„Der falsche Trauring“ – 3. Fortsetzung

 In "Der falsche Trauring", Aus dem Frauenleben, Fortsetzungsroman, Frauenleben, Liebesroman, Reisen, Sommerfrische

 

Eine kurze Einführung zu dieser Geschichte findet ihr in diesem Artikel.


Anfang, 1. Fortsetzung, 2. Fortsetzung

 

Den 9. Juli abends.

Es ist schon zehn Uhr, und eigentlich müßte ich nun wohl schlafen gehen, aber ich finde doch keine Ruhe. Erst muß ich diesen himmlischen Tag beschreiben. – Vormittags haben wir uns geschont, sind nur zwanzig Schritte weit in das Wäldchen gegangen und haben uns da aufgehängt mit den Hängematten und gelesen. Aber dann nach dem Essen Hut und Sonnenschirm geholt und los! An der Dampferhaltestelle haben unsre beiden Herren schon gewartet, mit einem Busch roter Nelken „für die Damen“, wie Hauptmann Reimer bemerkte. Er hat ganz übermütig ausgesehen, und die Margot ist rot geworden, ich habe es deutlich beobachtet. Wie es scheint, mag sie den Reimer gern, wenigstens hat sie immer so glückliche Augen, wenn er sie ansieht. Er ist auch wirklich ganz nett, ein bißchen feierlich und tugendhaft, aber so etwas gefällt ihr vielleicht gerade. Also, wir waren lustig! Und das Wetter war so himmlisch, Sonne, Licht und Wärme überall, ach, und die Farben hier am Vierwaldstätter See! Wie das Wasser aufspritzte am Dampfer! Grüngoldene Funken im Sonnenschein!

Wir haben zusammengesessen und sind froh gewesen, wenn wir auch wenig geredet haben!

Jeder ist mit andachtsvollem Schauen beschäftigt gewesen, hat höchstens die andern mal aufmerksam gemacht auf etwas besonders Schönes!

Vorbei sind wir gekommen an Gersau, an Beckenried, dann Treib mit dem schönen Schweizerhaus, am Rütli und Seelisberg. Dann das alte, historische Dorf Brunnen! Großstädtisch! Eine Reihe steifer, eleganter Hotels am Kai, dahinter die Mythen! In ihrer schroffen Form und eigenartigen Färbung erregen sie unser Entzücken. Enger wird der Vierwaldstätter See, steiler und höher die Felswände. Wir sehen den Axenstein und den Frohnalpstock zu unsrer Linken, während rechts immer großartiger der Gipfel des Uri-Rothstock hervorkommt.

Ein Andenken an Schiller, der Schillerstein: „Dem Sänger Tells. Die Urkantone.“

Weiter aufwärts hält unser Dampfer an der Tellsplatte. Da sind wir ausgestiegen und haben die Kapelle besichtigt, und dann ist ganz allmählich, nach aller Poesie, das alltägliche Leben wieder in seine Rechte getreten.

Das heißt, bei der Margot und dem Reimer konnte man das eigentlich nicht behaupten, sie haben ganz verklärt ausgesehen. Und mit mir war auch irgendwas los. Ich weiß noch nicht recht was. Ganz komisch war mir. Kann sein, daß mich die Naturschönheiten so mitgenommen haben.

Graf Eck hat mich so von der Seite angesehen. Ich glaube, ich bin rot geworden.

„Denken Sie jetzt an Ihren Gatten?“ fragte er mich.

„Mein Gott, lassen Sie mich doch mit meinem Gatten zufrieden!“

Das ist mir so herausgefahren – hinterher habe ich mich natürlich recht geärgert.

Aber ist es auch wohl nötig, daß mir dieses Phantom allen Spaß verdirbt?

„Es ist ihm schon recht, ‚meinem Gatten‘, daß ich mich ohne ihn so gut amüsiere.“

Graf Eck hat ein ganz entsetztes Gesicht gemacht und mich noch mehr von der Seite angesehen. Ich wurde immer röter. Ordentlich gefühlt habe ich es, daß ich schon aussah wie eine Feuerlilie. Und so furchtbares Herzklopfen hatte ich plötzlich, vermutlich von dem steilen Weg, der zum Restaurant führt.

