„Der falsche Trauring“ – 4. Fortsetzung

 In "Der falsche Trauring", Aus dem Frauenleben, Fortsetzungsroman, Frauenleben, Liebesroman, Reisen, Sommerfrische

 

Eine kurze Einführung zu dieser Geschichte findet ihr in diesem Artikel.


Anfang, 1. Fortsetzung, 2. Fortsetzung, 3. Fortsetzung

 

Den 18. Juli.

Sie sind fort, lange, lange, und ich habe tagelang nichts in mein Buch geschrieben, weil wirklich nichts Besonderes passiert ist. Wir haben gelebt, wie eben alle Pensionsgäste hier leben. Gegessen, getrunken, die Aussicht bewundert, zum See gelaufen, Fische gefüttert und in der Zwischenzeit auf die Almen in der Nähe geklettert oder mit einem Buch im Gras gelegen.

Der „J. H. Freese“ hat sich unsre Verlassenheit zunutze gemacht und sich an uns herangedrängelt. Er ist mit seinem „Tell-Klaps“ wirklich zum kranklachen, und da uns Erheiterung not tat, haben wir ihn einmal zum Spaziergang mitgenommen. Er hat seinen besten lila Schlips dazu angetan und Glacéhandschuhe und hat die Augen verdreht.

Als wir an einem schönen Aussichtspunkte angekommen waren, hat er plötzlich mit der Faust auf seine schön gestärkte Hemdenbrust geschlagen und angefangen, den Monolog aus dem „Tell“ zu deklamieren. Gleich am Anfang kam er aber nicht weiter, sondern blieb schon an der Stelle: „Hier vollend‘ ich’s, die Gelegenheit ist günstig!“ elendig stecken.

Ganz rot ist er geworden!

„Hier vollend‘ ich’s, die Gelegenheit ist günstig!“ schreit er noch einmal, schlägt sich wieder gegen den Serviteur und sieht dazu die Margot so vielsagend an!

Er sucht nämlich eine Frau, wie er mir anvertraut hat, und so nett die Margot ist – ich weiß wirklich nicht, ob sie sich für „Harzerkäse en gros“ eignet.

Das gute Geschöpf! Richtig hat sie ihn mit seinem Monolog noch auf den Zug gebracht, dann meinte sie aber ganz ruhig und freundlich, wir hätten nun leider keine Zeit mehr, ihm weiter zuzuhören. Fort waren wir! –

Jeden Dampfer nach Luzern nehmen wir jetzt unten an der Haltestelle ab und prüfen ihn auf seinen Inhalt. Ich bin sicher, sie erwartet den Reimer. Er ist aber bis jetzt nicht gekommen – nur ein Schächtelchen Edelweiß hat er ihr geschickt.

Ich erwarte niemand, und mir schickt auch niemand etwas. Ist aber auch so ganz gut! Ich habe noch an meinen Aplenveilchen genug. Der Einfachheit halber werde ich sie jetzt lieber pressen. Man kommt doch ordentlich zur Ruhe und Vernunft beim Alleinsein. Selbst mein „ferner Gatte“ fällt mir weniger auf die Nerven. Nur mit dem Trauring ist es ein Kreuz! Er setzt schon Grünspan an.

Ich mußte mir Putzpomade kaufen, damit bekomme ich ihn sicher wieder blank.

Schrecklich, wenn man das einzige, was man von seinem Eheglück hat, mit Putzpomade bearbeiten muß. Ich kann mir jetzt vorstellen, daß man in Lebenslagen kommen kann, wo man genötigt ist, den Trauring im Portemonnaie zu tragen. –

In unsrer Pension sind viel neue Gäste angekommen, aber nichts, um besonders warm zu werden. Zwei Brüder Klitt aus Eisenberg i. Sa. erfreuen uns allabendlich durch den Gesang lieblicher Lieder, ebenso sorgt ein Konservatoriumsprofessor für unsre musikalische Bildung.

