Was bisher geschah:

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Vor dem lachenden Morgen stoben alle finsteren Gedanken davon, auf Raven wirkte es befreiend. Hier erlebte er ein Idyll mit Frau Marianne, und er wollte es auskosten bis zum Schluss. Warum sollte er sich dieser Tage blühend Glück mutwillig zerstören?
Blickte der Kellersee nicht mit leuchtenden Augen wie die der geliebten Frau verheißend zu ihm hin? Stand droben nicht die glänzende Sonne und sandte ihre wohlige Wärme, die nichts von Schwüle wusste, auf Seen und Wälder? Zog nicht der kräftige Herbstwindüber die taufrische Landschaft und legte Marianne, die ihm fröhlich entgegenschritt, die Falten des weißen Kleides so eng um die wunderbaren Glieder, dass er wiederum staunend ihre Schönheit erkannte, sich an ihr wie am Anblick eines Meisterwerks erfreuend?
„Willkommen!“ rief sie schon von weitem und schwenkte die Rolle in ihrer Linken übermütig in der Luft. „Mir ist heute früh so keck zu Sinn, Raven; ich habe gar keine Furcht mehr vor Ihrer Kritik.“
„So ist’s recht.“
„Wir wollen gleich diesen Weg durch die Tannen einschlagen, Sie werden mit dem gewählten Platz zufrieden sein.“
Am Krummsee lagerten sie sich unter einer großen Buche dicht am Wasser. „Sie können ja die Fische belauschen, wenn Sie sich langweilen,“ scherzte Marianne, und dann begann sie.
Es war gut, dass sie ihm nicht in die Augen sehen konnte, denn er saß ihr dicht zur Seite und blickte unverwandt auf das stille, tiefe Wasser. In das Auge trat ein unschönes Licht, und auf der sonst so glatten Stirn grub sich eine tiefe Falte. Sollte es ihm zum zweiten Mal begegnen, dass er bei einer Frau den Funken heiligen Feuers aufsprühen sah, der ihm versagt blieb?
Er spürte es, was er da hörte, war das erste Stammeln eines großen Talents. Sollte er ihr weiter die Wege ebnen? Wenn er Marianne nicht beistand, so würde sie wohl schwerlich für die historische Novelle so bald einen Verleger finden, denn nur großen Schriftstellern war es vergönnt, ihre Arbeiten auch in dieser Form gedruckt zu sehen. Die andern mussten sich begnügen, dem Bedarf entsprechend Romane und kleine Feuilletons zu schreiben. Aber nur, wenn er ihr half, wenn er ihr treuer, hilfreicher Berater blieb, bedurfte sie seiner, und ihr Verkehr blieb bestehen. Er konnte sich ihr so unentbehrlich machen, dass er, ihrem Ehrgeiz schmeichelnd und ihr Erfolge schaffend, sich ihres wärmsten Dankes versicherte und so auf Umwegen vielleicht auch das erreichte, wonach Herz und Sinn verlangten. Niemals durfte sie ahnen, dass er nicht der Große war, für den sie ihn hielt.
Brachte der Buchverlag ihm den berühmten Namen, dann galt es, den Sturm zu wagen. Es musste sich zwischen Marianne und ihrem Mann eine Kluft öffnen, über die hinweg kein Weg mehr führte, keine versöhnende Stimme drang.
Marianne Stimme schwieg. Je länger, je mehr hatte Raven die Dichtung, so nannte er die Arbeit, gefesselt, nun wurde sein Urteil erwartet. Er wandte sich der jungen Frau zu, er musste in ihre Augen sehen, in denen ein heißes Licht brannte. Er sah die weiche Röte auf den Wangen, den schönen Mund, der alles Herbe verloren hatte, er bemerkte die tiefen Atemzüge, die die Brust hoben, und vermeinte an der Schläfe durch die wunderbar zarte, bläulich-weiße Haut den Pulsschlag zu sehen, den das stärker arbeitende Herz ungestüm klopfen ließ. Die schöne, schlanke Frauen Hand legte sich kühlend darauf, und in die dunklen Augen trat ein Ausdruck innerer Unruhe und ängstlicher Frage. Er sah das alles wohl und hatte eine grausame Freude, sie so zu quälen.
