Hier geht es zum Anfang, zur 1. Fortsetzung  und zur 2. Fortetzung und hier ist ein eine kurze Zusammenfassung des Inhalts und Informationen über die Autorin

Welch ein Wandel war in der kurzen Spanne Zeit über ihn gekommen, seitdem er die Nachricht von Marens Tod bekommen hatte und sein Dämon ihn vorwärts trieb auf der Straße, die ihn zum Gipfel des Ruhmes führen sollte. Es war ganz sonderbar, wie sicher er seiner Sache war. Er fühlte, dass er Sieger sein würde. Die Arbeit der Geliebten, von ihm überarbeitet, musste Aufsehen erregen, das Entgegenkommen seines Freundes bewies es vom neuem. Ein Zurück gab es jetzt nicht mehr, also vorwärts!
Er öffnete die Tür zur großen Halle, wo all die Armen saßen, die hier ihr Heil erwarteten. Sie blickten ihm entgegen, als ob er der schmerzlich erwartete Bote sei, der sie vor das Auge des allmächtigen Redakteurs führen sollte, dessen Sprechstunde begonnen hatte. Er erschien ihnen als ein Begnadeter, einer von den Großen, der hier der Willkommene war, als er, rasch an dem sich höflich verneigenden Portier vorbeischreitend, die Treppe gewann, die nach unten führte. Keiner ahnte es, was ihn zu dieser Eile trieb. Raven konnte den Menschen nicht ins Auge schauen, die ernsten, blauen Augen blickten scheu an ihnen vorbei. Diese Wartenden waren ehrliche Arbeiter, aber er – er wollte sich als Dieb auf heimlichen wegen das erschleichen, was auch all diese Armen erhofften und ersehnten.
Er sprang in die erste Elektrische, die ihn nach Hause brachte, und begann sofort mit den Vorbereitungen seiner Abreise. Frau Müller jammerte, als ihr der bequeme, pünktlich zahlende Mieter kündigte, und bereitete unter tiefen Seufzern ein einfaches Mittagessen, da Raven keine Lust verspürte, auszugehen. Er wollte keinen bekannten Menschen mehr sehen. In Schleswig kannte ihn keiner, dort würde es mit seiner Stimmung schon besser werden. Mit großem Geschick verpackte er alles, was hierbleiben sollte, in Koffer und Kisten. Er schrieb den Brief an den Spediteur, der schon öfters seines Amtes bei ihm gewaltet hatte, und begann alsdann seine Finanzen zu ordnen. Da er in diesem Punkt ein sehr ordentlicher Mann war, war auch das bald erledigt. Frau Müller wischte sich eine Krokodilsträne aus den Augen, als ihr Mieter ihr eine kleine Gratifikation zuschob, und schmückte den Mittagstisch mit einem Blumenstrauß.
Als Raven sein einsames Mahl gehalten hatte, setzte er sich wieder an den Schreibtisch und machte sich einen Kassenüberschlag. Die kleine Summe, die er sich erspart hatte, würde bei großer Sparsamkeit, drei Monate reichen, dann hatte er das Honorar in Händen. Viertausend Mark waren ihm gewiss.
Ihm schwindelte, als er an diese Summe dachte. Von Jugend an hatte er sparen müssen, bis er als Mitarbeiter bei einer großen Zeitung ein auskömmliches Gehalt erhielt, das noch erhöht wurde durch die vielen Nebeneinnahmen, die seine gewandte Feder ihm eintrug. Dazu kam der Zuschuss, den der Vater gab und der gerade für die Miete reichte, denn Raven legte stets Wert darauf, in einem anständigen Quartier zu wohnen. Man hielt ihn in seinem Freundeskreis für viel wohlhabender, als er war, da er nie Schulden machte und sein Auftreten stets nobel war. Auch sein Anzug war immer gewählt und nach der neusten Mode. Ein billiges Abonnement bei einem guten Schneider verschaffte ihm diese Möglichkeit. Da seine gute Figur den Meister Reklame machte und ihm viele Kunden zuführte, so kam ihm dieser im Preise gefällig entgegen.
