Was bisher geschah:

Anfang,  1. Fortsetzung2. Fortetzung , 3. Fortsetzung, 4.Fortsetzung , 5. Fortsetzung und hier ist ein eine kurze Zusammenfassung des Inhalts und Informationen über die Autorin

Frau Mariannes Gatte kam heute pünktlich nach Hause, doch rief ihn gleich nach dem Essen eine briefliche Mitteilung aufs Land. Es war ein schwerer Fall, wie ihm telegraphisch mitgeteilt wurde, und er machte sich darauf gefasst, die ganze Nacht ausbleiben zu müssen. Es war Marianne nicht recht, dass sie den Rest des Tages ganz einsam sein würde. Natürlich würde Raven zur gewohnten Sunde erscheinen und es als selbstverständlich erachten, ihr Gesellschaft zu leisten. Er war ja ohne Arbeit, nichts hielt ihn davon ab. Und nun sagte ihr Mann noch: „Heute ist guter Segelwind, mache doch mit Raven die längst geplante Tour nach Haddeby!“
„Du wolltest sie doch mitmachen, Jürgen.“
„Wozu denn darauf warten, Marianne. Ich habe augenblicklich so viel Kranke, dass die Sache fürs Erste aussichtlos ist.“
„Dann mag Raven doch allein hinüberfahren!“ rief sie unmutig.
„Warum so unfreundlich, Kind? Er ist doch im Laufe der Wochen fast zu unserm Gast geworden, dabei lass es bewenden. Was soll er sich dabei denken, wenn ihm die Gastfreundschaft entzogen oder wenigstens eingeschränkt wird? Ich hatte bis jetzt das Gefühl, dass dir sein Verkehr die von dir so oft schmerzlich entbehrte Anregung brächte.“
„Gewiss, aber ich hatte mich so darauf gefreut, dass du mit uns fahren würdest. Auch der Welt wegen,“ setzte sie in einer plötzlichen Eingebung hinzu. Sollte es eine Warnung sein, oder war es nur verletzter Stolz darüber, dass ihr Mann so gar keine Eifersucht zeigte?
„Seit wann kümmert sich meine Frau darum, was die Welt sagt? Du bist doch nicht mehr so jung, dass du mich als Schutzwache brauchst. Eine verheiratete Frau kann jederzeit mit einem anständigen Manne unbefangenen Verkehr pflegen. Ich bin dessen sogar froh, da ich ja so herzlich wenig Zeit für dich habe. Raven reist bald ab; erfreut euch noch der guten Stunden, die ihr miteinander habt. Lade ihn zu morgen zum Abendessen ein, hoffentlich kann ich dann mit euch froh sein.“
Der Wagen fuhr vor, und Hoffmann stieg eilends ein. Er sah nicht mehr die Zornestränen, die in Mariannes Augen funkelten. Sie grollte Jürgen, dass er sie so seelenruhig mit einem Mann wie Raven verkehren ließ. Sie argwöhnte sogar, dass ihm dies sehr bequem war, da er sie nun nicht mehr über ihr Alleinsein klagen hörte.
Sie verstand heute ihren Mann nicht, aber auch nicht sich selber, so voller Widersprüche war sie, denn kaum, dass die letzten Tränen getrocknet waren, so ertappte sie sich dabei, dass sie angelegentlich darüber nachdachte, welches der hellen, duftigen Waschkleider sie zu der Fahrt wählen sollte. In ausbrechendem Ärger über sich selbst wählte sie trotzig eine vorjährige, dunkle Toilette, die damals aus praktischen Gründen angeschafft worden war. Dann setzte sie sich auf ihre Terrasse und vertiefte sich so angelegentlich in ein Buch, als ob es keinen Doktor Hartwig Raven in der Welt gäbe.
Doch die raschen Schritte, die durch den Garten immer näher erklangen, verrieten ihr nur zu bald sein Kommen, und sie fühlte ihr Herz stärker klopfen. Wohin war die köstliche Unbefangenheit früherer Tage geflohen?
