Was bisher geschah:

Anfang,  1. Fortsetzung2. Fortetzung , 3. Fortsetzung, 4.Fortsetzung und hier ist ein eine kurze Zusammenfassung des Inhalts und Informationen über die Autorin

 

Der Roman Marens war in der Bearbeitung vollendet und an den Chefredakteur Steiner abgegangen. Alle Sicherheit auf großen Erfolg war von Raven gewichen und hatte einer nervösen Unruhe Raum gegeben. Es trieb ihn umher wie Ahasver, den ewig Ruhelosen. Auch auf ihm ruhte der Fluch der bösen Tat, auch er war zum Verräter geworden. Die Größe seiner Schuld wuchs wieder ins Ungemessene und war doch eine Zeitlang zusammengeschrumpft gewesen zu einem Staubkorn, das, wenn es lästig werden wollte, ein frivoles Lachen von seiner Seele blies.
In dieser Zeit des tatenlosen Wartens klammerte er sich an Marianne an. Der Verkehr mit der treuen Kameradin, wie sie sich selber nannte, war ihm ein solches Bedürfnis geworden, dass er zu seinem Dasein gehörte wie das tägliche Brot. Er brauchte das Echo der klugen Frau zu allem, was ihn bewegte. Er fühlte, wie befruchtend sie auf ihn wirkte, da er sich bemühte, nicht nur gleichen Schritt mit ihr zu halten, sondern ihr überlegen zu bleiben als ihr Berater und ihr Lehrer. Er kämpfte darum, den Nimbus zu erhalten, den er in ihren Augen als Schriftsteller besaß. Sie hatte ihn schon so oft darum gebeten, ihr eine seiner Arbeiten vorzulesen. Er lehnte mit dem triftigen Grund ab, dass er nichts hier habe, er wollte sich nicht mutwillig selbst verkleinern. Frau Marianne hatte ein klares, richtiges Urteil, das hatte Raven schon längst erfahren. Ihr einsames Leben war durch die Musik und den Verkehr mit guten Büchern ausgefüllt, da durfte er nicht hoffen, mit seinen flüchtigen Skizzen zu imponieren. Wie verwünschte er es wieder einmal, dass ihm jede dichterische Begabung abging, wie leicht wäre es sonst für ihn gewesen, ein kleines lyrisches Stimmungsbild vorzutragen. Auch eine geistvolle satirische Plauderei brachte er nicht zuwege, wie sie ihm früher so oft aus der Feder geflossen war. Seitdem der sein alles auf den großen Wurf gesetzt hatte, trat jedes andre zurück. Wie ausgebrannte Lava schlief es in der Tiefe, wo doch der Genius die lodernde Fackel des Geistes zu leuchtender Flamme entzünden sollte.
Auch heute zog ihn seine Sehnsucht schon am Morgen nach dem kleinen Hause am Lollfuß. Doch ging er nicht den gewöhnlichen Weg, sondern kreuzte den alten Kirchhof der Michaeliskirche, um in die herrliche Michaelisallee einzubiegen, die er eine Weile verfolgte. Stadtweg und Lollfuß lagen tief unter ihm, er blickte auf das Durcheinander der Giebel belustigt hinunter. Von den Häusern, die an dieser fast ganz Schleswig durchziehenden Straßenlinie liegen, ziehen sich die Gärten zu der Allee empor, und die meisten haben droben eine Pforte, durch die man das Grundstück auch von hier betreten kann. Doktor Hoffmann hatte ihm eines Tages den Schlüssel zu dieser Gartentür gegeben, damit Raven bei seinen täglichen Spaziergängen im Tiergarten nicht vergäße, bei ihnen vorzusprechen, wie er scherzend betonte. Doch wie oft der Schlüssel benutzt wurde, das ahnte der beschäftigte Arzt wohl kaum, denn Marianne fand es nicht für nötig, ihm jeden Besuch Ravens zu berichten. Sie hatte ihre Gründe dafür, dieses vorläufig zu verheimlichen.
Der Schlüssel drehte geräuschlos das gut geölte Schloss, und Raven eilte durch den dicht bewachsenen Teil des Gartens, den Marianne ganz unverändert gelassen hatte, abwärts, bis er zu einer breiten Treppe kam, die ihn vermittels weniger Stufen auf den hängenden Garten führte, wie Hoffmann spottend das flache Dach des Küchenanbaus betitelt hatte. Marianne nannte es ihr Tuskulum.