Aber Raven war ein Genussmensch und neidete den höheren Zehntausend ihren Platz am Tisch des Lebens. Seine Brust barg nur den einen großen Wunsch, reich zu werden. Auch der Ruhm, der berühmte Name würden ihm nur Mittel zum Zweck sein – er ersehnte für sich ein behagliches, genussreiches Dasein, in dem ihn die Arbeit nur vor Langeweile und Übersättigung schützen sollte. Brachte ihm das Buch als Sieg, dann war für lange Zeit gesorgt, dass auch seine minderwertigen belletristischen Arbeiten willige Aufnahme fanden. Vor allem aber sollte ihm der Erfolg dazu verhelfen, dass er eine reiche Frau fand, die ihm über die Misere des Lebens empor hob und seine Zukunft für alle Fälle sicherstellte.
Steiner hatte dieses Ziel erreicht, obwohl er, dank seiner genialen Begabung, nicht auf das Vermögen von seiner Frau angewiesen war. Dass er sich noch weiter in der Fron seines Berufes quälte, schien einem Raven unverständlich. Arbeit um der Arbeit willen- nein, das lag ihm nicht, für ihm war es nur ein bitteres Muss.
Die Uhr schlug sechs, es war Zeit, die Koffer zu packen, da er mit dem Nachtzug nach dem Norden zu fahren gedachte. Er legte die große Handtasche geöffnet auf den Tisch und holte mit einer Art heiliger Scheu das Manuskript aus dem Schreibtisch hervor, in dem er es vorsorglich verschlossen hatte. Ebenso behutsam verpackte er es in der Tasche, von der er sich nicht zu trennen gedachte, da sie den Schatz barg, den die Zukunft ihm in gangbare Münze umwechseln sollte. Dann trug er alles herbei, was er für einen längeren Aufenthalt gebrauchte und füllte den Koffer damit.
Draußen klingelte es; Frau Müller brachte die Post. Raven hielt wieder einen Brief aus Schleswig in der Hand. Was konnte er bringen? Seine Hände zitterten, als er ihn erbrach. Wieder von diesem Doktor Hoffmann.

Sehr geehrter Herr!

Der Wirt von Maren Jebsen, Süver Krübbe, bittet mich, Ihnen mitzuteilen, dass die Verstorbene Ihnen verschiedene Sachen vermacht hat, unter anderem auch ihre Schreibmaschine. Wollen Sie uns Bescheid zukommen lassen, ob Sie die Erbschaft antreten wollen. Das Verzeichnis der übrigen Sachen liegt bei.
Ergebenst Hoffmann.

Raven las die Liste durch. Lauter kleine Andenken waren es, zumeist seine Geschenke, auch ein Paket Briefe in der Schatulle, die er ihr eigens dazu verehrt hatte, und ein Manuskript. Hoffentlich das Original ihres Romans, dann war er gegen jede Entdeckung seines Diebstahls gesichert. Die Schreibmaschine war ihm besonders willkommen, er würde den Roman selber kopieren, da es ihm wiederstrebte, ihn andern Händen zu überlassen. Nun konnte er die Antwort persönlich überbringen und hatte gleich Gelegenheit, in Süver Krübbe einen der Menschen des schwerfälligen Schlages kennenzulernen, wie sie in Marens Roman so urwüchsig geschildert waren.
Der Grund zu einer Reise nach Schleswig war nun gegeben, auch dem Arzt gegenüber, der anscheinend Maren doch menschlich nahegekommen war. Nun galt es, die Komödie weiterzuspielen. Er würde erklären, die Stadt habe für ihn ganz besondere Reize, die ihn nicht wieder losließen. Den Stoff trüge er schon lange mit sich herum, den Schauplatz würde er auf den Holm verlegen- kurz und gut, die Sache machte sich ganz natürlich und konnte keinen Argwohn erwecken.
Doch plötzlich lief es kalt den Rücken herunter. Seine Depesche an Maren! –  Das war ihm bis jetzt ganz entfallen. Na, da musste eben wieder eine dreiste Lüge helfen. Aber wenn dieser Arzt, den er schon zu allen Teufeln wünschte, von dem Roman wusste? Vielleicht ihn sogar gelesen hatte? Das wäre eine Tücke des Zufalls, die allerdings all seine Pläne und stolzen Hoffnungen zunichte machen würde. Es galt darum, sofort mit Hoffmann in Verkehr zu treten, damit er darüber Gewissheit erhielt.
