie das Abendessen auf den Tisch, Frau Müller. Ich bin für niemand zu Hause, ich verbitte mir jede Störung, ich arbeite.“
Das Essen blieb unberührt, er las weiter. Nun war er doch zu Ende, das Schlusswort war gelesen, doch er rührte sich nicht. Das war die Wirkung der Erstlingsarbeit der blonden Maren.
Es litt ihn nicht mehr auf seinem Platz, er sprang auf und stieß das Fenster auf. Luft musste er haben. Was war es nur, das sich so erstickend auf seine Brust legte? Neid – fressender Neid auf das große Talent, das sich ihm soeben offenbart hatte.
Die Sprache war mangelhaft – aber diese Gedanken! Die Charakterschilderung, die Darstellung oft von geradezu verblüffender Kraft und überzeugender Wahrheit. Der Dialog von einer ungezwungenen Natürlichkeit, wie ihn nur ein Kind des Holms wiedergeben konnte. Die Liebesszene von einer Naivität im Ausdruck ungekünstelter Leidenschaft, wie sie diesem schweigsamen Menschenschlag Holsteins zu eigen ist, wenn die elementaren Gewalten der Liebe und des Hasse sie packten.
Und dann der Stoff! Was würde Raven dafür gegeben haben, einen solchen Stoff sein eigen zu wissen! Woher hatte sie den genommen? Aus der Heimat? War er dem Leben abgelauscht? Seine Hand ballte sich zusammen, und es gelüstete ihn, seine innere Unruhe und Aufregung an irgendetwas auszulassen. Wo blieb der lachende Übermut in den blauen Augen, wo die glatte Stirn, wo die spöttische Überlegenheit, mit der der die Lektüre begann?
Er zwang sich dazu, sein Essen zu verzehren, es war einfach genug. Etwas Aufschnitt, Brot und Butter, sowie eine Flasche Bier. Diese mechanische Beschäftigung gab ihm die verlorene Ruhe wieder. Er versuchte, an dem soeben Gelesenen eine objektive Kritik zu üben und sich nicht von der Tatsache verblüffen zu lassen, dass Maren die Verfasserin war. Es gelang ihm nur zu schlecht. In der übelsten Laune schob er Teller und Glas zurück und ging wieder zum Schreibtisch. Er sah das Datum des Briefes nach.
Vierzehn Tage! Eine lange Zeit, wenn er der Zeilen des Arztes gedachte. Was sollte er tun? War es nicht eine heilige Pflicht, der Sterbenden die letzte große Freude zu bereiten? Er musste ihr schreiben. Heute Abend noch!  Er griff nach der Feder, zögernd reihten sich die ersten Zeilen auf dem Papier. Nein, er konnte es nicht – noch nicht. Hatte sie so lange gewartet, kam es auf einige Stunden länger nicht an.
Er sah auf die Uhr. Erst neun, da fand er ja die Kollegen noch alle beisammen. Hastig setzte er den Hut auf, schlüpfte in den Überzieher, löschte die Lampe und verlor sich in dem nächtlichen Leben und Treiben der Großstadt. Es war spät, als er heimkam, und am andern Tag wachte er zu sehr vorgerückter Stunde mit Kopfschmerz auf. Kaum, dass er fähig war, einen klaren Gedanken zu fassen. Wie konnte er in solcher Stimmung den wichtigen Brief schreiben!
Da kam ihm ein glücklicher Gedanke. Warum nicht telegraphieren, das war ja das Einfachste und Bequemste. Eine kurze Anspannung des schlafenden Gehirns, und er schrieb: „Erst heute erhalten. Arbeit gut. Soll ich Vertrieb in die Hand nehmen?“
Damit konnte Maren fürs erste zufrieden sein. Das Weitere würde sich finden. Da sie ihn in Stellung glaubte, erwartete sie sein Kommen doch nicht. Für die schriftliche Mitteilung hatte er wieder einige Tage Zeit gewonnen, das war das Wichtigste. Er wurde sich selber nicht klar darüber, warum es ihm so widerstrebte, ihr sein ehrliches Urteil zu schreiben.
