Der Schutzengel – Novelle von Paul Heyse – 3. Fortsetzung

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Dieses laute und aufgeregte Herz ließ sich auch lange noch nicht zur Ruhe bringen. Es war weit über Mitternacht, als sie Schlaf fand. Dafür erwachte sie desto später und kam erst, als die Kurmusik unten ein neues lärmendes Stück anfing, zur vollen Besinnung, wo sie war und was sie an diesen Ort geführt hatte.
Sie stand dann hastig auf und machte ihre Morgentoilette so geschwind wie möglich, um sich sogleich nach ihren Reisegefährten umzusehen, als müsse sie sich erst wieder mit eigenen Augen überzeugen, dass sie wirklich Tür an Tür mit dieser Mutter und diesem Kinde wohne. Als es auf ihr Klopfen drüben still blieb, erschrak sie sogar ein wenig. Dann aber, da sie einen Blick in das Zimmer der Frau Justine warf und Rudis Spielzeugwinkel sah, beruhigte sie sich, zog sich an ihr Fenster zurück und sah auf die Allee und zu der Wandelbahn hinunter, die jetzt von einer bunten auf und ab wogenden Menge erfüllt waren. Vergebens bemühte sie sich, unter dem Gewimmel die beiden teuren Gesichter zu erkennen, und erwog eben, ob sie sich nicht aufmachen sollte, sie unten zu suchen, als sie die Türe nebenan gehen und Mutter und Kind zurückkehren hörte. Gleich darauf trat Frau Justine bei ihr ein.

Das liebliche runde Gesicht war von dem raschen Gange leicht gerötet, doch auch ein Zug von Unmut und Verdruss ließ sich an den gespannten Brauen erkennen.
„Ich hätte klüger sein sollen,“ rief sie, indem sie ihr Hütchen vom Kopfe riss, „und Ihr freundliches Anerbieten gestern Abend annehmen, Rudeli zu bewachen, bis er ausgeschlafen hätte und ich von meinem Brunnengang zurückgekehrt wäre! Ich wollte Ihnen keine Unbequemlichkeit zumuten, zumal ich sah, dass Sie so sanft schliefen. Da weckte ich das Kind ganz gegen meine Gewohnheit, während ich es sonst sich satt schlafen lasse. Und nun war es noch halb müde und unwirsch beim Ankleiden, und ich musste es draußen mühsam an der Hand nachziehen, während ich meine zwei Becher trank. Dazu die lärmende Musik, die mir auf die Nerven fiel, und dann — das Angaffen von allen Seiten! Ich weiß ja, dass man mich hübsch findet, es wäre kindisch, das verleugnen zu wollen, und ebenso einfältig, sich was darauf einzubilden, wie eine eitle Gans. In unserer Stadt haben sich auch die Menschen daran gewöhnt, und es macht mich nicht mehr verlegen. Aber hier, das Spießrutenlaufen unter lauter fremden Leuten — und ich hatte nicht einmal einen Schleier — nein, schon am frühen Morgen das durchzumachen, ist kurwidrig! Ich weiß auch, was ich tue. Von morgen an bin ich die Erste am Brunnen, stürze meine Becher so rasch hinunter wie möglich und flüchte mich dann in die stillen Anlagen um die Badehäuser am Fluss. Dahin verirrt sich so früh keine Menschenseele. Rudeli aber lass ich schlafen, bis ich zurückkomme, und wenn Sie mir erlauben, dass die Tür zwischen uns angelehnt bleibt, und ein bisschen hineinhorchen wollen —“

