„Der falsche Trauring“ – 1. Fortsetzung

 In "Der falsche Trauring", Aus dem Frauenleben, Fortsetzungsroman, Frauenleben, Liebesroman, Reisen, Sommerfrische

 

Eine kurze Einführung zu dieser Geschichte findet ihr in diesem Artikel.


Den Anfang der Geschichte könnt ihr hier lesen.

 

Den 4. Juli.

Da sind wir nun! „Hotel und Pension Rigi.“ Stolz stehen wir im Fremdenbuch als „Freifrau“ von Sandten und Cousine, Fräulein Wegener. Ein paar Briefe habe ich schon vorgefunden und war zuerst doch recht erschrocken; dachte, die Fälschung meiner Frauenwürde würde gleich zu Anfang schon sich verraten, aber den Unterschied zwischen Freifrau und Freiin kennen die guten, braven Leute hier im Hotel nicht, und so scheint sich das Theaterstück ganz gut einzuleiten.

Margot markiert die „arme Verwandte“ auch wirklich ganz waschecht, nämlich mit Batistblusen, die sie allerdings vorzüglich kleiden. Zwei hübsche Zimmerchen mit Balkon haben wir nebeneinander im zweiten Stock. Viel Möbel sind nicht darin, nur gerade das, was man zum Leben braucht. Aber sauber sind sie, hell und freundlich! Ach, und der Blick aus den Fenstern. Gar nicht zu beschreiben, so schön, so einzig schön!

Nach vorn zu über ein Stückchen Straße und ein paar mit Maulbeerbäumen beschattete Verkaufsbuden fort der See, die Dampferanlegestelle und der Bahnhof der Rigibahn. Mitten im See, wie ein schwimmendes Felseneiland, der Bürgenstock, über den kokett ein rosa angehauchtes, ganz kleines Spitzchen des Bergriesen Pilatus sieht.

Aus einem Seitenfenster blicken wir mitten in die grüne Wildnis der Berge. Der Rigi mit seinem Vorbergen, das Stauferhorn, das Buochshorn, über allem thronend der schneebedeckte Uri-Rothstock in seiner eigenartigen Form. Beinahe wie ein kolossaler Backzahn sieht er aus. Und dann der blaue Himmel, und zu meinen Füßen der liebliche Villenort B., grüne Matten und Blumen, lachende Gesichter und frohe Menschen überall!

Wie ich heute früh aufgewacht bin, habe ich gedacht, ich wäre mitten im Märchenland. Eilig habe ich mich angezogen, die Zöpfe nicht einmal hoch gesteckt, und so bin ich heruntergehuscht zum See. So grün war er, so klar wie ein schönes Menschenauge, so wundervoll. Eine Farbe, wie ich sie nie gesehen habe!

Und soviel Fischchen spielten in der Sonne!

Von Luzern her kam ein Dampfer. Die Menschen darauf winkten mit Tüchern, und ich habe dieses Winken natürlich lustig erwidert.

Dann legte der Dampfer an, und plötzlich standen die beiden Herren aus Basel neben mir.

„Sieh, Karl-Heinz, hier grüßt uns eine Nixe vom Vierwaldstätter See!“ sagt der eine.

Ich bin ganz rot geworden!

Da haben sie ihre Hüte abgenommen und mir „Guten Morgen“ gewünscht.

„Guten Morgen!“ sagte auch ich. Warum sollte ich nicht höflich sein? Sie haben beide so nett ausgesehen – besonders der eine, der mit „Karl-Heinz“ angeredete Herr. Der hatte so lustige, lebhafte, braune Augen!

„Gnädiges Fräulein, gestatten Sie, daß wir uns nun endlich nach so langer Bekanntschaft vorstellen! – Graf Eck, Attaché bei der Gesandtschaft in Bern, und hier mein Freund, Hauptmann von Reimer vom Großen Generalstabe!“

„Lena von Sandten!“ habe ich absichtlich kühl geantwortet.