Da warf sie in erwachendem Stolz den Kopf zurück und rief voller Ungeduld: „Sagen Sie mir, wenn es nichts taugt, und ich zerreiße es auf der Stelle.“
„Nicht so zornig!“ mahnte er überlegen. Es war so süß, die Macht zu spüren,
die er über dieses temperamentvolle Geschöpf besaß. „Ich habe ja noch gar nichts gesagt. Wissen Sie, dass Sie ein Gedicht in Prosa geschrieben haben? Wieder haben Sie Eigenartiges geschaffen, und das ist heutzutage die Hauptsache. Dabei geht eine Frische durch das Ganze, die herzerfreuend wirkt. Durch Schwerterklirren und zornige Männerstimmen klingt aber wieder, wie bei Ihrem Märchen, die Lyrik hindurch, sie ist verkörpert in der blonden, schlanken Maid aus altem Geschlecht, die echt weiblich und in holder Demut ihrer Liebe mutig den Sieg zu erkämpfen weiß. Wie viel zu diesem so glücklich Geschaffenen Ihre Musik beigetragen hat, ist schwer zu ergründen.
„Meine Musik?“
„Ja, denn Wagner, den großen Meister tragen Sie in seinen Schöpfungen doch stets im Herzen.“
„Soll dieses etwas Nachempfundenes sein?“ fragte Marianne jäh aufbrausend, wie Raven es noch niemals bei ihr erlebte, die stets das vornehme Gleichmaß zu bewahren wusste.
„Nein, er hat nur fruchtbringend auf Sie gewirkt. Es ist Ihnen gar nicht zum Bewusstsein gekommen. Denken Sie einmal ruhig nach.“
„Sie haben recht, Raven,“ bat sie reuig ab. „Der Gedanke, nicht mein Eignes gegeben zu haben, brachte mich so auf. Wagner hat mir wohl bei der Arbeit vorgesungen, so geisterhaft leise, dass meine Seele es nur unbewusst vernahm wie ein Säuseln des Windes. Doch Sie müssen wissen, dass ich in meiner Jugend nichts lieber gelesen habe als deutsche Götter- und Volkssagen, und da blieb wohl allerlei sitzen.“
„Nein, wir wollen Ihre so wohlgelungene Arbeit nicht verkleinern. Wenn Sie sie kopiert haben, nehme ich sie mit mir und werde ein Plätzchen dafür suchen.“
„Wie soll ich es Ihnen nur danken, Raven?“
„Mit Ihrer Gegenwart, Marianne. Machen Sie mir die wenigen Tage so schön, wie nur Sie es vermögen.“
„Ich will es versuchen, Raven,“ sagte sie weich. Sie war so glücklich, so dankbar zu dieser Stunde, dass sie auch ihn erfreuen musste mit allem, was ihr zu Gebot stand. „Befehlen Sie, was wir heute unternehmen sollen, ich bin bereit.“
„So wollen wir wandern, Marianne, solange die Sonne uns scheint. Auf zur Bruhnskoppel, die Klaus Groth unsterblich gemacht hat!“
Und sie stiegen bergan, bis das Hotel erreicht war. Sie kletterten auf den Aussichtsturm und blickten in das weite Land. Zu ihren Füßen liegt der Krummsee, wie ein Haken krümmt er sich in den von hohen Bäumen umgebenen Kessel hinein, dessen eine Seite grüne Wiesen umgrenzen. Weiter hinaus in der Tiefe glänzt die breite Fläche des Kellersees, an dessen Ende die Häuser Eutins mit dem spitzen Kirchturm herübergrüßen.
„Sehen Sie, wie Land, Wasser und Buchenwald zueinander stimmen, Marianne, welch herrliches Stückchen Erde es ist, auf dem wir stehen?“
„Ja, unsrer Provinz ist ein Zauber zu eigen, der auf jedes Menschen Herzen wirken muss,“ meinte Marianne.