Die Fantasie der jungen Frau hatte hier eine Wirklichkeit geschaffen, die jedem gefallen musste, der Sinn für dergleichen hatte. Von dem kleinen Wohnzimmer, das im oberen Stockwerk des Hauses lag, kam man durch eine Glastür auf ein geräumiges, flaches Dach, über das sich die Zweige der Linde breiteten, die drunten im engen, hässlichen Hof stand. Und ohne diesen durchschreiten zu müssen, gelangte man von dem lustigen Sitz über wenige Stufen weg direkt auf die erste Terrasse des Gartens, die in ein Blumenparterre verwandelt war. Ein zierliches Gitterwerk von Eisen baute sich über dem Dache auf und gab den Schlingpflanzen Halt, die die Stäbe mit ihren blühenden Ranken umwinden sollten. Einstweilen waren sie noch klein, dafür streckte sich aber das Lindengezweig erbarmend darüber aus, es gab Schatten und heimlich grüne Dämmerung für alles darunter Ruhende.
Ein dichter Kranz blühender Gewächse umgab das Dach in glühender Farbenpracht, und zur Seite der Treppenstufen standen Kübel mit üppigen Büschen der blassblauen Hortensien. Wenn man bedachte, wie kurz die Zeit gewesen war, die der jungen Frau zur Verfügung gestanden hatte, so musste man aufrichtig bewundern, was hier mit so feinem Geschmack und geschickter Benutzung des Vorhandenen geschaffen worden war.
In stillen, friedlichen Stunden, wenn ihn die Praxis mal losließ, fühlte Hoffmann es auch, und es schien Marianne schon Lohn genug, als er es eines Abends auch ihr gegenüber mit einigen freundlichen, anerkennenden Worten aussprach. Aber der Mann, der jetzt aus dem Dunkel des Gehölzes heraustrat und durch das sonnige, blühende Gartenland zu ihr hinaufgeschritten kam, empfand es immer und genoss es gleich ihr mit offenen Sinnen.
Sie sah von dem Papier auf, das sie beschrieb, und blickte ihm mit glühenden Wangen entgegen.
„Schon so fleißig am frühen Morgen? Übertreiben Sie es nicht, damit die Kraft nicht versagt.“
„Es ist soeben beendet. Wollen Sie es hören?“
Raven warf sich in einen bequemen Sessel und sagte nur: „Ich höre!“
„Aber nicht mich ansehen, bitte.“
„Nein, nein!“
Der Schriftsteller war wirklich voller Interesse, hatte er doch Marianne dazu verleitet, ihre Kraft auch auf anderem Felde zu erproben. Er wollte der einsamen Frau mit dieser Spielerei ein wenig die Langeweile vertreiben helfen. Es war ja immerhin möglich, dass sie auch mit der Feder anmutig zu plaudern verstand.
Sie las ein einfaches, schlichtes Märchen, so voller Anmut und Poesie, dass er wie verzaubert der weichen, schönen Stimme lauschte und einen tiefen Atemzug tat, als sie schwieg.
„Wo haben Sie die Gedanken her?“ fragte er aufgeregt.
„Sie kamen mir in einer einsamen Mondnacht, als ich hier saß und auf meinen Mann wartete. Gefällt es Ihnen?“
„Gefallen! – Das ist kein Wort dafür, Frau Marianne. Es ist das Märchen selbst, wie es durch den Wald geschritten kommt, in schlichtem, weißem Gewand mit großen, stillen Augen, so wie die Ihren jetzt dreinschauen. Sie sind zu beneiden. Was gäbe ich darum, auch solche Gedanken zu haben, so eigenartig, so wunderfein und sinnig und auch wieder so abenteuerlich lustig erdacht. Das wird von mir sofort kopiert und einem Jugendverlag eingeschickt.
„Wird es wohl gedruckt werden, Raven?“
„Natürlich, denn ich bin mit dem Verleger befreundet. So darf ich es schon wagen, es ihm direkt einzusenden. Sie sehen, ich erleichtere Ihnen den Dornenweg.“
„Ach, was wird Jürgen dazu sagen?“
„Verraten Sie es ihm nicht, bis Sie es ihm im Druck hinlegen können.“
„Ich bin so glücklich – so glücklich!“ rief Marianne aus und blickte in all das Blühen ringsumher und dann wieder auf den Mann, dem sie diese reine, große Freude verdankte. „Haben Sie Dank, mein lieber Freund. Wie machen Sie mein Leben reich!“
Sie drückte ihm die Hand, er sah in ihren Augen die Tränen, und das war ihm Lohn genug, obwohl es sich in seinem Innern wieder regte, wie heimlicher Neid. Sollte er denn auch hier vor dieser Frau in seinem Können in Zukunft zurückstehen müssen? Er blickte ihr nach, als sie im Hause verschwand, um sich zum Ausgang fertig zu machen.