Eine Menge Engländer und Franzosen sind hier, im Gegensatz dazu dann wieder der ganz solide „Herr Pieper aus Labes in Pommern“, der so schnarcht, daß man es zwei Zimmer weit hört.

Ich gebe mich jetzt, wo ich Zeit zu einsamen Spaziergängen habe, auch viel mit den „Eingeborenen“ ab. Ihre Landessprache verstehe ich so ziemlich, und sie verstehen mich. Besonders die Kinder – die sind hier zu süß. Fast alles blonde Lockenköpfe mit dunklen Augen.

Übrigens hat mir die Geheimrätin heute eine Rede gehalten des Inhalts, daß ich blaß aussähe, und daß sie – meinen Mann nicht begreifen könnte, weil er mich hier so allein läßt.

Nun, ich habe ihn schon lange nicht begriffen – diesen Mann! Und einen andern begreife ich auch nicht, und mich selbst schon am wenigstens! Jedenfalls will ich mich von jetzt aber mal öfters in die Backen kneifen, damit ich nicht wieder Mitleid errege wegen allzu großer Blässe. Ich habe mich in meinem Leben nie bemitleiden lassen, weil ich es zu gräßlich fand – jetzt tue ich es nun schon gar nicht!

 

Den 20. Juli abends.

Es hat sich so viel und so Absonderliches ereignet, daß ich wieder einmal die Nacht zu Hilfe nehmen muß, um alles niederzuschreiben. Verloren gehen von meinen Erlebnissen darf doch nichts, schon allein aus dem Grunde, daß meine Enkel und Urenkel nach meinem frühzeitigen Tode ihren Spaß an diesem Tagebuch haben sollen. Aber genug der Zukunftspläne! Bleiben wir vorläufig bei der Gegenwart.

Früh, als die Margot und ich noch am Frühstückstische saßen, ist – Reimer gekommen. Allein, natürlich. Er hat ein strahlendes Gesicht gemacht, und die Margot auch, so daß ich mir sehr überflüssig vorgekommen bin und mich bald gedrückt habe. Sie haben mich auch nicht weiter zum Bleiben genötigt, und ich bin wieder mal ein Endchen hochgekrabbelt auf dem Wege zur „Wissifluh“. Gerade bis unter den großen Baum, wo ich die Aussicht auf den Pilatus hatte.

Schön war es, wie immer, aber ich hatte so tolles Kopfweh. Es hat dann nicht lange gedauert, da sind zwei den Weg heraufgekommen – Arm in Arm. Die Margot und der Reimer. Strahlend!

Die Margot ist rot geworden, wie sie mich gesehen hat.

„Du, Lena, wir haben uns verlobt!“

Er küßte mir die Hand und stammelte irgend etwas ganz Unorthographisches! Wie selig er ist, daß die Margot ihn liebt – so ungefähr lauteten seine Worte.

Habe ich mich aber gefreut! All mein Kopfweh ist vergangen.

Die Margot war wie ausgetauscht. Und er – so zärtlich und aufmerksam und verliebt. Gar nicht mehr feierlich und ernst wie sons waren die beiden.

„Wir werden uns sehr einrichten müssen mit dem bißchen Vermögen, das ich habe, aber wenn wir uns nur liebhaben, wird es schon gehen!“ sagte er und zog die Margot an sich.

„Laß nur, Kurt, es geht sicher, eine Kleinigkeit habe ich ja auch!“ flüsterte sie.

Der Strick! Die zwei bis drei Millionen nennt sie eine „Kleinigkeit“! –

Wie glücklich sie ist! Dieser da, „ihr Kurt“, hat sie doch nun wirklich nicht ihres vielen Geldes wegen geliebt.

Und ich bin ganz stolz. Eigentlich habe ich doch durch meine kühne Idee dies Glück begründen helfen! So ist unsre Mogelei doch etwas sehr Schlaues gewesen! Denn, wie der Reimer ist, in eine Millionärin hätte er sich vielleicht nicht verliebt.

