„Der falsche Trauring“ – 6. Fortsetzung

 In "Der falsche Trauring", Aus dem Frauenleben, Fortsetzungsroman, Frauenleben, Liebesroman, Reisen, Sommerfrische

 

Eine kurze Einführung zu dieser Geschichte findet ihr in diesem Artikel.


Anfang, 1. Fortsetzung, 2. Fortsetzung, 3. Fortsetzung, 4. Fortsetzung, 5. Fortsetzung

 

Den 24. Juli.

Margots Vater ist gekommen. – Seinen Segen zur Verlobung hat er mitgebracht, und den Besitz der vielen Millionen haben sie dem Hauptmann in einer stillen Stunde schonend mitgeteilt.

Nun ist alles im schönsten Schick. „Papa Wegener“ hat sich schleunigst mit „Papa Scheffer“ angefreundet, und die beiden kraxeln nun in der Naturgeschichte umher und kümmern sich um niemand weiter.

Übrigens, „Papa Wegener“ nennt mich andauernd „gnädige Frau“. Wir haben ihn natürlich einweihen müssen in meine Ehe, und er fand die Sache kolossal spaßig, meint auch, die Mogelei würde bei mir ebenso gut ausgehen wie bei seiner Tochter.

Ich meine das Gegenteil! Gestern war Sonntag. Dreißig Grad im Schatten – und Föhn. Unglaublicher Zustand! Herr J. H. Freese empfing mich schon beim Morgenkaffee mit der Neuigkeit: „Es rast der See und will sein Opfer haben!“

Gar so sehr hat er aber nicht gerast, nur kleine, weiße Katzenpfötchen huschten über das Wasser, aber alle Kleider, Hüte rasten, und die Chiffonschals auch, die man hier so kokett drapiert trägt.

So ein „Föhn“ ist etwas drolliges! Minutenlang totale Windstille, kein Lüftchen rührt sich. Dann plötzlich pustet es los aus allen Ecken, der richtige Wirbelwind.

Das allgemeine Sonntagsvergnügen hier stört der Föhn aber nicht. Alle ankommenden Dampfer und die Rigibahn sind besetzt bis auf das letzte Plätzchen. Eine Italienerkapelle, Leute mit gestrickten Mützen und roten Schärpen, singt, spielt und tanzt Gondellieder. Männergesangvereine ziehen von Lokal zu Lokal und geben schwermütige Volksmelodien zum besten. Man weiß nicht, wo man zuerst sein soll!

Ich entscheide mich für die Italiener, bei denen ich Zaungast spiele. Einige Centimes stecke ich ihnen zu, dafür spielen sie mir alles, was ich gern habe, und machen mir dazu noch schöne Augen. Lieber Himmel, warum soll ich die kleine Huldigung nicht mitnehmen, sonst macht mir ja doch niemand „schöne Augen“! –

Ich glaube gar, ich fange an, melancholisch zu werden! – Na, das fehlte gerade noch! –

 

Den 25. Juli.

Es regnet! – Das soll es nach dem „Föhn“ hier immer tun. Es regnet Bindfaden, aber alles atmet auf nach der glühenden Hitze der letzten Tage.

Ich marschiere mit dem Brautpaar im pladdernden Wasser den Weg nach Gersau zu, die „kleine Axenstraße“, wie wir ihn nennen. Die beiden unter einem Schirm – ich ganz solo! Margot hat ihrem „lieben Kurt“ meinen ganzen Roman erzählt.

Schändlich! Nun bearbeiten sie mich, Graf Eck auch aufzuklären, angeblich, weil der besonders froh darüber sein würde.

Wer das glaubt! – Höchstens sieht er mich wieder böse an, weil ich gelogen habe! Was geht es ihn auch schließlich an? Und was soll er von mir denken, wenn ich unaufgefordert derartig zarte Geheimnisse verrate.

Nein, ich mache mich nicht lächerlich! Mögen sie es ihm meinetwegen später erzählen, wenn ich ihn nicht mehr wiederzusehen brauche.

 

Den 26. Juli.

Es regnet immer noch, aber etwas weniger. Hinter dem Uri-Rothstock kommt schon wieder ein Stückchen blauer Himmel vor. Man sieht doch wenigstens den guten Willen.

Es tut auch not! Unser unglücklicher Pensionswirt ist von seinen Gästen schon beinahe entzweigefragt worden.

„Ob es hier immer so regnet?“

Und dabei haben wir drei Wochen nichts wie Sonnenschein gehabt.

„Ob es nicht bald aufhören wird zu regnen?“

Der Bedauernswerte rettet sich ins Lesezimmer, kommt aber dabei buchstäblich aus dem Regen in die Traufe, denn hier sitzt J. H Freese.

„Sagen Sie, lieber W., wie denken Sie eigentlich über Wilhelm Tell?“

Der Pensionswirt, nervös geworden durch den Jammer der letzten Tage, bemerkt, daß er darüber „gar nicht denke“.

„Aber ich bitte Sie, ein Schweizer wie Sie?“

Da verlässt Herrn W. Die Fassung.

„Herr Freese, den Wilhelm Tell, den hat es nie gegeben, die ganze Geschichte ist eine Sage!“

„Nie gegeben – aber ich bitte Sie – Schiller hat den ‚Tell‘ doch geschrieben!“

„Ach was, Schiller ist nie in der Schweiz gewesen, Goethe hat ihm das alles hier geschildert, und an Wilhelm Tell glauben auch nur die Deutschen!“

Herr J. H. Freese steht entgeistert. Er fährt sich ein paarmal mechanisch durch die Frisur, dann verlässt er wortlos das Zimmer.

Ich schleiche nach. Auch mir ist ein Altar meiner Kindheit zertrümmert. Aber Hochachtung erfüllt mich vor Schiller, der ein Land, das er nie gesehen hat, so lebenswahr schildern konnte.

Allerdings, Goethe hat es ihm erzählt!

 

Den 27. Juli.

Es hat aufgehört zu regnen – und es ist ein Brief gekommen vom Grafen Eck. Er fordert uns auf zu einer Partie nach Göschenen-Andermatt. Morgen früh mit dem ersten Dampfer kommt er von Luzern. Wir sollen dann hier einsteigen. Bis Flüelen Dampferfahrt, dann Gotthardbahn!

Ich weiß nicht, mir ist es nicht ganz recht. Eigentlich habe ich mit Eck doch abgeschlossen und wollte ihn nicht mehr wiedersehen. Zweck hat es ja doch nicht.

Aber der Hauptmann Reimer hat gleich „ja“ telegraphiert, und nun muß ich doch mit wegen der Margot. Papa Wegener hat nämlich morgen schon eine Partie verabredet mit dem Geheimrat nach Engelberg, und Mama Scheffer muß ihre Buben hüten.

Ich werde mich recht ruhig und würdig benehmen, damit die Sache gut abläuft! –

 

Weiter geht es in der 7. Fortsetzung.

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