Noch war es ja nur ein kleines Märlein, das ihre Fantasie ersonnen hatte; aber mit der Übung kam der Meister. Hatte er recht getan, dass er sie zu dem Versuch ermutigt hatte? Wenn es nun angenommen würde, was wohl fraglos war, dann war Marianne dem Dämon des ersten Erfolges verfallen, der so viele gefasst hat; der lässt nicht mehr los und stachelt den Ehrgeiz, besonders bei solchen Naturen, wie seine Freundin eine war. Die blieb niemals an der Oberfläche einer Sache, sie vertiefte sich und suchte sie zu meistern.
Mochte sie doch, er verehrte sie zu sehr, um es ihr nicht zu gönnen. Binnen kurzem würden ihre Wege doch wieder auseinanderlaufen, aber ihre Arbeit würde sie verbinden, und er konnte sich der schönen Frau vielleicht ganz unentbehrlich machen. Ohne seine Verbindungen würde sie jahrelang zu kämpfen haben. Das würde vielleicht auch ein Wiedersehen herbeiführen. Warum nicht eins in Berlin? Warum sollte Frau Marianne nicht auch mal ohne ihren Mann reisen, da er durch seinen Beruf festgehalten wurde? Lockende Bilder stiegen vor Ravens Augen auf, und er versetzte die schlanke Gestalt, die jetzt auf ihn zukam, in das Milieu eines Gesellschaftsabends in Berliner Schriftstellerkreisen. Sie würde berechtigtes Aufsehen erregen, und er würde um solche Bekanntschaft beneidet werden.
„An was denken Sie?“ fragte die junge Frau.
„Dass ich Ihnen einmal gern Berlin zeigen möchte.“
„Ach! – Berlin!“ Es waren wieder die großen Kinderaugen Mariannes, die in die grünen Zweige der Linde starrten, als ob dort der Wundervogel säße, der ihr farbenprächtige Märchen erzählte von kommenden goldenen Tagen.
„Hören Sie auf, Raven!“ bat sie zuletzt, als er eine Pause in den begeisterten Schilderungen der Großstadt machte, mit denen er bei ihr die Sehnsucht nach solchen Dingen erwecken wollte. „Es bleibt ja doch alles beim Alten. Kommen Sie, genießen wir die glücklichen Stunden, die wir noch haben!“
„Warum immer so resigniert, Frau Marianne?“ fragte Raven, den es reizte, das Thema weiter zu verfolgen. „Was ist denn Großes dabei, wenn Sie sich einmal hinauswagen würden? Kann ihr Mann nicht fort, so lassen Sie ihn doch allein, er hat ja ohnehin den ganzen Tag zu tun.“
„Ich soll meinen Mann allein lassen?“ Die junge Frau blickte den neben ihr Wandernden völlig entgeistert an.
Raven lachte so herzlich über ihr Erschrecken, dass sie mit einstimmen musste. „Was Sie für eine unmoderne Frau sind, Marianne!“ Im Äußeren ganz Grande Dame, den Kopf voller kluger Gedanken, voller Interesse für alles Neue und Große, und dabei so altmodische Ansichten von Ihren Rechten. Sagen Sie einmal, verehrte Frau, wie alt waren Sie, als Sie heirateten?“
„Achtzehn Jahre.“
„Und nun glauben Sie, schon mit dem Leben abgeschlossen zu haben? Wollen Sie tagaus, tagein in Ihren vier Pfählen sitzen und das entsagungsvolle Leben einer pflichtgetreuen Gattin führen, das heißt, schon mehr das einer Hausverwalterin? Denn was haben Sie andres zu tun, als für des Gatten leibliches Wohl zu sorgen! Für den Geist gibt er Ihnen keine Nahrung, der muss verdorren in dem öden Einerlei. Der Mensch braucht Anregung, Ihr Mann findet sie in seinem Beruf, aber über seinen Patienten vergisst er, was er Ihnen schuldet.“
Marianne schwieg. Wenn ein Mann so zu ihr gesprochen hätte in der Zeit, bevor die Erbschaft ihr zugefallen war, sie hätte seine Worte mit Entrüstung von sich gewiesen. Sie hätte ihm gesagt, sie erhielte ja alles von ihrem Mann, was ihrem Leben bisher gefehlt hatte: die gesicherte Existenz. Aber heute, wo der ungewohnte reiche Besitz sie noch immer mit prickelnder Aufregung und sich stetig steigernden Wünschen erfüllte, erwog sie das Gehörte in ihrem Herzen, und wenn sie sich auch eingestand, dass dies alles in das Reich der Unmöglichkeiten gehöre, so spielte doch ihre Fantasie damit mehr, al es ihr gut war.