Vom Postamt, wo er selber die Depesche aufgab, trieb es ihn in den Tiergarten. Es waren Stunden, die er von Hause fortblieb, und als er endlich daheim anlangte, reichte ihm die Wirtin eine Depesche.
„Wie eilig sie es hat,“ dachte Hartwig. Er nahm sich noch Zeit, es sich behaglich zu machen, dann öffnete er den Verschluss und starrte wie entgeistert auf die wenigen Worte: „Maren Jebsen heute früh sanft entschlafen.   Hoffmann.“
„Zu spät!“
Hartwig stöhnte es mehr, als er es sprach. Was nun? Da lag das Manuskript, und die es geschrieben hatte, war tot. Sein schönes, blondes Lieb war nunmehr im Leben ebenso ausgelöscht wie früher schon in seinem Dasein. Aber kurz vor ihrem Scheiden hatte sie sich noch einmal in seinen Weg gestellt –und das sollte er niemals vergessen.
Um auf andre Gedanken zu kommen, beschloss er, zu arbeiten. Er schob das Manuskript weit fort in die entfernteste Ecke des Schreibtisches, holte die angefangene Novelle hervor und überlas, was er vor seiner Reise geschrieben hatte. Er versuchte, sich zu vertiefen, er blätterte das Anfangskapitel durch, er vergegenwärtigte sich den Schluss. Die Gestalten blieben blasse Schemen, das Geschriebene flach und farblos. Dem Stoff fehlte die Eigenart, er war alltäglich, er packte nicht den Leser. Gute, flüssige Sprache, das war alles.
Wie sollte er schaffen, wenn er nicht an den Erfolg glaubte? Wie arbeiten, wenn das Misstrauen an sein Können ihn verfolgte? Ein scheuer Blick traf Marens Werk. Was gäbe er darum, wenn er es geschrieben hätte! Mit all seinen Fehlern, seinen Schwächen, aber auch mit der Kraft der Gestaltung, mit dem frisch pulsierenden Leben und der überwältigenden Tragik des Stoffes.
Es wäre ein leichtes gewesen für einen geübten Stilisten, der er als gewandter Journalist ja war, die Feile an die Arbeit zu legen und vorsichtig hier zu glätten, dort zu kürzen und den Aufbau der Handlung weniger schwerfällig zu gestalten, ohne doch der Eigenart und Ursprünglichkeit zu schaden. Denn das spürte seine Erfahrung und sein scharfer Verstand, der ihn zum geborenen Kritiker machte, dass gerade das letztere dem Ganzen etwas Hinreißendes gab. Und dann, wenn dieses mit liebevollem Verständnis getan war, hinaus mit dem Werk und ihm den Weg bereitet. Das Publikum musste gleich gepackt werden mit interessanten Enthüllungen aus dem Leben der Verfasserin. Das zog – man mutmaßte mehr, als wirklich vorhanden war. Schon, dass der Ruhm erst nach dem Tode kam, war Sensation.
Der Toten der Ruhm, der Lorbeer! Ihren Erben das Honorar! – Und was blieb ihm?
Wie kalt und grausam die blauen, lachenden Augen blicken konnten. Die Maske war gefallen, der Mann, der hier saß, schritt über Leichen. Wie es hinter der hohen Stirn arbeitete, und wie die Hände wieder nervös zuckten! Man sah es, Raven rang mit einem schweren Entschluss. Und als in dieser Nacht zu später Stunde die Lampe gelöscht wurde, wälzte er sich lange ruhelos auf seinem Lager, bis einige Gläser schweren Weines ihm die gewünschte Ruhe brachten. Kein Traum beängstigte ihn mehr, kein schreckhaftes Erwachen, nicht ein Gedanke an die, die in blindem Vertrauen dem Mann ihrer Liebe das Kostbarste, das sie noch besaß, auf Treu und Glauben ausgeliefert hatte. –
Gut, dass Maren doch bessere Freunde hatte. Sie lag auf ihrem letzten Bett, das reiche Haar flutete über das Kissen, und in den gefalteten Händen hielt sie einen Zweig blühender Myrte. Den hatte Süver Krübbe selber vom Gärtner geholt und zwischen die starren Finger geschoben. Was wusste er von dem, was die Tote in Berlin erlebt hatte? Für ihn war sie die Jungfrau Maren, die Tochter des Holms, die mit allen Ehren zu Grabe getragen werden sollte. Uns deine stille Frau, die vielleicht besser unterrichtet war, schwieg zu allem und beraubte ihr Myrtenbäumchen seiner grünen Zweige, um damit das weiße Kleid, mit dem sie Maren in den Sarg gelegt hatte, zu bestreuen.