Der Kleine kam jetzt herein, mit drei Wiesenblümchen, die er für die gute Tante gepflückt hatte. Er sah allerdings ein wenig müde und zerstreut aus, aber die nachträgliche kalte Abwaschung in einer kleinen Wanne machte ihn bald wieder munter. Sie frühstückten dann zusammen. Als Frau Justine eine Stunde später zu ihrem ersten Bade ging, blieb Rudi bei Frau Marie zurück, die sich zu ihm setzte und ein Bilderbuch mit ihm studierte. Er war sehr glücklich und zärtlich aufgelegt.
„Weißt du, Tante Marie,“ sagte er, „du kannst es noch besser als Annette, und erzählst viel hübschere Geschichten, aber am besten kann es der Papa. Wird er heute nicht zu uns kommen?“
Er kam freilich nicht, aber ein Brief von ihm, den seine kleine Frau, als sie aus dem Bade zurückkehrte, mit einem leisen Achselzucken in Empfang nahm. „Können Sie sich das Vorstellen, Frau Marie,“ sagte sie, „dass er gleich, nachdem wir gestern abgefahren waren, sich hingesetzt hat, um zu schreiben, einen förmlichen Liebesbrief — unter so alten Eheleuten! — und Sie werden sehen, er schreibt mir alle Tage. Das ließe ich mir noch gefallen, wenn er nur nicht erwartete, dass auch ich jeden Tag wenigstens vier Seiten an ihn schreiben würde. Als ob ich täglich etwas erlebte! Und eigentlich besteht er auch nicht darauf und sagt immer, ich solle mich nicht mit Schreiben anstrengen, aber ich weiß doch, er ist todunglücklich, wenn einmal einen Tag kein Brief kommt. Nun, zum Glück gibt es Postkarten, und vollends auf Ansichtskarten hat man nicht viel Raum für eine mühsame ausführliche Korrespondenz!“

Frau Marie ging dann aus, musste dem Kinde aber versprechen, bald wiederzukommen. Sie wandelte eine Weile unten in der Akazienallee hin und her, nachdem sie ein Glas am Brunnen gefüllt hatte, das sie langsam austrank. „Es wird doch nicht überflüssig sein, mich ein wenig zu stärken,“ sagte sie vor sich hin. „So tiefe Erschütterungen — und wer weiß, was ich noch zu überstehen haben werde!“
Kein Mensch war mehr in der Trinkhalle und unter den Kolonnaden. Es tat ihr wohl, mit ihren durcheinander wogenden Gedanken allein zu sein. Zuweilen sah sie nach den Fenstern des dritten Stocks hinauf, hinter denen sie diese beiden teuren Wesen wusste, und einmal erblickte sie den Blondkopf des Knaben, der sich über den Fenstersims streckte, wie wenn er sie draußen suchte. Da litt es sie nicht länger in der verödeten Allee. Sie wandte sich eilig dem Städtchen zu, kaufte dort in einem Spielwarenladen ein paar Schachteln Soldaten und von einer Blumenhändlerin, die ihre Bude im Freien aufgeschlagen hatte, eine Handvoll herrlicher gelber und purpurroter Rosen und kehrte in ihre Wohnung zurück.

„Sie begnügen sich nicht damit, mir den Jungen zu verziehen, Sie haben es auch auf seine Mutter abgesehen,“ sagte Frau Justine, als sie ihr den Strauß abnahm. Sie stellte die Blumen in ein Glas mit Wasser, dem Reisestrauß gegenüber, und fuhr dann fort an dem Brief zu schreiben, in welchem sie ihrem Manne über die Reise und ihren ersten Kurtag berichtete. Der Knabe zog seine neue Freundin an den Tisch vorm Sofa, wo sie die Soldaten mit ihm aufstellen musste. Er plauderte dabei beständig in seiner lieblichen Weise, aber nur halblaut, da er wusste, dass er die Mama nicht stören durfte. Als aber Tante Marie hernach in ihrem Zimmer schrieb, um sich von ihrem Hause kommen zu lassen, was sie für einen längeren Aufenthalt an Garderobe bedurfte, kam er alle Augenblicke zu ihr hereingeschlichen und frug, ob sie noch nicht fertig sei, um unten im Freien, wie sie versprochen hatte, mit ihm Ball zu spielen.

