Was bisher geschah:

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Sechstes Kapitel
Lähmend lag über Marianne Hoffmann die Einsamkeit. Das Gefühl der Öde und Leere steigerte sich bei ihr, seitdem Raven von ihr gegangen war, zur Unerträglichkeit, und dennoch klagte sie ihrem Mann gegenüber nie. Es war ihr sogar lieb, dass sie in dieser Pein der Sehnsucht nach dem anregenden, teilnehmenden Freund allein war. Sie versuchte sich an der mittelalterlichen Novelle, sie suchte den Kreuzgang der Domkirche auf und starrte auf die stillen Gräber bei Sonne und Regen. Aber es kam keine Schaffenslust über sie; was sie schrieb, wurde zerrissen. Nun begann sie ein Märchen, die Idee war gut, aber die Darstellung, die Sprache blieben tot.
Auf ihren Morgenspaziergängen suchte sie alle Orte auf, die Raven besonders lieb gewesen waren; so nahm sie mit Vorliebe ihren Weg durch die Schützenkoppel. Vergeblich hoffte sie, dort Geist von seinem Geist zu werden, ihr Gehirn versagte. Sie begann, sich die Marter täglicher Übungsstunden aufzulegen, aber während die Finger mechanisch die eintönigen Läufe und Akkorde spielten, weilten ihre Gedanken in der schönen Zeit, da er hier lauschend gesessen hatte, da seine Stimme hier erklungen war. Ja, es geschah ihr, dass sie, die Übungen jäh abbrechend, eines seiner besonders geliebten Stücke spielte und beim Schluss sich umdrehte, als müsse er auf dem gewohnten Platz bei der großen Palme am Fenster sitzen.
Wie hatte sie sich seines Beifalls gefreut, wenn sie wieder einen Schmuck für ihr Musikzimmer erstanden hatte, und er selbst hatte den Platz dafür ausgesucht. Alles hell und licht, weiche, warme Farben, die Möbel von dunkelrotem Holz, dem sich der graugrüne Ton des Überzugs so harmonisch anpasste. An den Fenstern zarte, gestickte Tüllvorhänge, über die von leuchtenden Messingstäben herab leichte, einfarbig grüne Seide fiel. Eine große Palme, um die sich allerlei kleinere Blattpflanzen und blühende Gewächse gruppierten, stand vor dem hohen, breiten Fenster, das den größten Teil der Wand einnahm. Auf dem Parkett verstreut lagen einige große Pelzdecken und kleine, echt orientalische Teppiche, bei deren Auswahl Ravens Geschmack und Erfahrung ihr zur Seite gestanden hatten. Sessel, Taburetts (Schemel), und Tischchen jeder Form vereinigten sich zu kleinen Gruppen. Aus einer Ecke schob sich ein breites Ruhebett, über dem ein schwerer persischer Teppich lag, weit in den Raum.
Hier ruhte Marianne oft, in trübe Träumereien versunken, zu träge, sich zu irgendeiner geistigen Arbeit aufzuraffen. In diese allgemeine Schlaffheit und Unlust fiel der Beginn des Romans von Hartwig Raven. Wie ein belebender Trank wirkte diese tägliche Lektüre auf Marianne. Sie konnte die Morgenpost kaum erwarten. Sie lebte und litt mit den darin geschilderten Personen, sie ging auf deren Wegen, indem sie die Stätten aufsuchte, wo die Handlung sich abspielte. Sorgfältig sammelte sie Nummer zu Nummer, um den vollendeten Roman ihrem Mann zum Lesen zu geben.
Und als das Schlusswort gesprochen war, schrieb sie einen begeisterten Brief an Raven, in dem sie die Arbeit unvergleichlich nannte. Dann suchte sie ihren Mann auf, der sich eines ruhigen Sonntagvormittags erfreute, und legte ihm die Zeitungsnummern auf den Schreibtisch.
„Du musst ihn lesen, Jürgen,“ schloss sie ihre kleine Rede, in der sie die Vorzüge des Romans hervorhob.
