„Bretter, die die Welt bedeuten“ (16. Fortsetzung)

 In Fortsetzungsroman, Frauenleben, Liebesroman

geschrieben von Hanns von Zobeltitz

Hier erfahrt Ihr etwas über den Autor des Romans Hanns von Zobeltitz,  hier geht es zur einer Einführung zum Roman und mit diesem Link gelangt Ihr zu den bisher veröffentlichten Folgen der Geschichte.

Es begann eine merkwürdige Zeit für Dorothea. – Zuerst beschäftigte sie hauptsächlich, was der Herzog gesagt hatte über die Dichtung, indirekt doch auch über ihr Spiel. War’s wirklich so, legte sie zu wenig Leidenschaft hinein? Man hatte ihr, gerade ihr, fast von Jugend auf soviel gesprochen vom schönen Maßhalten. Tat sie des Guten zu viel? Oder – Ja – oder? Zum ersten Mal eigentlich stieg in ihr ein Sinnen über die Grenzen ihrer Begabung empor. Oft genug hatte sie, wie jeder Künstler, mit sich gekämpft und mit ihren Aufgaben. Aber das war immer vorübergegangen, sie hatte es niedergerungen. Jetzt wollte es so nicht gehen. Fehlte es ihr wirklich an Temperament, dass sie sich nicht zu den höchsten Akzenten der Leidenschaft steigern konnte?
Sie ging in der Enge ihres Zimmers die Julia noch einmal durch, laut – zum Teil vor dem Spiegel. Es mochte schon sein, dass der Herzog mit seiner Auffassung der Rolle nicht unrecht hatte. Sie musste versuchen, dem nachzukommen.
Aber Dorothea fand selbst: ihr war das nicht gegeben. Sie konnte sich wohl künstlich in eine Art von Ekstase versetzen, künstlerisch wirkte sie dann nicht mehr. Mehr noch: sie wurde unwahr. Es war nicht mehr Leben, was sie gab, es wurde nur Komödie. Ganz charakteristisch war’s. Einmal steckte Minna den Kopf durch die Tür und meinte: „Gnä‘ Fräulein, Sie schreien heute aber fürchterlich. Dass sich die Nachbarn nur nicht beschweren.“
Nein, die Darstellung ihrer Julia musste schon so bleiben, wie sie war, trotz Serenissimus.
Und wie sie das vor sich hindachte, kam ihr ein befreiendes Lachen. Serenissimus! Weiß der Himmel, armer Herzog August-Otto, wie ein Serenissimus schaust du nicht drein. Das hässliche Wort bitte ich dir ab. Wie ein frischer, lieber Mensch siehst du aus, nur dass deine Augen so traurig sind. Als ob dir das Glück karg im Leben gewesen wäre. Und ihr glitt Lessings Wort durch den Sinn: „Ein Fürst hat keinen Freund!“
Viel Freunde vielleicht, aber keinen Freund! –
Einmal – es war nach einer Vorstellung der „Braut von Messina“, sie hatte den Herzog in der Hofloge bemerkt – fragte sie Tante Rakolski: „Ist der Herzog unglücklich?“
Ihre Exzellenz schüttelte den Kopf: „Wieso, Diedelchen?“
„Er hat so traurige Augen.“
„Erlaube mal, Diedel, was gehen dich die Augen des Herrn an?“ Frau von Rakolski lachte, dass Liddy, Siddy und Piddy ganz erstaunt zu ihr aufsahen. Aber dann wurde sie nachdenklich, und schließlich meinte sie: „Traurig wohl nicht, aber etwas schwermütig, das mag stimmen. Es war nicht immer so. Der Herzog war ein fröhliches Kind und ein froher, junger Mann. Nun, scheint’s, dass er vereinsamt. Es wäre das Beste, wenn er endlich heiratete.“
„Ohne Liebe?“
„Aber du Schäfchen! Fürsten müssen doch fast immer ohne die sogenannte Liebe heiraten. Überhaupt – Liebe! Ich habe hundert Ehen gekannt, die aus leidenschaftlicher Liebe geschlossen – und unglücklich wurden. Und fünfhundert Ehen, die ohne Liebe zustande kamen – und glücklich geworden sind. Die Liebe kommt schon in der Ehe, wenn sich beide Teile nur nicht voneinander abgestoßen fühlen.“
„Das ist aber schrecklich.“
„Das ist gar nicht schrecklich, das ist nur natürlich. Die feinsinnige Ebner-Eschenbach hat einmal gesagt: ‚Jede gute Ehe wird Freundschaft!’ Die Freundschaft ist eben wichtiger für die Ehe als die Liebe, oder gar die Leidenschaft. Und wenn das für uns gewöhnliche Sterbliche gilt, dann gewiss erst recht für die Fürsten.“
Dorothea antwortete nicht mehr. Aber sie dachte an eine einsame Bank im Park draußen an der Elm. Nein, nein! Was die gute Exzellenz sagte, waren Worte. Nichts als Worte! Mit Worten ließ sich viel beweisen –
Ganz merkwürdig oft war der Herzog jetzt im Theater.
Er saß dann meist nicht in der großen Hofloge, sondern in seiner kleinen Proszeniumsloge, ganz allein hinter dem halb zugezogenen Vorhang. Bisweilen sah ihn Dorothea gar nicht; sie hörte nur: der Herr ist im Hause. Bisweilen aber, und immer öfter, bemerkte sie, dass der Herzog, sobald sie die Bühne betrat, die rotsamtene Portiere ein wenig zurückschob, und dann sah sie, in einer Spielpause, seine ernsten Augen auf sich gerichtet.
Einmal meinte Edgar Maurer, und sie fühlte aus seinen Worten einen eignen Unterklang heraus: „Serenissimus sieht sich ja heute die ganze Barnhelmin schon zum dritten Male an.“