In raschen Sprüngen nahm Raven die Stufen der Treppe und stand vor Marianne, die die große Aufregung, in der sich der Freund befand, sofort bemerkte. Vergessen war aller Ärger und Groll und auch alle Abwehr. Sie sprang auf, streckte ihm beide Hände entgegen und rief: „Der Roman ist angenommen, Raven?“
„Ja, Frau Marianne, und Ihr Märchen auch!“
Wie zwei glückselige Kinder standen sie sich in diesem Augenblick gegenüber. Raven hatte oder wollte in diesem Augenblick vergessen, dass er der toten Maren seinen Erfolg verdankte, und Marianne dachte an nichts mehr, als das ihr Erstlingswerk gedruckt werden sollte. Was würde Jürgen dazu sagen? In diesen Minuten fühlte sie sich ganz eins mit Raven, sie sah sich in Zukunft schon als seine Kollegin.
„Kommen Sie, verehrte Frau, und hören Sie zu, was mir Freund Steiner schreibt.“
Sie setzte sich dicht zu ihm und sah mit in den Brief, den er vorlas:

Mein lieber Raven!

Erst heute kann ich Dir Botschaft senden, und ich freue mich mit Dir, dass es eine gute ist. Ich habe meinem Versprechen gemäß den Roman des Verstorbenen zurückgezogen und Deinen an dessen Stelle gesetzt. In vierzehnTagen etwa wird der Druck beginnen. Doch nun lass dir vor allen Dingen sagen, dass Dein Roman gut ist – sehr gut sogar. Ich will hier ehrlich eingestehen, dass ich Dir eine solche Arbeit nicht zugetraut hätte. Stoff, Milieu, Aufbau, Zeichnung des Charakters, alles ist wohl gelungen. Der Dialog, der immer Dein Bestes war, ist vorzüglich, namentlich hast Du Dir die Sprache der Holmer Fischer so völlig zu eigen zu machen gewusst, dass sie überaus lebendig auf den Leser wirkt; sie ist bezeichnend für die Eigenart der schwerfälligen Menschen, die mit wenig Worten dennoch jedem Gefühl erschöpfend Ausdruck geben. Ich gratuliere Dir, mein guter Kerl, zu diesem Erfolge und frage bei Dir an, wie Du es mit der Auszahlung des Honorars von viertausend Mark zu halten wünschst. Ich denke, Du kommst bald her, da können wir es dann gleich erledigen und noch andres dazu. Ich habe nämlich einen bekannten Verleger für die Buchausgabe Deines Romans zu interessieren gewußt, er scheint nicht abgeneigt, das Buch beizeiten auf den Weihnachtsmarkt zu bringen. So schließe ich denn diesen Brief mit einem kurzen, fröhlichen Glückauf!

Dein ewig abgehetzter Kollege

Steiner

„Was das für mich bedeutet, wenn Steiner ein so warmes Lob ausspricht, das kann nur der verstehen, der seine Größe als Mensch und Schriftsteller kennt. Wenn er sich einer Sache annimmt, so ist sie geborgen. Ach, liebste Frau, ich bin wie beflügelt. Der erste wirkliche Erfolg! – und vielleicht bringt der Buchverlag den zweiten. Ich bin heute so siegesfroh, so überselig, dass ich etwas unternehmen muss, um die Zeit bis morgen hinzubringen.“
„Schon morgen wollen Sie fort?“ fragte Marianne bestürzt.
„Natürlich, ich muss doch alles ordnen. Einen Verleger lässt man nicht warten. Dieses stolze Gefühl, wenn ich das erste große Honorar in meinen Händen halte!“
„Legen Sie dem Gelde solchen Wert bei?“
„Das gehört mit dazu, Frau Marianne. Bedenken Sie auch, was das für mich bedeutet. Vielleicht die Freiheit von der furchtbaren Fronarbeit des Redakteurs oder des abgehetzten Journalisten. Ich bin arm und lebe vom Ertrag meiner Feder. Doch über alledem vergaß ich ganz des zweiten Schreibens. Nun kommen Sie an die Reihe, Marianne!“ rief er und blickte ihr mit seinen Augen, die den lachenden, übermütigen Ausdruck früherer Zeiten wiedergewonnen hatten, vielsagend in das liebe, schöne Gesicht, das in diesem Augenblick von innere Erregung noch blasser war als gewöhnlich. Umso intensiver leuchteten die dunklen, großen Augen, die ihn erwartungsvoll ansahen.
