Schon Einstein klingelte hier: Der Schweizerhof – vom Sommerfrische-Domizil zur Skiresidenz – ein Familienhotel in der 4. Generation

 In Reisetipp

Stolz thront der schöne Jugendstil-Altbau in Flims mit einem atemberaubenden Blick in die Surselva-Bergwelt ringsum – und das schon seit 1903!
Davor stand einst ein großer Felsen mit einer Bank an dieser Stelle – ein Lieblingsplätzchen der späteren Erbauer, den Verlobten, Mengia und Daniel, die dort händchenhaltend ihre Pläne für ein eigenes Hotel schmiedeten.

Das frisch verheiratete Paar Mengia und Daniel mit dem Doppelnamen Schmidt-Candrian setzte sein Vorhaben tatsächlich in die Tat um. Auch wenn die Gemeindebehörde zunächst verlangte, das Hotel solle an der damaligen Hauptstraße stehen und es schwierig war, eine Genehmigung für die Sprengung des Felsen zu erlangen – der Schweizerhof wurde schließlich genau an dieser Stelle erbaut.

Beide Eheleute brachten schon einige Erfahrung aus der Gastronomie mit. Wie Mengia, die im Hotel Segnes in Flims aufgewachsen war, hatte Daniel in keinem geringeren Hotel als dem schon damals berühmten Hotel Ritz in Paris gelernt. Weitere Stationen waren das Savoy in London, wo er zum Lieblingskellner von Sarah Bernhard avancierte und danach das Grand Hotel in Rom. Seine ersten Sporen als Hoteldirektor verdiente er anschließend im Hotel Metropol in Venedig. Zurück in der Schweiz leitete er dann, schon zusammen mit seiner späteren Frau Mengia, das Hotel „Post und Viamala“ in Thusis. Damals ein wichtiger Ort, denn hier war die Endstation der Bahn für alle Reisenden, die weiter ins Engadin fahren wollten. Und vor der anstrengenden Weiterreise wollten viele von ihnen gerne im Ort übernachten.

Mit dieser Erfahrung im Gepäck wurde das neue Hotel schon bald zum Erfolg und viele Gäste kamen – aus Deutschland, England und natürlich auch der Schweiz. Die Gäste fuhren meist per Zug bis nach Reichenau, dem nächsten Ort im Tal. Von dort gab es zunächst Postkutschen. Die Fahrt zum Hotel dauerte noch einmal zwei bis drei Stunden.
Es muß aber eine schöne Fahrt gewesen sein, in Griebens Reiseführer „Schweiz“ von 1909/10 steht dazu:

Herrliche Partie“ auf „aussichtsreicher Straße“.

Mit dem Auto kam man erst zu späteren Zeiten nach Flims – ab 1925, da davor in Graubünden ein allgemeines Verbot für Privatautos auf den Straßen bestand.
Abgesehen davon waren aber Automobile zu dieser Zeit sowieso noch rar, da sie anfangs nur für wenige erschwingliche teure Luxusobjekte waren. Dieser Artikel erzählt mehr über die Anfangszeit zweier deutscher Automarken.
In jedem Fall war die Reise recht lang – und deshalb blieb man auch gleich ein paar Wochen. Sonst hätte sich der ganze Aufwand kaum gelohnt! Gut für das Hotel, welches mit seinen 56 Zimmern oft ausgebucht war.
Für uns heute überraschend –der Sommer war die Hauptsaison! Die meisten Hotels waren im Winter geschlossen, so auch der Schweizerhof.
Flims, auch Waldhaus Flims genannt, wurde in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts wie auch andere Orte in den Schweizer Alpen zu einer beliebten Destination für die Sommerfrische.

