„Bretter, die die Welt bedeuten“ (3. Fortsetzung)

 In Fortsetzungsroman, Frauenleben, Liebesroman

geschrieben von Hanns von Zobeltitz

Hier erfahrt Ihr etwas über den Autor des Romans Hanns von Zobeltitz,  hier geht es zur einer Einführung zum Roman und mit diesem Link gelangt Ihr zu den bisher veröffentlichten Folgen der Geschichte.

Dorothea machte sich auf den Weg, um den Theaterdirektor aufzusuchen. Ihr schwante schon: Im Schützenhaus befand sich das Theater. Der Weg schien ziemlich weit. Sie musste sich mehrfach zurecht fragen; es lag hier doch wohl nicht alles „um die Ecke“. Das Schützenhaus lag sogar vor dem Tor. Und die getretene Bahn hörte bald auf, Dorothea musste das Kleid ordentlich raffen; ein Glück, dass ihr Minna fürsorglich die Gummigaloschen übergezogen hatte. — Aber das tat ja nichts. Im Gegenteil, der tiefe Schnee hatte seine Reize. Und die Luft war so frisch und erquickend. Dorothea lächelte vor sich hin. Wenn alle so waren wie die zitatenreiche Frau Direktor, so musste sich’s mit den Leuten leben lassen. Das war ja in ihrer Art eine geradezu prächtige Frau. Resolut und tatkräftig, und das Herz auf dem rechten Fleck!

Hatte der Schulbub, den sie zuletzt nach dem Schützenhaus gefragt, nicht gemeint: „Gleich rechts!“ — Wahrscheinlich das große Gebäude dort. Hm — leidlich stattlich, aber schön ist anders. Die reine Kaserne! Viel Geschmack hatte der Neumöller Architekt nicht entwickelt. — Im eiskalten Korridor lungerte ein Arbeiter herum. „Wo treffe ich den Herrn Direktor?“

„Von de Speelers? Da müssen Sie hintenherum. Vorne is allens geschlossen.“

Also noch einmal durch den Schnee. Und dann ein vergebliches Pochen an drei, vier Türen, bis Dorothea endlich die Klinke der fünften Tür entschlossen, ohne zu klopfen, aufdrückte.

Wahrhaftig — der Theatersaal!

Dorothea sah geradeaus auf die Bühne.

Der Vorhang war nur zu dreiviertel aufgezogen. Dämmerlicht füllte den leeren Raum. Dort oben aber stand, agierte, sprach eine kleine Gruppe Menschen. Was sie sprachen, was sie agierten, konnte Dorothea zunächst nicht erkennen. Der und jener sprach laut, der und dieser murmelte nur — er „markierte“ seine Rolle, wie es in der Theatersprache heißt. Die Leutchen trugen Straßenkleidung. Aber es musste doch wohl ein Kostümstück sein, denn es war von einem Omar die Rede und von einer Krone. Dann wusste sie’s mit einem Male —

„Nie war dein Haupt so würdig, sie zu tragen,

Als jetzt, da sich zum ersten Male

Die Kraft des Talismans in dir bewährte.“

Probe also zu Fuldas „Talisman“ war’s, zu der sie hinzugekommen. Ganz vorn, dicht neben dem Souffleurkasten, stand ein schlanker, sehr großer Mann. Das Gesicht konnte Dorothea nicht sehen, denn er drehte dem Zuschauerraum den Rücken zu. Aber er musste die Regie leiten. Dann und wann unterbrach er das Spiel. Auch jetzt wieder. Er schien sehr ungnädig.

