Hier geht es zum Anfang, zur 1. Fortsetzung , 2. Fortetzung und zur 3. Fortsetzung. Hier ist ein eine kurze Zusammenfassung des Inhalts und Informationen über die Autorin

Raven blieb wie in einem Rausch zurück. Alles um ihn her erschien ihm wie ein schönes Märchen, aus dem er zu erwachen fürchtete. Das war also die Frau dieses Arztes, dessen Dasein er so oft verwünscht hatte. Und sie hatte ihn aufgenommen wie einen alten Freund, nur – weil er Schriftsteller war. Das gab ihm in ihren Augen zweifellos einen Nimbus. Welch wunderliche Laune und welche Überschätzung seiner Person, die erst im Vorhof des Tempels stand, nicht wert, die Schwelle zu überschreiten. Nein, dazu bedurfte es erst der Führung der Toten.
Während Hartwig voller Unruhe in dem gemütlichen Frauengemach umherschritt, eilte Marianne zu ihrem Manne, ihm hastig von dem Eintreffen des Gastes zu berichten.
„Und du hast ihn gleich mit in dein Zimmer genommen, Marianne? Ich begreife dich nicht, einen fremden Herrn führt man doch in das Wartezimmer!“
Die junge Frau blickte Jürgen betroffen an. Jetzt kam ihr ihr Entgegenkommen auch eigentümlich vor. Sonst war sie gar nicht so leicht vertraut mit einem Fremden.
„Ich kannte doch seinen Namen, und er stand so plötzlich vor mir – “stotterte sie.
„Ach so, von dem Paket her, das ich zur Post brachte. Gestehe es nur, Marianne, der Schriftsteller war’s. O du märchenhafte Unschuld du! Ich glaube, in deinen Augen trägt jeder Mann von der Feder eine Dichterkrone auf dem olympischen Haupt. Na, bitte ihn nur hierher, ich komme gleich, ich will mir nur einen anderen Rock anziehen, um den großen Mann würdig zu empfangen.“
Jürgen verschwand in dem Schlafzimmer, und während er rasch Toilette machte – er kam von einem, an schwerer Diphtherie erkrankten Kinde – musste er an das denken, was Süver Krübbe ihm vor einigen Tagen über Raven gesagt hatte. Seine lange Lobrede schloss er in seinem geliebten Plattdeutsch: „Nee, Dokter, wat de mir befragt und wie de tauhiren kann, wenn ick min Garn spinn, dat is idel Spaß. Dat is ’nen ihrlichen Minschen, de kann ik liden. Und uns Maren sitt em noch deip im Harten, de Mann is tru.“
So trat Hoffmann dem fremden Mann mit freundlichen Gefühlen entgegen, denn er legte Wert auf das Urteil seines alten Freundes. Das Äußere nahm auch für ihn ein, der Arzt war frappiert von der stattlichen, männlichen Erscheinung, welcher der Ernst, der sich in seinen Zügen ausdrückte, gut anstand.
„Verziehen Sie, Herr Doktor, dass sich mein Besuch so verzögerte.“
„Da ist nichts zu verzeihen.“
„Sie waren der Verstorbenen ein Freund und nicht nur ihr Arzt. Ich möchte Ihnen dafür danken.“
Hoffmann ergriff die dargebotene Hand und sah dem Sprecher prüfend in die Augen. Ja, Süver Krübbe hatte recht, der trug ehrliche Trauer um die Tote in seinem Herzen. Es war besonders die Schlichtheit seiner Ausdrucksweise, die den Arzt für ihn einnahm. Der Mann machte nicht viel Worte, empfand aber umso stärker.