So wird der Ort im obigen Reiseführer beschrieben:

Geschützte Lage mit sehr mildem Klima, schattige Wälder und malerische Baumgruppen, duftige Bergmatten und reizende kleine Seen vereinigen sich hier mit prachtvoller Aussicht zu einer idealisch-schönen Alpenlandschaft, die in neuerer Zeit zu einem Luftkurort ersten Ranges wurde und namentlich von Deutschen stark besucht ist.“

Man ging spazieren, kurte und genoss die gute Berg- und Waldluft.
Und badete! So wurde am Caumasee eine Holz-Badeanstalt für die Gäste gebaut, die es immerhin bis 1972 gab und die erst dann durch eine moderne Anlage mit Restaurant ersetzt wurde. Denn auch heute wird noch gerne im Caumasee gebadet – 2016 wurde er zum schönsten See der Schweiz gekürt. Das Wasser des Sees wird im Sommer immerhin bis zu 24 Grad warm – damals wie heute eine angenehme Badetemperatur.

Aber wie sah es damals eigentlich im Hotel aus? Die Seniorchefin des Hauses, Therese Schmidt (Schmied gesprochen) weiß Rat, auch wenn sie die Hotelgründerin Mengia persönlich nicht mehr erlebt hat. Sie hat viele Bilder, Dokumente und Zeitzeugnisse aus der Anfangszeit des Hotels und auch späteren Zeiten zusammengetragen und geordnet.
Am Anfang gab es in den Zimmern keine Bäder. Auf einer Waschkommode stand eine Schüssel mit Krug, die Zimmermädchen holten frisches Wasser zum Waschen. Toiletten gab es auf jedem Gang zwei und ein Wannenbad. Damals war es allerdings üblich – nicht nur in der Sommerfrische- dass höchstens ein Mal in der Woche gebadet wurde. Trotz allem kamen die Zimmermädchen an manchen Abenden ins Schwitzen, wenn sie für viele Gäste Bäder vorbereiten mussten. Und die mitreisenden Dienstboten? Waren in einfacheren Mehrbettzimmern ganz oben unter dem Dach untergebracht.

Schnell wurde das anfänglich noch mit Petroleumlicht für die Gesellschaftsräume und Kerzen für die Zimmer beleuchtete Hotel mitelektrischem Licht ausgestattet. Damit wurde damals noch geworben bzw. es stand auch in den Reiseführern vermerkt, wenn die Zimmer eines Hotels so ausgestattet waren. Also noch keine Selbstverständlichkeit zu dieser Zeit! Auch ein Telefon gab es bald, ab 1905.

Später wurden dann noch zwei Villen gebaut, welche ganz vermietet wurden, da die Herrschaften mit Gefolge anreisten. Diese waren mit einem großzügigen Eingang, Esszimmer, Salon, einer Küche und mehreren Zimmern ausgestattet.

Auch Zita, die letzte Kaiserin von Österreich residierte für einen Winter lang während ihres Schweizer Exils in solch einer Villa. Eines der beiden Häuser, Villa Helvetia, steht heute noch, dort wohnt inzwischen die Hotelier-Familie.

Und was kostete eine Nacht im Schweizerhof anfangs eigentlich? Zum Glück gibt es dazu noch Dokumente – der erste Prospekt des Hotels verrät es uns – je nach Saison und Größe der Zimmer kostete eine Übernachtung zunächst von 6 bis 10 Franken für ein Einzelzimmer und 20 Franken für ein Doppelzimmer. Man konnte einzelne Mahlzeiten oder auch Vollpension für 9 bis 18 Franken pro Person und Woche dazu buchen.

Für heutige Verhältnisse klingt das recht wenig, aber damals konnte sich diese Preise nicht jeder leisten, sondern eher das gehobenere Bürgertum. Zum Vergleich: Ein Arbeiter verdiente zwischen 1000 und 1800 Mark, ein Lehrer zwischen 2000 und 5000 Mark (je nach Dienstjahren) und ein Rechtsanwalt verdiente 5000 bis 6000 Mark. Nein, nicht im Monat, im Jahr. Ein Schweizer Franken war damals ca. 80 Pfennig wert.