Dann hielten die beiden Alten die Totenwacht. Durch das offene Fenster wehte ein Windhauch so weich und warm, als wolle er noch jetzt der kranken Brust Heilung bringen, und unten im Gärtchen an der Schlei zogen die Düfte der blühenden Sträucher, unter denen Maren träumend ruhen sollte. Die Wasser der Schlei, die die Tote so geliebt hatte, rauschten leise den Totensang, wie er zu so friedlichem Sterben passte. Die Hoffnung auf das kommende Glück, auf den großen Erfolg, auf ein Wiedersehen mit dem Geliebten hatte Maren begleitet, bis die kranke Brust den letzten Atemzug tat.
Weilte die dem Körper entflohene Seele, einem alten Glauben gemäß, noch drei Tage auf dieser Welt, bis die Tote zum letzten Schlaf in die kühle Erde gebettet wurde? Umschwebte sie den stillen Schläfer und las von seiner trotzigen Stirn die Gewissheit des ungeheuerlichen Verrats, den er durch einen gemeinen Raub an ihrem Geisteskind zu begehen gedachte, indem er ihr Werk als das seinige auszugeben beschloss?
Die Tote vermöchte den Mund nicht mehr zu öffnen, um die Anklage in die Lüfte hinauszuschreien, bis der Klang ihrer Stimme vom Himmelsgewölbe widerhallen und ein Echo in den Herzen und Gewissen der Menschen finden würde.

Drittes Kapitel.

„Nun, Steiner, so versunken in die Arbeit? Pressiert’s?“
„Sieh da, Raven, du hast Dich lange nicht bei mir sehen lassen.“
„Man muss sich den Leuten nicht aufdrängen.“
„So bescheiden?“
„Ich habe allen Grund, Steiner. Hast Du ein Viertelstündchen für mich übrig?“
„Wenn du dich ein wenig gedulden willst. Das heißt, wenn es deine Zeit erlaubt.“
„Ich habe Zeit im Überfluss.“
„Ach so – ich vergaß, dass du aus deiner Redaktion ausgetreten bist. Warum eigentlich? Das Blatt ist unparteiisch, huldigt nicht dem Klatsch, hat tüchtige Mitarbeiter und einen vornehm denkenden Chef.“
„Es war eine Privatsache.“
„So. Etwa zwischen dir und dem Leiter?“
„Nimm es so an. ‚Cherez la femme!’ hieß es auch hier.“
Steiner pfiff durch die Zähne. „Du alter Don Juan! Folge meinem Beispiel und nimm dir eine einzige zur Ehe! Du glaubst nicht, wie friedlich man es alsdann hat. Keine unnötige Aufregung, keine Sorgen um das, was zum täglichen Brot gehört. Das alles kommt natürlich der Arbeit zugute.“
„Wenn man Glück hat wie du, Steiner. Wo finde ich eine solche Frau wie die deine: reizvoll, klug, vermögend und wirtschaftlich. Gibt es denn im ganzen Berlin eine zweite, die diese Vorzüge in sich vereinigt?
Steiner lachte behaglich vor sich hin, und in seinen geistvollen, dunklen Augen blitzte ein heimliches Leuchten, dann wandte er sich wieder seiner Arbeit zu. Die Feder flog über das Papier. Raven hatte sich in einen der bequemen Lehnsessel geworfen und steckte sich eine Zigarre an.