„Darum sagte Johann Heinrich Voß von ihr: ‚Es gibt ohne Zweifel Landschaften von auffallender Schönheit, von großartigerer Wirkung, von reicherer Fruchtbarkeit des Bodens, sicherlich aber keine, die lieblicher zum Auge und gewinnender zum Herzen guter, sinniger Menschen spricht wie die unsrige!“
„Haben Sie Voß bei nachtschlafender Zeit studiert?“
„Nein, ich wiederhole nur das, was auf einem Stein in den mein Hotel umgebenden Anlagen steht. Ich habe es täglich vor Augen,“ erwiderte Marianne lachend.
„Und ich begreife nun, woher Ihnen das Talent zur Lyrik kommt und zu der Schlichtheit Ihrer Sprache, zu der herzgewinnenden Anmut und Frische Ihrer lieblichen Frauengestalten. Die Natur predigt es Ihnen alle Tage, und dass Sie ihre Sprache wie keine andre verstehen, das liest man aus Ihren Augen. Heute sind wir gerade in der richtigen Stimmung, die Stätte zu betreten, wo Karl Maria von Weber geboren wurde und ein Johann Heinrich Voß als Rektor wirkte. Wenn wir hier ein kleines Frühstück eingenommen haben, wandern wir gen Eutin, wo wir im Garten des Voßhauses unsre Mittagmahlzeit halten werden. All dieses mit der Voraussetzung Ihrer Einwilligung.“
„Führen Sie mich, und ich folge.“
So liefen sie denn wie zwei fröhliche Kinder nach Sielbeck hinunter, wo sie das Dampfboot erreichten, das sie nach der Kaiser-Wilhelm-Brücke brachte. Von dort bis Eutin war’s nicht mehr weit, und so langten sie denn bald zu längerer Rast am Voßhause an, dessen äußere Gestalt noch getreu erhalten, im Innern aber nichts mehr von dem schlichten Rektorhause verrät. Aber im Garten erwartete sie das Idyll. Marianne konnte sich an dem Blick nicht ersättigen. Da breite sich der tiefblaue See in seiner großen Ausdehnung vor ihren Augen aus. Bis an sein Ufer treten rechts die uralten Bäume des Schlossgartens, und ganz im Vordergrunde bauen sich malerisch die Häuser der Stadt, die an den See grenzen, mit der dahinterliegenden Kirche auf. Tiefe Buchten, in denen die Kähne liegen, schneiden vielgestaltig in die Hintergärten ein. Waldige Anhöhen umschließen zur Linken den See, und geradeaus taucht eine dicht bewaldete Insel aus dem Wasser auf. Das Rohr steht so dicht und verbirgt die Ausbuchtungen so gut, dass die Besucher das kleine, schmucke Segelboot wie aus einer grünen Wand hervorschießen sahen.
„Ach, wir wollen nachher auch segeln, Raven!“ rief Marianne, dem Schifflein sehnsüchtig nachschauend.
„Solange Sie wollen, Marianne. Unser Zug fährt erst um sieben Uhr, da haben wir Zeit im Überfluss, Aber nach dem Essen gehen wir zuerst in den Schlossgarten und halten Mittagsruhe. Ich wette, es ist dort alsdann ganz still und einsam. Sie fürchten sich doch nicht vor den Gespenstern, die zu Mittag umgehen?“
„Ich dachte, so etwas gäbe es nur zur Nacht.“
„Sie werden es noch erleben, dass die Gespenster auch die Sonne lieben,“ scherzte Raven.
Es war zwei Uhr, als sie nach dem Schloss wanderten. Eutin lag im Nachmittagsschlaf, die lärmende Jugend war in der Schule festgebannt, der Schlosspark, war menschenleer, so wie Raven vorausgesagt hatte.
Sie gingen umher wie in Dornröschens Schloss. Die Baumriesen standen wie verzaubert, kein Lüftchen rührte an Blättern und Zweigen. In gespenstischem Grau ragten die großen Pappeln über dem saftigen Grün der Kameraden in die klare, blaue Luft. Das Rot der Blutbuche leuchtete von fern über den Samt des Rasens, und nun gesellten sich die roten Ziegelmauern des alten Schlosses noch hinzu. Sie nahten sich der Seite, die den stumpfen Turm trägt, der wie der ganze daran anschließende Flügel von rankendem Grün umsponnen ist, davor die sich aufbauende Schlossterrasse mit den kugelartigen Bäumen des Lorbeers und dem bunten Blumenflor.