Mit einem hässlichen Fluch zerriss Raven den Brief und beendete dann in fliegender Hast die Reisevorbereitungen. Aber die ganze Nacht hindurch klang ihn das Rasseln, Stoßen und Ächzen des dahin rasenden Eilzuges hinein stets dieselbe Frage: „Was weiß Doktor Hoffmann?“
In der Morgenfrühe kam Raven in Schleswig an, es hatte ihn in Hamburg keine Ruhe gelassen. Nun wanderte er durch die Straßen der eben aufwachenden Stadt, sein Gepäck ließ er bis auf weiteres noch auf dem Bahnhof zurück. Ein herrlicher Maimorgen war es, Schleswig-Holstein grüßte Hartwig Raven mit seinem sonnigsten, strahlendsten Lachen. Über der Schlei lagen noch zarte Nebel, aber je höher der Angekommene stieg, umso klarer wurde die Aussicht. Und als habe die Landschaft nur auf ihn gewartet, so breitete sie, als er droben auf der Königskanzel stand, ihren ganzen Zauber vor ihm aus.
Zu seinen Füßen lag die Stadt mit der herrlichen Domkirche, in weitem Halbkreis vom Waser steil zu den Höhen ansteigend das Gewirr von Türmen, roten Dächern und wunderlichen Giebeln, oft eng ineinander gedrängt und wahllos durcheinandergewürfelt, wie nur die gute alte Zeit zu bauen verstand. Zu beiden Seiten dehnen sich die üppigen Wiesenflächen mit dem prächtigen Vieh. Der Tiergarten und das Pöhler Gehege umgeben Schleswig mit dem tiefdunklen Kranz ihrer Eichen und Buchen, während die breite Wasserfläche der Schlei in duftigem Silberton der Nebel nur mit heimlichem Aufblitzen ihrer Lichter die Reize verriet, die sie wie eine verschämte Schöne in wallenden Schleiern verbarg. Von dem anderen Ufer grüßte das liebliche Haddeby herüber mit seiner uralten Kirche und den dunklen Wassern des Selker Noor.
Hartwig Raven stand und schaute, er trank die reine, taufrische Schönheit dieses ersten Morgens in sich hinein und gedachte der Toten. Eine wunderliche, Stimmung hatte ihn erfasst. Die Bürde heimlich schwerer Schuld schwand in nichts dahin vor der unbegrenzten Dankbarkeit gegen Maren, dem geliebten, opferfreudigen Weibe, die ihm, wie sie sich selbst ihm zu eigen gegeben hatte mit all ihrer Schönheit und der Reine ihrer ersten Liebe, nun auch noch das Gnadengeschenk zukünftigen Ruhmes darbot, ohne für sich etwas andres zu verlangen als ein treues Gedenken.
Er wollte ihr einen Tempel der Erinnerung errichten, wie es noch keiner getan! Mit heißem Dank würde er ihn in stillen Stunden betreten und stets dessen eingedenk bleiben, was sie ihm gewesen, für ihn getan.
Was konnte der Toten Ruhm und Ehre bedeuten!
Schwebte sie wirklich verklärten Leibes droben im ewigen Licht, so würde sie lächelnd seiner Bitte, die er in dieser weihevollen Stunde an sie richtete, Gewährung geben. Da sie ihm im Leben nichts abzuschlagen vermochte, warum sollte sie es im Tode tun?
Lange stand er so, rund um sich her die Heimat seiner Maren, die er grüßte, als sei sie auch die seine geworden, und die er schon liebte, wie er ihre schöne Tochter, das blonde Mädchen von der Wasserkante, geliebt hatte. Dann stieg er langsam zum Holm hinunter – er war in der richtigen Stimmung, an Marens Grab zu treten, ohne die Stirn beugen oder die Augen niederschlagen zu müssen unter der erdrückenden Last seiner Schuld.