Das Redaktionszimmer machte einen vornehmen, aber doch gemütlichen Eindruck, es passte zu dem palastartigen Gebäude, das in seinem Innern den Geschäftsbetrieb einer der bedeutendsten Zeitungen von Berlin mit allen ihren Nebenblättern barg. Steiner war der unumschränkte Gebieter des Feuilletons, und darum eben suchte Raven ihn auf. Seine scharfen Augen musterten seine Umgebung, er war zum ersten Mal in dem Neubau und starrte die Pracht de Ausstattung an, die sich bis auf das kleinste erstreckte. Die Decke, die Wände, das Mobiliar bildeten ein harmonisches Ganzes, an dem Raven nichts zu tadeln fand. Auch der große Teppich, der jeden Laut dämpfte, war ein Kunstwerk zu nennen. Die elektrischen Flammen einten sich in der Mitte zu einem künstlerisch gestalteten Kronleuchter, der über dem großen Tisch hing, auf dem ganze Stöße von Drucksachen lagen. Das große Fenster, wo der Diplomatenschreibtisch von riesiger Dimension stand, an dem Steiner arbeitete, war durch die zart getönten Vorhänge kaum verhüllt, so dass das kalte, helle Nordlicht ungehindert Einlass fand.
Raven saß so, dass er das Profil des Schreibenden sehen konnte. Ein bedeutender Kopf, ein genialer Mensch! Der Freund kannte seine Schwäche, hatte ihm oft wohlmeinende Ratschläge gegeben und ihm geraten, sich nicht zu zersplittern, sondern nur den Ehrgeiz zu haben, ein guter Journalist zu werden. „Auch zum Kritiker eignest du dich und vor allem zum Berichterstatter,“ sagte er in einer vertraulichen Stunde, als Raven ihm geklagt hatte, dass er als Schriftteller gar keinen Erfolg hätte. „Komm zu uns, arbeite dich von unten an empor, dann schickt man dich in die Welt, und du plauderst den Lesern unsres Blattes in Reisebriefen lauter interessante Dinge vor. Deinem Können sind Grenzen gesetzt, das musst du doch selber einsehen. Außerdem bist du nicht der Mann emsiger, rastloser Arbeit, wenn du nicht dazu gezwungen wirst.“
„Wenn Raven an diese Stunde dachte, so stieg ihm noch das Blut in die Schläfen. Er fühlte sich tief beleidigt, aber er war zu klug, um es sich merken zu lassen. Er brauchte den Freund, denn dieser war allmächtig in seinem Ressort, und Ravens brennender Wunsch war es stets gewesen, einmal in den Spalten dieses Blattes zu stehen, nicht mit einem kleinen Feuilleton – deren waren schon mehrere erschienen – nein, mit einem großen Roman, dem damit auch der Buchverlag sicher war.
Nun war Steiner fertig, er schellte und gab dem eintretenden Diener die Manuskripte, dann erhob er sich aus seinem Sessel und trat auf den Freund zu. „Also nun los, für eine Viertelstunde bin ich ganz Ohr, aber nicht länger!“ Er warf sich in einen Sessel neben Raven und wartete schweigend, was dieser zu sagen hatte.
Es war gut, dass der Besucher gegen das Licht saß, während Steiner von der flutenden Welle hell beleuchtet war, sonst hätte es diesem nicht verborgen bleiben können, wie Röte und Blässe auf dem Gesicht des Freundes kamen und gingen, und die pochende Schläfe genug von dem rasenden Herzschlag verriet, um die innere Erregung des Mannes offenbar werden zu lassen. Doch der Redakteur merkte nichts von dem allen, sondern legte jetzt noch den Kopf in die Hand, um aufmerksam der etwas heiseren Stimme Ravens zu lauschen. Er schob alles, was ihm befremdlich schien, auf die begreifliche Aufregung eines Dichters, der die Ideen einer neuen Arbeit entwickelt, um ein objektives Urteil darüber zu hören.