Raven begann zu lesen:
Lieber Kollege! Ich bin Ihnen stets gern zu Diensten, und in diesem Falle erfülle ich Ihre Bitte mit besonderer Freude, da das Märchen eine wohlgelungene Arbeit ist, so zart und fein wie Filigran, so eigenartig in seinen Gedanken und der geschickt und gut durchgeführten Moral, so schlicht in der Sprache. Sagen Sie der unbekannten Verfasserin, sie solle sich weite auf diesem Gebiet versuchen, ihre Erstlingsarbeit verriete großes Talent. Wann sehen wir sie wieder bei uns in Berlin, Sie glücklicher, freier Mann?
Es grüßt Sie Ihr im Joch der Arbeit seufzender
Kollege Gerber.

Nun war es an Marianne, in ausbrechendem Jubel nach dem Blatt zu greifen, um es gleich noch einmal zu lesen und dann zu bitten: „Ich darf es doch behalten, Raven?“
„Natürlich, Frau Marianne.“
Dann sahen sie sich beide in der glücklichen Stimmung des Augenblicks an. Das Glück war nicht an ihnen vorbeigezogen, es stand mitten zwischen ihnen, zwischen Mann und Weib, die sich eins wussten in ihren Zielen. Da packte es Hartwig Raven mit unwiderstehlicher Gewalt, und er umschlang die schöne, strahlende Frau mit seinen Armen, ihre schlanken, herrlichen Glieder ruhten eines Atemzuges Länge an seiner klopfenden Brust, dann ließ er die Verwirrte wieder frei und bat: „Vergeben Sie mir die Keckheit, liebste Frau, diese Umarmung galt der ganzen Welt!“
„Und da nehmen Sie die erste Beste!“rief sie mit ärgerlichem Lachen. Sie vermochte in dieser Minute nicht, böse zu werden.
„Ich will es nicht wieder tun!“ flehte er mit gut gespielter Reue. „Doch nun schlagen Sie etwas vor, das wir unternehmen wollen. Dieser letzte Tag muss festlich ausklingen. Vielleicht ist Ihr Gatte auch mit dabei!“
Diese letzten Worte, die Marianne für aufrichtig hielt, söhnten die junge Frau so völlig mit dem kecken Überfall aus, dass sie beschloss, dem Rat ihre Mannes zu folgen und  die Segelfahrt nach Haddeby mit Raven zu unternehmen. Ihr Plan fand jubelnden Beifall.
„Natürlich nehmen wir Süver Krübbe,“ bestimmte Marianne. Es war ihr heute lieb, den älteren, vertrauten Mann als Schutzwache bei sich zu haben.
„Ich bin mit allem einverstanden und folge blind Ihrer Führung, nur machen Sie mir den letzten Nachmittag so schön, dass die Erinnerung an die frohen Stunden mich für immer begleitet. Darum gewähren Sie mir die Bitte, dass Sie sich umkleiden. Sie sehen ja aus wie eine Fledermaus. Ich möchte alles festlich haben, wie ich schon sagte. Ich eile voraus und erwarte Sie an der Brücke.“
Schon sprang Raven in großen Sätzen die Stufen hinab und lief durch den Garten, und Marianne, die ihm einen Augenblick mit seltsamem Ausdruck nachgesehen hatte, verschwand in ihrem Schlafzimmer; um ihren schönen Mund lag ein stolzes Lächeln. Das Gefühl, einem Mann als Gefährtin so unentbehrlich zu sein, machte ihr Herz froh.
„Wie ein übermütiger Knabe!“ brach es plötzlich über ihre Lippen, als sie vor dem Spiegel stand und ein weißleinenes Kleid überwarf, das mit kunstvollen Spitzeneinsätzen verziert war. Sie hatte es erst gestern von der Schneiderin erhalten und für eine besonders festliche Gelegenheit bestimmt. –
„Wie entzückend sie heute ist!“ dachte Raven, als sie auf den Wartenden zukam. Der kleine, weiße Strohhut ließ sie besonders jugendlich erscheinen. Oder war es der verhaltene Jubel, der in ihr war, dass das Herbe nicht so Ausdruck gewann?
„Nun habe ich es recht gemacht?“ fragte sie, um nur etwas zu sagen, da sie sein Blick verlegen machte.