Wenn Graf Eck doch nur ein vernünftiges Wort geredet hätte. Aber rein nichts hat er gesagt, nur immer im Vorbeigehen Blätter von den Sträuchern gegriffen und dabei geseufzt.

Schließlich konnte ich es nicht mehr aushalten.

„Warum seufzen Sie denn so herzbrechend?“ frage ich.

Das sieht er mich ganz ernst an und sagt:

„Weil die hübschesten Mädel immer schon verheiratet sind, wenn ich sie liebe!“

Also Liebeskummer!

Eigentlich dumm für einen erwachsenen Menschen.

Aber ich habe ihn doch trösten wollen und ihm die Hand gegeben. Das hat er falsch verstanden und hat sie – es war die mit dem Trauring – geküßt.

Dreimal hintereinander! Ist mir noch nie passiert!

Leider sah es gerade beim drittenmal der Geheimrat, der hinter uns herkam.

Hat der ein Gesicht gemacht! Ordentlich vorwurfsvoll!

Und nachher beim Kaffee habe ich eine Ansichtskarte an „meinen Mann“ schreiben müssen. War das ein Elend! So an einen Menschen, den man noch gar nicht kennt.

„Herrn Major Freiherr von Sandten in H. Es küßt Dich tausendmal Deine immer treue Lena.“

Nun kam es schon nicht viel darauf an, was ich schrieb. Je toller, je besser! Ordentlich ist der Übermut über mich gekommen. Mochte der alte Knabe in H. doch auch einmal einen Spaß haben.

Der Geheimrat hat dann auch wieder freundlicher ausgesehen. Alle haben sie unterschrieben, und dann ist die Karte in den Kasten gesteckt worden.

Aber soviel ich weiß, heirate ich nie! Wenn man schon solche Aufregung hat mit einem Ehemann, der für einen noch nicht einmal existiert, wie mag das erst sein, wenn man einem wirklichen angetraut ist! Unenedliches Mitgefühl habe ich mit euch, ihr armen Frauen! Wirklich, ich fühle euch nach, wie ihr immer und ewig „unverstanden“ seid, und wie ihr alles versucht, euch von der Tyrannei der Männer zu befreien.

Ganz nachdenklich bin ich gewesen. Aber, Gott sei Dank, solche Stimmung hält nicht lange bei mir an, und Graf Eck hat glücklicherweise auch wieder ein lustiges Gesicht gemacht, und der Appetit hatte unter all den Seelenqualen auch nicht gelitten. Tüchtig haben wir gegessen und sind dann rüstig weitermarschiert, hinein in die Axenstraße.

Gott weiß, warum ich so gefühlsselig bin!

Die Schönheit, die wir jetzt zu sehen bekommen, hat mich tief ergriffen.

Wenn ich doch nur malen könnte! Alles, alles festhalten, all die himmlischen Farben, und alles mitnehmen. Aber wenn man malen kann!

Rein toll muß man doch hier werden vor all den Motiven, die sich einem aufdrängen.

Ob wohl andre Menschen auch so lebhaft empfinden wie ich? –

Ich glaube es nicht!

Die Geheimrätin wenigstens hat an der wundervollsten Stelle ihre Buben gerüffelt, weil sie soviel Allotria mit dem „gescheiten Hund“ getrieben haben – er, der Geheimrat, hat den „Radetzkymarsch“ gepfiffen, und die Margot hat sich mit Hauptmann Reimer über Luftschiffe unterhalten. Ob sie gerade sehr bei der Sache waren, weiß ich nicht. Was tue ich auch mit der Luft, wenn die Erde so schön ist!

Was Graf Eck gedacht hat, möchte ich wissen. Er sagte nichts, und ansehen mochte ich ihn auch nicht wegen seiner „verflixten“ Augen und wegen seines Handkusses.