„Ich tat es gern, Maren Jebsen war mir lieb geworden, und da ich an ihrem Geschick warmen Anteil nahm, so erlauben Sie mir eine Frage. – Nein, fürchten Sie nicht, dass ich indiskret werde!“ rief Hoffmann, als er sah, wie Raven sich verfärbte. „Die Tote hat mir nichts Persönliches aus Ihrem Leben erzählt, ausgenommen das eine, dass sie Ihnen einen selbstverfassten Roman sandte.“
Nun kommt das Schicksal mit harter Hand und entreißt mir den Raub, dachte der Schriftsteller. Ein Schwindel fasste ihn, so dass er nach der Lehne des nächsten Stuhles griff.
„Es ist Ihnen nicht gut. Setzen Sie sich, Herr Raven. Es war taktlos von mir, die Frage an Sie zu richten.“
„Nein, nein, sprechen Sie! Sie lasen den Roman?“ fragte Hartwig mit kaum hörbarer Stimme.
„Ich? – Keineswegs, ich erriet auch nur, dass er von Maren Jebsen geschrieben war, weil sie Ihrer Antwort mit solch brennender Ungeduld entgegensah.“
Raven richtete sich wieder energisch empor, es ging wie ein stolzes Recken durch die schlanken Glieder; die Last, die erdrückend auf ihm gelegen hatte, wog plötzlich federleicht. Nun mochte der indiskrete Mund dort fragen, was er wollte, er würde ihm die Antwort nicht schuldig bleiben.
„Sie kam zu spät,“ fuhr Hoffmann fort. „Ich hätte der Toten noch gern die Freude gegönnt. Sie, der Bescheidendsten eine, verzehrte sich in dem Verlangen nach Ruhm. Sie wollte dem Mann ihrer Liebe ebenbürtig werden.“
Zerschmetternd fielen die letzten Worte auf Ravens Gewissen, aber er fand doch den Mut, zu erwidern: „Und doch ist es gut, dass die Tote die Wahrheit nie erfuhr.“
„Ihre Depesche besagte, dass die Arbeit eine gute sei.“
„Aus Mitleid, Herr Doktor. Sie schrieben mir ja, wie krank Maren war.“
„So war der Roman schlecht?“
„Wie Arbeiten von Anfängern zu sein pflegen. Und dann bedenken Sie den Bildungsgrad der Verfasserin.“
„Freilich – freilich! Es wäre ja auch ein Wunder gewesen. So wollen wir ihren frühen Tod nicht beklagen, der Kranken blieb die bittere Enttäuschung erspart, während die Hoffnung auf Erfolg sie bis zur letzten Stunde begleitete. Das beweist ja das Briefchen an Sie, das sie kurz vor ihrem Tode schrieb. Sie haben es doch erhalten?“
„Alles, Herr Doktor. Süver Krübbe, der treffliche Mann, hat für alles gesorgt.“
„So wollen wir denn die Tote in Frieden ruhen lassen. Worte machen nicht wieder lebendig, was uns an Liebe genommen worden ist. Kommen Sie mit zu meiner Frau, ich denke, wir bleiben noch ein wenig zusammen, wenn es Ihnen recht ist. Es wäre mir leid, wenn Sie schon wieder gingen.“
„Sie sind sehr gütig, Herr Doktor, ich bleibe gern.“
„Das ist nett von Ihnen, Herr Raven,“ sagte Hoffmann, sichtlich erfreut, „und nun soll meine Frau für Kaffee sorgen.“
Mit einem feinen Lächeln empfing Marianne die beiden Herren in ihrem Zimmer, wo sie schon den Kaffeetisch auf das zierlichste gedeckt hatte. Rasch wurde ein drittes Gedeck aufgelegt, und bald war eine lebhafte Unterhaltung im Gange.
„Sie wollen wirklich längere Zeit hier verleben?“ fragte Marianne neugierig.