Er fand den kleinen Führer in einem frischen Jungen, der ihn von der Königskanzel auf einem Richtweg nach dem Holm führte. Von der Höhe ging es abwärts auf wunderlichen Wegen. Sie überschritten die Strecke der Kleinbahn und nahmen die Sperrungen der Viehkoppeln vermittels dort angebrachter Trittbretter oder einem kühnen Sprung, liefen durch das samtgrüne Gras, auf dem sich das Hornvieh schon wohlig erging, und gingen auf einem schmalen Steig, der nur Eingeweihten bekannt war, am Holmer Noor und seinen gefährlichen, dicht bewachsenen Moorlöchern vorbei direkt auf die Schlei zu, die jetzt im hellsten Sonnenglanz strahlte und flimmerte, dass man die Augen geblendet schließen musste.
Nun war die Norderholmstraße erreicht, der kleinen Führer entlassen, und Raven ging allein auf sein, nicht mehr zu verfehlendes Ziel zu. Immer langsamer wurde sein Schritt, dieser Gang fiel ihm schwer – schwerer, als er sich es eingestehen mochte. Und als er auf dem Friedhof stand und die Pforte öffnete, mit den Augen das frische Grab Marens suchend, fiel all seine jesuitische Begründung in nichts zusammen, sein Vorhaben stand plötzlich in seiner ganzen brutalen Nacktheit vor seiner Seele, gerade wir vor seinem leiblichen Auge der gelbe Erdhaufen drüben mit den wenigen trockenen, im Winde raschelnden Kränzen.
Er war zur Stelle! Kein andres frische Grab war zu erblicken; Raven stand an der Stätte, wo all die Liebe und Schönheit, die ihm schrankenlos zu eigen gehört hatte, zum letzten Schlaf gebettet lag.
Das Antlitz des einsamen Besuchers blickte finster zur geweihten Erde nieder. Wo war der lachende Übermut geblieben, der vor wenigen Minuten noch hindurchgebrochen war wie in früheren Zeiten, wenn er Seite an Seite mit der Geliebten, in der freien Natur umherschweifend, sich neue Pfade zu seinem Ziel gesucht hatte? In dieser Minute fühlte er es wieder stärker denn je: mit der Schuld, die er sich aufgeladen hatte, schritt es sich schlecht durch das Leben. Mit dem unbekümmerten Frohsinn war es vorbei, es galt jetzt, sich hart zu machen der Stimme gegenüber, die aus der kühlen Erde flüsterte und fragte. Der Lebende nahm sich sein Recht, und die Tote konnte es ihm nicht wehren. Ein Rascheln und ein dumpfer Fall ließen Raven zusammenschrecken, einer der Totenkränze hatte dem lustigen Blasen des Windes nicht widerstehen können und glitt an dem Grabhügel nieder, einige Brocken der harten Erde mit sich reißend. Das Gesicht des Mannes war erdfahl geworden, er wagte es nicht, die Hand nach dem welken Laub zu strecken, um es wieder auf seinen Platz zu legen, sondern er hob flüchtend den Fuß. Dies war kein guter Platz für den, dessen Gewissen unruhevoll schlug.
Sein Besuch war aber nicht ungesehen geblieben. Als er durch die Pforte hinausschritt, trat Süver Krübbe aus seiner Haustür und blickte ihm mit einem forschenden Blick seiner scharfen Augen entgegen.
„Sie kommen von Marens Grab, Herr?“
Raven fuhr bei der plötzlichen Anrede zusammen, er hatte des Stelzfußes in der Tür gar nicht geachtet. Die raue Stimme fiel misstönend und scharf auf seine erregten Nerven.