„Ich sah nie eine reizvollere Toilette, und ich verstehe etwas davon. Es ist lieb von Ihnen, dass Sie mir noch den Anblick gegönnt haben.“
Marianne war ihm schon vorausgeeilt und hielt nach Süver Krübbe Ausschau. Doch in dem schaukelnden Boot, das die Segel aufmachte, war ein ihr unbekannter Schiffer. Raven sprang in das Fahrzeug und reichte ihr die Hand hin.
„Wo ist denn Süver Krübbe?“
„Er ist fort nach Schleimünde. Warum zögern Sie? Steigen Sie ein, das Boot ist heut wie ein mutiger Renner, der über die weite Fläche fliegen will.“
Die junge Frau sprang hinein, und das Fahrzeug flog vor dem Winde her, dass es eine Lust war. Raven reichte ihr ein paar herrliche rote Rosen, die sie dankend im Gürtel befestigte.
„Wir kreuzen doch erst eine Weile, ehe wir nach Haddeby steuern? Der Wind ist gut.“
„Mir ist es recht.“
„Ich will Ihnen zeigen, was ich gelernt habe.“ sagte Raven stolz und setzte sich ans Steuer. Der alte Schiffer begnügte sich damit, hin und wieder den rechten Kurs anzugeben, sonst drehte er den beiden meist den Rücken und besorgte das Segel. Sie hätten die vertraulichste Unterhaltung miteinander führen können, aber sie sprachen wenig, obwohl das Herz ihnen so voll war. Marianne saß dicht neben Raven, sie war voller Freude über die rasche Fahrt und blickte mit weit geöffneten Augen über die Wasser, über die der Wind mit immer stärkerer Hand strich. Noch kräuselte sich die Flut, als ob Katzenpförtchen darüberglitten, und wenn der Wind eilends darüberlief, zeichnete er dunkle Streifen in das flimmernde Bild.
„Bravo!“ rief Marianne, als Raven das Boot sicher durch die Enge führte und sie in wildem Jagen in di große Breite einliefen. Der alte Schiffer, der bemerkt hatte, dass es seinen Fahrgästen nicht toll genug zugehen konnte, stellte die Segel so scharf in den Wind, dass der Bootsrand leewärts dicht am Wasser lag. Wie ein Vogel flog das gut gebaute Fahrzeug auf Luisenlund zu, um dann dicht unter Land zu wenden.
Hin und her, her und hin ging es auf der weiten Fläche, da, wo sich die Wellen immer höher emporhoben und sich, den übermütigen Menschen zuliebe, das Haupt mit glitzernden Schaumkronen schmückten. Es sollte ja heute alles festlich sein! Jetzt kamen schon die Brecher über Bord und übersprühten die beiden mit Spritzwasser. Die Tröpfchen blieben in den Haarwellen der jungen Frau hängen und blitzten in der Sonne wie Märchensteine.
„Es wird zu viel,“ ermahnte Raven, als Marianne nicht genug davon haben konnte. „Sie können sich erkälten, auch soll die Toilette frisch bleiben zu meiner Augenweide.“ „Zu Befehl, Herr Kapitän!“ antwortete die junge Frau lachend und sah dann voller Aufmerksamkeit zu, wie der Schiffer geschickt manövrierte, um vor dem Winde herzulaufen; der stand gerade Haddeby zu. Sie glitten in wunderbar weichem Auf und Nieder über den Rücken der Wellen, die sie hoben, schoben und trugen, um dann wieder mit eiligem Rauschen und Spritzen an dem Schifflein vorbeizulaufen und klatschend an das Ufer zu schlagen, ihre Ankunft in Haddeby im Voraus verkündend.
Zu ihrer Rechten lag das schöne Panorama von Schleswig, das seinesgleichen sucht. Ein feiner Nebel hüllte es ein wie das Schleiergewand einer Bajadere, die Reize nur so viel verhüllend, um sie noch verlockender zu gestalten. Doch nun fuhr der Wind mit übermütiger Lust schnaubend hinein, und die kecken Sonnenstrahlen folgten auf dem Fuß, mussten sie doch heute überall dabei sein. Da flohen die bösen Dünste vor ihrem Todfeind dahin, von wo sie gekommen waren, und warteten ihre Zeit ab, um bei dämmerndem Licht wieder heimlich heranzukriechen und ihr tückisches Spiel zu beginnen.