Und der Intendant erklärte bei einer Konferenz ein wenig ägriert (verbittert): „Die Oper scheint Allerhöchsten Orts ganz in Ungnade gefallen zu sein.“
Gesprochen hatte Dorothea den Herzog seit ihrem ersten Debüt nicht wieder. Manchmal tat ihr das leid. Sie hätte gern wieder einmal sein Urteil gehört, zumal die Tageskritik in Gemar recht wenig gab und die beiden einzigen Männer von Beruf, auf deren Ansicht sie hier etwas hielt, Maurer und Ecker, merkwürdig zurückhaltend gegen sie waren.
Zweimal noch war sie in den Teesalon zur Herzoginwitwe befohlen worden. Aber Herzog August-Otto war nie anwesend gewesen.
So vergingen die ersten Monate. Weihnachten war vorüber und Neujahr, und der Herzog war auf einige Wochen zu den großen Hoffestlichkeiten nach Berlin gereist.
Es gab beruflich viel zu tun. Das war ein Segen. Auch allerlei gesellige Ansprüche stellten sich ein. Gottlob! Die Gedanken wurden dadurch ein wenig abgelenkt. Diese dummen, törichten Gedanken, die immer wieder auf ein Paar schwermütige Augen zurückkehrten. Und doch nur – das war das Ärgerlichste –, weil die Augen im Antlitz eines hohen Herrn glänzten. Vielleicht nur, weil sie ein Rätsel aufgaben, das zu lösen so eigen reizte. Vielleicht nur, weil diese Augen das Mitleid wecken mussten.
Dann stand eines Abends der Herzog plötzlich vor ihr.
Es war nach dem Schluss einer Vorstellung der „Jungfrau von Orleans“. Die letzte Szene klang noch in ihrer Seele nach:

„Saht ihr den Regenbogen in der Luft?
Der Himmel öffnet seine goldnen Tore,
Im Chor der Engel steht sie glänzend da,
Sie hält den ew’gen Sohn an ihrer Brust,
Die Arme streckt sie lächelnd mir entgegen.
Wie wird mir? – Leichte Wolken, heben mich –
Der schwere Panzer wird zum Flügelkleide.
Hinauf! Hinauf! Die Erde flieht zurück –
Kurz ist der Schmerz – doch ewig währt die Freude!“