Die Rosen blühten, als wäre man im Juli. Ein betäubender Duft von Reseden und Veilchen mischte sich hinein und zog über den mittelalterlichen Schlossgraben, in dem die weißen Schwäne ihr schneeiges Gefieder spiegelten. Auf Marianne legte sich dies alles wie ein süßer, banger Traum; schweigend ging sie neben Raven hin, der sie heimlich beobachtete. Nun kamen sie zu einer Bank, die unter einer Gruppe herrlicher Bäume stand. Die junge Frau fühlte sich müde und setzte sich hin, sie sah mit verschleierten, träumerischen Blicken über den grünen Rasen und das schilfumstandene Wasser des Teiches weg nach dem roten Schloss, das so schweigend durch die baumumrahmte Lichtung zu ihr herblickte. Dien in der grellen Sonne sich spiegelnden Fensterschieben sahen wie tote Augen zu ihr hin. Die Einsamkeit und Stille legte sich beklemmend auf ihre Brust. Ein vergessenes Schloss – es ähnelte einem vergessenen Graf! Marianne schloss die Augen, und öffnete sie auch nicht, als die Stimme des Mannes an ihr Ohr schlug – er lehnte am Stamm der riesigen Silberpappel, die mit ihrem bleichen Laub ein wundervolles Licht um die weiße Frauengestalt wob.
„Haben Sie die Gespenster gespürt, die zu Mittag umgehen, Marianne? ‚Das Schloss schläft, der Hof hat sich vom morgendlichen Schäferspiel zurückgezogen, um zu ruhen, bis das Diner zu neuen Freuden ruft. Der Park ist einsam zu dieser Stunde, das weiß die schöne Hofdame auch. Sie huscht in zierlichen Stöckelschuhen über den grünen Samt des Rasens dahin und taucht in die Schatten der Baumkronen. Unter dem Schäferhabit klopft ihr das Herz, denn sie gedenkt des gestrigen Abends und der beängstigenden und doch berauschenden Stunden, als der hohe Herr ihr auf dieser Bank zärtliche Worte ins kleine, rosige Ohr geflüstert hat. Jetzt ist sie sicher vor ihm. Nur ein paar blühende Ranken will sie sich holen von dem Boskett am Ufer des Sees. Wie sollte sie wissen, dass Durchlaucht gerade an dieser Stelle mit dem Boot ans Land stößt – er ist drüben auf der grünen Insel gewesen, Wassergeflügel zu jagen. Er tritt aus dem flüsternden Rohr hinaus wie aus einer Kulisse, und sie steht auf der Szene – ein wehrloses Opfer. Die blühenden Ranken wiegen sich ihr zu Häupten im weichen Winde, der über den See kommt, aber er kühlt nicht die heiße Stirn und das Herz, das wie im Wahnsinn klopft.
All ihre Kraft hat sie verlassen. Sie duldet es, dass der Arm des hochwohlgeborenen Mannes sich um sie legt und sie tiefer ins Rohr führt zu der kleinen Lichtung inmitten der fein gefiederten Weiden, deren zweige bis zum Wasserspiegel hinunterhängen, ein verschwiegenes Gemach schaffend, dessen Decke der blaue Himmel ist. Der Rasen liegt warm unter den Sonnenstrahlen, und der hohe Herr zieht sie zu sich nieder auf den weichen Grund. Kein Laut, kein Ton dringt in diese Stille. Nur die hin und her huschenden Schwalben sehen es, als er ihre Augen küsst, die schwellenden Lippen und dann auch den weichen Hals, der sich bis tief in die Spitzen hinein verliert, bis zu der jungen Brust hinab. Er ist der schönste Kavalier an seinem Hof, der junge Herzog, und hat eine hässliche Prinzessin aus politischen Rücksichten mit seiner Hand beglücken müssen. Aber sein Herz verlangt stürmisch nach einer Ebenbürtigen im Reich der Liebe. Er hat sie gefunden, denn die liebliche Gräfin hebt die Arme zu ihm empor, sie wiegt sich an seiner Brust und küsst ihn wieder.
