Was bisher geschah:

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Siebentes Kapitel

Nun war Marianne in selbstgewollter Einsamkeit, denn die wenigen Gäste in dem Hotel, in dessen Dependance sie wohnte, zählten nicht; sie wechselte kaum ein Wort mit ihnen. Die Mahlzeiten nahm sie allein ein, wenn das Wetter es gestattete, auf der Terrasse mit dem Blick auf den See.
Sie stand nach ihrer Gewohnheit früh aus und machte gleich nach dem Frühstück einen kurzen Spaziergang durch die sich an die Parkanlagen der Holsteinischen Schweiz anschließenden Waldungen. Mit besonderer Vorliebe suchte sie den Krummsee auf, der, überaus malerisch gestaltet, sich in Wald und Wiesenland zu Füßen des herrlichen Aussichtspunktes Bruhnskoppel einbettet. Heimgekehrt, zog sie sich auf ihr Zimmer zurück, um auf der davorliegenden Veranda zu arbeiten. Die dicht um das Logierhaus sich drängenden Tannen schlossen ihr Arbeitsplätzchen so heimlich ein, als wollten sie jeder Störung von außen wehren. Ihr köstlicher Duft drang in die Lungen, dass die Brust in sich steigerndem Wohlbefinden tiefer atmete als gewöhnlich.
Kein Gedanke war in Marianne, der nicht ihrer Arbeit gehörte. Das Bewusstsein, dass gar nicht weit entfernt ihr Mann lebte, der sie mit großem Widerstreben hatte ziehen lassen, bedrückte sie gar nicht, sie fühlte sich frei von aller Bevormundung und aller Einengung kleinlicher häuslicher Pflichten. Kein schriller Glockenton störte sie auf, kein eilig heimkommender Gatte verlangte nach ihrer augenblicklichen Bedienung, kein Mädchen kam, sie nach ihren Befehlen zu fragen – nein, sie war aller Fesseln ledig, die nunmehr zehn Jahre lang auf ihr gelegen hatten, ohne dass mehr als eine Tageslänge sie davon befreit hätte. Dieses ungewohnte Gefühl wirkte in seiner Neuheit so berauschend auf sie, dass es ihre Schaffenskraft beflügelte gleich einem seelischen Rausch. Als vierzehn Tage verflossen waren, lag die Novelle fertig vor ihr, und sie meldete es Raven voller Jubel in einem kleinen Briefchen, in welchem sie ihm von Herzen für seinen guten Rat dankte.
Nun gönnte sie sich endlich die Ruhe, um während einiger Tage die weitere Umgebung kennen zu lernen, dann sollte ihre Arbeit noch einmal kritisch durchgearbeitet werden und in der Reinschrift zur Kopie an die von Raven empfohlene Kopistin nach Berlin wandern.
In dem erhebenden Gefühl, Gutes geleistet zu haben, ging sie in der herrlichen Natur umher wie in einem glücklichen Traum. Vom Herbst war wenig zu spüren. Die Riesen des Waldes standen noch im tiefen Grün ihres Laubes, und die Luft war sommerlich warm. Nur die Abende brachten frische Winde, namentlich auf den weiten Wasserflächen der Seen, die sie nun alle zu befahren gedachte, um ihnen auch die verschwiegensten Schönheiten abzulauschen.
Ihr erster weiterer Ausflug sollte dem Ukleisee gelten. Sie bestieg das Motorboot an der Anlegebrücke unten am Kellersee und fuhr bei einem köstlich warmen Sonnenschein über die grünen, klaren Wasser nach der Sielbeck-Ukle-brücke. An dem Gasthaus Uklei mit seinen Rieseneichen vorbei, wo sich geräuschvolles Leben breitmachte, da ein Schwarm fröhlicher Touristen dort eingekehrt war, schritt sie zu dem Märchensee hinab.

Ein dunkles Auge, das zur Sonne
Nur um die Stunde des Mittags aufblickt,
Weltfremdes Schweigen waltet umher,‘
Es regt kein Hauch des Abgrundes lauteren Spiegel auf.