„Ich denke, Süver Krübbe irrt sich nicht, wenn er meint, Herrn Doktor Raven vor sich zu sehen,“ fuhr der Alte fort. „Ihr Aussehen, Herr, spricht besser als Worte. Auch Sie haben unsre Maren liebgehabt. Kommen Sie hinein, ihre Stube ist noch ganz unverändert. Recht, dass Sie gekommen sind, da macht sich alles leichter als mit Schreiben. Ein mühselig Amt ist unsereins. Drum hat der Doktor auch den Brief schreiben müssen. Gehen Sie nur hinauf, Herr, mit dem Stelzfuß bleib’ ich lieber drunten. Können nicht fehlen, die einzige Stube ist’s man. Von da können Sie auch ihr Grab sehen. Der Schlüssel im Spind steckt, da liegen auch ihre Papiere, und die Schatulle steht in der rechten Ecke auf dem zweiten Bord. Es ist mir lieb, dass sie nun an den rechten Herrn kommt, kein Auge hat hineingesehen, können’s mir glauben, Herr. Hier ist der Schlüssel, ich habe ihn abgezogen, meine Frau – na, Sie wissen, wie Weiberleute sind. Man muss sie nicht in Versuchung führen.“
Das raue, joviale Lachen des Fischers begleitete die letzten Worte, dann ging er unten in seine Stube und ließ Raven allein. Es war besser so, der Mann sah ja aus, als habe er dem leibhaftigen Tod ins Angesicht gesehen. Der auch er musste allein sein, wenn er Marens Stube betrat und ihren letzten Gruß las. Er hatte das Papier mit den wenigen kaum leserlichen Worten in der Schatulle obenauf gelegt. Dort würde er es finden.
Wie erstaunt hätte Süver Krübbe dreingeschaut, wenn er durch die altersgraue Decke hätte blicken können. Kaum, dass Raven droben eingetreten war, so schloss er auch die Tür ab und begann mit fieberhafter Hast nach dem Manuskript zu suchen. Maren konnte zwei Kopien angefertigt haben, auch war die erste Niederschrift wohl noch vorhanden. Er hatte nicht eher Ruhe, als bis er alles in seinen Händen wusste. Ein Paket, sorglich zugeschnürt und versiegelt mit der Aufschrift: „Nach meinem Tode Herrn Doktor Raven zu übermitteln!“ versehen, lag in einer Ecke.
Er riss die Umhüllung herunter und atmete tief auf. Dort war das, was er suchte. Wie Bergeslast fiel die Furcht von ihm ab. Wer so sorglich alles verpackt hatte, würde nicht andern Augen einen Einblick gewährt haben. Er griff nach der Schatulle, die Briefe wollte er sofort verbrennen. Er mochte die beredten Zeugen jener Zeit nicht mehr vorhanden wissen. Was schreibt man nicht alles, das Papier ist nur zu geduldig und bewahrt getreulich schwarz auf weiß all die Worte auf, die besser der Wind als Spreu verwehen müsste. Sie wiegen ebenso leicht.
Schon wollte Raven den Inhalt des Kastens auf den Tisch schütten, als er einen Zettel entdeckte, der obenauf lag. Die Rede des Fischers fiel ihm ein. Marens Schrift war kaum zu erkennen, so unsicher war die Hand gewesen, die die wenigen Worte geschrieben hatte: „Ich weiß meine Sache in guten Händen, du magst das Lorbeerzweiglein des Erfolges, wenn die Welt es mir reichen sollte, in einen Kranz flechten und auf mein Grab legen. Mein letzter Gedanke in dieser Welt gehört dir, liebster Mann, du hast deine Maren sehr glücklich gemacht. Leb‘ wohl!“
Die Hände, die den Zettel hielten, zerdrückten ihn, und in den blauen Augen Ravens sprühte der jähe Zorn auf. „Die Tote soll schweigen,“ so sprach es aus jedem Zug des finsteren Gesichts. Unschlüssig blickte Hartwig zum Ofen hin, er überlegte. Es schien ihm unvorsichtig, hier die unbequemen Papiere zu verbrennen. Da fiel sein Auge auf eine lederne Handtasche, die er einstens Maren geschenkt hatte, diese gehörte ja auch zu seinem Erbe. Das war ein guter Gedanke, dort hinein würde er alles verpacken, was ihm gehörte. Die Schreibmaschine konnte ihm in sein Quartier nachgeschickt werden. In wenigen Minuten war alles geborgen; mit der Tasche in der Hand stieg er wieder die Treppe hinab und trat bei Süver Krübbe ein.