„Ich studiere Land und Leute, gnädige Frau. Mein neuester Roman spielt hier in Schleswig.“
„Ah, wie interessant! Und darum kamen Sie hierher?“
Ein rascher Blick des Einverständnisses flog zwischen den Männern hin und her, während der Arzt lächelnd dazwischen warf: „Aber Marianne, wer wird so töricht fragen. Der Dichter muss doch das Milieu kennenlernen, wenn er es schildern will.“
„Gewiss, Jürgen, ich verstehe schon. Aber es ist so merkwürdig, dass es gerade unser Schleswig sein muss.“
„Ihr Wohnort übt einen wahren Zauber auf mich aus, gnädige Frau. Ich hatte soviel Schönes über Holstein und namentlich über Schleswig aus liebem Munde gehört, dass ich kurz entschlossen hierher fuhr, um zu sehen, ob der Stoff, den ich schon länger mit mir herumgetragen habe, sich in den Rahmen einfügt. Meine Ahnung trog mich nicht, und so bin ich schon ganz vertieft in meine Arbeit, die mich je länger, je mehr in ihren Fesseln hält.“
„Übertreiben Sie es nicht, Herr Raven, sonst zwingt der Arzt Ihnen Ferien auf.“
„Sie scheinen sehr produktiv zu sein!“ fiel Marianne ein. „Erscheint der frühere Roman schon bald im Druck?“
„Der frühere Roman?“ fragte Raven verdutzt.
„Nun, den die kranke Kopistin abschrieb. Die Ärmste ist ja schon gestorben, erzählte mir mein Mann. „
„Ja, sie hat viel für mich und andre gearbeitet, als sie noch in Berlin war. Sie war eine sehr geschickte Stenotypistin, wir haben sie ungern ziehen lassen,“ berichtete Raven mit einer Gelassenheit, die ihn selbst überraschte. Es war ihm lieb, dass der diskrete Arzt seiner Frau alle Details vorenthalten hatte.
„Und der Roman?“ Marianne blieb beharrlich auf ihrem Thema.
„Der wandert, gnädige Frau. Glücklich der, der nicht an sich erfahren hat, was das heißt. Doch ich denke, wir sprechen jetzt von interessanteren Dingen als meiner Schriftstellerei, die vorläufig noch keinen Menschen in Aufregung gebracht hat,“ scherzte Raven.
„Wo sind Sie eigentlich abgestiegen?“ fragte Hoffmann.
„In einem ganz einfachen Gasthaus am Kornmarkt mit dem seltsamen Namen ‚Kiek in die Stadt’. Der Name reizte mich.“
Der Doktor lachte hell auf. „Da sieht man wieder den Schriftsteller. Unsereins lässt so etwas kalt.“
„Bitte, verallgemeinere nicht, Jürgen,“ warnte die junge Frau. „Mir ist so etwas nur zu verständlich.“
„Gewiss, aber du würdest in Wirklichkeit doch ‚Stadt Hamburg’ vorziehen,“ neckte Hoffmann.
„Ich wählte mein Logis der Studien halber und habe es nicht bereut,“ erklärte Raven. Er verschwieg wohlweislich, dass er seiner Börse zuliebe das billige Quartier ausgesucht hatte. „Das Leben an den Markttagen spielt sich direkt vor meinen Augen ab.“
„Huldigen Sie auch dem Segelsport?“ fragte Marianne.
„Ein wenig, gnädige Frau. Doch hier hoffe ich, tüchtige Fortschritte in dieser Kunst zu machen. Süver Krübbe nimmt sich meiner ehrlich an. Wenn mir meine Arbeit Zeit lässt, sind wir bei günstigem Winde stets draußen. Ich kann mir keinen besseren Lehrmeister wünschen.“
„Er war auch der meine. Mit zwölf Jahren begann meine Lehrzeit,“ erzählte Hoffmann. „Das Segeln ist meine einzige Leidenschaft, aber leider muss sie jetzt vor den Berufspflichten zurückstehen.“
„Leider, wie so manches andre,“ seufzte Marianne.
