„Der falsche Trauring“ – 5. Fortsetzung

 In "Der falsche Trauring", Aus dem Frauenleben, Fortsetzungsroman, Frauenleben, Liebesroman, Reisen, Sommerfrische

 

Eine kurze Einführung zu dieser Geschichte findet ihr in diesem Artikel.


Anfang, 1. Fortsetzung, 2. Fortsetzung, 3. Fortsetzung, 4. Fortsetzung

 

Den 21. Juli.

Nach den Entdeckungen des gestrigen Tages müßte ich ja nun wohl unglücklich sein und mit Selbstmordgedanken und andern Schießwaffen umgehen. Aber nichts davon ist zu merken! Entschieden funktioniere ich anders als die Heldinnen in den Romanen, die ich gelesen habe.

Alles lacht und frohlockt in mir.

Glückselig bin ich. Unsinn schwatze ich, Unsinn stelle ich an. Mit den Scheffer-Buben bin ich auf unsern Nußbaum geklettert, und wir haben von da aus das darunter küssende Brautpaar mit kleinen, grünen Nüssen beworfen.

„Gott sei Dank, jetzt bist du wieder die alte!“ sagt Margot.

„Ja, Gott sei Dank, das kommt vom Alpenglühen!“

Ich bin ja so froh! Ich habe „ihn“ lieb! Unmenschlich lieb! – Mehr verlange ich gar nicht!

So gern habe ich immer Liebesgeschichten gelesen, aber gut ausgehen haben sie müssen. Jetzt erlebe ich nun meine Liebesgeschichte, und sie ist wundervoll! Viel, viel interessanter als alle andern, nur ich fürchte, gut ausgehen kann sie gar nicht.

Zu toll habe ich mich festgelogen mit meinem sagenhaften Ehegemahl. Und jetzt sagen, daß alles nicht wahr ist, jetzt, seit ich weiß, wie lieb ich „ihn“ habe – unmöglich! Allen könnte ich es gestehen, nur „ihm“ nicht. „Er“ würde ja merken, weshalb ich es tue. Und das darf er nie – nie – nie!

Ob er mich wohl auch ein wenig lieb hat? Das möchte ich zu gern wissen!

Auf dem Abreißkalender im Speisesaal hat heute ein Vers gestanden, den ich aufschreiben will.

„Ich werfe tausend unsichtbare Bande
von mir zu dir, die sollen ziehen in deine Lande,
und hinterher, auf luft’gen Brücken,
will ich dir meine Seele schicken –„

Bis hierher ist es hübsch, dann aber kommt es ganz dumm:

„Denn sie ist krank nach deinen Blicken,
oh, laß sie ein in deine Tür!“

Nein, krank ist meine Seele nicht die Spur! Und wenn sie es wäre, schickte ich sie höchstens zum Doktor, aber nicht zu einem Menschen, den ich lieb habe.

 

Den 22. Juli.

Gestern abend war ich so ganz ruhig. Und nun ist heute über Tag doch wieder alles durcheinander gekommen.

Mittags bin ich mit dem Brautpaar nach Luzern gefahren. Als wir da ankamen, wer empfängt uns?

„Er – Graf Eck!“ – natürlich hat die Margot das so eingefädelt, und sie hat es gut gemeint, aber es war überflüssig.

Mir hat das Herz doch beinahe einen Moment stillgestanden, als ich ihn so unerwartet wiedersah, aber ich habe ein paarmal tief geatmet, da ging es vorüber. – Und nun machten wir rastlos Konversation, und ich redete das Blaue vom Himmel herunter. Aus reiner, purer Verlegenheit. Aber ich glaube, er hat nichts gemerkt. Ist Luzern aber eine interessante Stadt, und so malerisch mit all den alten Türmen und Gebäuden!