Also singt Emanuel Seibel von dem sagenhaften, vielbesungenen Ukleisee. Und Marianne spürte den Zauber der Stunden, sie wanderte langsam am Fuße der waldigen Hügel, die das Wasser dicht und geheimnisvoll umschließen. Sie ruhte im Waldesmoos am Ufer und lauschte dem Flüstern des Rohrs, die weiche Flut spielte zu ihren Füßen. Wie in zärtlich mutwilliger Liebeständelei schwätzten die kleinen Wellen, und ihr zu Häupten zog durch den Forst ein tiefes Brausen und grüßte schon von weitem den Mann, der von den Höhen zum See hinabstieg. Er hatte den Wagen, der ihn in eiliger Fahrt von Gremsmühlen, wo er den Zug verließ, über die Holsteinische Schweiz hierhergebracht hatte, verlassen und strebte nun den grünen Einsamkeiten des Uklei entgegen, wo er nach Aussage des Wirtes die wusste, nach deren Anblick er sich sehnte.
Nun war der Weg, der rund um den Kessel des Sees lief, erreicht, und Raven mäßigte seinen Schritt, mit den Augen überall umherspähend, ob er die Gesuchte nicht in irgendeinem Versteck entdecke. Er kannte ihre Vorliebe für lauschige, fernab von der großen Heerstraße gelegen Winkel, wo sie unbelästigt träumen konnte. Leuchtete drüben vom Stamm der Riesenbuche, deren so viele hier im Waldrevier zum blauen, lachenden Himmel emporragten, nicht etwas Weißes zu ihm herüber?
Wenn sie es wäre! Seine scharf blickenden Augen spähten angestrengt über den stillen, dunklen Wasserspiegel zu der Einsamen hin, die bewegungslos in ihrer Stellung verharrte. Doch nun stieß droben in den klaren Lüften ein Raubvogel, der über dem Frieden dieser stillen Welt seine Kreise zog, seinen wilden, rauen Schrei aus, ehe er auf die erspähte Beute hinabstieß. Marianne beugte ihren Kopf lauschend nach vorn und suchte den Anblick des frechen Räubers zu gewinnen.
„Marianne!“ Hartwig Raven rief den Namen der geliebten Frau über die Wasser, und in ganz leisem, geheimnisvollem Echo tönte vom gegenüberliegenden Ufer die Antwort zurück.
Die junge Frau hatte den Ruf nicht verstanden, verklangen doch von weither oftmals fröhliche Stimmen wandernder Menschen an ihrem Ohr. Sie blieb ruhig sitzen, und Raven wurde es leicht, sie zu überraschen. Einer übermütigen Laune nachgebend, kletterte er auf einen, sich weit über das Wasser erstreckenden Ast einer mächtigen Buche. Marianne drehte ihr den Rücken zu und war so versunken in ihren Gedanken, dass sie das leichte Geräusch gar nichtwarnahm. Hartwig ließ sich nun auf seinem luftigen Sitz nieder und wartete das Weitere ab.
Seine Geduld wurde auf keine allzu harte Probe gestellt, da Marianne schon eine geraume Weile hier gesessen hatte und sich nunmehr der Heimfahrt erinnerte. Sie zog die Uhr, sie war an die Abfahrtzeit des Bootes gebunden. Sichtlich überrascht über die schon vorgerückte Stunde, erhob sie sich rasch, um sich auf den Weg zu machen.
„Marianne! – Marianne!“ tönte es plötzlich in weichen Tönen an ihr Ohr. Noch vermeinte sie, es äffe sie ein Spuk, und sie bog den Kopf lauschend vor. „Marianne, nehmen Sie doch den Vogel mit, der aus der Ferne herbeigeflogen ist, nur um Sie zu sehen.“
Sich umwendend, erblickte sie Raven dicht vor sich auf dem Ast, über dem Wasser schwebend, die lachenden blauen Augen auf sie gerichtet.
„Raven – Sie hier!“ rief sie völlig entgeistert und streckte beide Hände vor, als ob sie ihm wehren müsste.