„Gerade dich muss er besonders interessieren wegen der sich darin entfaltenden Heimatkunst.“
„Heimatkunst? –Was weiß denn Raven von unsrer Heimat?“
„Das ist ja gerade das Erstaunliche, wie er sich diese zu eigen gemacht hat.“
„In acht Wochen!“ spottete Hoffmann. „Nein, Marianne, nimm die Blätter nur ruhig wieder mit, zu solcher Romanleserei fehlt mir jede Zeit. Es wird in unseren Tagen überhaupt viel zu viel geschrieben. Der Markt wird überschwemmt mit einer sich stetig erneuernden Flut von Belletristik, während man früher wenige, aber gute Bücher sein eigen nannte, mit denen man wie mit treuen Freunden eifrigen Verkehr pflegte. Ich bin in diesem Punkt altmodisch geblieben.“
„Ich begreife dich nicht, Jürgen,“ eiferte Marianne. „Gerade du, der du stets in deinem schweren Beruf tätig bist, müsstest sich mit leichterer Lektüre auffrischen. Deine sogenannten Bücherfreunde bleiben übrigens auch wohl verschlossen hinter den Glasscheiben deines Bücherschrankes, während du die Mußestunden auch noch mit Studien in Fachblättern ausfüllst.“
„Wer in meinem Beruf nicht weiterstrebt, mit dem geht es den Krebsgang.“
„Wirst du denn in diesem Herbst die mir versprochene Reise ausführen?“
Hoffmann blätterte verlegen in dem Buch, das aufgeschlagen vor ihm lag. „Diesen Herbst? – Hm, das passt zu schlecht. Ich bin im September und Oktober ganz unabkömmlich.“
„Wie immer,“ fiel Marianne resigniert ein. „Das geht so lange, bis du selbst wegen gänzlichen Zusammenbruchs einen Arzt brauchst. Glaubst du denn, ich bemerke es nicht, wie abgespannt du oft bist? Soll ich aus Rücksicht auf die Patienten schweigend zusehen, wie du bei dieser rastlosen Arbeit zugrunde gehst?“
„Du übertreibst, Kind,“ wehrte Hoffmann ungeduldig ab und vertiefte sich wieder ostentativ in seine unterbrochene Lektüre.
Seine Frau kannte diese Art von wortloser Abwehr, die sie stets bis aufs Blut stachelte. Sie griff zu den Zeitungen und verließ das Zimmer; sie hatte es längst aufgegeben, mit ihm darüber zu streiten. Wozu sollte sie sich die Stimmung verderben? Sie zog sich in ihr Tuskulum zurück, über dem noch immer die Lindenblätter rauschten, zog sich einen bequemen Rohrsessel auf die Stelle, von der sie über die breiten Stufen hinweg den Blick in den Blumengarten frei hatte, und begann den Roman noch einmal im Zusammenhang durchzulesen.
Ein feiner Hauch von Reseda lag in der Luft, dem sich der Duft der vielen Rosen zugesellte. Blühen in Schleswig die Rosen doch von Juni an ununterbrochen bis zum Spätherbst. Die feuchte Luft begünstigt das Wachstum, und die ausdörrende Hitze fehlt. Das Auge der Lesenden ruhte von Zeit zu Zeit mit herzlicher Freude auf der bunten Pracht, in der sich die herrlichen Kaktusdahlien besonders breit machten. Auch die buschartigen Bäumchen der Hortensie wuchsen aus den dunkelgrünen Arabesken des Efeus wie weißrosige Kerzenpyramiden hervor, während die brennendroten Blüten der Kapuzinerkressen sich wie lodernde Flammen bis in das dichte Gebüsch verloren.
Die Stunden vergingen. Die Schelle der Haustür schellte einmal auf und rief den Arzt doch noch hinaus. Das Mädchen meldete, es habe das Essen in die Kochkiste gestellt, Frau Doktor brauche es nur herauszuholen, und der Tisch sei gedeckt. Marianne nickte nur und hörte bald darauf auch das Mädchen das Haus verlassen. Nun war sie ganz allein, und das war ihr recht. Hartwig Raven wäre zufrieden gewesen, wenn er hätte sehen können, wie seine Arbeit die Leserin in ihrem Bann hielt, dass sie alles darüber vergaß.