„In den ersten Jahren unsrer Ehe haben wir manche schöne Fahrt miteinander gemacht, aber jetzt denken wir an so etwas nicht mehr.“
„Möchtest du lieber, dass dein Mann segelt, weil er nichts zu tun hat?“ fragte Hoffmann in leicht gereiztem Ton.
„Das nicht, aber ich möchte, dass du dir auch einmal einen freien Tag machtest.“
„Darin kann ich Ihrer Frau Gemahlin nur beistimmen, Herr Doktor. Warum nehmen Sie sich nicht einen tüchtigen Assistenten? Die sind bei der Überfüllung in Ihrem Beruf leicht zu bekommen und machen keine großen Ansprüche.“
„Das wäre eine Idee, Jürgen!“ rief Marianne begeistert. „Seit dem Umbau haben wir ja reichlich Platz für ihn.“
„Setzen Sie meiner Frau nicht solche Ideen in den Kopf, Herr Raven! Meine Patienten haben mich zu ihrem Arzt genommen, weil sie Vertrauen zu mir haben, und da soll ich ihnen einen Fremden ans Krankenbett senden? Nein, solange ich gesund und leistungsfähig bleibe, bin ich für meine Kranken da und gebrauche keine Hilfe.“
„Und ich? – Sollen wir nie eine schöne Reise machen?“
„Gewiss, Marianne. Ist einmal stille Zeit, so wandern wir für einige Wochen hinaus.“
„Stille Zeit! – Wie lange werde ich damit getröstet. Und Wochen! – Im besten Fall werden acht Tage daraus.“
„Sei doch zufrieden, dass dein Mann den armen Leidenden unentbehrlich erscheint. Du hast es noch nicht an deinem Leibe gespürt, was das heißt, in Schmerzen liegen und auf den vertrauten Arzt warten, der Hilfe bringen soll. Erlebe es nur mal an dir selber, wie es tut, wenn die Augen aufleuchten, wenn du kommst, und die Hände sich dir entgegenstrecken. Unserm Wissen und Können sind die Grenzen eng genug gesteckt, aber wenn es glückt, und wir mit Gottes Hilfe ein kostbares Leben retten dürfen, das ist Lohn genug. Du wirst es mit der Zeit schon einsehen, Marianne, und mich nicht mit unerfüllbaren Wünschen quälen. Wir Ärzte stehen eben auf vorgeschobenem Posten, und der heimlich schleichende Feind ist der Tod.“
„Bravo, Herr Doktor!“ rief Raven in ehrlicher Bewunderung. „Und ich fürchte, ich höre schon den Alarmschuss, der Sie zu den Waffen ruft!“
Das Ehepaar lachte herzlich zu den Worten, denn der scharfe Ton der Klingel schallte durch das Haus und rief den Hausherrn zu einem plötzlich Erkrankten.
„Lassen Sie sich nicht stören. Mein Weg ist nicht weit, in einer halben Stunde spätestens bin ich wieder da. Vielleicht lieben Sie Musik – ja? Umso besser, da hat meine Frau doch die Freude, nicht nur den Wänden vorspielen zu müssen. Sie bleiben, Herr Raven. Nein, keine Weigerung, heute wird es mit Ihrer Arbeit doch nichts mehr.“ Hoffmann nickte ihm noch freundlich zu und eilte hinaus.