Nun lag die freundliche Stadt im herrlichsten Sonnenschein; die roten Dächer und Türme grüßten zu den Fahrenden hin, über die grünen Wasser der Schlei hinweg, deren Färbung immer dunkler wurde, je höher die Wellen gingen und es der weißen Schaumköpfe immer mehr wurden.
Das Boot legte an, und da Marianne zustimmte, dass der Heimweg zu Fuß gemacht werden sollte, wurde der Schiffer abgelohnt. Bald saßen sie beim Kaffee im Wirtsgarten, vor sich das leuchtend grüne Wiesenland, das sich zur Schlei hinabzog und den Blick auf Schleswig frei ließ. Raven hatte sich ausgebeten, heute den Wirt machen zu dürfen, und Marianne ließ es sich lächelnd gefallen. Das Paket, das er im Boot sorglich verstaut hatte, entpuppte sich, da alle Hüllen fielen, als ein reizendes Körbchen, das allerlei Backwerk barg. Es mundete gut zu dem duftenden Trank. Doch lange hielten sie nicht Rast, es zog sie weiter zu der alten Kirche, die inmitten ihres Friedhofes liegt, und von dort auf den höchsten Punkt des Gehölzes, das eigentlich und mit Recht den Namen „Hochburg“ führt. Sie lagen auf einer mit dichtem Waldgras bewachsenen Lichtung und blickten hinaus ins Land.
Marianne erzählte; sie wusste gut Bescheid in der Historie von Haddeby. Jeder Fußbreit Boden war hier berühmt.
„Von der Oldenburg am Haddebyer Noor zog sich in alter Zeit der achtzehn Meter hohe Steinwall, das Dannewerk, bis zum jetzt ausgetrockneten Dannewerker See hin, wo die Thyraburg stand. Die ältesten Teile sollen schon 808 erbaut worden sein, und noch im Schleswig-Holsteinischen Krieg 1864 hat er seine Rolle gespielt, wenn auch eine sehr klägliche. Jürgen meint, dass die noch erhaltenen Teile Jahrhunderten Trotz bieten dürften.“
Obwohl Raven sich für dergleichen ernsthafte Dinge gar nicht interessierte, stellte er immer neue Fragen, um nur ungestört in das ernste Gesicht blicken zu dürfen, das mit träumenden Augen in die sonnige Weite sah, während die süße Stimme alte Mären erzählte. Doch zuletzt verlangte es ihn nach anderm Gesprächsstoff, und er unterbrach die junge Frau mitten in einer glühenden Schilderung von dem großen Waldemar, dessen Regierung nur zu oft von Verrat und Meuchelmord zu berichten weiß.
„Frau Marianne, lassen wir dem schlechten Kerl seine Ruhe im Grab und sprechen wir von besseren Menschen, nämlich von uns beiden. Sie werden recht fleißig sein, wenn ich fort bin, nicht wahr? Sie dürfen mir Ihre Arbeit ruhig zusenden, aber eins müssen Sie mir versprechen, dass Sie nicht empfindlich werden, wenn meine Kritik Ihnen nicht passt.“
„Ich werde überhaupt nichts arbeiten, wenn Sie fort sind. Das fühle ich schon jetzt.“
„Warum nicht?“ fragte Raven, während sein Herz zu klopfen begann.