Ob die Mogelei, soweit sie meine Person betrifft, auch etwas Schlaues ist?

Sicher!

Mittags haben wir die Verlobung der „Pension Rigi“ verkündet und auf das Wohl des Brautpaares etliche Flaschen Asti spumanti geleert.

Danach sind wir noch fröhlicher geworden, ich besonders. Der Geheimrat hat eine Rede gehalten, und der J. H. Freese hat zum erstenmal nichts mehr aus dem „Tell“ zu deklamieren gewußt.

Weil wir doch nun nicht den ganzen Nachmittag unter dem staunenden Publikum verbringen wollten, haben wir uns mitsamt der Scheffer-Familie auf die Rigibahn gesetzt und sind abgedampft nach Rigikulm!

Wie doch das arme, kleine Lokomotivchen, das unsern Wagen schob, keuchte und stöhnte bei dem schweren Weg. Ordentlich leid konnte es einem tun!

Aber schön ist die Aussicht gewesen! Kein Wölkchen am Himmel! Oder doch? Da hinten, jenseits des Sees und des Pilatus steigen Wolkenberge empor. Merkwürdige Wolken mit scharfen Zacken und Spitzen.

Oder sind es gar keine Wolken?

„Hurra! Schneeberge!“ schreit Karlchen Scheffer.

„Ja, Schneeberge, Karlchen! Das Berner Oberland! Die Alpen!“

Herrgott, wie ist doch die Erde so schön, so schön! Wenn wir nur erst ganz oben sind, ganz den Überblick genießen können.

Endlich!

Unser Lokomotivchen stößt noch einen tiefen Seufzer aus, dann hält es still, ganz außer Atem.

Und wir: Ausgestiegen, sie steile, letzte Höhe emporgeklettert und am Abhang in das Gras geworfen.

Da sitzen wir, und vor uns wie ein Panorama die Kette der Alpen.

In leichtem, bläulichem Dunst die Vorberge, strahlend in blendendem Weiß das Hochgebirge!

Nebeneinander aufgereiht, an den Fingern kann man sie herzählen wie in der Geographiestunde: Finsteraarhorn, Schreckhorn, Wetterhorn, Eiger, Mönch und Jungfrau.

Wir sehen und sehen und denken, wir sind im Märchenland! Zu schön ist es, um Wirklichkeit zu sein, selbst die Scheffer-Jungen sind andächtig und still geworden!

Und diese reine Luft, diese warme, herrliche Sonne und drüber der ewige Schnee!

Seit langem bin ich nicht so froh gewesen wie heute. Macht das Margots Glück, das auf mich abfärbt, oder ist es, weil in der reinen, schönen Höhenluft endlich das Kopfweh und all die törichten Gedanken fort sind?

„Dort liegt Bern!“ höre ich die Stimme Reimers eben zu Margot sagen, und er zeigt mit der Hand geradeaus.

Dort liegt Bern!

Wie ein Vision steigen vor mir ein Paar braune Augen, ein hoch gezwirbeltes Schnurbärtchen und ein schief sitzender Panamahut auf.

Ein rosiger Schein von der untergehenden Sonne huscht darüber hin, über das liebe Bild und über die äußerste Spitze des Finsteraarhorns.

Da, er geht weiter, er springt von Spitze zu Spitze, bis hin zum Silberhorn der Jungfrau. Dunkler wird er, getaucht in rote Glut, mit blitzenden Goldfunken darüber liegen die Schneeberge vor mir.

Alpenglühen!

Und während ich verzaubert hinschaue auf dies Wunder, fällt ein Schein des Lichtes auch in mein Herz, und da – ja – da gibt es auch ein Alpenglühen!

Klar wird es mir mit einem Male, was mit mir los ist; ich weiß, daß ich „ihn“ lieb habe! „Ihn“, lieber Gott, du weißt ja, wen ich meine, Karl Heinrich Eck heißt er.

 

Weiter geht es in der 5. Fortsetzung.

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