Sie sehen beide nicht das Gespenst, das mit heißen, verlangenden Augen zwischen den hohen Halmen des Rohrs zu ihnen hinstarrt, aber das höhnische Lachen, mit dem es wieder in seinem Versteck verschwindet, das hören sie wohl. Und die Hofdame löst sich erschreckt von dem Geliebten und eilt dem Schlosse zu – die blühenden ranken aber, die sich selig weiter in den Lüften wiegen dürfen, sehen die zornigen Falten auf der Stirn des verlassenen Mannes und hören das wilde, hässliche Wort, das seinem Munde entfährt.’
Wie glauben Sie wohl, Marianne, wie die Geschichte endet? – Sie schweigen, nur blinzelnd öffnen Sie die Augen. Ich glaube, Sie haben wirklich geschlafen.“
Ravens Stirn zeigte auch plötzlich die zornige Falte, von der er noch soeben erzählt hatte. Er spürte heftigen Ärger und war beleidigt, dass sein Märlein so wenig Eindruck gemacht hatte, er bemerkte es in seiner Befangenheit nicht, wie sehr Marianne von seiner Erzählung getroffen worden war. Ihre Brust atmete tief und schwer, und eine süße, lähmende Betäubung lag über ihr, aus der sie sich nur mühsam emporraffen konnte. Sie hatte die Gespenster gespürt, die zu Mittag umgehen, aber sie würde es niemals eingestehen; so sagte sie lächelnd, mit einem weichen, lässigen Recken ihrer schönen Gestalt: „Ich glaube es beinahe selbst, Raven. Kommen Sie, wir wollen den Park vollends durchwandern und dann eine Tasse starken Kaffee trinken, der verscheucht den Schlaf und belebt die Nerven. Eine Fahrt auf dem See wird mich völlig munter machen.“
Sie tat so, als ob sie seine Verstimmung gar nicht bemerke, und schritt der Allee hochragender Linden zu, die zum See hinabführte. Dann standen sie lange im Pavillon und blickten in den Frieden dieser schlafenden Welt. Marianne suchte mit scheuen Augen im Rohr nach einer Stelle, die sich der Erzählung Ravens anpassen könnte. Was hätte ihr Begleiter wohl darum gegeben, wenn er gewusst hätte, dass die stolze, schöne Frau im Grunde ihres wunderlich klopfenden Herzens die schöne Hofdame beneidete!
In wunderlichem Zwiespalt aller Gefühle kam sie am Abend heim und fand einen Brief ihres Mannes, der ihr mitteilte, dass er sich am Sonntag freizumachen gedächte, um sie zu besuchen. Was sollte sie tun? Sie hatte ihm noch nichts von Ravens Anwesenheit geschrieben. Dass die beiden Männer sich hier begegnen sollten, war ihr ein unerträglicher Gedanke.
Nachdem sie lange ruhelos umhergewandert war, setzte sie sich und schrieb:

Lieber Jürgen!

Lass mich allein, ich bitte Dich darum. Du würdest mich zu sehr in meiner Arbeit stören, die ich in wenigen Tagen zu beendigen hoffe. Dein Kommen würde meine Rückkehr verzögern. Ich verspreche dagegen, am Mittwoch wieder daheim zu sein. Grüße Hedwig, die so gut für Dich zu sorgen scheint. In der Hoffnung, dass Dich meine Bitte nicht kränkt, schließt mit dem Wunsche auf ein frohes Wiedersehen

Deine Marianne.

In der Angst einer möglichen Sinnesänderung trug sie den Brief noch zum Kasten und ging dann zum mondbeglänzten See hinunter. Lange stand sie auf der Anlegebrücke und starrte in das Glitzern und Glänzen, aber in ihrem Innern blieb es dunkel und lichtlos; die Lüge, zu der sie sich erniedrigt hatte, lag mit lähmendem Druck auf ihr. Sie war zu dieser Stunde nicht die kluge, stolze Marianne, sondern ein unbedachtes Kind, das sich nicht ihres liebsten Spielzeugs berauben lassen will und darum zum ersten besten Ausweg greift.