„Herr Swarte, Sie befinden sich im Rahmen eines anständigen Ensembles. Mit solch einem Jammerlappen von Omar dürfen Sie mir nicht kommen. Das wird ja von Akt zu Akt schwächer — keine Auffassung — keine Spur von Auffassung! Und gelernt haben Sie Ihre Rolle auch nicht —“

Der große Mann hatte den Hut auf wallenden Silberlocken und paffte zwischen den einzelnen Sätzen an einer Zigarre. Dorothea sah’s an den Rauchwölklein, die in regelmäßigen Intervallen emporstiegen. Vor ihm stand, ziemlich eingeschüchtert, ein schlanker Jüngling. „Ich habe die Rolle aber doch gestern früh erst bekommen, Herr Direktor“, entschuldigte er sich kleinlaut. „Das bitte ich zu berücksichtigen.“ „Gar nichts ist zu berücksichtigen. Sie hatten den Omar ja angeblich auf Ihrem Repertoire. Ha! Repertoire! Wenn diese jungen Herren ihr Repertoire einreichen, dann steht eben alles Mögliche und noch einiges darauf. Papier ist ja geduldig. Und dann wird drauflos verzapft, dass es eine Schande ist. Da kennen Sie aber den alten Neesemann schlecht, Herr Swarte. Schwimmen gibt’s bei mir nicht, auf den Kastengeist da unten dürfen Sie bei uns nicht bauen. Beim großen Zeus: lernen heißt es — lernen — lernen — bis aufs Tippelchen! Weiter —“

Das Spiel begann wieder.

Dorothea schwirrte es im Kopf. Alles hatte sie von dem etwas einseitig geführten Zwiegespräch nicht verstanden. „Schwimmen“ — das war wohl ein Kunstausdruck für jemand, der nicht recht gelernt hat und sich auf den Souffleur allzu stark verlässt. Und dieser war wahrscheinlich unter dem „Kastengeist“ zu verstehen. Eins aber war ihr klar: Grob konnte Herr Direktor Neesemann sein. Und ein ganz reines Gewissen hatte sie auch nicht. Auch sie hatte auf dem eingesandten Repertoireverzeichnis eine Anzahl Rollen als studiert angegeben, die sie keineswegs beherrschte. Dazu hatte ihr freilich kein andrer als Edgar Maurer geraten, mit lachenden Lippen: „Das ist nun einmal allgemeiner Brauch!“

Da sprach der Omar dort oben: „Der Mut der Wahrheit ist der Talisman!“ Er sagte „Talisman“ und er machte dabei eine höchst merkwürdige Bewegung mit dem rechten Arm — aber das Wort hatte trotzdem seine starke Wirkung. Mindestens auf Dorothea. Am liebsten wäre sie ganz leise aus dem Theatersaal herausgeschlichen. Stand doch gerade die Rita auch auf ihrem Repertoire.

Plötzlich drehte sich der Direktor um. Es schien, als wollte er seinem Omar die grade eben verunglückte Geste vormachen, aber er ließ den schon erhobenen rechten Arm sinken, hob die linke Hand vor die Augen gleich einem Schirm und schnaubte in den Zuschauerraum herunter: „Wer kraucht denn in drei Deubels Namen wieder mal dort unten herum? Ich hab‘ doch hundertmal verboten, dass jemand in die Probe kommt! Da soll doch gleich —“

Jetzt galt es —

Dorothea fasste sich ein Herz, tat ein paar Schritte den Mittelgang hinunter und sagte: „Ich suchte Sie, Herr Direktor, und fand niemand, der mich zurechtwies — Dorothea Linden —“ Herr Neesemann antwortete nicht sofort. Er schien noch ein paar Sekunden lang das junge Mädchen unter dem Schutz seiner linken Hand zu mustern. Dann brummte er, verhältnismäßig gnädig: „Na, Fräulein Linden, da sind Sie gerade zu ’ner netten Komödie zurechtgekommen. Wir sind übrigens gleich fertig. Wollen Sie mich, bitte, in meinem Bureau erwarten. Draußen, dritte Türe links —“