Nun war sie zu Ende und blieb träumend liegen. Wer so schaffen könnte! Immer derselbe Wunsch war es, der sie erfasste. Wie reich wäre alsdann ihr Leben. Nichts würde sie brauchen, als die Anregung gleichgestimmter Seelen, aber auch das nur für kurze Stunden oder Zeiten, und dann würde sie sich in ihre Arbeit versenken mit fiebernden Pulsen und klopfendem Herzen. In diesem Augenblick fühlte Marianne ahnend voraus, was ihr spätere Jahre verwirklichen sollten.
Von diesem Tage an fiel alle Unlust von ihr ab, und wie man ein neues, schönes Gewand anzieht, so hüllte sich ihre Seele in festlich frohe Stimmung, die noch verstärkt wurde durch einen jubelnden Brief ihres Freundes.
„Man hat meinen Roman in einem großen Verlag angenommen, er wird auf dem Weihnachtsmarkt rechtzeitig erscheinen. Der Verleger macht mir große Hoffnungen, und Freund Steiner, der Vorsichtige, Schwerzubefriedigende, stimmt dasselbe Lied an. Seine geistvolle, liebenswürdige Gattin beschämt mich fast durch ihr Lob. Und nun kommt auch Ihr längst von mir erwartetes Schreiben. Wie es mich beglückt, verehrte Frau! Sie schreiben ganz so, wie Sie plaudern, frisch und natürlich, so voll sprudelnden Lebens. Dass Sie gleich nach der Beendigung des Romans im ersten Impuls zur Feder griffen, machte mir Ihr Urteil besonders lieb. Wer, wie ich, soviel fachmännisch Kritisches hören muss, den mutet solch ungekünstelte, fast naive Beurteilung besonders sympathisch an. Nur eins betrübt mich, dass Sie nicht arbeiten können, dass Ihnen die Stimmung fehlt. Tun Sie wie ich und schaffen Sie sich rücksichtslos die Ruhe, derer Sie bedürfen. Ich beginne jetzt eine neue Arbeit, mit deren Stoff ich mich schon seit Jahren beschäftige, dazu suche ich mir ein idyllisches Plätzchen aus, fernab von der großen Heerstraße. Bei Ihnen gibt es deren doch wahrlich genug, Sie haben die Auswahl. Zum Beispiel, wie wäre es mit der Holsteinischen Schweiz, wo der Geist unsrer großen Lyriker umgeht? Teilen Sie mir umgehend mit, ob sie sich entschlossen haben, und wohin Sie Ihre Schritte zu lenken gedenken, damit ich Sie in Gedanken dort suchen kann.
Wo mögen meine Zeilen Sie erreichen, vielleicht in Ihrem Tuskulum, dessen stillen Zauber ich so oft gespürt habe? Ihr Bild begleitet noch immer auf allen Wegen
Ihren getreuen Freund
Hartwig Raven.“

Marianne las den kurzen Brief immer wieder, als müsse ihr daraus eine Offenbarung werden. Die Forderung: „Tun Sie wie ich und schaffen Sie sich rücksichtslos Ruhe!“ verfolgte sie Tag und Nacht. Sie krankte zuletzt geradezu daran, dass sie nicht Herr ihrer selbst war, dass die Sorge für den Haushalt, die Annahme von Bestellungen und die stete Bereitschaft für ihres Mannes unregelmäßiges Heimkommen sie in ihrer wiederbegonnenen schriftstellerischen Arbeit störte. Jürgen erlaubte nicht, dass ein zweites Mädchen gehalten wurde. Sie fühlte jetzt wieder die Kraft in sich, etwas Gutes zu schaffen, aber die vielen Störungen erlaubten ihr nicht, sich an etwas Größeres zu wagen.
Der September brach an, und mit ihm kamen nach regnerisch nasser Zeit herrlich warme Tage. Sie sehnte sich hinaus wie ein armer, eingesperrter Vogel. Zuletzt wurde sie so elend von dieser unausgesprochenen Sehnsucht, dass es selbst ihrem Mann auffiel.