„Schon eine ganze Weile, verehrte Frau!“ rief er fröhlich und lief gewandt den Stamm entlang, bis er das Ufer mit einem kühnen Sprung erreichen konnte. Mit stürmischer Bewegung zog er die Hand der Verwirrten an seine Lippen und sagte, ihre wunderbare Gestalt mit verzehrenden Blicken umfassend, mit tiefem Aufatmen: „Jetzt begreife ich mich selbst nicht, dass ich es solange fern von Ihnen ausgehalten habe.“
Marianne war noch so benommen, dass sie nichts zu antworten wusste, aber gerade ihr Schweigen verriet dem Manne mehr, als sie sich selbst bewusst war. Sein Blick suchte ihre sprechenden Augen, in denen es in der Tiefe leuchtete wie von heimlich süßem Verstehen. Ihr ganzes Empfinden löste sich auf in dem berauschenden Gefühl seiner Nähe. Von seiner selbstsicheren, herrischen Persönlichkeit ging ein Strom frischen Lebens aus, der sie willenlos mit fortriss. Bur mit Mühe vermochte sie endlich zu sagen: „Und was führt Sie her?“
„Das fragen Sie noch? Wollen Sie den Bäumen des Waldes oder etwa dem Uklei Ihre Novelle vorlesen?“
„Darum kommen Sie?“
„Natürlich, Marianne!“ Raven blieb bei der einfachen Namensnennung, da sie es ihm nicht wehrte. „Glauben Sie, dass ich in der ganzen Zeit unsrer Trennung einen vernünftigen Satz niedergeschrieben habe?“
„Das begreife ich sehr gut. Ihre Kraft musste ruhen, nachdem Sie ein Meisterwerk geschaffen haben.“
Das lachende Auge Ravens verdüsterte sich, es starrte über das Wasser hin und vermied den klaren, ernsten Blick der jungen Frau, die fortfuhr: „Ich bin egoistisch genug, mich über den Grund, der Sie hierhertrieb, zu freuen.“
„Kennen Sie denn den wahren Grund?“ fragte Raven und blickte Marianne mit so deutlich sprechenden Augen an, dass sie, wie auf der Flucht durch das Gehölz brechend, den Uferweg betrat. Ihr Erschrecken und die Totenblässe, die plötzlich ihr Angesicht bedeckte, warnte Raven, den erfahrenen Frauenkenner, sie nicht vor der Zeit zu beunruhigen. Ruhig neben ihr fortschreitend, sie dadurch zum gewohnten Gleichmaß des Schrittes zwingend, fuhr er ganz anders fort, als er sich vorgenommen hatte: „Das ist nicht so leicht gesagt, aber ich denke, Sie werden verstehen, wie ich es meine. Ich war’s der Sie auf den Gedanken brachte, die latent in Ihnen ruhenden Kräfte zu lösen und sich in der Schriftstellerei zu versuchen. Der erste Versuch glückte nur zu gut und brachte den ersten kleinen Erfolg.“
„Dank Ihrer Bemühung, Raven.“,“
„Ich tat das wenigste dazu,“ wehrte er ab. „Mit diesem Erfolg – Sie werden es zugeben müssen – sind Sie der Macht der Feder verfallen. Ist es nicht so, Marianne?“
„Ja, ich glaube nicht, dass es mich wieder loslässt.“
Umso weniger, wenn wirklich ein großes Talent in Ihnen schlummern sollte. Und um das zu erkennen, bin ich hier. Bei dieser größeren Arbeit, an die ein weit höherer Maßstab gelegt werden muss, wird man schon ein sicheres Urteil gewinnen können.“
„Ich soll sie selber vorlesen?“
„Ich bitte darum.“
„Ich hatte die Überzeugung gewonnen, Gutes geschaffen zu haben, aber jetzt bin ich wieder voller Zagen, Raven.“
„Nur Mut! Vor mir brauchen Sie sich nicht zu ängstigen. Ja, wenn ich einer von den Großen wäre.“