Zwei-, dreimal war sie gerufen worden. Nun ging sie nach ihrer Garderobe, um sich umzukleiden.
Dass der Herzog im Hause war, ahnte sie nicht. Sie glaubte ihn noch in Berlin.
So erschrak sie heftig, als er ihr entgegentrat. Ganz allein. Auch niemand der Kollegen, keiner der Bühnenarbeiter war zu sehen. Fast schien es, als hätte ein Wink des Herzogs all und jeden verscheucht. Vielleicht genügte auch schon der unausgesprochene Wunsch, den irgendeine Schranze von seinem Gesicht abgelesen haben mochte.
„Guten Abend, gnädiges Fräulein!“ sage er. „Habe ich Sie erschreckt? Dann bitte ich um Entschuldigung. Ich wollte Ihnen nur danken. Leider konnte ich nur die letzten Aufzüge sehen, denn ich bin erst am Spätnachmittag zurückgekehrt. Aber gerade die letzten Szenen sind mir immer als die gewaltigsten erschienen. Ich war ganz im Banne der Dichtung. Nochmals: Ich danke Ihnen.“
Er hatte gegen seine Gewohnheit sehr schnell gesprochen, fast hastig, wie jemand, der eine starke innere Erregung durch lebhafte Worte zu verhüllen sucht.
„Eure Königliche Hoheit sind sehr gnädig.“
Indem sie es sagte, empfand sie den Satz als beschämend banal. Aber der höfische Ton gestattete in diesem Augenblick kaum etwas andres. Und dann – sie war ein wenig verwirrt. Die Begegnung war zu unerwartet.
Er lehnte sich leicht an die Wand. An ihm vorüberzuschreiten wäre unmöglich gewesen. Dicht vor ihm musste sie stehenbleiben, in ihrem weißen Gewand, den Panzer über der Brust. Den Helm hatte sie in der Hand, ihr Haar – sie verschmähte die Perücke – flutete ihr über den Nacken.
Da begann er wieder, nun in ruhigerem Ton: „Ich hatte so lange nicht das Vergnügen, Sie zu sehen. Dies schreckliche Berlin hielt mich wider Willen fest. Pflichten, immer Pflichten! Und ich hatte so große Sehnsucht – Sehnsucht nach unserm stillen Gemar. Es geht Ihnen gut, Fräulein von Lindenbug?“
„Ich danke, Königliche Hoheit. Ich bin zufrieden.“
„Glücklich, wer das von sich sagen darf.“
Sie sah kaum auf. Aber sie fühlte wieder, wie sein Blick sie umfing, dass seine Augen ihr sagen wollten: Ich bewundere dich!
„Ich bin jedenfalls sehr froh, dass Sie sich bei uns wohl fühlen. Hoffentlich kommt man auch in Bezug auf das Repertoire Ihren Wünschen entgegen. Sonst befehlen Sie, gnädiges Fräulein. Ich bin zwar nicht Fürst auf den Brettern, die die Welt bedeuten, aber vielleicht könnte ich doch bei unserm allmächtigen Intendanten etwas ausrichten. Und das würde mir eine große Freude sein.“
Sie verbeugte sich tief. Und wieder sagte sie: „Ich bin wirklich zufrieden, Königliche Hoheit.“
„Wissen Sie, das sich Sie lieber ein wenig unzufrieden wüsste? So, dass Sie mir Gelegenheit geben könnten, Ihnen einen Wunsch zu erfüllen. Aber so geht es uns immer, wo wir einmal unser Interesse erweisen möchten, begegnen wir einer Abweisung.“
Der Panzer drückte plötzlich. Der Helm zog wie ein schweres Gewicht in der Hand. In dem engen Gang war es schwül. Kaum zu atmen – diese Bühnenluft! Und so einsam hier, wo sonst geschäftiges Leben hastete. Nur von fernher drang aus den Garderoben das Geplauder der Kollegen, der Statisten; dann und wann ein dumpfer Ton von der Bühne dazwischen; dort räumte man wohl auf.
„Das Leben hat mich dazu erzogen, Königliche Hoheit, mit Wünschen sparsam zu sein.“
„Wenn man so jung und so schön ist, gnädiges Fräulein, hat man viele Wünsche frei an das Schicksal.“
Sie schüttelte den Kopf. „Doch wohl nicht, Königliche Hoheit. Man muss sich abfinden mit dem, was das Schicksal bringt.“