Er kam heim und begegnete auf dem Lollfuß seiner Frau, die noch einen Gang in Wirtschaftsangelegenheiten machen wollte. Als sie ihm nun so entgegenschritt, umfasst er plötzlich mit dem Auge des Arztes ihre Erscheinung, er bemerkte verwundert ihren langsamen Schritt, die lässige Haltung und die geisterhafte Blässe ihres Gesichts. Auch die sonst so lebhaften Augen blickten
merkwürdig müde vor sich hin. Als sie ihn erblickte, bemühte sie sich zu lächeln und gab ihrer Gestalt einen Ruck. Über die Wangen flog eine jähe Röte, als ob sie auf unrechten Wegen ertappt sei.
„Was siehst du mich so sonderbar an, Jürgen?“
„Du bist doch nicht krank, Marianne?“
„Wie kommst du auf solchen Unsinn? Nein, vor mir hast du Ruhe.“
Es klang ein wenig spöttisch, so gar nicht wie seine Frau zu sprechen pflegte, und er beschloss, sie weiter zu beobachten.
„Verzeihe, wenn ich noch rasch meine Besorgungen erledige, ich komme sofort heim. Lass dir vom Mädchen bringen, was du haben willst.“
„Ist nichts mit der Post gekommen?“
„Sie war noch nicht da, als ich fortging,“ antwortete Marianne und ging eilends weiter – jede Müdigkeit war verschwunden.
„Ich habe mich vielleicht doch geirrt,“ dachte Hoffmann und schritt weiter.
Zuhause fand er den Geldbriefträger, der gerade unverrichteter Sache weitergehen wollte. „Gut, dass ich Sie antreffe, Herr Doktor, ich habe Geld für Ihre Frau.“
Hoffmann unterschrieb und nahm fünfzig Mark in Empfang, er legte das Geld nebst dem Abschnitt der Anweisung auf Mariannes Schreibtisch und las gar nicht den Namen des Absenders, in dem er dem Schwager vermutete. Als die junge Frau heimkam, hörte sie, dass Jürgen noch nach keinem Frühstück verlangt hatte. Sie bereitete es rasch selbst und trug es ihm hinein.
„Hier, Jürgen, dein Frühstück, iss etwas, bevor du wieder fortgehst.“
„Ja, ja,“ sagte er und blickte zerstreut auf. „Ich habe Geld für dich angenommen, fünfzig Mark; es liegt auf deinem Schreibtisch.“
„Geld?“
„Von deinem Bruder wohl, ich habe nicht nachgesehen.“
Wieder vertiefte sich der Arzt in seine Postsachen. „Hier ist übrigens auch etwas für dich, wohl ein Katalog!“
Marianne hielt eine große Drucksache in Händen und blickte gleichgültig darauf hin. Mit fett gedruckten Buchstaben leuchtete ihr der Name des Absenders entgegen, es war der Verlag der Zeitschrift, die ihr Märchen angenommen hatte. Sie riss mit fiebernder Hast die Umhüllung ab, schlug eine der darin enthaltenen Nummern des Familienblattes auf und fand in der Jugendbeilage ihr Märchen. Nun wusste sie auch, dass das Geld das Honorar für ihre Arbeit war. Sie blickte auf ihren Namen, sie las die Anfangsworte – es kam wie ein Taumel über sie.
Gedruckt! – Zum ersten Mal in ihrem Leben war das, was sie in stillen, schönen Stunden geschaffen hatte, gedruckt worden. Viele tausend Menschen hatten es gelesen, sich vielleicht daran erfreut; würde es doch in seiner ganzen Feinheit nur von Erwachsenen gewürdigt werden. Und dann das Honorar! Fünfzig Mark selbstverdientes Geld! Das war ihr lieber als die Tausende an Zinsen, die ihr Vermögen ihr alljährlich mühelos in den Schoß warf.
„Nun, was stehst du da so stumm hinter mir? Sind die Wunderwerke der Schneiderkunst so überwältigend für dich?“
„Hier!“ sagte sie mit rauer Stimme. „Wenn du mir einen sehr großen Gefallen tun willst, so opfere mir ein Viertelstündchen und lies dieses hier.“
Verständnislos blickte Hoffmann zu ihr auf, las dann aber gehorsam den Titel des Märchens, das sie vor ihn hinlegte: „Das Sonnenkind“, Märchen von Marianne Hoffmann.