Das „Bureau“ war ein winziges Zimmerchen, in dem eine unglaubliche Unordnung herrschte. In den Ecken lagen hochaufgetürmt die verschiedensten Requisiten, vom Schwert des Brutus bis zur Armbrust des Tell; Speere und Schilde, alte, rostige Pistolen, Papierrollen, schweinslederne Bände, ein Schachbrett, ein Eselskopf. An den Wänden lehnten Versatzstücke, die sich in der Ausbesserung zu befinden schienen; vielleicht malte der Herr Direktor in den Mußestunden, wenigstens prunkten ein paar große Farbentöpfe nebenbei auf dem Fußboden. Am Fenster stand ein Schreibtisch, dicht bedeckt mit Büchern, ausgeschriebenen Rollen und einem wirren Haufen von Briefen. Auch zwei Stühle gab es. Aber auf dem einen ruhte eine Königskrone, und auf dem zweiten stand ein höchst merkwürdiges Ding. Es war ohne Zweifel ein alter Blumentopf, mit buntem Papier beklebt. Er stand umgedreht, mit der Öffnung auf dem Stuhl; oben durch die kleinere Öffnung ragte eine dünne Holzstange hervor, und auf der stak eine große geschälte Kartoffel, die ganz grobkörnig zu einer Art von Menschenkopf zurechtgeschnitten schien, den drei kleine, bunte Hühnerfedern krönten.

Dorothea zog es vor, sich nicht zu setzen. Sie brauchte auch nicht lange zu warten, denn Herr Neesemann erschien sehr bald. Er schüttelte ihr kordial die Hand. „Willkommen im Grünen, Fräulein Linden. Den Namen ,Linden‘ haben Sie sich ja wohl als Bühnennamen erwählt. Früher hätte man eine Linderini vorgezogen. Aber Linden ist auch schön. Also nochmals, willkommen im Grünen, Fräulein Linden. Wenn’s jetzt draußen auch Schnee ist — grün ist ja die Farbe der Hoffnung, und wir beide hoffen doch wohl gegenseitig das Beste voneinander. Sie sind mir ja von meinem großen Schüler Edgar Maurer so warm empfohlen.“ Er paffte immer noch an seiner Zigarre und schien es auch nicht für nötig zu halten, deshalb um Entschuldigung zu bitten. „Mit Ihnen werd‘ ich gewiss nicht den Verdruss haben, wie mit diesem Herrn Swarte: Ist das ein Ignorant! Aber er geht, er geht — beim großen Zeus — er geht! Oder genauer genommen: er wird gegangen. Bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen? Ja so —“

Die Krone erhielt einen kleinen respektlosen Stoß mit der Fußspitze, so dass sie zur Erde polterte. Den Blumentopf aber fasste der Herr Direktor sorgsam mit beiden Händen und trug ihn zum Tisch am Fenster, wobei die Kartoffel rhythmisch hin und her pendelte. „Schön — nicht, Fräulein Linden? Ich seh’s an Ihrer allerliebsten Nasenspitze, Sie wissen gar nicht, was das ist. Das ist die Pagode, die in „Narciß“ auf dem Kamin von Doris Ouinault steht und dann zertrümmert wird. Man kann doch nicht jedesmal eine wirkliche Porzellanpagode anschaffen — na, da hilft man sich eben. Famos — was? Meine Erfindung —“

„Nun —“ sprach der Direktor weiter, „geschäftlich ist ja wohl zwischen uns alles klar? — Freut mich.“ Er zögerte ein wenig, fast als ob er auf irgendetwas, eine Frage, eine Bitte wartete. „Ja — morgen haben Sie noch einen freien Tag. Das heißt: um elf Uhr natürlich Probe. Warten Sie einmal“ — er kramte unter den Papieren auf dem Tisch und brachte endlich ein recht ansehnliches Heft zum Vorschein — „Hier, das ‚Rautendelein‘. Was — das ist doch mal nett von mir? So bin ich immer, wenn Ich nicht mal anders sein muss. Sie haben ja das ‚Rautendelein‘ auf Ihrem Repertoire — gehen Sie die Rolle gleich noch einmal ordentlich durch. Bitte, nehmen Sie sie gleich mit. So — und nun wollen wir gehen. Ich taxiere, draußen wartet so ziemlich das ganze Ensemble. Da kann ich Sie ja gleich bekannt machen —“

Es ging wie ein Mühlrad. Und Dorothea ging es auch wie ein Mühlrad im Kopfe herum. Kaum zwei Worte hatte sie gesprochen.