„Aber ich fürchte, überlästig zu werden. Haben gnädige Frau nicht irgendetwas andres vor?“
„Ich habe nie etwas andres vor, als allein zu sitzen und zu warten, bis mein Mann heimkehrt.“
„Haben Sie keinen Verkehr?“ Besuchen Sie keine Gesellschaften?“
„Das ist alles für mich verboten. Mein Mann ist gewöhnt, dass er mich stets zu Hause findet, um ihm die wenigen Stunden, die er frei hat, Gesellschaft zu leisten. Nur morgens, wo er seine lange Tour macht, wie ich es nenne, laufe ich spazieren, das heißt nur, wenn ich ein ganz zuverlässiges Mädchen habe, die die einlaufenden Bestellungen entgegennehmen und auch telefonisch meinen Mann von diesen Kenntnis geben kann. Augenblicklich bin ich im Besitze einer solchen Perle.“
„Ein Leben voller Entsagung an der Seite eines Mannes, der ein Fanatiker in seinem Beruf zu sein schient.“
„Ja, Sie haben es richtig ausgedrückt. Das ist’s.“
Marianne blickte eine Weile stumm vor sich hin, dann sprang sie auf. „Kommen Sie, Herr Raven, wir wollen musizieren, ich wette, dass Sie auch ausübend sind.“
„Ich singe ein wenig, doch werden Sie nichts Passendes für mich haben.“
„Singen Sie Wagner?“
„Ja, aber ich fürchte, Sie zu enttäuschen.“
„Kommen Sie, ich habe alle Auszüge seiner Werke hier. Das soll ein Genuss werden!“
Mariannes Begeisterung steckte Raven an, noch nie hatte er so gut gesungen. Vollendet war auch die Begleitung, sie schmiegte sich seinem geschulten, wohlklingenden Bariton an, als ob sie seit langem miteinander eingeübt gewesen wären.
„Es ist eine Lust, mit Ihnen zu musizieren, gnädige Frau, Ihnen steckt die Musik in den Fingerspitzen.“
„Nicht so,“ wehrte Marianne ab, als Raven ihre Hand an die Lippen ziehen wollte. „Nennen Sie mich auch nicht gnädige Frau.“
„Wie denn?“ fragte er belustigt und blickte ihr lächelnd in das Gesicht, dessen Blässe einem weichen Anflug von Röte gewichen war.
„Sagen Sie Frau Hoffmann oder Frau Marianne. Alles ist besser als diese förmliche Anrede, die für meine Lebensstellung gar nicht passt. Eine einfache Doktorsfrau, die Tag für Tag in ihrem Bau steckt.“
„Das liegt nur an Ihnen, Frau Marianne.“ Raven nahm sich natürlich sofort das Recht, die vertrauteste Anrede zu gebrauchen. „Mit Ihrem musikalischen Talent – ich bin überzeugt, ich entdecke auch noch andere – gehören Sie über den Rahmen Ihrer Häuslichkeit hinaus der Allgemeinheit an. Man darf sein Pfund nicht vergraben. Nun spielen Sie, bitte, noch etwas, irgendeine weiche, melodische Weise.“
Raven hatte sich in einen Sessel geworfen, der planlos im leeren Raum stand, und ließ seine Augen mit einem heißen Leuchten auf der schlanken Frauengestalt ruhen, die über ihn hinweg durch das Fenster sah, vor dem die jungen Blätter der großen Linde, die den ganzen Hof ausfüllte, ihre goldenen Schleier breiteten. Die Abendsonne lag auf ihr und sandte die von dem lichten Gezweig gebrochenen Strahlen lockend zu den beiden Menschen hinein, als ob sie sagen wollte: „Kommt doch hinaus und badet euch in meinem Licht! Es ist nur einmal Frühling im Jahr, und solche Sonnentage muss man bei uns im Norden doppelt genießen.“ –
Hörte Marianne, was die Sonne sprach? Unter ihren weichen, schönen Händen quollen die Töne empor und zogen durch das weit geöffnete Fenster hinaus in die blühende, grünende Welt. Ein Frühlingslied war es, und Raven summte leise die Melodie mit, die sich in Fantasien verlos, aus denen sich wie reine Perlen immer wieder die Klänge des Liedes hervorstahlen, bis zum Schluss das Leitmotiv in mächtiger Fülle hervorbrach, den Sänger verlockend, laut mit einzustimmen: „Am Arm meine zitternde Liebe, und dabei zu denken im törichten Traum, dass es ewig, ewig so bliebe.“
Die junge Frau hatte sich selbst übertroffen. War es die Nähe des verständnisinnigen Zuhörers? War es das herrliche Instrument, das unter ihren Händen Leben gewann, oder die weiche, süße Lust, die sie umströmte, und die Düfte des Gartens hineintrug in den Frieden den weiten Raumes. Sie wusste selber nicht, was sich in ihr regte und wie ein lebendiger Bronnen hervorbrach in der Gegenwart des Mannes, der in ihren Augen ein begnadeter Künstler war.