„Lies“ Ich bitte dich, so sehr ich kann! Lies diese erste Arbeit von mir, Jürgen, und dann sage, was du mir zu sagen hast, und ich werde dir Rede stehen,“ flehte die erregte Frau und drückte ihren Mann wieder auf seinen Sessel nieder, aus dem ihn die Überraschung emporgetrieben hatte.
Es war so selten oder wohl noch nie, dass er Marianne hatte derart bitten hören, dass er ihr stumm willfahrte und las. Sie stand derweil scheinbar ruhig neben ihm und wartete, bis er die Nummer beendet hatte, um ihm die zweite vorzulegen, dann ließ sie sich wie erschöpft in einen Sessel fallen und starrte auf den Leser, dessen Profil ihr zugewandt war.
Sie wusste, dass ihr Mann in seiner Jugend ein besonderer Freund von Märchen gewesen war, ja, dass er noch jetzt alle seine Lieblinge kannte, als habe er sie erst kürzlich gelesen. Er hatte oft darüber gescherzt, aber eines Tages sollte es ihr bittere Tränen entlocken, und zu ihres Mannes Bestürzung hatte sie gerufen: „Und du wirst niemals deinen Kindern diese Märchen erzählen können!“
Wie hatte er sie damals an seine Brust gezogen und sie getröstet, auf die Zukunft verweisend. Ach, die Zukunft hatte dieses Blatt, auf dem im Laufe der Jahre viel Liebe und viel Schmerz, alle frohe Hoffnung und bittere Enttäuschung geschrieben wird, leer gelassen, so trostlos leer.
Hoffmann hatte geendet und wandte sich zu ihr. Noch nie hatte Marianne ihn so ernst gesehen.
„Du wünschest mein Urteil zu hören, Marianne?“
„Ja, ich brenne darauf.“
„Du hast ein wundersam feines, liebliches Märchen geschaffen, wie ich es dir niemals zugetraut hätte.“
Mit einem Jubellaut sprang Marianne auf und wollte sich im Überschwang ihrer Gefühle an seine Brust werfen. Eine Handbewegung ihres Mannes hielt sie ab.
„Du hast es für richtig gefunden, mir dies alles zu verheimlichen. Deine Arbeit, die Einsendung und Annahme bis zur vollendeten Tatsache. Du wolltest mir wohl mit dem Abdruck in einer unsrer besten Zeitschriften imponieren?“
„Ich dachte, dieser würde erst in deinen Augen der Arbeit den Stempel des vollen Wertes aufdrücken.“
„Gewiss, du siehst ja, dass es mir eine wirklich verblüffende Überraschung bereitet hat. Doch nun eine Frage: Wusste Raven darum?“
„Ja.“
„Seinem Einfluss verdankst du wohl auch die glatte und rasche Annahme deines Märchens? Denn ich habe mir sagen lassen, das es bei Anfängern, und wenn sie auch die besten Sachen schreiben, Jahre bedarf, um einen solchen Erfolg zu haben, wie er deiner ersten Arbeit zuteil wurde.“
„Das ist auch Ravens Ansicht, und er hat sich darum für mich verwandt. Der Redakteur dieser Zeitschrift ist sein bester Freund.“
„Hast du dir nie gesagt, dass es mich kränken müsste, dass du mit Übergehung meiner Person diesem fremden Mann ein solches Vertrauen schenktest, während du mir alles verheimlicht hast?“
„In diesem Sinne habe ich mein Tun nie betrachtet.“
„Vielleicht hast du gedacht, ich würde dir verbieten, zu schreiben.“
„Vielleicht,“ antwortete Marianne wortkarg, obwohl sie ahnte, was nun kommen würde; kannte die doch Jürgens Abneigung gegen die Schriftstellerei im allgemeinen und schriftstellernde Frauen im besondern.