Hartwig Raven trug in kurzen Umrissen die Handlung von Marens Roman vor das Forum eines erfahrenen Schriftstellers. Seien Stimme war belegt, aber sie bebte nicht. Es gab kein Zurück mehr, er war entschlossen, den geistigen Diebstahl an der Toten zu begehen. Hätte er das wachsende Interesse bei seinem Zuhörer bemerkt, so würde er jetzt nicht so zaghaft zu ihm aufsehen, um seien Meinung zu hören.
„Ein wundervoller Stoff, und der Aufbau vorzüglich gelungen. Ist dir das Milieu vertraut?“
Raven sah auf die Blätter nieder, die er mit nervöser Hast zusammenfaltete, ehe er mit der Lüge antwortete: ‘Ich verbrachte die Pfingsttage in Schleswig, um mir die Umgebung und namentlich den Holm daraufhin anzusehen, ob sie als Schauplatz für die Handlung taugen. Es ist mal ein andres Stück der Wasserkante, noch nicht so abgegrast wie alles andre.“
Steiner blickte schweigend auf sein Gegenüber, der in diesem Augenblick einen so trivialen Ausdruck fand, während bei ihm die Fantasie schon an der Arbeit war, den Stoff zu meistern.
„Damit ist es nicht genug, Raven, dass du einige Tage dort warst. Land und Leute musst du kennen wie ein Eingeborener.“
„Darum will ich jetzt hin. Doch Land und Leute kenne ich schon lange, sie sind mir ganz vertraut, wenn auch nur durch die Erzählung andrer.“
„So. – Ach, nun weiß ich auch durch wen. Du brauchst nicht rot zu werden. Maren war‘s, unsre blonde Maren, das Holsteiner Kind. Weißt du, dass ich dir damals dein Glück ehrlich neidete? Sei unbesorgt, ich ehre deine Diskretion, aber dass sie dich uns allen vorzog, das sah doch ein jeder. Ein Jammer, dass sie krank werden musste, ich habe sie als geschickte Arbeiterin sehr entbehrt. Ich sandte noch ein Manuskript nach Schleswig, aber die Entfernung war doch zu störend. Wie geht es ihr?“
„Sie ist tot – “
„So. – Für die Ärmste die beste Lösung; ich ahnte nicht, dass sie so schwer krank war.“
„Sie starb an Schwindsucht. Das Heimweh trieb sie, zu der Scholle heimzukehren, wo sie geboren war. Das dortige Klima war gleich Mord, aber sie wollte es nicht anders.“
Im Verlauf des Gesprächs gelang es Raven, seine Fassung wiederzugewinnen. Sein böses Gewissen hatte ihn bei den arglosen Worten seines Freundes erbeben lassen, denn er fürchtete, entlarvt zu sein. Um Steiner von dem gefährlichen Thema fortzulocken, begann er wieder, von seinen Plänen zu erzählen.
„Ich will also morgen nach Schleswig abreisen. Die Vorarbeiten für den Roman sind beendet. Dort an Ort und Stelle will ich ihn vollenden.“
Steiner nickte befriedigt vor sich hin, unterbrach Raven aber mit keinem Wort – er ahnte, dass nun die Hauptsache kam, die auch ihn anging oder vielmehr nur ihn.
„Ich denke, dass ich es bis Ende Juni schaffe.“ Raven machte eine Pause – es war doch nicht so leicht, das zu sagen, was er auf dem Herzen hatte. In diesen Augenblick erschien es ihm unverschämt, die Bitte an den Freund zu richten.