Dann, dicht vor der Tür, blieb Herr Direktor Neesemann noch einmal stehen. Er fasste Dorothea kordial am Ellbogen und sah ihr gerade ins Gesicht, bis ihr die dunkle Röte in die Wangen stieg. Da lachte er wohlwollend. »Sie brauchen nicht rot zu werden, wenn solch alter Mann sie mal ein bissel genau betrachtet. Ja — unser Edgar Maurer hat mir nicht zu viel geschrieben. Sie sind wirklich ein selten schönes Menschenkind! Und wenn der alte, vielgeschmähte Raupach sagt: ‚Die Schönheit bleibt im Kerker wie auf dem Throne immer Königin!‘, so gilt das erst recht für die Bühne. Allein tut sie es freilich nicht, Fräulein Linden. Die Hauptsache bleibt das Genie, der große Gottesfunke! Ja — oder doch mindestens das Talent, wenn es mit großem Fleiß verbunden ist. Ja — nun, wir werden ja sehen.“

Dorothea atmete tief aus, als sie die frische Winterluft einatmen konnte. Ihre Wangen glühten noch. Es war ja alles so freundlich gewesen, was der Direktor gesprochen halte, aber es kam alles wie aus einer fremden Welt. Und diese fremde Welt sollte nun ihre eigne werden! Draußen stand in der Tat eine kleine Gruppe Herren und Damen. Der unglückselige Herr Swarte war nicht darunter; man sah seine Silhouette mit dem tiefgebeugten Haupt noch auf der Chaussee, schon dicht an den ersten Häusern der Stadt. Der trug nun wohl auch Erwartungen und Hoffnungen zu Grabe. „Herrschaften — hier: Fräulein Dorothea Linden. Mir ganz besonders empfohlen von Seiner Exzellenz Herrn von Rakolski — Sie wissen, der Gemarer Intendant — und von meinem lieben Schüler und Freunde Edgar Maurer.“ Der Herr Direktor, der drinnen in dem kleinen Zimmer, zumal zuletzt, so menschlich natürlich gesprochen, hatte jetzt wieder einige großartige Gesten. „Hier — Herr Willibald Sickel, unser erster Held. Frau Bernhardine Rose — bei Frau Rose darf man ohne Zornesgluten zu wecken, sagen, unsre treffliche ‚komische Alte‘. — Fräulein Hanna Bargell, unsre Naive, vielleicht werden Sie sich bald einmal ins Gehege kommen, obwohl ich Rollenneid nicht dulde. Herr Kurt Baffer, Charakterspieler, Intrigant vom reinsten Wasser, und was er nie zugeben will, ein Komiker ersten Ranges. Und nun noch unsre liebe Frau Holder, unser getreuer ‚Kastengeist‘. Bauen Sie niemals aus diese Dame, Fräulein Linden. Nur das Bewusstsein darf in Ihnen sein, dass der Kasten nicht leer ist. Aber es ist kalt, Herrschaften, wir wollen uns in Trab setzen! Meine Alte wird sonst auch ungnädig.“ Allein war sie hinausgegangen zum Schützenhaus — nun wanderte Dorothea mitten in einem Trupp Kollegen zur Stadt zurück. „Kollegen!“ Wie das Wort sie berührte! Man hatte sich höchst freundschaftlich die Hände geschüttelt, man nahm die neue Kollegin gleichsam in die Mitte. Und sie gewann schon nach kurzer Zeit die Gewissheit: ein fröhliches Völkchen scheint das hier zu sein, das Völkchen der „Speelers“. Es fing sofort ein lebhaftes Plaudern an, ein Lachen und Kichern. Nur der Direktor wahrte etwas ernste Würde. Er schritt auch in seinem langen, freilich schon stark strapazierten Pelz an der Spitze; neben ihm die rundliche, komische Alte mit  einem schier unglaublichen Hut auf dem grauen Kopfe. Links von Dorothea ging Herr Willibald Sickel, etwas ältlich schon für einen ersten Helden, aber stattlich und straff: nur dass das interessante Gesicht ganz eigen zerfurcht schien; rechts trippelte die Naive, ein hübsches, kleines Ding mit Quecksilberaugen. Und von rückwärts kamen die lustigen Stimmen des Charakterspielers, der zugleich Komiker sein sollte, und des „Kastengeistes“. Sie zankten sich beide scherzhaft: „Du sollst mir doch immer nur das erste Wort geben, Halderchen!“ — „Ja, aber wenn ich das zweite, dritte und alle folgenden nicht auch herausschreie, dann bleibst du eben stecken.“ — „In meinem ganzen, Leben blieb ich noch nicht stecken!“ — „Höre mal, Baffer, schon als wir vor zehn Jahren in Tilsit zusammen waren, hieß es allgemein: „Schlechter lernt niemand als Baffer!“ — „O, wie elend die Welt doch ist. Ein Hundefalle ist sie, und der bissigste Hund drinnen ist die Verleumdung!“