„Was nicht ist, wird schon werden. Warten Sie den Buchverlag Ihres unvergleichlichen Romans ab! Wann kommt er heraus?“
„Im Oktober.“
„Jürgen muss ihn alsdann auch lesen, ich werde es schon durchsetzen. Wenn er nur das erste Kapitel beendet hat, lässt es ihn nicht mehr los.“
„Warum drängen sie so dazu? Lasen Sie Hoffmann doch in Frieden. Es gibt viele Männer, die keine Belletristik mögen.“
„Aber der Stoff wird und muss ihm zusagen. Er kennt ja den Holm ebenso genau, wie seinerzeit sein Vater; beide sind durch den steten Verkehr mit den Fischern ganz vertraut mit deren Schicksalen. Ich habe Sie schon immer danach befragen wollen, ob der tragische Konflikt des Romans dem Leben entnommen ist. Hat Süver Krübbe Ihnen Ähnliches erzählt?“
„Nein, Marianne. Den Stoff als solchen trug ich schon länger in mir und verlegte ihn nur in dieses Milieu, da mir dieses dazu geeignet erschien.“
„Wer doch auch eine solche Fantasie besäße wie Sie!“ seufzte Marianne. „Mir wird wohl nie dergleichen einfallen.“
Raven schwieg, es war ihm ungemütlich, dass die junge Frau stets auf seinen Roman zurückkam. Dieses Thema war ihm aus nur zu begreiflichen Gründen verhasst, und er bemühte sich jetzt, ein andres anzuschlagen.
„Wie fühlen Sie sich in Ihrer Einsamkeit?“
„So glücklich, wie ich es nie erwartet hätte.“
„So muss ich mich also beeilen, wieder aus Ihrem Gesichtskreis zu verschwinden.“
Marianne lachte ihr köstliches Lachen, das er so liebte; sie war jetzt wieder ganz die alte. Und er hütete sich wohl, ihre Unbefangenheit zu stören, war ihm doch nur solange ihre Gesellschaft gewiss.
„Wenn ich brav bin, so darf ich vielleicht einige Tage bleiben, nur um ihr Führer zu sein? Ich habe mich von einem Freunde, der in diesem Sommer einige Wochen hier verlebte, genau unterrichten lassen, und hoffe, mir Ihre Zufriedenheit zu erwerben. So ist mir bekannt, dass hier irgendwo ein idyllisches Forsthaus liegen muss, das er als Perle rühmte. Wie wär’s, wenn wir dort zur Rast einkehrten?“
„Ah! – Sehen Sie doch, Raven, hier zur Linken! Wie auf der Bühne tritt es aus seinen Waldkulissen heraus, da wir die Szene betreten.“
„Oder wie im Märchen, wenn die gütige Fee die verirrten Kinder bei der Hand fasst und in ihr Schloss geleitet.“
„Wie ein Schloss sieht es nicht aus, ein richtiges Idyll erwartet uns, Raven.“
„Sie werden es sicherlich zu einem solchen machen, das lese ich in Ihren großen Kinderaugen, Marianne.“
Die junge Frau hörte gar nicht, was er sagte, sie lief in ihrem Entzücken den Weg entlang, der zu dem am Ende einer breiten Schneise sichtbar werdenden Forsthause führt. Das rote Dach schimmert freundlich durch die roten Bäume, und die grün umsponnene Veranda ladet zur Rast. Die neben dem niedrigen Hause liegende Scheune hat sich ihr rötlichgelbes Rohrdach tief über die Ohren gezogen, und der mächtige Ahorn darf zur Rechten des Hauses frei von jeder Beengung seine weitragende Blätterkrone entfalten. An einigen Riesen des Geschlechts der Eichen vorbei, betrat die junge Frau den freien Platz vor dem Hause und wandte ihre leuchtenden Augen Raven zu.