Die Hofkirche haben wir besehen, den Gletschergarten und dann den Löwen und immer wieder den Löwen. Gar nicht satt habe ich mich daran sehen können. Schließlich ist das Brautpaar zu einem Juwelier gegangen, Verlobungsringe zu bestellen, und ich habe nicht gern mit wollen, aus Angst, es könnte derselbe Juwelier sein, von dem mein billiger Ring stammt, also habe ich erklärt, ich könnte mich von dem Löwen nicht trennen. Graf Eck behauptete, mir Gesellschaft leisten zu müssen. Und so sind wir zwei also bei unserm Löwen allein geblieben. Als „Anstandswauwau“ hat er ja auch genügt! Ich bin so fröhlich gewesen und gar nicht mehr verlegen. Aber Graf Eck hat mit einem Male sein „Dienstgesicht“ vorgesteckt und schließlich, als auch die letzten neugierigen Kinderfräulein mit ihren Zöglingen aus unsrer Nähe verschwunden waren, hat er einen Brief aus der Tasche gezogen und ihn mir gezeigt.

„Kennen Sie die Handschrift, Baronin?“

„Nein, keinen Schimmer!“

„Sie kennen die Handschrift Ihres Mannes nicht?“

Er sah mich förmlich entsetzt an.

Natürlich, wieder mein Mann!

„So, was schreibt er denn?“

Da habe ich den Brief, und da steht es! Er verleugnet mich total, mein Mann! Er wendet sich an den Grafen Eck, weil dessen Name der einzig leserliche auf der Ansichtskarte von der Tellsplatte gewesen ist, und bittet ihn um Aufklärung über die betreffende „immer treue Lena“. Er kennt niemand dieses Namens, wohl aber ist er und seine Frau (dick unterstrichen) empört über diesen unqualifizierbaren „Scherz“. Er bittet, der betreffenden „immer treuen Lena“ das Handwerk zu legen!

Er verleugnet mich! Mich, die ich hier Kummer und Sorgen um ihn leide und nebenher auch noch jeden Tag den Grünspan von dem Eheringe herunterputze. Wirklich, der Mann verdient mich gar nicht! Ich lasse mich scheiden – ich –

In meinem Kopfe geht alles durcheinander. Dazu ewig die fragenden, vorwurfsvollen Blicke von „ihm“.

„Unsre Karte scheint an eine falsche Adresse gekommen zu sein. Komisch, nicht wahr?“ lächle ich unsicher.

Er atmet auf.

Dann nimmt er meine Hand, zieht sie an die Lippen und sieht mich mit so guten Augen an, daß mir ganz schwach wird.

„Lena,“ sagt er, „nicht wahr, Sie wissen, daß ich Ihr bester, treuester Freund bin, und wenn Sie in irgendeiner Not sind, fragen Sie mich um Rat?“

Ach, du liebe Güte! Nur nicht so gut zu mir sein, das vertrage ich nicht. Lachend reiße ich meine Hand los und bemühe mich, recht leichtsinnig auszusehen.

„In was für einer Not soll ich denn sein? Und, selbst wenn es der Fall wäre – was ich mir einbrocke, esse ich auch selbst aus, da brauche ich Ihre Hilfe nicht!“

Natürlich hat er recht pikiert ausgesehen, aber ich habe ihn bald wieder lustig geschwatzt. Einen schönen weißen Löwen aus Elfenbeinmasse hat er mir noch gekauft, der gute Kerl.

Dann ist das Brautpaar gekommen, und wir sind leichtsinnigerweise in den Schweizerhof gezogen zum Abendbrotessen und haben da nicht Asti spumanti, sondern französischen Sekt getrunken. Eine Zigeunerkapelle hat dazu gespielt.

Gut, daß die Margot und ich nachher allein im Mondschein nach Hause fahren mußten. Es war so schön, beinah zuviel Poesie.

In unsrer Pension waren übrigens bis spät in die Nacht hinein große musikalische Veranstaltungen. Der Konservatoriumsprofessor hat vorgespielt, und die „Brüder Klitt“ haben gesungen.

Immer nach der „Krone im tiefen Rhein“ hat der eine geschrien. Die Wände haben ordentlich gebebt, und der „gescheite Hund“, der sein Lager bei uns auf dem Korridor hat, heulte vor Wehmut.

Jetzt – um zwei Uhr nachts – scheint die Krone endlich gefunden zu sein, wenigstens ist es nun still.

Lieber Himmel, wenn ich mein Löschblatt ansehe, schäme ich mich ordentlich. Überall steht „Karl-Heinz“! – Lena, Lena, mach keine Dummheiten! – Ach was, es sieht’s ja niemand!

 

Weiter geht es in der 6. Fortsetzung.

Empfohlene Artikel

Kommentieren