 Dicht hinter den ersten Häusern trennte man sich wieder mit starkem Händeschütteln. Nur Herr Sickel blieb an Dorotheas Seite. Er war unter den Gesprächigen so ziemlich der Schweigsamste gewesen. Nun sagte er: „Sie sind im ‚Schwarzen Raben‘ abgestiegen Fräulein Linden ? Ich esse meistens dort. Wenn es Ihnen angenehm ist, könnten wir zusammen speisen. Wir werden ja doch wahrscheinlich viel zusammen zu tun haben.“ Es war Dorothea noch nicht aufgefallen, welch selten schönes Organ der Mann hatte. Wie ein voller, edler Metallton klang es darauf. Sie sah ihn, indem sie bejahte, interessierter an. Ein Charakterkopf, ohne Zweifel. Aber die Augen lagen seltsam tief und sie sah nun auch, wie eigen unordentlich der Herr Sickel gekleidet war. An dem Überzieher, der gewiss einst äußerst elegant gewesen, fehlten einige Knöpfe; der große Kalabreser schien seit Wochen keine Bürste gesehen zu haben; das dicke, blauseidende Halstuch war wüst umgeschlungen. Und trotzdem hatte das alles etwas Künstlerisches.

„Ich komme sofort wieder herunter, Herr — Kollege.“

Das „Kollege“ wollte noch gar nicht recht über die Lippen.

Und Herr Sickel lächelte. „Lassen wir es doch bei unserm ehrlichen Namen, Fräulein Linden, wie es in Ihren Kreisen Gebrauch ist.“ Fast etwas wie Mitleid tönte aus seinen Worten. Dorothea huschte heraus. Wenigstens ein gutes Wort sollte die arme Minna abbekommen, und für ihr leibliches Wohl musste doch auch gesorgt werden. Aber die alte „arme“ Minna schien gar nicht so armselig gestimmt. Sie stand inmitten der ausgepackten Koffer, hatte im schön geheizten Zimmer eine prächtige Ordnung hergestellt und aus dem Tisch prunkten die Reste ihrer scheinbar unergründlichen Wegzehrung. Nur von tiefstem Mitleid für ihr „gnä‘ Fräulein“ war sie ganz erfüllt. „Es war wohl grässlich?“ fragte sie. Und als Dorothea das Gegenteil versicherte, schüttelte sie missbilligend den grauen Kopf. Und dass das „gnä‘ Fräulein“ unten mit einer fremden Mannsperson allein essen wollte, schien sie erst gar nicht zu verstehen. Es sei doch ein Kollege, wagte Dorothea entschuldigend einzuwenden. Aber Minna wiederholte nur: „’n Kollege —“, und zwar dehnte sie das Wort so verächtlich und zog dabei die Achseln so hoch, dass das „gnä‘ Fräulein“ beinah gelacht hätte, obwohl ihr im Grunde auch nicht zum Lachen zumute war.

Unten saß Herr Sickel schon wartend an einem der kleinen Tische im allgemeinen Speisezimmer. Auf das Kuvert gegenüber hatte er eine rote Nelke gelegt — erstaunlich genug, wie und wo er die in der Schnelligkeit aufgetrieben haben mochte. Aber es war doch nett von ihm. Überhaupt: Dorothea fand ihn überraschend „annehmbar“, wie sie wohl früher gesagt haben würde. Er zeigte Manieren, hatte gewiss eine gute Kinderstube genossen, war unterhaltsam und chevaleresk. Und so vieles was er plauderte, war für die Novize überaus interessant.                                       

Der Direktor? Ein Ehrenmann. Versteht sein Geschäft und hat darüber hinaus wirkliches Interesse für die Kunst. Zuviel vielleicht, sonst beackerte er nicht Neumöller, Herte und Tenburg, sondern leitete längst irgendwo ein größeres Stadttheater. Aber er hatte eine Vorliebe für das Klassische, und das erforderte immer Opfer. Am besten zog doch die leichteste, die seichteste Ware — hier und überall.