Raven stand auf und beugte sich tief über die ruhende Frauenhand, die er an seine heißen Lippen zog. Marianne wehrte ihm nicht mehr, sie fühlte sich wie im Traum befangen und schrak jählings empor, als von der Tür her die Stimme Jürgens ertönte: Noch immer bei der Musik! Das nenne ich ausdauernd. Ist es Ihnen nicht zu lange geworden, Herr Raven?“‘
„Lange?“ – Nein, Herr Doktor, für zwei solche Musikanten, wie Ihre Gemahlin und ich es sind, schwinden die Stunden wie Minuten. Wie spät haben wir es denn?“
„Na, zwei Stunden war ich fort.“
„Zwei Stunden?“ fragte Marianne und strich sich über Stirn und Augen, als ob sie dort etwas verwischen müsse, was sie am Sehen hinderte.
Hoffmann lachte herzlich und sagte neckend: „Das ist das erste Mal, dass meine Frau nicht die Minuten meines Fortbleibens gezählt hat. Sie hat nicht gemerkt, dass Stunden daraus wurden. Sie können sich etwas darauf einbilden, Herr Raven. Doch nun zu Tisch, ich habe einen Bärenhunger mitgebracht.“
„Ach ja, das Abendessen – “
„Habe ich über meiner Dudelei ganz vergessen,“ scherzte Hoffmann gutgelaunt. „Es ist ja kein Unglück, der Tisch ist bald gedeckt. Ich werde in der Zeit unserm Gast den Garten zeigen.“
Marianne atmete erleichtert auf; sie hatte schon gefürchtet, einen herben Tadel zu erhalten. Mit fieberhafter Geschäftigkeit begab sie sich ans Werk. Das Mädchen war, wie stets am Sonntagnachmittag, beurlaubt, da hieß es, selbst Hand anlegen, sie wollte sich doch nicht als Hausfrau von einer schlechten Seite zeigen. Heute erst recht nicht, ihren Stolz hatte sie auch, und zwar einen ganz unbändigen, der ihr oft genug von Jürgen vorgeworfen wurde, wenn er ihm einmal unbequem wurde. Sonst freute er sich daran mit der sonderbaren Logik, die Ehemänner oftmals ihren Frauen gegenüber entwickeln.
Indessen ergingen sich die Herren in dem Garten, der sich in dem steil ansteigenden Gelände in Terrassen aufbaute, deren höchste ein Wäldchen ausfüllte, das einige herrliche Eichen enthielt, die ihre Wipfel hoch über dem kleineren Volk der Bäume ausbreiteten. Noch hatte sich ihr Laub erst in spärlichem, rötlichem Blätteransatz entfaltet, so dass man noch den Blick auf die schöne Michaelisallee, die auf den Höhen der Stadt Schleswig den grünen Kranz ums Haupt flocht, frei hatte.
Raven dachte, Hoffmann eine Freude zu machen und rühmte die große musikalische Begabung seiner Frau.
