„Der falsche Trauring“ – 2. Fortsetzung

 In "Der falsche Trauring", Aus dem Frauenleben, Fortsetzungsroman, Frauenleben, Liebesroman, Reisen, Sommerfrische

 

Eine kurze Einführung zu dieser Geschichte findet ihr in diesem Artikel.


Anfang, 1. Fortsetzung

 

Den 6. Juli.

Wie die Sonne scheint! Wirklich beinahe italienische Sonne ist es. Ich bin mit meiner Schreiberei auf dem Balkon beinahe gebraten und wieder ins Zimmer gezogen. Am offenen Fenster ist es besser.

Die Margot schreibt auch, Briefe natürlich. Vormittags haben wir eine Kraxeltour gemacht, oder, besser gesagt, „machen wollen“ auf die „Wissifluh“!

„Ein bequemer, angenehmer Vormittagsspaziergang!“ steht in unserem Reiseführer.

Also wir mit Lackschuhchen! Durch das Dorf ging es ja so allenfalls, aber dann steil, hoch! Steine, Geröll, links die Berglehne, rechts der Abhang. Grüne Matten, hier und da Tannen und Buschwerk, und alle zwanzig Schritt ein Nußbaum. Hier gibt’s nämlich unendlich viele Nußbäume.

Nach halbstündigem Klettern sind wir denn auch unter einem solchen gestrandet. Ein Prachtexemplar! Weit, weit breitete er seine Äste aus. Ein großer Stein als Bank darunter.

„Auf diese Bank von Stein will ich mich setzen!“ deklamierte ich und zog den linken Schuh aus, weil ich ein Steinchen darin hatte.

Margot war halbtot vor Erschöpfung.

Entsetzt sieht sie hoch! Wie eine steile Wand liegt es noch vor uns, und da oben, ganz, ganz oben – die „Wissifluh“.

„Brr! Und das in Lackschuhchen!“

„Weißt du, Lene, wir gehen nicht weiter!“ schlägt sie vor.

Ich war natürlich einverstanden. Schöner wie hier kann es ja auch wohl nirgend sein. Unter uns liegt B. und der blaugrüne See, und über den Bürgenstock grüßt der Pilatus, rosig überhaucht und mit einem kleinen Wölkchen am Gipfel. Es sieht immer aus, als ob er raucht.

„Guten Morgen!“

Zwei Panamahüte werden geschwenkt.

Natürlich, da sind sie wieder, die ich längst über alle Berge wähnte. Die beiden Gesandschaftsattachés aus Bern.

Ich stelle vor, und wir gruppieren uns so lieblich wie möglich. Graf Eck zu meinen Füßen, der Hauptmann von Reimer zu Margots.

Nein, was die immer ruhig und sicher ist!

Beneidenswert!

Jede Situation beherrscht sie. Ich werde grundsätzlich verlegen, ärgere mich darüber und werde natürlich nur noch verlegener.

Scheußlich! Kommt jedenfalls davon, wenn man unter falscher Flagge segelt.

Übrigens, Graf Eck ist wirklich recht sympathisch! Nur immer die bildhübschen Augen, die mich so lieb und zutraulich ansehen.

„Ich kenne alle Sandtens, gnädigste Frau,“ sagt er, „nur den von den Xer Kürassieren nicht. Wer ist denn nun Ihr glücklicher Gatte?“

Himmel, diese Frage!

„Natürlich der von den Xer Kürassieren!“ lüge ich kühn und drehe an meinem Trauring.

„So?“

Er zwirbelt sein Bärtchen hoch und sieht mich an.

„Wie kann man solche Frau allein in der Welt umherreisen lassen!“

„Bitte, warum nicht, ich bin doch mündig!“ –

Wir sind dann zusammen in schöner Eintracht heruntergeklettert, was mit unserm Schuhwerk noch weniger pläsierlich war wie das“Auffikraxeln“. – Ein Glück, daß wir zwei Ritter hatten! Die haben uns geholfen, uns unten im Dorf auch gleich zum Schuhmacher geschleppt, wo wir „Bergstiefeln“ gekauft haben. Mit genagelten Sohlen! Pikfein!

Nachher bei Tisch habe ich meinen Spaß gehabt, weil die Scheffer-Familie nach allen Seiten hat um Entschuldigung bitten müssen wegen ihres „gescheiten Hundes“. Das liebe Tierchen hat heute früh im Korridor einen wahren Hexensabbat losgelassen, indem er sämtliche vor den Türen stehenden Schuhe „durcheinanderg’schmissen“ hat, um mit Karlchen zu reden. Die Schuhe sind dabei gegen die Türen geflogen, so daß die ruhig schlummernden Hotelgäste jäh geweckt worden sind.

Nachher wollen wir nach Weggis. Das liegt etwa eine Stunde Spazierweg in der Richtung auf Luzern zu. Scheffers wollen uns mitnehmen.

Ist mir auch ganz angenehm, man kann doch nicht wissen, vielleicht trifft man wieder jemand.

Da unten auf der Straße gehen eben der Reimer und Graf Eck vorbei. Alle Fenster sehen sie ab. Ob sie wohl hereinkommen? Ich muß doch sehen – nein – sie gehen vorbei.

 

Den 7. Juli.