„Weil mir jede Anregung fehlt.“
„Sie müssen aus sich selber schöpfen.“
„Das will wohl gelernt sein. Vielleicht kommen Sie wieder, wenn Sie in Berlin das Geschäftliche erledigt haben. Der Herbst ist so schön bei uns, Berlin bleibt Ihnen ja immer.“
„Es geht nicht. Wir Großstadtmenschen brauchen das Leben und Treiben, das Hasten und Jagen, es ist wie ein Fluch, der auf uns liegt.“
„Und ich würde dort sicher stets fremd bleiben.“
„Sie kennen es nicht, Frau Marianne. Kommen Sie! Versprechen Sie es mir, dass sie nach Berlin kommen wollen. Ich habe eine gute Freundin, bei der wohnen Sie; ihr Mann ist Schriftsteller. Es ist Steiner, der meinen Roman für ein Blatt erwarb. Eine bessere Kameradin könnten Sie gar nicht finden, und dort lernen Sie das Völkchen meiner Kollegen und Kolleginnen von der besten Seite kennen. Sie müssen einfach kommen, Sie sind es sich selber schuldig. Sie werden es erleben, wie dann alle Brunnen in Ihnen hervorquellen, und wie das andre Ich, von dem Sie nichts wissen wollen, zu schaffensfrohem Leben erwacht. Schlafen Sie nicht wieder ein, Marianne, wenn ich fort bin.“
Raven legte eine stürmische Note in die letzten Worte. Der Abschied wurde ihm schwerer, als er es sich eingestehen wollte. Es war etwas in seinem Ton, das die junge Frau ernstlich packte. Sie nahm ja stets alles so schwer, und ehrlich, wie sie selber war, glaubte sie an seine aufrichtige, herzliche Teilnahme und an eine treue, uneigennützige Freundschaft, die auch die Entfernung überdauern würde. Trotzdem sagte sie: „Wenn Sie wieder in Ihrem großen Berlin sind, vergessen Sie uns Kleinstädter ja doch.“
„Das glauben Sie selber nicht, verehrte Frau. Die Zeit in Schleswig wird mir schon darum unvergesslich sein, weil sich mein erster großer Erfolg an mein Hiersein knüpft.“
„Ich werde mir sofort die Zeitung bestellen. Dann plaudern Sie mir jeden Tag etwas vor.“
„Recht so, und zum Schluss schreiben Sie mir Ihr Urteil, und zwar so ehrlich, wie ich Sie stets gefunden habe. Und Sie senden mir Ihre Arbeiten, schrieben mir über Ihre neuen Ideen.“
„Sie sagten doch, man solle so etwas nicht bereden.“
„Als Anfänger braucht man es meist, es wird einem alles viel klarer, wenn man es mit einem fachkundigen Mann, und so darf ich mich wohl nennen, bespricht. Ich glaube, Sie schreiben gute Briefe, wie die meisten Frauen. Ich werde Ihnen immer antworten. Vielleicht ist es mir vergönnt, die Lücke auszufüllen, die Ihnen im Verkehr mit Ihrem Mann so fühlbar wird. Lassen Sie sich von Hoffmann interessante Menschenschicksale erzählen, ein Arzt ist ja zugleich Beichtvater und gewinnt oft tiefen Einblick in manches Familienleben.“
„Mein Mann ist so diskret, dass ich nie etwas erfahre. Niemals verlangt er meine Hilfe, er hält mich, wie Sie es doch auch zur Genüge haben beobachten können, von allem fern.“
„Schade, Sie würden auf diese Weise den Stoff zu größeren Arbeiten gewinnen.“
„Es ist nicht zu ändern. Doch nun lassen Sie uns an den Heimweg denken, er ist weit.“
„Es bleibt jetzt lange hell, und Ihr Mann kommt erst spät heim. Kürzen Sie nicht mutwillig.“
So verweilten Sie noch plaudernd auf dem sonnigen Fleckchen, sie sahen die Sonne über Schleswig sinken und den Himmel in purpurner Abendröte über Stadt und Wasser stehen, bis nur noch tiefe, warme Farbentöne in die anbrechende, helle nordische Sommernacht leuchteten.

„Es ist wie ein Abschiednehmen,“ sagte leise die junge Frau.
„Aber nur für kurze Zeit, denn morgen kehrt die Sonne wieder.“
Erneut schwiegen sie beide und dachten dasselbe, dass sie morgen für lange – vielleicht für immer geschieden sein würden.