Raven trug den Nutzen davon, denn mit heimlichem Trotz bemühte sich die junge Frau, diese letzten Tage des Zusammenseins ganz auszukosten. Trotzdem keine Antwort ihres Mannes einlief, blieb sie bei dem sich selbst gesetzten Termin. Sie glaubte wohl, damit die Lüge zu rechtfertigen. Der Freund ließ es sich nicht nehmen, sie in Malente in ihren Zug zu setzen. Nun stand sie droben am Fenster des Coupés, das sie so eilig geschlossen hatte, als fürchte sie sich vor sich selber oder vor den heißen Blicken Ravens, die seine innere Bewegung nur zu deutlich verrieten. Aber auch hier war sie noch nicht sicher, denn er sprang plötzlich auf das Trittbrett, blickte ihr mit verräterischer Glut in die Augen und flehte mit einer von Leidenschaft halb erstickten Stimme: „Geben Sie mir ein Versprechen mit auf den Weg, Marianne, eine kleine Hoffnung, an der ich mich in meiner Einsamkeit halten kann. Sie werden in diesem Winter nach Berlin kommen. Ja? – Sagen Sie ja.“
Die Pfeife schrillte, der Zug setzte sich in Bewegung, er hing noch immer an der Tür und rief: „Sagen Sie ja, Marianne, oder ich bin in nächster Zeit wieder in Schleswig!“
„Ich werde kommen, Raven. –Um Gottes willen Vorsicht, wir fahren!“
Glückselig, sein Ziel erreicht zu haben, sprang er ab. Seine leuchtenden Augen hingen an dem ernsten, blassen Gesicht Mariannes, die sich weit aus dem Fenster hervorbeugte und mit seltsam starren Augen nach Raven sah, bis eine Kurve des Schienenwegs ihr den Anblick raubte. Dann fiel sie auf die Kissen und begann bitterlich zu schluchzen. Was sollte ihr noch die Sonne da draußen, was der leuchtende Herbstzauber? Wozu blitzten und winkten die blauen Seen vor ihrem Fenster? Wozu rauschten die Wälder? Sie wollte nichts mehr sehen, nichts mehr hören. Und als ob der Himmel ein Einsehen mit ihrem Schmerz habe, so verlor die Sonne plötzlich ihren Schein, grau in grau malten sich die Lüfte, und der Herbstwind rüttelte mit harter Hand an den goldenen Blättern, dass sie gleich Schwärmen bunter Schmetterlinge in der Flugbahn des sausenden Zuges dahinwirbelten. Vorbei, verweht gleich zerflatternden, glückseligen Träumen! Als Marianne in Schleswig ankam, fiel der Regen, und ihre Seele war müde und einsam. Ihr Mann hatte kein zürnendes Wort für sie.
Und der Regen fiel eintönig Tag und Nacht und sang ihr Herz in seinen Winterschlaf. Der Nebel, der da draußen stand wie eine dichte Wand, lag auch vor ihren Augen. Aber als dann die Septemberstürme der Äquinoktien brausten, und an der Küste des Schleswig-Holsteiner Landes der blanke Hans seien wildesten Lieder anstimmte, besann Marianne sich wieder auf sich selbst. Die lief draußen mit dem Sturm um die Wette und erstarkte wieder zu neuem Leben, zu neuer Kraft. Die wilden Tage vergingen, und es folgte ein Oktober von so sonniger Wärme und festlichem Glanz, dass die Blätter, die allem Blasen zum Trotz droben sitzengeblieben waren, doppelt farbenfroh leuchteten. Durch das braune Laub, das unter dem Fuß der jungen Frau wie knisternde Seide raschelte, schimmerte smaragdenes Moos, und die Koppeln lagen in so saftigem Grün, als sei der Frühling vor der Tür. Die Rosen vergaßen blühend die Zeit, und die roten Kressen liefen wieder gleich feurigen Schlangenüber die Gartenwege.
Marianne stand auf der Schützenkoppel und ließ sich von Sonne und Mond bescheinen, voller Sehnsucht des Mannes gedenkend, der ihrem Leben Inhalt gegeben hatte.

 

Zur Rolle von Marianne als bürgerliche Ehefrau, die zerissen zwischen Pflicht und Ambition ist, gibt es diesen Blog-Artikel.

 

Die nächste Fortsetzung erscheint am Freitag, den 23. März 18.