Endlich sind wir auch in Flüelen gewesen, da hat er ein Sträußchen Alpenveilchen vom Axenstein für mich gekauft. Die andern lachten immerzu, aber zum erstenmal in meinem Leben konnte ich dabei nicht mitmachen! Merkwürdig, wie ich zu so einem ganz unnormalen Zustand komme! Sicher ist das auch von dem dummen „Verheiratetsein“. Nun habe ich die Sorgen – habe noch keinen Mann und doch schon soviel Sorgen!

 

Den 11. Juli.

Natürlich, das dicke Ende mußte ja nachkommen. Gestern habe ich den ganzen Tag mit rasendem Zahnweh gesessen.

Die Margot war wie im Traum, machte mir immer ihre dunklen, glücklichen Augen und sah interessiert den Weg zum „Luzerner Hof“ hinunter, wo „er“ wohnt, aber niemand war zu sehen! Aber so sind die Männer! Wenn es einem gut geht, sind sie da, und sitzt man im Elend, dann drücken sie sich.

Mein Zahn ist auch immer schlimmer geworden, alle haben sie an mir herumkuriert; einer mit heißem Kamillentee, der andre mit Eisumschlägen. Gehorsam habe ich alle Mittel abwechselnd gebraucht, denn einen Zahnarzt gibt es hier nicht, nur einen Tischler, der nebenher – Zähne zieht. Mit vier bis sechzehn Aspirintabletten war ich dann glücklich so total bewußtlos, daß ich in der Nacht zwei Stunden geschlafen habe. Heute um fünf Uhr bin ich aber schon aufgewesen, um in aller Herrgottsfrühe mit dem ersten Dampfer nach Buochs zu fahren, wo der Sage nach ein „Dentist“ leben sollte. Ein Frachtdampfer war dieser erste Dampfer. Außer mir noch eine Herde Hammel und Kühe darauf.

„Bu-ochs!“ sagten die Kühe.

„Bu-ochs!“ stöhnte ich.

Aber mein Zahn ist nach einer heftigen Sitzung ohne Chloroform, Lachgas oder auch nur „örtliche Betäubung“ erledigt worden.

Persönlich habe ich ihn in den See versenkt.

Wie das Dorf Buochs aber auch reizend ist! Ich bin noch eine Stunde darin umhergelaufen, oder besser geklettert, in den engen, steilen Gassen. Auch in ein uraltes Schweizerhäuschen bin ich gegangen. Zwei niedliche Kinder waren allein zu Hause. Das eine in der Wiege, das andre, vielleicht vierjährig, als Aufsicht daneben. Ganz oben über dem Dorf auf einem Plateau liegt die für den kleinen Ort merkwürdig große und schöne Kirche. Mitten auf dem Kirchhof liegt die Kirche; wie eine Henne ihre Küchlein, so behütet sie ihre Toten. Hier am Vierwaldstätter See ist es überall so, eine schöne Sitte und ein schöner Gedanke.

Lebe wohl, kleines Buochs! Wenn der „Dentist“ nicht der Grund unsrer Bekanntschaft gewesen wäre, hättest du mir sehr gefallen. –

Ja, und was ich sagen wollte! Wenn der Tag schlecht anfängt, pflegt es so weiter zu gehen.

Nach Tisch sind Reimer und Graf Eck gekommen, um Adieu zu sagen.

Die Margot ist ganz blaß geworden und hat sich an der Stuhllehne festgehalten. Ich habe den Kopf hintenübergeworfen und „viel Vergnügen“ gewünscht.

Sie haben eine Depesche aus Bern bekommen. Diplomatische Verwicklungen, glaube ich! Na, ob Graf Eck die gerade entwirren wird!

Hauptmann Reimer will übrigens in acht Tagen wiederkommen. Graf Eck „weiß nicht, ob er kommen darf“.

Er hat mich dabei so ernst angesehen.

Ich habe die Achseln gezuckt. Meinetwegen kann er tun und lassen, was er will. Was geht es mich an!

Ich schreibe dies jetzt hier am Abend, während Margot schon schläft. Vor mir stehen die Alpenveilchen vom Axenstein, immer noch frisch und schön! –

Ach was! Unsinn! Lena, Kopf oben behalten und sich nicht unterkriegen lassen. „Ertragen muß man, was der Himmel sendet!“

 

Weiter geht es in der 4. Fortsetzung.

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