Wir sind also gestern nachmittag in Weggis gewesen. Aber wie! –

Ich sag’s ja, wenn ich was unternehme, endigt es allemal mit Abenteuern. Heute bin ich aber unschuldig daran gewesen, die Scheffer-Jungen haben für die Erlebnisse gesorgt.

Die armen Bengels! Behauptet doch ihre Mutter, sie sähen elend aus, und hat einen Arzt aufgesucht, der hat ihnen eine Sahnenkur verordnet.

Mutter, natürlich begeistert, füttert sie nun fanatisch mit sterilisiertem Schweizer Alpenrahm! So dick ist das Zeug, daß der Löffel darin steht, elend kann einem werden, wenn man es nur sieht. Mutter Scheffer bleibt aber ungerührt. In schönem Pflichteifer gibt sie ihren Buben die Flasche mit Gewalt, wenn sie sie nicht gutwillig nehmen.

„Weißt du, Frau Sandten,“ sagt Karlchen, „mich freut rein nix mehr, kein Honig und kein Kuchen, alles schmeckt wie Rahm. Paß auf, es wäre der Mama ganz recht, wenn ich explodieren täte!“

Damit hängt er sich an meinen Arm, und wir marschieren los. –

Vornweg Vater, Mutter und die Margot, und ganz vorn, wo man sie meist nicht sieht, der Fritzel und der Franzel mit dem „gescheiten Hund“.

Ist das aber heiß! Aber schön! Ganz südliche Vegetation wird es, je weiter wir nach Weggis kommen. Sogar Feigenbäume, Kastanien und Magnolien mit wundervollen Blüten. Ich sehe mich entzückt um, hole tief Atem und – genieße. Selig bin ich, wie gewöhnlich! Nichts sehe und höre ich mehr als die himmlische Natur, nichts fühle ich als die weiche Luft und die Sonne, die mich braun brennt.

Oder nein, ich fühle doch sonst noch etwas – Karlchen! Wie schwer hängt der Junge an meinem Arm, förmlich schleppen muß ich ihn.

Ich versuche, seine kleine, braune Patschhand von meinem Arm loszumachen, dabei sehe ich ihn an.

Ganz elend sieht er aus. Grade noch kann ich ihn in den Schatten einer Kastanie ziehen – Karlchen hat es vorhergeahnt – er explodiert! Es ist seiner Mama ja ganz recht! Wo sind die glücklichen Eltern?

Da, da vorn, an der Wegbiegung, da, beim ersten Häuschen von Weggis, ebenso beschäftigt wie ich, denn auch der Fritzel und der Franzel – schweig still, mein Herz! – Die Alpensahne ist beim Marschieren zu Butter geworden.

Pech für die Familie.

Laut brüllend halten wir unseren Einzug im feinsten Kaffeegarten, und während Geheimrats andauernd mit ihren verbutterten Sprößlingen beschäftigt sind, und während der „gescheite Hund“ neben dem Familienereignis sitzt und „bitte, bitte“ macht, erquicken Margot und ich uns an den Genüssen besagten Kaffeegartens.

Genüsse? – Der schönste Genuß ist doch der Pilatus. Hier sehen wir ihn nun in seiner ganzen majestätischen Erhabenheit – wie ein Märchenbild im Glanz der Abendsonne.

Ob ich nicht dichten kann?

Unsinn!

Jedes Menschenwort kann dieser Herrlichkeit nur schaden.

Zurück sind wir mit dem Dampfer gefahren. Alle nach rückwärts zu über Bord hängend. Die Scheffer-Jungen aus praktischen, wir aus andern Gründen.

 

Den 8. Juli.

Wir haben heute den ganzen Morgen mit dem „Eck“ und dem Reimer verbummelt mit Kraxelei auf die benachbarten Almen. Diesmal fein, mit Bergstock und genagelten Stiefeln. Graf Eck meint, ich hätte alle Anlage zur Hochtouristin. Ich weiß nicht recht, ob er das ernst meint, man wird aus seinen wundervollen braunen Augen nie klug.

Etwas unsicher bin ich wieder gewesen, ob sich das auch schickt, daß wir so mit den beiden Herren ganz allein umherspazieren, aber die Margot ist ganz ruhig. Sie hat ihnen begreiflich gemacht, daß „Scheffers sich sicher freuen würden, die Herren auch kennen zu lernen“, und daß Scheffers sehr nette Leute sind!

Den Wink haben sie verstanden und sind mit in das Rigi-Hotel gekommen und Scheffers vorgestellt worden. Gleich haben wir dann zu morgen eine Dampferpartie verabredet. Der Geheimrat hat auch noch verwandtschaftliche Beziehungen zu Herrn von Reimer herausgefunden.

Also alles ist nun im schönsten Schick.

„Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr!“

Ganz gut könnte ich nun jetzt auch unverheiratet sein! – Ich weiß nicht, manchmal denke ich sogar, es wäre netter. Aber da ist nun nichts daran zu ändern. Ich kann mich so plötzlich doch nicht – scheiden lassen. Ich habe ja auch gar keinen Grund dafür. Wer das bloß alles hätte vorherahnen können! Nein – es ist doch zu dumm!

 

Weiter geht es in der 3. Fortsetzung.

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