„Sie dürfen mich nicht für immer allein lassen, lieber Freund,“ begann die weiche Stimme Mariannes, „jetzt, so Sie all das Neue in mir wachgerufen haben. Wer soll mir raten, wer mir helfen, wenn die Einsamkeit wieder in erdrückender Schwere über meinem Leben liegt?“
„So machen Sie sich für eine Weile frei. Die Ehe ist doch kein Kerker, Sie sind ein freier Mensch mit denselben rechten wie ein Mann. Kann oder will Ihr Gatte sich niemals freimachen, so lassen Sie sich Ihre Erholungszeit nicht nehmen. Rufen Sie eine Hilfskraft herbei, und gehen Sie für einige Wochen in die schöne Gotteswelt. Ich wette, Sie werden noch Geschmack daran finden, so ganz allein Herr Ihrer Zeit und Ihres Willens zu sein.“
Marianne schwieg. Da war ein Etwas, über das sie nicht hinweg konnte. Aber Raven sah, wie seine Worte in ihr arbeiteten, und wie auf der schönen Stirn eine tiefe Furche stand. Jetzt blickte sie ihn mit großen, ernsten Augen an und mahnte: „Nun müssen wir wirklich fort. Ich bin auch in Unruhe wegen Jürgen, vielleicht kommt er doch früher heim. Er ist gewöhnt, mich stets zu dieser Stunde daheim zu finden.“
Das war ihre Antwort auf seine Worte, doch sie enttäuschte ihn nicht. Gut Ding will Weile haben, und ein Baum fällt nicht auf den ersten Streich. Er fühlte sich schon so verwachsen mit dem Schicksal dieser ungewöhnlichen Frau, dass er sich klar wurde, er würde sich niemals wieder ganz von ihr lösen. Er fürchtete sich auch vor der kommenden Einsamkeit, dann würden die heimlichen Stimmen sich wieder regen, und das Bewusstsein seiner Schuld fiel als bitterer Tropfen in den schäumenden Trank, den der erste Erfolg ihm reichte.
Es waren zwei ernste Kameraden, die die Fahrstraße nach Friedrichsberg entlang wanderten, zur Rechten das grüne Wiesenland, das sich bis zur Schlei hinabzog, und über dem Wasser den Blick auf die immer mehr in Abenddämmerung versinkende Stadt. Wenn auch der Himmel noch hell war, so lagerten sich schon die Schatten über den Weg, und auf dem Grasland traten die weißen Silbernebel zum abendlichen Reigen an. Marianne pflückte jede Blume, die am Weg stand, und füllte das zierliche Körbchen damit, das Raven ihr geschenkt hatte. Er trug auch selbst manche Blüte herzu, die ihr unerreichbar war.
In Friedrichsberg bestiegen sie die Pferdebahn und fuhren bis zum Hesterberg. Raven wollte noch einmal mit Marianne zusammen beim Abendschein über Stadt und Wasser hinweg weit hinaus ins dämmernde Land sehen, über dem der Mond als gelbrote Scheibe langsam und feierlich emporschwebte, als wolle er Raven noch zum Abschied seine sinnverwirrenden Zauberbilder vormalen.
„Wir müssen uns beeilen, wenn wir das Schauspiel recht genießen wollen,“ sagte Raven, als sie die steile Treppe hinaufstiegen, die den Weg als Schützenkoppel kürzte.
Nun standen sie droben ganz allein auf der tauigen Wiese. Die Kühe und Schafe, die hier weideten, lagen schon behaglich wiederkäuend dicht zusammengedrängt am dichten Knick, der die Koppel begrenzte. Kein Mensch weit und breit, über sich das helle, unendliche Himmelsgewölbe, das in fahler, lichter Bläue schimmerte, dicht zu ihren Füßen die Stadt, wo sich in Höfen und Dachwinkeln schwarze Schatten breiteten und in den Gärten dunkle Baumwipfel sich wiegten und ihr leise rauschendes Abendlied sangen. Und dann das große, weite Wasserbecken der Schlei, auf dem die Wellen noch immer nicht zur Ruhe gegangen waren. Sie nahmen sich ein Beispiel an den weißen Nebeln, die ihren tollen Spuk auf den Wiesen trieben. Sie reichten sich die Hände und hoben die schaumbedeckten Köpfchen zu wildem, übermütigem Tanze immer höher empor, als wollte eine jede die erste sein, der die Mondstrahlen das Haupt mit funkelnden Demanten krönen sollte. Schon blitzte es hier und dort, bis es ein unabsehbares Funkeln und Leuchten wurde – der Mond hatte seine silberne Straße zum Wasser gebaut, auf der die Strahlen lustig erdenwärts eilten, alles mit vollen, verschwenderischen Händen mit flutendem Licht überschüttend.
Auch die schlanke Gestalt Mariannes umwoben sie mit strahlendem Silberschein; doch auf den blassen Wangen vermochten sie keine roten Rosen zu malen, die junge Frau sah geisterbleich aus. Umso tiefer war aber das Leuchten in ihren Augen, mit denen sie die Schönheit ihrer herrlichen Heimat mit vollen Zügen in sich trank.