Er antwortet nicht gleich. Erst nach ein paar Sekunden sagte er: „Vielleicht haben Sie recht. Ich habe oft gegen das Schicksal anzukämpfen versucht, versuche es noch, und das Ende wird doch wohl Resignation sein.“ Dann schwieg er wieder. Sie hörte, dass er schwer atmete. Und als sie mit einem scheuen Blick aufsah, sah sie, dass er den Kopf auf die Brust gesenkt hatte. Ein Gefühl heißen Mitleids stieg in ihr auf, sie musste ihm etwas Gutes sagen. Der Augenblick riss sie fort.
„Königliche Hoheit, wir Frauen sind keine Kämpfer. Das fühlte ich gerade heute als Johanna. Uns gibt nur die Idee – eine Vision – auf kurze Zeit Kraft. Aber ein Mann darf, soll, ringen – kämpfen. Es ist seine Mission auf dieser Erde, und wenn er von Gott hochgestellt ist, dann ist der Kampf erst recht seine Aufgabe.“
Er sah auf. Ihre Blicke begegneten sich. Über sein Gesicht flog eine leichte Röte. Er nickte lebhaft. Aber dann senkte er den Kopf wieder.
Und sie gereute schon, was sie gesagt. Wer gab ihr ein Recht, dieses Fürsten Egeria (Gleichnis aus römischer Mythologie: Beraterin) sein zu wollen? Und lauerte nicht vielleicht hinter der nächsten Wand ein Lauscher? Was würden die bösen Zungen tuscheln und zischen –
Das Blut stieg ihr in die Wangen. Ihr graute vor dem Kulissenklatsch.
Da sagte er plötzlich in leichtem, gesellschaftlichem Ton, aber sie fühlte, wie er sich dazu zwang:
„Übrigens hätte ich fast vergessen, mich eines Auftrags zu entledigen. Ich fuhr heute von Halle aus zusammen mit meiner Mutter, und sie sprach davon, das sie ihre kleinen Donnerstagabende ein wenig durch Lesen mit verteilten Rollen beleben möchte.“ Ein leises, ironisches Lächeln glitt um seine Lippen. „Sie verstehen gewiss, gnädiges Fräulein: die Tradition! Wenn wir auch Epigonen sind, man möchte doch den Großen nacheifern. Nun, wenn meine gute Mama daran Vergnügen findet, warum nicht? Dürfen wir auf Ihre freundliche Mitwirkung rechnen? Viel Freude kann ich Ihnen freilich nicht versprechen, denn unsre Gesellschaft – ich fürchte den ärgsten Dilettantismus.“
Dorothea atmete erleichtert auf. Erleichtert, dass ihn ein „Auftrag“ hinter die Kulissen geführt. Wenn eine kleine, ganz kleine Enttäuschung dabei mit unterlief, die konnte man schon in den Kauf nehmen.
„Wann darf ich die Befehle Ihre Hoheit in Empfang nehmen?“ fragte sie.
„Ja, am besten doch wohl schon morgen. Vielleicht um drei Uhr im Wittumspalais. Ich werde Mama benachrichtigen – nun aber will ich Sie nicht länger aufhalten, gnädiges Fräulein –”
Er machte eine leichte Verbeugung. Und dann hob er plötzlich die Hand. Sie konnte nicht anders, als die ihre hineinlegen. Nur ein flüchtiges Berühren war es, aber sie empfand, wie seine Hand zuckte.
Da hastete sie auch schon an ihm vorbei, den Gang entlang, ihrer Garderobe zu. Und plötzlich wurde es um sie her lebendig. Ein paar Türen gingen. Frau Brandt, die heute Abend die Isabeau tragiert hatte, steckte ihre spitze Nase aus der einen: „Ach, Fräulein von Lindenbug, ich wollte gerade zu Ihnen. Meine Marie hat die Schminktücher vergessen – können Sie mir nicht aushelfen?“ Ein Trupp Statisten versperrte den Weg. Dann sah sie auf einen einzigen Moment Maurer in einige Entfernung. Vielleicht täuschte sie sich: ihr war’s, als zöge er eine spöttische Grimasse.
Es kam nicht viel Schlaf in ihre Augen in dieser Nacht.

Wie es mit Dorotheas Bühnenkarriere in Gemar weitergeht, erfahrt Ihr in der nächsten Fortsetzung, die am Freitag, den 19. Juli erscheint – wie immer pünktlich um 10 Uhr!

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