„Gut, dass ich nicht wusste, dass es solche Schönheit in erreichbarer Nähe gab, Raven, ich hätte die Arbeit im Stich gelassen und wäre Tag für Tag hierher gewallfahrtet. Haben Sie schon jemals solchen Frieden gesehen? Und kein Mensch weit und breit, der uns diesen stört.“
„Nein, nur die Hunde empfangen uns, und die sind von einem Forsthause untrennbare Begriffe.“
Marianne streichelte den schönen Jagdhund und neckte das possierliche Dackelpärchen, das kläffend um die Ecke gefahren kam. „Das scheint das Signal für die gesamte hiesige Tierwelt zu sein, es kommt herbei, was da kreucht und fleucht!“ rief die junge Frau lachend, denn kaum hatten es sich die beiden auf der Veranda bequem gemacht, so kamen blendendweiße Hühner angelaufen, denen gravitätisch langsam im üblichen Gewatschel das Volk der Enten folgte. Die bestellte Rote Grütze, das Nationalgericht Schleswig-Holsteins, wurde von einem Mädchen gebracht, und ihr folgten Butter und Brot nebst rosigem Schinken und weichen Eiern. Marianne hatte auf Ravens Drängen hin beschlossen, gleich hier ihr Abendessen einzunehmen und bei Mondschein sich von ihm nach Hause bringen zu lassen. So lagen noch Stunden des Zusammenseins vor ihnen, und sie wurde dessen auch von Herzen froh, da ihr Gefährte alles vermied, was sie vorhin beunruhigt hatte. Er war nunmehr wieder ihr fröhlicher Kamerad und berühmter Kollege, zu dem sie mit heimlichem Respekt emporsah, und dessen Hilfe sie bedurfte.
Voller Übermut spielte sie mit den Tieren und warf ihnen Brocken ihrer Mahlzeit zu, scheltend, wenn die Hunde bellend zwischen das Hühnervolk fuhren, oder die gefräßigen Enten alles allein gierig zu verschlucken versuchten.
Raven beobachtete belustigt ihr Treiben, und sich wohlig zurücklehnend, sprach er:
„Seid ihr auch satt, ihr Lieben? Nur Bauernkost war es freilich, Und kein gräflicher Schmaus; doch hoffen wir Freunde des Hauses Wissen ein ländliches Mahl zu entschuldigen. Trinkt jetzo noch Wasser darauf, wie wir unsern duftenden Kaffee.“

Marianne rief lachend: „Sie schütteln dergleichen wohl aus dem Ärmel und behaupten, nicht dichten zu können!“
„Frei nach Voß, liebste Frau! Dieses Idyll, das wir erleben, ist ja wie ein Ausschnitt aus seiner ‚Luise’. Sie kennen die Dichtung nicht?“
„Nein, nur dem Hörensagen nach.“
„Ich habe mich gut präpariert, wie Sie sehen, ist doch Malente-Gremsmühlen mit seinem Holm der Schauplatz des ländlichen Gedichts. Wenn wir Eutin besuchen, so werden wir in des Dichters Haus einkehren.“
„Sie werden mir die Dichtung dort vorlesen?“
„Unmöglich, liebste Frau. Das Ganze ist für den Geschmack unsrer Zeit unverdauliche Nahrung, aber einzelne Stellen werde ich vielleicht hören lassen, wie es der Situation angepasst ist.“
„Können Sie es denn auswendig?“
„Das nicht, aber ich darf mich eines guten Gedächtnisses rühmen, und das Fehlende wird improvisiert. Doch was halten Sie davon, wenn wir jetzt zum See hinabsteigen? Der Himmel verrät schon die hereinbrechende Abendröte, die Spiegelung im Wasser wird uns ein Zaubermärchen malen.“
Sie saßen am Uklei auf den Bänken der in das Wasser gebauten Brücke, und Raven erzählte mit leiser, weicher Stimme die schwermütige Entstehung des Sees, die also schloss: „Als er ihr wiederkehrte, und die Nymphe in seine schuldigen Augen sah, da musst sie vor bitterem Herzweh weinen. Sie weinte den ganzen Tag und die folgende Nacht. Himmel und Erde, Bäume und Blumen weinten mit ihr über den erbärmlichen Verrat. Und als am andern Tag die Sonne wieder im Zenit stand, erblickte sie im Kranz der heiligen Wodanseichen einen schlummernden, tiefen See, in dessen dunkle Tiefen ihre Strahlen vergeblich zu dringen versuchten, doch erblickte sie die Leiche des ungetreuen Ritters, die, aus gebrochenen, weit geöffneten Augen zum Himmel emporstarrend, auf dem Wasser schwamm. Die Nymphe hat kein Menschenauge wiedergesehen.“
Der Erzähler schwieg. Am Himmel löschten die Farben aus, der lauschende See wurde zum dunkeln Geheimnis, und unter den Bäumen in der Runde breitete sich die Nacht. Stille ringsumher, auch die beiden Menschen wussten sich nichts zu sagen – das Schweigen stand lauernd zwischen ihnen, aber nicht friedvoll. Des Mannes Herz war voll wilden, sehnsüchtigen Begehrens, aber das Weib verschloss das ihre wohl, damit kein Auge hineinblicke und kein Ohr den Stimmen lausche, die dringend Einlass begehrten. Es sollte nicht da sein, von dem sie nichts wissen durfte. Nicht Liebe – Freundschaft war es und bewundernde Verehrung, die sie für Raven in ihrem Herzen trug. Marianne ließ ihr Schifflein vom Strome treiben und fragte sich nicht, wo die Fahrt enden würde.