„Wer das zu schildern vermöchte, Raven!“ sagte sie leise. „Kein Menschenwort vermag den Zauber solcher Stunden zu malen, man muss sie erleben.“
„Und mit einer gleichgestimmten Seele genießen, teure Frau, dann werden sie unvergesslich. Hatte ich nicht recht, als ich mir diesen Anblick zum Abschied erbat?“
„Ja, mein lieber Freund. Doch nun muss ich heim, es ist die höchste Zeit. Alles muss ein Ende haben, auch dieser schöne Tag.“
Schweigend und mit zögernden Füßen durchschritten sie die Koppel und tauchten in die dunkle Nacht des Gehölzes. Bald war die Pforte erreicht, der Schlüssel drehte sich um, es hieß sich trennen.
Lange lagen die Hände ineinander zum letzten Gruß, noch ein leises Lebewohl, ein Glück auf die Reise, und Raven stand allein in Dunkelheit und Schweigen, währen die schlanke, weiße Gestalt wie ein blasser Schemen zwischen den Baumstämmen verschwand. Es war dem Manne, als habe ihn sein guter Geist verlassen, und alles Schlimme bräche über ihn herein. Er musste noch einmal ihr liebes Gesicht sehen, die klugen, ernsten Augen, den stolzen, schönen Mund, die ganze geliebte, verehrte Frau, den getreuen Kameraden.
Eilenden Fußes lief er ihr nach  und holte sie mitten unter ihren Blumen ein. Sie wandte sich ihm zu und stand im flutenden Mondschein, selbst so rein und fleckenlos wie das göttliche Licht. Mit brennenden Augen, im Herzen ein stürmisch wildes Verlangen, umfasste er das schöne, blasse Bild. Mit einer ungestümen Bewegung griff er nach ihren Händen und presste die heißen Lippen darauf.
„Dank und nochmals Dank für das, was Sie mir gaben. Es waren die glücklichsten, friedlichsten Tage meines Lebens. Keine Frau war mir das, was Sie mir waren. Bewahren Sie mir Ihre Freundschaft, liebe, verehrte Freundin, und dann schenken Sie mir noch einige der köstlichen Rosen zum Abschied.“
Marianne pflückte einen großen Strauß, und als sie ihn zum letzten Mal in die leuchtenden, heißen Augen blickte, hob ihre Brust ein schwerer Atemzug, dann sprach ihre liebe Stimme: „ ,Sich begegnen und scheiden ist des Lebens Gang – scheiden und sich begegnen ist der Hoffnung Gesang.’ Dieser alte schwedische Spruch möge Ihnen das Geleit geben. Gött schütze sie auf Ihren ferneren Wegen. Leben Sie wohl!“
Der Mann sah die Träne, die ihr im Auge stand, er sah sie ruhig von ihm wegschreiten durch all den Glanz und Schimmer, seine Hand hob sich nicht, sie zu halten, keins der glühenden Liebesworte, die ihm im Herzen brannten, kam über die Lippen – zu dieser Stunde war sie ihm heilig.
Lange noch irrte er in den Straßen Schleswigs umher, zuletzt trieb ihn ein unerklärliches Verlangen nach dem Holm. Er öffnete leise die Eingangspforte des Kirchhofes und trat an Marens Grab, seine Hand hielt noch Mariannes Rosen. Er bettete sie sorglich auf dem grünenden, blühenden Hügel, Rosen zu Rosen! Es war ein ihm selber unverständliches Tun. Wollte er die Tote versöhnen, weil er ihrem Andenken nicht treu geblieben war, und das Bild einer anderen Frau sein Herz erfüllte? Oder war es eine stumme Bitte um Vergebung seiner großen Schuld? Ruhelos, im Widerstreit seiner Gefühle eilte er heim, aber nicht ungesehen. Süver Krübbe, den seine heftigen rheumatischen Schmerzen nicht schlafen ließen, saß in seinem großen Lehnsessel am niedrigen Fenster und verfolgte mit seinen scharfen Augen neugierig den Besucher des Kirchhofes, in dem er später bei seinem Vorbeischreiten deutlich Raven erkannte.
„Er ist doch ein ehrlicher, treuer Mensch,“ murmelte er vor sich hin. „Und unsre Maren hat er sehr lieb gehabt.“

Die nächste Fortsetzung erscheint am Freitag, den 23. Februar 18.