„Du trägst jetzt meinen Namen, Marianne, und du hast, ohne mich zu fragen, diesen Namen an die Öffentlichkeit gebracht, mit deiner Arbeit jedem Leser das Recht gebend, sie ebenso öffentlich zu beurteilen. Weißt du eigentlich, was das heißt, die allgemeine Kritik herauszufordern oder, noch richtiger ausgedrückt, mit dem, was du schaffst, dich der gefürchteten und oft boshaften Kritik zu unterwerfen?“
„Ich habe doch nichts Schlechtes geschaffen.“
„Nein, sondern in diesem Rahmen sogar etwas sehr Gutes. Aber glaubst du wirklich, dass du hierbei stehenbleiben wirst?“
„Nein.“
„Also! Um den abgedroschenen Vergleich, der hier aber so sehr treffend ist, zu gebrauchen: Hat der Löwe erst einmal Blut geleckt, so ist es aus mit aller Bezähmung. So wirst du eben deinen Weg weiter verfolgen, und dieser Raven, dem ich in dieser Stunde die Freundschaft aufsage, wird dir vielleicht noch zu weiterem Fortkommen verhelfen. Du wirst dich an Größeres wagen, das du nicht beherrschen wirst. Das Fiasko wird nicht ausbleiben, und mein Name wird die Zeche bezahlen.“
„Warum misstraust du meinem Können?“
„Weil ich deinen Ehrgeiz kenne. Sage mir ehrlich, ob du dich nicht schon mit einer größeren Arbeit trägst.“
„Ja, mit einer Novelle, aus dem – -“
„Ich verlange gar nicht, Näheres zu wissen, denn ich bitte dich darum, sie ungeschrieben zu lassen. Muss durchaus weiter geschriftstellert werden, so halte dich an Märchen und kleine Feuilletons, die verlieren sich in der Menge und werden nie einen Buchverleger finden.“
„Du willst mir also verwehren, Schriftstellerin zu werden, und mir jedes Fortkommen erschweren?“
„Ja, was ich dagegen tun kann, geschieht sicherlich. Es sprechen zu viele Gründe dagegen?“
„Und die wären?“
„Du bist vermögend, du hast mehr als du brauchst. Warum nimmst du Ärmeren ihr Brot?“
„Fragt der vermögende Künstler danach, wenn er malt, bildhauert oder schriftstellert? Hört er etwa auf, wenn er fürstliche Reichtümer besitzt?“
„Beim Mann ist das etwas andres, er muss einen Beruf haben – seine Arbeit. Zudem treibt ihn, wenn er ein echter Künstler ist, sein Genie zur Ausübung seines Talents.“
„Und die Frau? – Wir haben ebenso bedeutende Schriftstellerinnen wie Schriftsteller. Gerade diese Kunst ist von alters her beiden Geschlechtern freigegeben worden.“
„Gewiss, dieses alles zugegeben, ist und bleibt dennoch die erste und vornehmste Pflicht der verheirateten Frau, für Familie und Haus zu sorgen. Eine jede Kunst ist, wenn sie ernst betrieben wird, eine eifersüchtige Macht, die den, der sich ihr ergibt, tyrannisch beherrscht und nichts andres neben sich duldet.“
„Ich verspreche dir, dass du nicht vernachlässigt werden sollst, Jürgen.“
„Du wirst sicher versuchen, dieselbe zu bleiben, aber es wird nicht gehen. Seitdem dieser Raven, der dich auf den unglückseligen Weg gebracht hat, fort ist, hast du dich schon verändert, sogar deine Gesundheit hat gelitten. Warum? – Du schweigst, aber ich will es dir sagen, denn mir wird jetzt alles klar. Dir fehlt die Anregung dieses Mannes. Dir fehlt die Stimmung.“
„Woher weißt du das?“
„Ich weiß auch, dass du dich an einer größeren Arbeit versucht hast, und dass deine Kraft versagte.“
„Ich verstehe nicht –“
„Du begreifst nicht, dass ich errate, was du mir immer verschwiegen hättest? Es ist wohl die große Angst, die in mir ist, die mich hellseherisch macht.“
„Welche Angst?“
„Dich zu verlieren.“
„Ich verstehe dich nicht, Jürgen.“