Gegessen wurde übrigens zusammen an langen Tafeln, die nach dem Ankunftstag der Gäste belegt wurden.  Entweder im Speisesaal, der heute noch existiert – nur in der Zwischenzeit vergrössert- oder auf der schönen Veranda. Die als Menü konzipierten Mahlzeiten „Table d`hote“ genannt, wurden mit Gongschlag angekündigt. Die Speisekarten dazu waren in französischer Sprache abgefasst, dies war damals in der höheren Gastronomie so üblich.

Täglich spielte das hauseigene ungarische Hotelorchester auf – man musste den meist städtischen Gästen schließlich etwas bieten außer der wunderschönen Bergwelt. So gab es auch zweimal wöchentlich Hausbälle, es traten Zauberkünstler auf und es wurden Bridge und Tennis, letzteres auf dem hauseigenen Platz, gespielt.
Das klingt für uns heute sehr idyllisch.

Erst später entwickelte sich der Ort dann auch als Wintersportgebiet. Alte Fotos zeigen die ersten Skiläufer – bewundernswert, wie insbesondere die Frauen mit ihren langen Röcken Ski laufen konnten!

Auch prominente Gäste betätigten die originelle Jugendstilklingel am Eingang. So verbrachte Albert Einstein mit Frau und Sohn ein paar Tage in Flims, zusammen mit Irene Curie, der Tochter von Marie Curie, selbst angehende Wissenschaftlerin (die später auch einen Nobelpreis für Chemie erhalten sollte). Man speiste zusammen und das Personal wunderte sich nachher über die eigenartig bekritzelten Stoffservietten…

Die Kriege waren für den gesamten Schweizer Tourismus schwierig und auch für die Familie Schmidt-Candrian. Die Gäste kamen nicht mehr und so waren die die Hotels gezwungen, Personal zu entlassen und an ihre Reserven zu gehen. Etliche mussten auch schließen. Der Schweizerhof zum Glück nicht, obwohl diese Zeit auch für seine Besitzer nicht einfach war, zumal persönliche Schicksalsschläge dazu kamen. Daniel erblindete. Lange ließ sich der geborene Gastgeber nichts anmerken – jeder Winkel der Empfangshalle war ihm vertraut und seine Stammkunden erkannte er auch nach Jahren am Rhythmus ihrer Schritte wieder. So merkten die meisten Gäste nicht, dass er nichts (mehr) sah.

In den zwanziger Jahren ging es dann zum Glück wieder bergauf. Mengia und Daniel wurden von ihrem jüngeren Sohn Arthur mit seiner Frau Carla bei der Führung des Hotels unterstützt. Arthur war ein Tausendsassa – nicht nur als Hotelier, sondern auch als Skilehrer, Musiker und Jäger war er aktiv, spielte zehn Instrumente und muss auch ein glänzender Unterhalter gewesen sein, der Leute und Dialekte hervorragend imitieren konnte. Sogar als Komponist tat er sich hervor – er komponierte das „Caumaseelied“ und das „Arosalied“. Leider starb Arthur früh, 1947 mit 38 Jahren, kurz nachdem Hotelgründer Daniel 1946 gestorben war.

Und so war das Hotel mit Carla und Mengia nun unter weiblicher Führung. Carla war gleichfalls eine starke Persönlichkeit mit Charisma. Als Person weckte sie sofort Vertrauen, so dass ihr Gäste oft nach kurzem Kennenlernen ihre ganze Lebensgeschichte erzählten. Mengia schrieb mit ihrer gestochenen Schrift weiterhin die täglichen Menüs, führte die Buchhaltung und ging auch bei der täglichen Arbeit im Hotel zur Hand: als „Pass“ zwischen Küche und Speisesaal reichte sie die Teller durch. Bis zu ihrem Tod 1962 mit 89 Jahren half Mengia im Hotel mit als gute Seele des Hauses.