„Ja, ja, es ist eine nette Beschäftigung für müßige Stunden, und wenn ich aus dem Hause bin.“
„Sie sind nicht musikalisch?“
„Es langt bei mir nur zu Studentenliedern. In unsrer Familienchronik wird aus meiner Jugendzeit berichtet, dass ich eines Tages zu meiner Mutter gekommen sei und gefragt habe: Mutter, was soll ich machen? Ich muss doch in der Kirche mitsingen, aber die Geschwister sagen, ich brächte sie heraus, da ich so falsch sänge. Und ich singe doch so gern.“
Raven musste in das herzliche Gelächter Hoffmanns mit einstimmen, mit dem er sich über sich selber lustig machte, dann fragte er: „Was antwortete Ihre Mutter hierauf?“
„Die kluge Frau gab mir den Rat, mich zu ihr zu setzen, sie habe sich auch nie so recht mit der Richtigkeit abgefunden, und so würden wir zusammen dem Herrgott unsre falschen Melodien singen, die ihn gewiss ebenso erfreuen würden, da sie aus frommen, andächtigen herzen kämen. So saßen wir denn von nun an in der Kirche nebeneinander, und ich sang voller Inbrunst meine Lieder und kümmerte mich den Kuckuck um die bösen Blicke meines Nachbars – er war ja nicht einer meiner Brüder.“
„Aber es ist doch zu bedauern, dass Sie auf diese Weise um den Genuss kommen, Ihre Frau spielen zu hören. Man braucht doch nicht selbst ausübend zu sein, um die Musik zu lieben.“
„Gewiss nicht. Wenn meine Frau singen könnte, so einfache, kleine Lieder, das höre ich gern. Oder wenn sie der leichten Muse hold wäre und bekannte Tänze, Märsche, auch Couplets spielte – es wäre ihr ja ein leichtes bei ihrer Begabung. Aber sie sagt, das liegt ihr nicht, und kommt dann mit dem groben Geschütz klassischer Musik angefahren, oder mit dem Durcheinander von Wagners Opern. Das Schlimmste ist aber, wenn sie ihren geliebten Bach vorhat. Ich habe es einmal ausgehalten, es war so um die Flitterwochen herum, aber selbst damals, als ich bis über die Ohren verliebt war, so ganz unsinnig verliebt“ der Arzt verspottete sich selber mit seinem frischen Lachen – „war es mir eine Tortur. Sehen Sie, Raven, in meinem Beruf kann es mir nicht ernst genug hergehen, aber sonst, da brauche ich Aufheiterung oder nur Ruhe, absolute Ruhe und Frieden. Keinerlei Aufregung oder große Gefühlsergüsse, wie sie Frauen oft lieben, keinerlei belehrende Gespräche, denn man ist abgespannt und muss den Geist von Zeit zu Zeit schlafen lassen.“
„Dann muss also Ihre Frau Gemahlin sich dergleichen bei andern holen,“ meinte Raven mit leichter Ironie.
„So wie heute in Ihrer Gesellschaft. Mit ist es schon recht, kommen Sie, bitte, während Ihres Hierseins, so oft Sie wollen. Meine Frau hat allerhand Verschönerungen im Garten vor, vielleicht interessieren Sie sich auch dafür, da können Sie zusammen die Gärten der Semiramis bauen. Als Schriftsteller besitzen Sie ja Fantasie dazu.“
Raven erklärte, sein Bestes tun zu wollen, dann gingen sie in anregendem Geplauder in den steilen Wegen auf und ab, sich des herrlichen Abends freuend. Zuletzt schwiegen sie beide, Jürgen grübelte über irgendeinen schweren Fall in seiner Praxis, und Raven lauschte auf das Lied der Drossel, die auf dem höchsten Wipfel einer Eiche saß und ihr Abendlied sang. Seine Seele war ganz erfüllt von der Frau, die an der Seite dieses prächtigen Mannes an all dem darbte, was ihr Inneres erfüllte und ihr große Begabung ausmachte.
Frauenlos! – dachte er, aber es erfüllte ihn mit Zorn gegen die Gleichgültigkeit Hoffmanns, sie in seiner jetzigen Stimmung Lieblosigkeit nennend. Was an ihm lag, würde er tun, um Marianne zu ihrem Recht zu verhelfen. Er hetzte die Frauen gern gegen die gestrengen, selbstherrlichen Eheherren auf, denn in den meisten Fällen war er dabei der gewinnende Teil. Er fischte im Trüben die arme unverstandene Seele.