„Haben Sie denn keinen guten Hausgeist in Ihrer Familie, der Sie bei Ihrem Mann vertreten könnte, wenn Sie reisen wollten?“ tönte die Stimme des Versuchers von neuem in ihre Träumerei hinein.
„Deren wären mehr vorhanden, als ich gebrauchte. Mein Mann hat Schwestern, die geradezu musterhafte Hausheimchen sind. Auch erwachsende Nichten sind vorhanden, die sich vielleicht dazu verstehen würden. Und sie sind zu erreichen, da sie alle hier in der Provinz wohnen.“
„Also!“ Mehr sagte Raven jetzt nicht. Wenn der jungen Frau der Gedanke an eine Reise vertraut geworden war, galt es, wieder davon anzufangen. –
Wiederum war eine Woche vergangen, nichts hatte das kameradschaftliche Einvernehmen zwischen den beiden Unzertrennlichen gestört. So standen sie eines Morgens vor dem Portal der Domkirche und traten ein. Durch das fünfschiffige gotische Bauwerk flutete das Sonnenlicht; die Strahlen, die durch die farbigen Fenster brachen, streuten ihre bunten Streiflichter wahllos durch den weiten Raum. Die Bemalung der Gewölbe und Bogen leuchtete bei dem warmen Licht feuriger als sonst, und die Bilder, vom Altar gedunkelt, gewannen wieder etwas von dem Glanz früherer Zeiten.
Mit leiser Stimme erklärte Marianne ihrem Begleiter alle Einzelheiten des Innern. Sie standen lange vor dem herrlichen Altar, dessen dreiteiliger Schrein von Hans Brüggemann in Eichenholz in wunderbarer Plastik geschnitzt und um das Jahr 1521vollendet worden ist. Er zeigt etwa vierhundert Figuren auf zweiundzwanzig Feldern, die der Dürerschen Passion nachgeahmt sind und die Leidensgeschichte Christi, seine Himmelfahrt und die Ausgießung des Heiligen Geistes darstellen.
„Wie gut das Kunstwerk erhalten ist,“ bemerkte Raven. „Diese Arbeit wird wohl das Meisterwerk des Künstlers gewesen sein. Den Großen in dem Reich der Kunst ist es meistens nur vergönnt, eine solche Arbeit zu schaffen, etwas, das sie in dieser Vollendung nie wieder erreichen.“
„So wie Sie vielleicht mit Ihrem letzten Roman, Raven. Ach, wie ich mich mit Ihnen darüber freuen würde!“
„Nicht darüber reden, Frau Marianne,“ antwortete er mit rauer Stimme. „Was kommt, das kommt!“
Raven wandte sich von der jungen Frau ab und dem aus Nordstrand stammenden ehernen Taufkessel aus dem Jahre 1480 zu, dann schritt er weiter zu dem Grabmal König Friedrichs I., das er besonders liebte.