Nach dem zweiten Weltkrieg begannen wieder bessere Zeiten, das Wirtschaftswunder in den 50er Jahren tat sein Übriges. Natürlich veränderte sich das Hotel im Laufe der Jahre. In den 60er Jahren wurden die ersten Bäder in die Zimmer eingebaut und es wurde renoviert -zum Glück aber immer so, dass der ursprüngliche Charme des Hotels erhalten blieb.

Ende der 60erJahre übernahmen Carlas Sohn Rudolf und seine Frau Therese, die heutige Seniorchefin, das Hotel. Und auch sie führte das Hotel nach dem frühen Tod ihres Mannes 2003 zunächst alleine weiter.

Bei unserem Gespräch erzählt sie, dass es keineswegs selbstverständlich ist, dass sich das Hotel immer noch im Familienbesitz befindet. Denn wenn eines der Kinder (und es waren ja immer mehrere) gewollt hätte, dass ihm sein Anteil ausbezahlt worden wäre, hätte man das Hotel veräußern müssen. Und natürlich muss der Nachwuchs das Hotel auch weiterführen wollen. Denn es ist nicht jedermanns Sache, Gastgeber zu sein. Von ihren drei Kindern fühlte sich ihr Sohn Christoph dazu berufen, der das Haus mit seiner Frau Sandra nunmehr in der 4. Generation erfolgreich weiterführt. Übrigens haben die Beiden drei Kinder… Und wenn Not am Mann ist, hilft Therese Schmidt natürlich gerne aus – gelernt ist gelernt!

Wenn wir gerade bei der Familiengeschichte sind: Ist sie durch die Hotellerie auch sehr geprägt, so sind doch nicht alle Nachfahren in diese Richtung gegangen. Daniel Schmid (1941-2006), der Bruder von Thereses verstorbenem Mann Rudolf, war ein bekannter Schweizer Filmemacher. Als solcher verarbeitete er seine Kindheit im Hotel auch in dem Film „Zwischensaison“ von 1992, welcher eine Hommage an die frühen Glanzzeiten des Hotels und auch seine Großmutter Mengia ist.

Schon lange ist der Winter die Hauptsaison, Flims/Laax ein beliebtes Skigebiet. Aber auch hier wird die Sommerfrische wieder wichtiger. Die Winter sind längst nicht mehr so zuverlässig wie dazumal, als sie meist auch bis Ende April andauerten und mittels einer speziellen Vorrichtung vor dem Hotel im Winter Eis für die Kühlung während der Sommersaison im Eiskeller gezüchtet wurde. Das war einfacher und hygienischer als eine Kühlung im Kühlschrank, den es zwar damals schon gab, der aber eigentlich auch nur mit Eis bestückt wurde. Der Eiskeller existiert noch – nunmehr befinden sich dort die Kühlräume.

Aber natürlich sind die Berge rund um Flims auch ein schönes Wandergebiet im Sommer, obwohl die Hochgebirgssaison von Mitte Juni bis Mitte September nicht so lang ist.
Der Schweizerhof versetzt einen zurück in die Jugendstilzeit, jedoch ist es ein zeitloser und kein altbackener Charme. Die Zimmer, heute sind es nur noch 48,  sind gediegen eingerichtet. Zwar von der Größe überschaubar, aber ich weiss ja jetzt, warum: Schließlich musste irgendwann noch das Bad eingebaut werden, was übrigens ganz modern ist. Und für noch mehr Badevergnügen und Entspannung gibt es ein schönes Hallenbad und einen Wellness-Bereich.

Nur leider spielt kein ungarisches Hotelorchester mehr auf der Veranda…
Als Gast habe ich mich gut betreut gefühlt – das Personal ist sehr freundlich und aufmerksam und der Schweizerhof hat das gewisse Etwas eines Familienbetriebs mit Tradition.
Es sind eben auch immer die Menschen und ihre Geschichte, die einen Ort zu etwas Besonderem machen.

Das Hotel heute

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