„Ich habe all die Andenken, die Fräulein Jebsen mit vermachte, hier hineingepackt, Herr Krübbe, die Papiere auch. Später werde ich Bescheid schicken wegen der Schreibmaschine. Ihre Heimatstadt gefällt mir so gut, dass ich wohl einige Zeit hierbleiben werde. Wenn es Ihnen recht ist, spreche ich auch mal hin und wieder hier bei Ihnen vor.“
„Das soll mir lieb sein, Herr. Und die Bekanntschaft mit Doktor Hoffmann müssen Sie auch machen. Das ist ein Mann! Wie ein Bruder war er zu unsrer Maren.“
Raven nickte nur und verließ das Haus. Bis zur Tür gab der Stelzfuß ihm das Geleit, dann sah er ihm mit ernsten Augen nach und sagte zu der hinzugekommenen Frau: „Mutter, wie dat hart ihm brennt. Dat is en gauden Minschen. Ja – ja, de Maren – wie ’ne Dochter was sei to mi.“

Viertes Kapitel

Von Tag zu Tag hatte Raven aus innerer Furcht den Besuch bei Doktor Hoffmann verschoben, doch heute, es war ein Sonntag, ging er um vier Uhr zu ihm in der sicheren Erwartung, den vielbeschäftigten Arzt zu Hause zu finden. Doch sollte er sich getäuscht haben. Schon wandte er sich zum Gehen, als eine elegante Dame die Haustreppe emporschritt und vor ihm stehenblieb. „Ja, doch er ist nicht zu Hause,“ erwiderte Raven.
Er blickte völlig verblüfft auf die eigenartige Persönlichkeit dieser Doktorfrau.
„Darf ich vielleicht eine Bestellung entgegennehmen?“ fragte Marianne.
„Mein Name ist Raven, gnädige Frau. Ich komme in einer persönlichen Angelegenheit.“
„Ah, Sie sind Doktor Raven, der Schriftsteller.“
Mariannes Augen leuchteten in glühendem Interesse auf, den Mann kennen zu lernen, der schon einmal ihre Phantasie beschäftigt hatte. Was führte denn den hierher?
„Sie kennen mich?“ fragte Raven erstaunt.
„Nur Ihren Namen, und das auch durch einen sonderbaren Zufall. Eine Patientin meines Mannes kopierte eine Ihrer Arbeiten, und mein Mann, gefällig wie er ist, trug das Paket zur Post.“
„Da sind wir ja gewissermaßen schon bekannt miteinander,“ erwiderte Raven, und mit einem Aufblitzen seiner schönen Augen blickte er die junge Frau bedeutsam an.
„Natürlich, und darum glaube ich keine Fehlbitte zu tun, wenn ich Sie auffordere, bei uns einzutreten und meinen Mann zu erwarten.“
Raven verbeugte sich schweigend und folgte nur zu gern der freundlichen Bitte. Er ließ keinen Blick von der entzückenden jungen Frau, der er behilflich war, die Jacke des hellen Tuchkleides auszuziehen, bevor noch das unbeholfene Mädchen zusprang. Die Pelzstola behielt Marianne noch um den schlanken Nacken, nur den Hut legte sie ab, dann schritt sie ihm voran durch den engen Flur und machte die Tür zu ihrem Zimmer auf.
„Sie müssen entschuldigen, dass es hier an einen Neubau erinnert, die Handwerker sind noch nicht fertig. Ich habe mir ein neues Musikzimmer geschaffen durch Verlegung der Küche in den Flügel. Hier waren früher drei kleine Löcher, und nun ist es ein schöner, heller Raum geworden, dessen Werden selbst meinem Mann Freude gemacht hat.“
„War er denn gegen den Bau?“
„Ja, er ist sehr konservativ, aber neuerdings beschränkt er diese Eigenschaft nur auf sein Reich. Ich darf dagegen in dem meinen nach Belieben schalten und walten.“
„Das ist sehr verständig gedacht und müsste in jeder Ehe so sein.“
Sie traten über die Schwelle des neuen Zimmers, dessen Wände noch kahl waren. Der Maler hatte sein Werk gerade vollendet, das Parkett lag auch schon, doch jedes Meublement fehlte bis auf den Flügel. Marianne blickte aber mit leuchtenden Augen umher, sie sah den weiten Raum im Geist, wie sie sich ihn ausgedacht hatte. Und als sie in den Augen ihres Begleiters volles Verständnis zu sehen glaubte, berichtete sie vertraulich, wie alles werden sollte.