Dorothea berichtete kurz und vorsichtig über ihren Empfang, auch dass es ihr vorgekommen wäre, als ob Herr Neesemann auf irgendeine Frage, ein Anliegen ihrerseits gewartet hätte. Da schüttelte Herr Sickel den Kopf. „Ja. Fräulein Linden, haben Sie denn, die große Frage, die Frage aller Fragen, nicht gestellt?“ Er sah wohl, dass er nicht verstanden wurde. „Aber wirklich, Sie gehören ins naive Fach — ich meine natürlich die Frage, die jeder Neuankömmling zuerst stellt: die Bitte um Vorschuss.“ Und sie lachten beide.

Die Frau Direktor? Der lange Grenadier? Brav, etwas stark philisterhaft trotz ihres Zitatenreichtums. Aus den aller kleinsten Verhältnissen, und eigentlich wohl auch ein Hemmschuh für das Vorwärtskommen Neesemanns. „Bei uns, Fräulein Linden, gilt es, was fast überall gilt: die Frau kann dem Manne unendlich nützen, sie kann aber auch wie ein Ballast auf ihn wirken und leider ist dieser Fall namentlich in der Kunst der häufigere.“ Er brach jetzt ab, um dann doch schroff hinzuzusetzen: „Die Schauspielerehe ist ein Thema für sich, an dem man — an dem wir hier lieber nicht rühren wollen.“

„Die Komödie selber? Schlecht und recht; immerhin besser als der Durchschnitt. Wenn der gute Neesemann sich in die Brust wirft — er tut das gern — und erklärt: ‚Wir sind doch keine Meerschweinchen!‘ dann hat er gewiss recht. Ach, du lieber Gott! Meerschweinchen heißen die Kleinen der Kleinsten, die von Dorf zu Dorf ziehen, aus der Hand in den Mund leben. Nein! Den Ausdruck können wir uns mit Recht verbitten. Vielleicht“ — es klang etwas bitter, wie Sickel das sagte — „vielleicht sind wir auch keine Schmiere. Dazu ist Neesemann zu solid und hat, ich sagte es schon, seine eignen künstlerischen Instinkte. Aber trotzdem ist alles so klein — so klein — so klein.“

„Das Publikum?“

„Ein großes Kind, wie schließlich überall. Heute kindlich dankbar, morgen kindisch launisch. Spottwenig Verständnis im großen und ganzen, und die groben Instinkte der Masse. Immerhin selten so grausam, wie das überfütterte und überbildete Großstadtpublikum —“ Es hörte sich Sickel gut zu. Er sprach lebendig, in packenden Bildern, und dann musste Dorothea immer aufs neue sein wundervolles, seltsam modulationsfähiges Organ bewundern. Wie herrlich mochte das im großen Raume tönen! Und noch eins fiel ihr auf: welch wunderschöne Hände der Mann besaß. Schmal und doch nervig, klein fast wie eine Frauenhand und doch durchaus männlichen Charakters und auf das sorgsamste gepflegt. Das einzig Gepflegte beinahe an der ganzen Erscheinung. Als ob er sie hinübergerettet hätte aus einer besseren Vergangenheit in die trübe Gegenwart. Er gebrauchte diese wunderschönen Hände beim Essen mit einer gewissen Koketterie.