Aber ehrlich gestanden – ich bin doch recht verlegen gewesen – weiß ich auch nicht, ob das so richtig war, daß ich meinen Vornamen genannt habe, aber die „Freifrau“ hat mir den bezaubernd schönen, braunen Augen gegenüber nicht über die Lippen gewollt. Nur die Hand mit dem Trauring habe ich auf die Mauer gelegt.

Sie sind auch gleich darauf hereingefallen und haben mich immer umschichtig mit „gnädige Frau“ und „Baronin“ tituliert, was mir glatt herunterging.

Wirklich ganz nett haben wir uns unterhalten, alle drei, und so, als ob wir schon seit hundert Jahren bekannt wären. Aber mir ist denn doch auf das Gewissen gefallen, daß sich das alles eigentlich gar nicht schickte, und ich habe endlich so einen kleinen, würdigen Gruß gemacht und bin ihnen davongelaufen, um der Margot die Geschichte zu erzählen. Warum ist sie auch als meine „Gesellschaftsdame“ nicht dabei, wenn ich Abenteuer erlebe?

 

Den 5. Juli.

Ich muß doch unsre „Pension Rigi“ schildern. Groß ist sie ja nicht, kein Fremdenhotel im landläufigen Sinne, aber sie hat es in sich. Ich bin wenigstens entzückt von allem, und sogar Margot, die doch sonst von ihren Reisen nur das Großartigste gewöhnt ist, scheint zufrieden zu sein.

Der Besitzer, „Pensionswirt“ genannt, macht einen sehr respektablen Eindruck. Er trägt einen Gehrock und stellt bei Tisch die Suppe auf. Seine Gattin hat die Frisur im griechischen Knoten arrangiert – leider aber ist dies das einzig Griechische an ihr.

Dann ist da noch „Adolphe“ (Miphe), der Hausdiener. Madame Josephine, so eine Art Beschließerin, wundervoll alt, weißhaarig und appetitlich. Außerdem eine Galerie mehr oder weniger hübscher Kellnerinnen, „Sekttöchter“ nennt man sie hier. Alles spricht einen schwer zu enträtselnden Dialekt. Aber trotz all dieser Unverständlichkeit – es sind freundliche, nette, liebe Menschen.

Ich mache mich nach allen Himmelsrichtungen populär. Mit Handbewegungen, Zeichensprache respektive drahtloser Telegraphie komme ich ganz gut durch.

Und wie man hier gedeiht. All die Fröhlichkeit, das Nichtstun, das gute Essen. Förmlich gemästet wird man. Es sind auch wirklich nur nette Menschen hier, allerdings eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft. Neben soliden Offizier- und Beamtenfamilien auffallende, übermäßig moderne Ausländerinnen und diverse recht interessante Junggesellen!

Letztere wechseln häufig. Nur einer scheint seßhaft zu sein, „in Pension“ wie wir. Er ist Berliner.

„J. H. Freese, Berlin, Harzerkäse en gros.“ So hat er sich mir vorgestellt.

Ich gehe ihm möglichst aus dem Wege, obgleich er sehr komisch wirkt.

Überhaupt haben wir uns bis jetzt nur einer Geheimratsfamilie Scheffer aus Stuttgart näher angeschlossen, die mit drei netten Jungen mit uns auf einem Flur wohnt.

Einen großen braunen Dobermannhund haben sie. Ein Prachtexemplar, aber ungezogen.

„Weißt du, Frau Sandten,“ sagt Karlchen, der jüngste der Scheffer-Buben zu mir, „unser Hund, das ist sehr ein gescheiter Hund, der kann dir alles. ‚Schön‘ machen und ‚bitte, bitte‘, und auf den Hinterfüßen tanzen und alle Türen aufmachen und alles Verlorene suchen, auch Spitzbüberei!“

„Warum nehmt ihr den Hund aber mit auf Reisen?“

„Ja, schau, weil er zu Haus nix als Unfug angeben tut, wenn er allein bleibt. So ein gescheiter Hund ist er!“

Nun bin ich neugierig, was dieser „gescheite Hund“ hier in der Pension noch anstellen wird.

 

Weiter geht es in der 2. Fortsetzung.

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