Der Redakteur bemerkte den Kampf, den der Freund mit seinem Stolz auszufechten hatte. Dieser hatte nie verstanden, zu bitten. So sagte Steiner denn ermunternd: „Schieß‘ los, Raven! Die Viertelstunde ist schon um. Na, Menschenskind, was ist‘s? Brauchst du den Redakteur oder den Freund?“
„Beide!“ rief Raven erleichtert, als er das herzliche Lachen Steiners hörte. Es duldete ihn nicht mehr auf seinem bequemen Sessel, er lief in dem weiten Raum auf und ab, stand dann vor dem Freunde, der erwartungsvoll zu ihm aufsah, still, legte ihn die Hand auf die Schulter und bat nach tiefem Atemholen: „Wenn der Roman gut wird, Steiner – ich setze dieses Mal meine ganze Kraft daran -, willst du ihm dann eine Stelle in deinem Blatt einräumen?“
„Natürlich!“ erwiderte Steiner und sprang auf, froh, dass die Sache erledigt war.
„Ich danke dir, aber ich bin noch nicht zu Ende. Für meine Existenz ist es notwendig, dass er sofort erscheint, um noch zum Weihnachtsmarkt im Buchverlag herauszukommen.“
„Hm, den Teufel auch- bescheiden bist du nicht! brummte Steiner vor sich hin.
„Denke, dass es die erste Bitte ist, die ich an dich richte. Mein Vater ist gestorben“
„Ah, das ahnte ich nicht. Du armer Kerl, meine herzlichste Teilnahme! Hat er sehr gelitten?“
„Ich danke dir, Steiner, er hat einen sanften, schmerzlosen Tod gehabt. Die Mutter ist jetzt auf ihre kleine Pension angewiesen, mein Zuschuss ist damit hinfällig geworden.“
„Jetzt verstehe ich dich. Nun bist du ganz allein auf dich angewiesen, das ist hart – namentlich für einen Menschen wie du einer bist. Du weißt, dass meine Kasse stets für dich offen ist.“
„Nein, so nicht, Steiner. Ich will nur den Lohn meiner Arbeit, darum sprach ich die Bitte aus.“
Ein klopfen unterbrach das Gespräch, der Diener trat ein und brachte die Post. Der Redakteur bat Raven, sich einen Augenblick gedulden zu wollen, und las die Eingänge. Eine schwarz umränderte Anzeige, war darunter. Als er sie entfaltete, blickte er eine Weile sinnend vor sich hin, dann stand er auf und drückte Raven die Hand: „Das Glück ist mit dir. Soeben erhalte ich die Todesanzeige des Verfassers der Arbeit, die ich im Juli oder August zu veröffentlichen gedachte. Ich hatte es ihm fest versprochen, und ich pflege mein Wort zu halten. Sein Tod macht mich frei, da auch keinerlei pekuniäre Gründe vorliegen, dass seine Erben mit dem baldigen Eintreffen des Honorars rechnen. Der Mann ist schwer reich gewesen. Sollte also dein Roman meinen Erwartungen entsprechen, und ich habe alles Vertrauen dazu, so soll er sofort nach Eingang gedruckt werden. Keinen Dank, Raven, das ist unnötig. Brauchst du meine Verbindungen später beim Buchverlag, so soll es mir lieb sein. Und nun Glück auf dem Weg, wage den stolzen Flug! Vergrabe dich droben an der Wasserkante in einem ganz stillen Winkel, gehe den Weibern nicht fein artig entgegen, sondern weit aus dem Weg und arbeite – arbeite, als ob dein Leben davon abhänge. Dann wird es schon werden. Der Stoff ist wunderbar, das Milieu ist sehr eigenartig, so versenke dich darein, bis alles, was du mit deinem geistigen Auge erschaut hast, als lebendiger Quell hervorbricht. Ich sehe es dir an, du kannst es gar nicht erwarten, mit der Arbeit zu beginnen. Das ist die rechte Stimmung, Raven, ich kenne es von mir selber. Der Dichter sagt: ‚Schaffe wie ein Gott und vollende wie eine Biene. ‘ Das ist ein kluges Wort, wähle es dir zum Leitmotiv. Gott befohlen, Freund, nach den Kampf sehen wir uns hoffentlich als Sieger wieder.“

Die nächste Fortsetzung erscheint am Freitag, den 26. Januar 18.