Beim Essen? Eigentlich berührte er die Speisen ja kaum. Er trank auch nichts. Ein Glas Wasser stand vor ihm. Dorothea empfand es sehr angenehm, dass er mit keinem Wort nach ihrer Vergangenheit fragte, wie er denn auch von der seinen nicht sprach. Ein einziges Mal fiel ein Wort, dass sie stutzen machte: „Als ich in Wien debütierte —“, aber er sprang sofort vom Thema ab und fuhr fast spöttisch fort: „Wien oder Posemuckel — es ist ja ganz gleichgültig.“ „Hat Ihnen der Alte — Pardon, ich meine natürlich den Direktor; man kommt doch unwillkürlich immer wieder in unser Rotwelsch — hat Ihnen der Direktor schon eine Rolle zuerteilt, wenn ich fragen darf?“ Sie berichtete, und mit einigem Zögern gestand sie, dass sie des Rautendeleins doch nicht ganz sicher sei — und morgen solle Probe sein. Da lächelte er gutmütig: „Sorgen Sie sich nicht allzu sehr, Fräulein Linden. Ich werde als Meister Heinrich schon helfen, wo ich kann, und unser kleiner ‚Kastengeist‘ ist vortrefflich. Sie haben ja auch noch einen halben Tag vor sich — und eine ganze Nacht. Solch junges Gedächtnis ist so über alle Maßen aufnahmefähig — zumal wenn die Not drängt.“ 

Es war eine angenehme Stunde gewesen, fand Dorothea nachher. Angenehmer jedenfalls, als die des Verhandelns mit Frau Malermeister Thomson, Breite Straße 54. An den beiden kleinen Zimmerchen war zwar nicht viel auszusetzen und der Preis erschien spottbillig. Aber die Frau Meisterin wollte von den Speelers nicht viel wissen, und sie musterte Dorothea immer wieder, als ob sie am wenigsten gern eine schöne Schauspielerin im Hause hätte. Bis Minna in die Erscheinung trat und ein kräftiges Wort deutsch sprach. Da war die Verständigung bald hergestellt. Minna besorgte auch den Umzug. Während Dorothea in einer Ecke auf einem wackligen Stuhl kauerte und lernte — lernte, dass ihr der Kopf brannte.

„Du Sumserin von Gold, wo kommst du her?

Du Zuckerschlüferin, Wachsmacherlein!

 Du Sonnenvögelchen, bedräng‘ mich nicht!

Geh! Lass mich! Strählen muss ich mir

 Mit meiner Muhme güldnem Kamm das Haar —“

Am Abend ging sie, trotz alles Memoriereifers, in die Komödie. An der Kasse saß die Frau Direktorin und nickte ihr freundlich zu. „Hab’s mir doch gedacht! ,Er ist neugierig wie ein Fisch‘, sagt Goethe im Faust. Hab’s nie begriffen, dass die Fische so neugierig sein sollen. Aber dass Sie’s sein würden, das wusste ich.“     Man gab den „Talisman“. Aber Herr Swarte mimte nicht mit, Sickel musste in letzter Stunde für ihn einspringen. Er kann ja nicht jung genug sein für den Omar, dachte Dorothea zuerst.

Doch bald sah sie, zum ersten Male eigentlich wie eine gute Bühnenmaske über dir Jahre hinwegzutäuschen vermag. Dann nahm sie wieder die Wunderpracht dieses modulationsfähigen Organs in Bann; wie Perlen an einer Schnur rollten die schönen, klingenden Verse. Es war ein Genuss, aufzuhorchen und immer wieder aufzuhorchen. Allmählich aber trat ihr über das Äußerliche hinaus die Gestaltungskraft des Schauspielers ins Bewusstsein, des Schauspielers, der eine Märchenfigur so völlig mit wirklichem Leben zu durchdringen verstand, dass man an sie glauben konnte, an sie glauben musste, fast wie der ganze Hof des König- Aftolf von Zypern an das von Omar gewebte Zauberkleid glaubte, das doch, in Wirklichkeit gar nicht existierte. Turmhoch ragte Sickel über alle übrigen Mitwirkenden empor, das fühlte Dorothea. Die andern dort oben waren im besten Falle leidlich gut eingespielte Komödianten. Er allein war in Wahrheit ein Künstler. Und wie ihr, so mochte es dem ganzen Publikum gehen, das sich ziemlich zahlreich eingefunden hatte: es vergaß über dieser einen Gestalt das Mindermaß der andern, vergaß die dürftige Ausstattung, die etwas armseligen Kostüme, die wunderlich zusammengesuchten Kulissen, die spärliche Beleuchtung. Es jubelte dem Omar und immer nur dem Omar zu.