„Sehen Sie nur, Frau Marianne, wie schön sich heute der schwarze Marmor des Sarkophags von den weißen Frauengestalten, die ihn stützen, abhebt.“
„Dieses ist ein Kenotaph,“ verbesserte Marianne, „weil das Denkmal nicht die Überreste des Verstorbenen birgt. So bin ich von Jürgen belehrt worden, der das Innere und Äußere seines Domes kennt, als sei er ein Professor der Archäologie. Früher ging er manchmal mit mir hierher. Damals hatte er überhaupt so viel Interesse für andre Dinge, die jetzt alle von seinem Beruf verschlungen sind.“
„Ist Ihr Gatte früher gereist?“
„Nein, dazu fehlten die Mittel.“
„Er konnte doch Schiffsarzt werden, dabei sieht man sich in der Welt um.“
„Sie vergessen, dass er der Nachfolger seines Vaters im Amt wurde, das war wohl die Kette, an der er festlag. Die erste Zeit nach seines Vaters Tode hat er auch noch die Brüder unterstützen müssen, bis sie auf eignen Füßen standen.“
„Das war brav!“
„Nicht wahr?“ fiel sie eifrig ein. „Mein armer Jürgen hat nur Arbeit gekannt und Entbehren, und nie ist eine Klage darüber aus seinem Munde gekommen.“
„Aber jetzt könnte er es doch nachholen. Sie haben keine Kinder, also machen Sie sich doch für eine Zeitlang los; kein Mensch kann es Ihnen verdenken. Treten Sie eine große Reise an. In Hamburg setzen Sie sich auf den Dampfer, und dann ins Meer hinein zur Mittelmehrfahrt oder noch weiter, bis nach Indien, dem Wunderland.“
„In Indien hat mein Mann seinen besten Freund, der dort ein deutsches Hospital leitet. Von Zeit zu Zeit kommen ausführliche Briefe an, und Jürgen gestand mir eines Tages, dass er in jüngeren Jahren denselben Trieb in die Weite gehabt habe wie Freund Hans Ewers. Auch jetzt wiederholt dieser immer wieder seine Bitte, er möge doch zu ihm kommen, es fehle so sehr an tüchtigen Kräften.“
„Und was hat Ihr Mann dazu zu sagen?“
„Nun, damals lag uns beiden der Gedanke, unser sicheres Brot hier aufzugeben, zu fern, als dass wir einen solchen Plan auszuführen für möglich hielten.“
„Und jetzt?“
„Mein Mann steht auf seinem Posten und wird ihn niemals verlassen,“ erwiderte Marianne ernst.
„Und Sie?“
„Ich muss auf dem meinigen auch aushalten.“
„Jetzt sind Sie genauso pedantisch wie Ihr Mann. Sie wissen ja gar nicht, wie bunt und lustig die Welt da draußen ist.“
„Ich kenne doch Hamburg.“
„Was kennen Sie denn von der Stadt! Seitdem Sie als Schulmädchen dort umherliefen, waren Sie nur einmal mehrere Tage bei Ihrem Bruder.“
„Und es ist ganz gut so, Raven,“ erwiderte sie jetzt ärgerlich, ihn trotzig ansehend. „Was man nicht kennt, entbehrt man nicht.“
„Oho, Frau Marianne, nur nicht zu sicher sein!“ wehrte er ab und sah voller Entzücken in ihre funkelnden Augen.
„Warum sagen Sie mir dies alles?“ fragte Sie plötzlich ganz traurig. „Wollen Sie mich unzufrieden machen? Wollen Sie mich gegen meinen Mann aufreizen, der engelsgut zu mir ist?“
„Ich will gar nichts andres, Marianne, als sie glücklich sehen,“ bekannte er reumütig.
„Nun wohl, dann lassen Sie alles, wie es ist. Binnen kurzem reisen Sie wieder fort nach Ihrem großen Berlin, sind ein großer Mann geworden, und wir sind vergessen.“
Eine Frau, wie Sie, vergisst man nicht. Fühlen Sie es nicht, dass ich Sie verehre, wie noch nie ein Weib von mir verehrt worden ist, Marianne?“
„Aber Raven, nur keine Phrasen!“ Hier an dieser Stätte, wo alles so groß und hehr ist, mag ich so etwas nicht hören,“ tadelte sie.
„Dann kommen Sie rasch hier hinein!“ rief der Schriftsteller und fasste ihre Hand, sie mit sich ziehend. Er stieß die Tür zum Kreuzgang auf, der den ältesten Kirchhof Schleswigs umschließt.
Hier feuerten die Sonnenstrahlen Orgien der Lust und ließen die fratzenhaften, lustigen Figuren der Decke besonders aufdringlich erscheinen, dass man vergaß, dass der Fuß über Grabsteine schritt und die Wandflächen mit biblischen Darstellungen geschmückt waren.
„Darf ich nun weitersprechen?“ fragte Raven und blickte mit feurig werbenden Augen in die ernsten der jungen Frau.
„Nur, wenn Sie etwas Vernünftiges zu sagen wissen,“ wehrte sie seinem Ungestüm.
„So will ich Ihnen berichten, was mir bei meinem ersten Besuch der Führer erzählt hat. Vielleicht ist es nichts Neues für Sie.“
„Wird es lang?“
„Das weiß ich nicht vorher.“
„Also Wahrheit und Dichtung,“ scherzte sie.