Schweigend hob sich ihre weiße Hand und deutete über den See. Fernes Gefunkel drang geheimnisvoll durch den Wald, das Erscheinen des längst Erwarteten kündend. Höher und höher hob sich der Mond empor, bis er über den Hügeln stand und sich in den Wassern spiegeln durfte. Vom bleichen Mondlicht umflossen, im weißen Kleid saß Marianne vor den Augen des Mannes, der sie liebte. Sie hob ihr farbloses Gesicht gen Himmel, ein weicher, süßer Ausdruck breitete sich über ihre Züge, und die großen, dunklen Augen blickten wie die eines Kindes, das ein Wunder erlebt.
Ein schneidender Schmerz durchfuhr ihn, als er sie so sitzen sah. Sie sollte ihm heilig sein. Wunschlos, ohne heimlich glühende Leidenschaft musst er an ihrem Wege stehen, mit ihr eine Weile wandernd, um dann als treuer, ehrlicher Freund zu scheiden. Warum die Unruhe in ihren Frieden tragen? Warum die Stolze ihres edelsten Schmucks berauben? Konnte er seine Sinne nicht bezähmen, anstatt in ihrer Brust ihr zur Qual ein Echo zu wecken? Es soll dort weiterschlummern, was sich etwa leise regt an unbewusstem Verlangen.
Der Mann soll Schützer sein und nicht Verderber!
Marianne hob die Hand und strich sich über die weiße Stirn, wie sie zu tun pflegte, wenn sie träumend saß. Da blitzten die edlen Steine der Ringe zu Raven hin. Sie redeten eine seltsam beredte, aufreizende Sprache. Nun schaute aus seinen scharfen, blauen Augen die brennende Seele, die in ihm war. Dort vor ihm saß nicht nur das eigenartige, reizvolle Geschöpf, nach dessen Besitz seine Sinne begehrten, nein, er sah auch die vermögende Frau in ihr, die mit ihrer Hand ihm auch die Befreiung von allem sklavisch bitteren Muss des Lebens bringen würde.
Wie er sich verachtete ob dieser hässlichen Gedanken, die ihn zum ersten Mal mit so furchtbarem Ernst packten, und das inmitten der heiligen, weihevollen Stunde der Mondnacht. Und als Marianne ihm ihr leuchtendes Auge zuwandte, mahnte er an die Heimkehr, auf dem langen Weg von den banalsten, oberflächlichsten Dingen plaudernd, obwohl er bemerkte, dass es sie verstimmte.
„Auf morgen, Frau Marianne!“ verabschiedete er sich kurz, um dann der im Tannendunkel verschwindenden Gestalt nachzustarren, als ob ihn sein glücklicher Stern für immer verlassen wollte.

Zur Rolle von Marianne als bürgerliche Ehefrau, die zerissen zwischen Pflicht und Ambition ist, gibt es diesen Blog-Artikel.

 

Die nächste Fortsetzung erscheint am Freitag, den 16. März 18.