Da kam sie durch den Garten geschritten, andre Frauen würden hasten – nein, sie schritt. Alles an ihr war Ruhe und Gelassenheit, und doch flutete reiches Leben hinter der weißen Stirn, die so schön geformt war. Und in den Augen, die sie jetzt lächelnd auf die Männer richtete, konnte es aufflammen an überströmender Begeisterung für alles Große und Schöne. Auch hatte heute die Sehnsucht herausgeschaut, die wilde, ohnmächtige Sehnsucht, die ihre Flügel flatternd an den Gittern eines engen Kerkers zerbricht.
Raven gefiel sich ordentlich in diesem tragischen Bild, obwohl es zu der fröhlichen Stimmung, in der sie alle drei den Abend zubrachten, nicht recht passen wollte.
„Auf baldiges Wiedersehen!“ war das Wort, das ihm zu Geleit von dem Ehepaar nachgerufen wurde. Und Hoffmann setzte noch Marianne gegenüber den Trumpf darauf: „Ein netter, anständiger Mensch und ein amüsanter Gesellschafter. Ich hätte nicht gedacht, dass Schriftsteller so umgängliche Leute sind.“
„Aber gefährliche Menschen sind es doch, Jürgen. Vielleicht macht er an uns Studien für einen seiner Romane.“
„Närrchen, du, wir sind Alltagsmenschen, wir passen in keinen Roman,“ spottete Hoffmann und ahnte nicht, dass gerade das Anfangskapitel eines solchen begonnen hatte, in dem der eine Hauptrolle spielen sollte.
Marianne schwieg, aber dies Wort vergaß sie nie. Es fasste sie stets ein Gefühl tiefer Wehmut und bitteren Schmerzes, wenn sie zu bemerken glaubte, dass ihr Mann so gar nichts von ihren inneren Krämpfen ahnte und seiner Frau so ganz selbstverständlich ihren Platz unter dem Gros ihres Geschlechts anwies. Zu Beginn hatte er, wenn er heimkehrte, oft scherzend gefragt: „Nun, und womit hast du dich die langen Stunden beschäftigt?“ und ihre Antwort: „Ich habe über dich nachgedacht“, als einen guten Witz oder eine lächerliche Sentimentalität aufgefasst. Nur einmal, in einer trauten Stunde, hatte sie zu fragen gewagt: „Hast du schon jemals über mich nachgedacht?“ „Über dich? Fragte er mit der üblichen Ironie der Männer. „Aber, Kind, da habe ich wahrlich andres und besseres zu tun.“
Sie hatte sich früher willig seinem Willen untergeordnet und die rebellischen Stimmen, die nach mehr verlangten, stets unterdrückt. Seitdem aber der überraschende Umschwung in ihren finanziellen Verhältnissen eingetreten war, erschrak sie oft über die Wünsche, die sich begehrlich bei ihr regten. Sie nannte sie in Stunden heimlicher Einkehr Zukunftsaktien und verspottete sich selber damit. Heute hatten aber alle diese törichten Hoffnungen ein Echo gefunden in der Seele eines anderen Mannes, der nicht ihr Gatte war. Hier wurde ihr Verständnis, Bewunderung und auch – sie konnte es ihrer Eitelkeit ruhig eingestehen – respektvolle Verehrung entgegengebracht.
Und dieser Mann würde wiederkommen, sie würden plaudern, musizieren, miteinander durch die herrliche Frühlingswelt wandern und mit Süver Krübbe dem Segelsport huldigen. Ihre Einsamkeit hatte für eine Weile ein Ende gefunden, und dessen war sie nur zu froh.

 

Die nächste Fortsetzung erscheint am Freitag, den 9. Februar 18.