„Wie es einem Schriftsteller eigen ist,“ antwortete er und setzte sich auf die Steinbrüstung der Mauer, die den friedlichen Innenhof, den der Kreuzgang umschloss, umgrenzte. Marianne ließ sich neben ihm nieder.
„Früher waren hier Fenster, die den gewölbten Gang noch heimlicher machten,“ begann Raven. „Und das war gut, denn zur Winterzeit, ich glaube, Anfang Februar, wurde hier an dieser heiligen Stätte der Dommarkt abgehalten, der jetzt seinen Platz auf dem Markt erhalten hat. Früher sei es schöner gewesen, sagte der Küster, denn jetzt müsse man frieren, während es hier schön warm gewesen sei; aber ein unsinniges Gedränge, da alles zu der einen Tür hineinströmte und zu der andern hinaus! Dabei die Buden und, wenn es dunkelte, die qualmenden Fackeln und Lampen. Der alte hatte Fantasie, Frau Marianne, und ich durfte ihr nur folgen, um mir auszumalen, wie die früheren Geschlechter hier in drangvoller Enge gefeilscht und gekauft haben.“
Marianne blickte still vor sich hin in den sonnendurchglühten Kirchhof hinein und nahm ihm das Wort vom Munde: „Und das Edelfräulein kam mit ihrer Magd, um altfriesische Webereien zu erhandeln und kostbares Gewürz, um dem gichtkranken Vater den warmen Trank mundgerecht zu machen. Da geriet sie in arges Gedränge, und als sie nach Hilfe um sich schaute, stand der schlanke Sohn der Hansa schon neben ihr, um sie zu beschützen. Er war zwar nur ein Krämersohn, aber adlig an Gesinnung und an Herzen. Doch der Junker aus adligem Geschlecht, der beim Hofe des Dänenherzogs wohlgelitten war, nahm für Frechheit, dass der Jüngling sich dem Edelfräulein genähert hatte, und wies seine Begleitung mit rauem Wort zurück, so dass die Hand des Kaufmanns, dessen Handelsschiff draußen im Hafen an der Oldenburg lag, nach dem kurzen Schwert fasste, das ihm als wehrhaftem Mann zur Seite hing. Damals fuhren noch die Handels- und Kriegsschiffe durch das Haddebyer und Selker Noor, um den Hafen an der Oldenburg, der alten Feste am Dannewerk, zu erreichen.“
„Wie Sie in der alten Zeit Bescheid wissen, Frau Marianne!“
„Ich habe mich stets für Historie interessiert.“
„Sie werden in nächster Zeit kein neues Märchen schreiben, sondern eine Erzählung aus den Tagen des alten Schleswig. Es steht in Ihren Augen geschrieben.“
„Den Stoff würde ich wohl nicht meistern,“ wehrte sie bescheiden ab.
„Warum nicht?“ Es käme auf den Versuch an. Ihre Fantasie wird ergänzend einspringen, wo die Historie versagt.“
Marianne war still geworden. Es erfasste sie ja schon das brennende Verlangen, das zu gestalten, was der Augenblick ihr gegeben hatte. Wie ein zündender Funke war es in ihr Inneres gefallen und hatte einen Brand entfacht, den sie schon jetzt spürte. Es würde sie nicht ruhen lassen, gerade wie bei einem Märchen.
„Beginnen Sie erst, wenn ich fort bin,“ bat Raven.
„Fürchten Sie, dass ich Sie langweilen werde?“
„Nein, aber Sie haben mich verwöhnt. Ihr Interesse gehörte so ganz meinem Schaffen, dass ich es schwer ertrüge, wenn ich zu guter Letzt noch zurückgesetzt werden würde.“
„Seien Sie ohne Sorge. Sollte ich mich wirklich an diesen Stoff wagen, so bedarf es dazu so eingehender Studien – “
„Machen Sie sich die Sache doch nicht so unnötig schwer. Anstatt, wie Sie es vorzuhaben scheinen, in alten Chroniken nachzuschlagen und Weltgeschichte zu studieren, halten Sie sich doch an die Schriftsteller, die schon vor Ihnen dieselbe Zeitepoche, ja sogar das Schleswig-Holsteiner Land geschildert haben, wie vor allen andern der Dichter Jensen.
„Ich darf doch nicht in die Fußstapfen andrer treten?“
„Warum nicht?  Sie lernen ja nur dabei, wie man es macht.