Hier an dem hellen, großen Fenster wird ein behagliches Plaudereckchen geschaffen. Palmen, blühende Gewächse und eine schöne Statue in weißem Marmor gehören hierher. Der Flügel bleibt, wo er steht, es ist ein Blüthner. Hören Sie mal diesen Ton!“ Sie eilte zu dem Instrument und schlug den Deckel auf, einige Akkorde anschlagend. „Ist es nicht herrlich?“ fragte sie. Ihre Augen hatten wieder den Ausdruck von seligen Kinderaugen.
„Nicht aufstehen!“ bat Raven, ganz hingerissen von ihrem Anblick. „Sie scheinen eine Künstlerin zu sein. Bitte, spielen Sie etwas, was es auch sei. Es klingt zu schön hier in diesem Raum.“
„Nicht wahr? Und der Ton ist so weich und doch so voll.“
Marianne blickte eine Weile überlegend vor sich hin, dann suchte sie mit ihren großen, dunklen Augen, die eine wunderliche Sprache redeten, den fremden Mann, der so plötzlich an ihrem Wege aufgetaucht war und doch schon wie etwas längst Bekanntes in ihrem Leben stand. Leise ertönte eins der wundersamen Lieder ohne Worte; die Melodien sangen und klangen. Der jungen Frau war es, als sei ein großes, seliges Glück gekommen und erfülle ihr warmes Herz mit wonniger Luft. Dem einen Lied folgte ein zweites, und der Mann, der am Fußende des Flügels lehnte, stand unbeweglich und fragte sich, ob er schon jemals in seinem Leben einem so reizvollen Weibe begegnet sei, wie dieses da vor ihm. Vertraulich und unbefangen wie ein Kind, doch in den klugen Augen eine Fülle von Gedanken, dazu diese wunderbare musikalische Begabung! War es vielleicht, dass ihn die Zeit der Einsamkeit besonders empfänglich gemacht hatte, und dass fern von der Hauptstadt, wo alle Sinne an Übersättigung litten, ihm die Kraft wurde, sich zu begeistern? Raven wusste es selber nicht, er fühlte nur das eine, dass diese Frau ihm bald mehr werden würde, als es für ihn und sie gut war.
Was sagte doch Freund Steiner beim Abschied: „Gehֹ’ den Weibern weit aus dem Weg!“ Aber er sagte es nur, weil er an die zu leistende Arbeit dachte, doch die war ja ein Kinderspiel für ihn, er hatte ja schon das erste Drittel vollendet, und es packte ihn oft ein Rausch, wenn er das Fertige überlas, so groß und schön war es geworden. Es galt ja nur, das zu gebrauchen, was Marens Arbeit ihm in solch reicher Fülle darbot.
Die Töne verklangen, die beiden Menschen fanden sich in die Wirklichkeit zurück. Marianne stand auf und beschuldigte sich der Rücksichtslosigkeit, aber die Freude, auf dem herrlichen Flügel spielen zu dürfen, sei noch zu neu für sie.
„Der alte war ein Klapperkasten, nicht fünfzig Mark habe ich für ihn erhalten.“ Sie lachte ihr leises, bezauberndes Lachen, das stets bei dem Hörer ein williges Echo fand. „Es ist doch etwas Wundersames um solch ein Glück, das wie vom Himmel herunterfällt.“
„Welches Glück? – Einen neuen Flügel zu kaufen?“
Marianne lachte wieder und blickte ihn belustigt an.
„Nein!“ – Noch vieles andre dazu. Ich habe eine Erbschaft gemacht, und das ganz unerwartet.“
„Ich gratuliere!“ sagte Raven launig. „Wohl einen braunen Lappen?“
„Oho, Respekt, mein Herr! Sie sehen eine wirkliche Erbin in der, die früher nicht einen lumpigen Heller ihr Eigen nannte.“
„Also wie das Aschenbrödel im Märchen. Sie haben wohl fleißig gebeten: Wirf Gold oder Silber über mich!“
„Ach, ich hatte andres zu tun. Als wirkliches Aschenbrödel hat man zum Wünschen gar keine Zeit. Doch, jetzt kommt mein Mann. Entschuldigen Sie mich. Ich will ihm entgegengehen.“

 

Die nächste Fortsetzung erscheint am Freitag, den 2. Februar 18.