„Nein, noch verstehst du es nicht. Aber glaube mir, wenn ich es erlauben würde, dass du in des Wortes eigenster Bedeutung Schriftstellerin würdest, so würden wir uns von Tag zu Tag mehr auseinander wachsen. Du bist keine oberflächliche Natur, schlummert wirklich in dir größeres Können, so muss ich dich verlieren, und darum versage ich meine Erlaubnis.“
„Jürgen!“ schrie Marianne auf. „Das kannst du nicht!“
„Ich kann es wohl, und du kannst erfüllen, was ich von dir erbitte. Noch bist du nichts, ein einziges Märchen macht noch keine Schriftstellerin, und sei es noch so gut. Du bist vermögend, du darfst über dein Einkommen frei verfügen, ich habe dir in nichts hineingesprochen. Du hast dir das Haus verschönert, dir ein wirklich reizvolles Heim eingerichtet, lass dir daran genügen. Du hast deine Musik, was willst du mehr?“
„Ich bin immer allein, ich habe keine Kinder, die mein Dasein ausfüllen, du lebst nur deinem Beruf. Du solltest glücklich sein, dass deine Frau ein Talent entdeckt hat, das ihr Leben reich macht.“
„Bist du bisher arm gewesen, Marianne?“
„Einsam und unbefriedigt. Du kannst es mir nicht verbieten, in meinen Freistunden zu tun, was mir gefällt. Tagaus, tagein klebe ich hier an der Scholle. Wir haben die Mittel und könnten reisen, aber es bleibt beim Versprechen, das nie eingelöst wird. An deinem Beruf lässt du mich nicht teilnehmen. Wie kann das bisschen Hauswirtschaft meine Tage ausfüllen?“
„Ich will dir nie im Wege stehen, wenn du dir Verkehr suchst, Marianne. Die früheren Gründe, die dagegen sprachen, sind seit der Erbschaft hinfällig geworden.“
„Einen Verkehr, den du nicht teilst, halte ich für unmöglich. Und dir fehlt die Zeit dazu.“
„Gut, so reise. Ich gebe dir die Erlaubnis. Es ist ja nichts Ungewöhnliches mehr, dass Frauen und Mädchen allein in die Welt reisen. Eine meiner Schwestern wird sicher gern herkommen und dich für einige Wochen vertreten.“
„Du erlaubst, dass ich fort darf?“ fragte Marianne freudig erstaunt.
„Ja, aber du gibst mir das Versprechen, nicht mehr zu schreiben, es seien denn solche kleine Sachen wie diese hier.“
„Das kann und werde ich nie geben, Jürgen, denn ich würde es nie halten. Warte doch ab, ob ich überhaupt etwas Größeres zustande bringe.“
„Marianne, kannst du wirklich gegen meinen ausdrücklichen Willen den deinen durchsetzen? Gilt dir meine Bitte so wenig, dass du sie kurzweg abschlägst?“
„Eine andre Frau würde vielleicht ja sagen und später heimliche Wege gehen, auf eine Änderung hoffend. Ich weiß, dass du immer so denken wirst, und muss also auch darin meine einsamen Wege gehen, jetzt mehr denn je. Ich habe es in diesen letzten Wochen gespürt, wie ich mich in diesem Zwiespalt verzehre. Ich gebrauche Anregung gleichgesinnter Seelen, du lässt mich an einer geistigen Speise darben. Müde kommst du nach Hause, und deine Gedanken gehören auch in meiner Gegenwart nur deinen Patienten. Es gibt Tage, wo die Worte zu zählen sind, die du mit mir wechselst.“
„Das ist in vielen Ehen so, Marianne. Die Frau eines Gelehrten hat es nicht besser als du.“
„Diese Männer der Wissenschaft haben doch Zeit zum Verkehr und zu Reisen, auch sind ihre Frauen sehr häufig ihre Schüler oder Mitarbeiterinnen.“
„Worte und immer nur Worte! Wir kommen nicht zueinander. Ein Tyrann will ich nicht sein, es würde dich auch nur halsstarrig machen, und ich würde deine Liebe verlieren, das Kostbarste, das ich besitze. Daran hast du doch niemals gezweifelt, Marianne, auch in den einsamsten Stunden nicht, dass ich dich lieber habe, als alles in der Welt? Ich spreche nicht darüber, aber so etwas fühlt man doch.“
„Ich weiß es, Jürgen,“ sagte Marianne ernst.