Darum brauchen Sie doch nicht abzuschreiben.“
„Nein, nein, schon dieses ist in meinen Augen Diebstahl!“ wehrte Marianne erregt ab.
„Ich kenne manchen unter meinen Kollegen, die dem Grundsatz huldigen: Stehle, wo und was du kannst, lass dich aber nicht erwischen.“
„Abscheulich!“ stieß die junge Frau hervor.
„Wenn man es der Arbeit anmerkt, gewiss!“ erwiderte Raven gereizt.
„Nein, schon das Bewusstsein, die Gedanken andrer als die meinigen auszugeben, müsste mir die Schamröte in das Gesicht jagen.“
„Sie denken viel zu gut, zu ideal von den Menschen.“
„So lassen Sie mir doch den Glauben. Wenn ich nun das, was Sie da behaupten, in dem, von Ihnen bei mir geweckten Misstrauen auch auf Sie übertragen wollte? Sie würden mir mit Verachtung den Rücken drehen, wenn ich von Ihrem neuen Roman behaupten würde, er ist zusammengestohlen.“
„Die Anwesenden sind immer ausgenommen, Frau Marianne,“ versuchte Raven zu scherzen, aber sein Gesicht, das er abgewandt hielt, war erdfahl geworden. Da hatte ihn seine frivole Art auf einen Boden gelockt, der ihm unter den Füßen brannte, und er beeilte sich, das Thema kurz abzubrechen. Er zog die Uhr und rief alsdann mit gut gespieltem Erschrecken: „Wenn wir uns nicht beeilen, werden wir hier eingeschlossen!“
Im Sturmschritt ging es durch den Kreuzgang zu der Kirche zurück, wo sie der Schließer an der Ausgangspforte mit den vorwurfsvollen Worten empfing: „Aber haben die Herrschaften denn keine Uhr? Schon wollte ich Sie holen.“
„Wussten Sie denn, dass wir in der Kirche waren?“ fragte Marianne erstaunt. „Ich habe Sie nicht gesehen.“
„Oha, Frau Doktor, der Herr hatte es mir doch gestern gesagt, dass er hierherkommen würde und nicht gestört sein wollte.“
„So – “
Marianne stieg ein wunderlicher Gedanke auf, und sie blickte verstohlen auf Raven zurück, gerade als er dem Alten ein Geldstück in die Hand drückte, ihm dabei mit den Fingern drohend. Sie erriet im Gesicht des Schließers die Worte, die ihr Begleiter dazu sprach. Unter dem sonderbaren Blick, den alsdann der Alte auf sie warf, stieg ihr eine heiße Röte ins Gesicht.
Welche Taktlosigkeit von Raven! Der Schließer musste ja denken, sie hätte ein Stelldichein an heiliger Stätte verabredet. Die Schamröte war noch nicht von den Wangen geschwunden, als der Schriftsteller die junge Frau einholte. Marianne verfolgte mit raschen Schritten ihren Weg, ohne sich umzusehen. Auch als ihr Begleiter einige Worte hinwarf, gab sie keine Antwort.
„Sie sind verletzt, Frau Marianne?“
„Ich frage mich, was Sie dazu trieb, schon tags zuvor dem Mann diese Verhaltungsmaßregel vorzuschreiben!“
„Bei einer zufälligen Begegnung mit ihm am gestrigen Tage fiel mir ein, dass wir die kurze Zeit, die zum Besuch des Domes festgesetzt ist, überschreiten könnten, und wollte mich davor schützen, mit Ihnen eingeschlossen zu werden. Sie können sich durch den Augenschein davon überzeugen, dass meine Ahnung mich nicht betrog.“
Raven hielt Marianne die Uhr hin, die allerdings schon auf halb eins zeigte.
„Sie haben dabei nicht bedacht, welch falsches Licht Sie dadurch auf mich warfen.“
„Verzeihen Sie, verehrte Frau, ich will es nicht wieder tun. Aber nun gehen nicht so streng mit mir ins Gericht. Sie machen ein Gesicht, als ob ich ein Verbrechen begangen hätte.“
„Es war eine Taktlosigkeit, Raven. Wir sind nicht in Ihrem großen Berlin, sondern in einer kleinen Stadt, und böse Zungen gibt’s hier sicher genug.“
Es wollte kein fröhliches Gespräch mehr aufkommen, Marianne dachte noch immer an das soeben Gehörte. Sie hatte sich vor dem Schließer schämen müssen, und das vergab ihr Stolz nicht so leicht.