Und Dorothea wieder vergaß über dieser einen großen künstlerischen Leistung dies harmlose Publikum, das in den Pausen seine Butterbrote auswickelte und Apfelsinen schälte. — Einsam ging Dorothea durch dichtes Schneegestöber nach Hause, immer nur den einen Gedanken im Sinne: Wie kommt dieser große Künstler hierher? Und als sie dann an der kleinen Lampe wieder über ihrer Rolle saß, dem Sinn der Worte nachsann und diese immer wieder aufs neue wog und wiederholte, da schob sich der andre Gedanke und der heiße Wunsch dazwischen: Sei ihm morgen nicht ganz unebenbürtig!

Bis tief in die Nacht saß sie. Und nach kurzem, unruhigem Schlaf, im grauenden Morgen stand sie wieder auf, bereitete sich selber eine Tasse starken Kaffee — so stark ihn die Maschine nur hergeben wollte — und begann aufs neue zu lernen. Dann kam Minna. Aber sie erfuhr nur ein kurzes „Lass mich!“ „Bitte störe mich nicht!“ Kopfschüttelnd verkroch sich die Alte wieder. Mit ihrer braunen Bunzlauer Kaffeekanne saß sie stumm in einer Ecke des Zimmers und sah, wie ihre junge Herrin bald still vor sich hinlas, bald aufsprang, um ein paar Tanzbewegungen auszuführen, bald vor dem Spiegel über der birkenen Kommode ihr schönes Gesicht in seltsame Erregungen zu steigern wusste. „Eine komische Welt — eine komische Welt —“ dachte sie wohl, „unser gnä‘ Fräulein macht mich Angst und bange.“

Dorothea hatte die kleine goldene Uhr, das Erbteil der Mutter, vor sich neben der Rolle liegen. Dann und wann sah sie auf das Ziffernblatt. Wie schnell der Zeiger sich drehte, wie die Zeit rann! Bisweilen schüttelte es sie wie ein Fieberanfall. Die Augen schmerzten, die Schläfen brannten. Die heiße Sorge kam: Wie sollst du dieser Rolle Herr werden? Sie hatte früher wohl schon den einen oder andern Teil in sich aufgenommen, geistig zu verarbeiten gesucht, aber überall fehlten die Verbindungsglieder. Manchmal war sie nahe daran, zu verzweifeln; auch daran zu verzweifeln, dass ihr Gedächtnis hinreiche, rein mechanisch die Worte festzuhalten. Dann wieder kam neues Hoffen. Sie versuchte, laut zu sprechen:

„Durchs Gebirge flog ich,

Bald wie ein Spinngeweb‘ im Winde treibend,

Bald wie ’ne Hummel schießend, taumelnd dann

Von Kelch zu Kelche wie ein Schmetterling.

Und jedem Pflänzlein, Blümchen, Gras und Moos,

Pechnelke, Anemone, Glockenblume,

Kurz allen nehm‘ ich Eid und Schwüre ab:

Sie mussten schwören, dir nichts anzutun —“

Es ging! Wahrhaftig, es ging!

Sie hätte jubeln mögen. Aber gleich kam wieder die Enttäuschung. Es glückte ihr der Klang nicht, den sie in die Worte hinein zu schmelzen strebte:

„— Du bist gefeit — ich sag‘ es dir: gefeit.

Und nun: wink‘ mit dem Auge, nicke nur —

Und weiche Klänge quellen auf wie Rauch,

Umgeben dich gleich einer kling’nden Mauer,

Dass weder Menschenruf noch Glockenschall,

Noch Lokis tück’sche Künste sie durchdringen —-

Zehn Uhr! Elf Uhr!

Schließlich kam es wie eine finstere Entschlossenheit über Dorothea — eine Entschlossenheit, der die Verzweiflung beigemischt war. Sie schloss die Rolle.  Und mit düsterem Antlitz ging sie zu ihrer ersten Probe.

 

Wie es Dorothea in der ersten Probe ergeht, erfahrt Ihr in der nächsten Fortsetzung: am Karlfreitag, den 19. April, erscheint sie – wie immer pünktlich um 10 Uhr!

Empfohlene Artikel

Kommentieren