„Darum verliere dich nicht ganz aus meinem Leben, Marianne, lass unsre Wege stets nebeneinanderlaufen, so dass meine Hand die deine erreichen, und Auge in Auge sehen kann. Ich kenne so manches Menschenleid, ich sehe in viele Häuser die Sorge schleichen, die nicht mehr von ihrem Platze weicht, bis das trostlose Ende da ist. Vielleicht ist mir darum unser Haus stets so traulich erschienen und unsre Ehe so sorglos glücklich. Lass es nicht durch deine Schuld anders werden, lass dich finden, wenn ich heimkomme, und lass deine Hausfrauenpflichten dir stets die vornehmsten bleiben. Dann ergänzen wir uns beide, und es gibt ein Ganzes in dem Sinne, wie es der Schöpfer aller Dinge in der Natur bei allen seinen Geschöpfen zum Gesetz gemacht hat. Dagegen soll man nicht ankämpfen, sondern sich fügen. Bei mir liegt die Pflicht in der Ausübung meines Berufes, bei dir, mir die wenigen Stunden, die ich daheim bin, behaglich zu machen mit der Selbstverleugnung, die die edelste Eigenschaft des Weibes ist.“
Hoffmann stand auf und zog Marianne in seine Arme, blickte ihr dann noch einmal mit liebevollem Ernst in die Augen und setzte noch kurz hinzu: „Ich gebe dich also frei. Komme mir wieder als die frühere Marianne und nicht als die, die jetzt von mir fortstrebt. Gib einem fremden Mann nicht das Recht, sich zwischen dich und mich zu stellen. Unser Geschlecht ist selbstsüchtig und verlangt mehr; ich warne dich vor diesem Freund.“
Hoffmann ging, und Marianne eilte in ihr Zimmer, warf sich auf das Ruhebett und schluchzte zum Erbarmen. Sie fühlte sich im Unrecht und fühlte sich so elend und schwach nach ihrem so glänzend erfochtenen Siege, dass sie in diesem Augenblick alles versprochen hätte, wenn Jürgen sie jetzt an sein Herz genommen hätte. Es graute ihr plötzlich vor der Freiheit und der Einsamkeit, die sie sich doch so sehnsüchtig gewünscht hatte.
Es traf sich gut, dass Jürgen an diesem Tage, kaum, dass er heimkam, über Land gerufen wurde. Er schlang stehend sein Mittagessen hinunter, das Marianne mit verweinten Augen in sein Arbeitszimmer brachte. Ein flüchtiger Kuss, und sie war wieder allein. Angegriffen, wie sie war, legte sie sich nieder, und ein fester, friedlicher Schlaf ohne störende Träume brachte den Aufruhr ihrer Seele wieder zur Ruhe. Als sie aufwachte, vermochte sie sich der Aussicht auf ihre Reise zu freuen, ja, als sie das begonnene Manuskript durchblätterte, fühlte sie eine Schaffenslust, die sie beseligte, und die sie erkennen ließ, dass die richtig gehandelt hatte. In dieser Stimmung griff sie zur Feder und teilte Raven jubelnd mit, dass sie seinem Beispiel gefolgt sei und in der Holsteinischen Schweiz, dem schönen Hotel am Kellersee, Quartier zu nehmen gedächte, um dort vier Wochen in völliger Ruhe zuzubringen. Eine Schwägerin würde sie während der Zeit bei ihrem Mann vertreten, damit er seine gewohnte Bequemlichkeit habe.
Denselben Abend schrieb sie auch an diese Helferin, die bereitwillig zusagte, da der Zufall wollte, dass sie gerade ohne Stellung war. Sie traf am nächsten Tage ein, um von Marianne in die Pflichten eingeführt zu werden.
Hedwig war stolz auf das Vertrauen, das man ihr entgegenbrachte, und glückselig, für den vergötterten ältesten Bruder etwas tun zu dürfen.
So war Mariannes Abreise ein fröhliches Scheiden, was Jürgen ihr auch nicht schwer machte.

Mit einem Dialog aus dieser Folge beschäftigt sich auch dieser Blog-Artikel.

Die nächste Fortsetzung erscheint am Freitag, den 2. März 18.