Als ob ihr Begleiter ihre Gedanken von der Stirn abläse, sagte er: „Sie fühlen sich verletzt, Frau Marianne. Wissen Sie, dass Sie einen ganz unbändigen Stolz haben?“
Sie blickte ihn ernst an und erwiderte: „Den muss doch jede Frau haben. Ich glaube nicht, dass Jürgen mich darin anders haben möchte.“
„Ich auch nicht, verehrte Frau. Es gehört zu Ihnen, wie die ganze etwas schwerfällige Art Ihrer Ansichten. Sie sind eben anders geartet als die meisten Ihres Geschlechts.“
„Das macht wohl, dass ich, von meiner Mutter abgesehen, mit keiner Frau intim verkehrt habe. Ich sehne mich auch nicht danach, ich habe es kaum entbehrt.“
„Aber Sie fühlen sich doch einsam und leiden darunter?“
„Gewiss, denn ich bedarf der geistigen Anregung, und der begegnet man doch selten im oberflächlichen Gesellschaftsverkehr. Ich möchte Umgang haben mit bedeutenden Frauen und Männern, mit Künstlern. Ich möchte reisen, um meinen Gesichtskreis zu erweitern –“
„Kommen Sie nach Berlin, dort haben Sie alles,“ fiel Raven ein.
„Was ich an heimlichen Wünschen in meinem Herzen trage, muss unerfüllt bleiben, wie ich Ihnen ja schon sagte. Ich muss damit fertig zu werden suchen. Lassen wir dieses Thema ein für alle Mal auf sich beruhen. Doch sehen Sie mal, wie lustig die Lage Ihres Quartiers ist, es verdient den Namen ‚Kiek in die Stadt’ mit Recht. Die blanken Glasaugen der Fenster funkeln förmlich vor Neugierde auf uns herab.“
„Ja, darin hätte ich kein besseres Gasthaus finden können. Die Aussicht aus meinem Fenster auf das Häusergewirr Schleswigs mit dem hochragenden Turm der Domkirche ist wunderbar malerisch, aber am schönsten ist sie bei Mondenschein, das ist wie ein Blick in eine alte Stadtchronik. Man sieht die Giebel ragen, die engen Gassen sich ineinander verlieren; man glaubt, das Horn des Nachtwächters zu vernehmen: ‚Hört, ihr Leut‘, und lasst euch sagen! ‘ Man malt sich aus, wie sich diese friedliche Stille gewandelt hat, wenn der Ruf: ‚Feuerjo! ‘ erklang, der rote Hahn sich von Dach zu Dach schwang, und der Sturmwind mit wildem Blasen und satanischem Lachen in die aufsprühenden Funken blies, bis ein einziges Flammenmeer wogte und prasselte. Oder der Blick verliert sich in die Weite, dorthin, wo auf der Schlei die Schiffe der feinde im dichten Nebel ungesehen nahen, deren Bemannung es ein leichtes ist, die ahnungslosen Wächter zu überwältigen. Und nun schleicht der Feind durch die Gassen der schlafenden Stadt, ihren Frieden mit Mord und Plünderung furchtbar bedrohend.“
Marianne blickte bewundernd zu Raven auf und sagte: „Sie sollten die Novelle schrieben, Raven, ich verzage schon jetzt. Wie Sie in einigen Strichen ein Bild anschaulich zu malen verstehen.“
„Das ist’s ja, verehrte Frau, die Umrisse gelingen mir stets, aber bei der Ausführung versagt mir die Kraft. Ich habe keine rechte Ausdauer.“
„Aber Sie haben doch den zweiten Roman schon vollendet -“
„Den zweiten? – Ach so, ich dachte nicht an den ersten, den Ihr Gatte selbst zur Post trug. Der wird wohl kaum einen Abnehmer finden, wenigstens nicht einen, der mir passt.“
Dass die junge Frau solch gutes Gedächtnis hatte! Marens Roman kam nicht zur Ruhe. Sie waren jetzt vor seiner Wohnung angelangt, und Marianne schritt nach kurzem Abschied weiter. Warum sie den Umweg durch die Allee nahm, anstatt schon früher den Lollfuß entlang zu gehen, mochte sie sich nicht eingestehen. Ihre Unbefangenheit im Verkehr mit Raven war heute plötzlich erschüttert worden, und so schlich sie sich von hinten zum Gartentürchen hinein, als ob sie ein böses Gewissen hätte.

Die nächste Fortsetzung erscheint am Freitag, den 16. Februar 18.