Mittags speisten sie, wie Frau Justine sich vorgenommen, nicht an der Table d’hote, sondern eine halbe Stunde vorher an einem kleinen Tische in dem Frühstückszimmer neben dem großen Speisesaal. Nur zwei Gerichte, die sie aus dem langen Menü auswählte. Natürlich hatte auch Tante Marie sich in diese Tischordnung gefügt und ebenso freudig den Vorschlag der Jüngeren angenommen, abends auf ihrem Zimmer nur Tee und etwas kalte Küche sich auftragen zu lassen. Als sie sich an diesem zweiten Abend trennten, nachdem der Knabe von ihnen gemeinschaftlich zu Bett gebracht war, drückte Frau Justine der alten Freundin die Hand und sagte: „Ich bin wirklich ein Glückskind! Ich habe mich vor dieser Badereise so gefürchtet; ich sorgte, ich würde für meinen Jungen am Ende keine sichere Hüterin finden und für mich keine Gesellschaft. Nun habe ich gleich eine so liebe Freundin gewonnen, die für das Kind ein wahrer Schutzengel ist.“ Sie umarmte die ganz Verstummte, deren Augen wieder feucht wurden, und küsste sie herzlich auf die Wange. Die Andere stammelte ein paar unverständliche Worte, erwiderte den Kuss aber nicht und verschwand hastig in ihr Zimmer. —

Am anderen Morgen war sie schon aufgestanden und in ihrem Morgenkleide, als die Tür sich behutsam öffnete und die junge Frau den Kopf hineinstreckte. Sie nickte ihr nur zu und deutete in ihr Zimmer zurück. Dann entfernte sie sich mit leisen Schritten, um das schlafende Kind nicht zu wecken. Statt ihrer ging nun Frau Marie zu dem kleinen Bette, nahm einen Stuhl und setzte sich daneben. Der Kleine lag mit rotgeschlafenem Gesicht auf dem weißen Kissen, beide Ärmchen über dem blonden Kopf zurückgelegt, im Schlafe lächelnd, dass die Grübchen in den runden, rosigen Backen hervortraten. Er atmete kaum sichtbar, zuweilen verschwand das Lächeln, und die kleine Stirn furchte sich genau wie bei seiner Mutter. Die Hüterin neben ihm musste sich Gewalt antun, sich nicht zu ihm hinabzubeugen und ihren Mund auf die geschlossenen Augen und das offene Mündchen zu drücken. Sie faltete still die Hände und verwandte kein Auge von dem holden kleinen Leben.

Darüber verging eine halbe Stunde. Um halb sieben setzte die Kurmusik unten ein mit dem üblichen Choral. Wie die feierlichen Töne plötzlich durch das offene Fenster hereindrangen, schlug der Kleine die Augen auf, horchte und schaute einen Augenblick noch halb verträumt umher, dann aber, die alte Freundin erkennend, streckte er beide Arme nach ihr aus, und als sie sich zu ihm neigte, umschlang er ihren Hals und ließ sich so von seinem Kissen aufrichten.
Er fragte dann sogleich nach der Mama; als er aber hörte, dass sie bald wiederkommen würde und der Tante Marie aufgetragen habe, Rudi inzwischen aufstehen zu helfen, hielt er sogar geduldig und ohne eine Miene zu verziehen still, als die gute Tante über seine kleinen Glieder mit dem kalten Schwamme hinfuhr, und half dann selbst, seine rosigen Füßchen in die kleinen Strümpfe und Schuhe stecken. Dann stand er am Fenster und spähte nach der Mama hinaus und stürzte ihr entgegen, als sie endlich hereintrat, um ihr zu verkünden, wie brav er gewesen sei.

Auch die junge Frau war heute in besserer Stimmung als gestern. Sie hatte in der Trinkhalle, wo noch wenige Frühaufsteher sich eingefunden, eine Jugendgespielin angetroffen, jetzt die Frau eines kleinen Beamten in ziemlich engen Verhältnissen, die sich unter die geputzte Menge nicht hineinwagte, da sie nur eine sehr bescheidene Kleidung trug. Mit der hatte Frau Justine diese Stunde verplaudert und war mit ihrer Kurpflicht fertig geworden, als die Menschen erst kamen, die sie gestern mit ihrem Angaffen belästigt hatten.
Richtig erschien denn auch während des Frühstücks der tägliche Liebesbrief des Herrn Rechtsanwalts, aus welchem seine Strohwitwe eine Stelle vorlas, die für die freundliche Reise- und Kurgefährtin bestimmt war und dem Knaben einschärfte, seiner gütigen Pflegerin sich dankbar zu bezeigen. Als die Mutter hernach ins Bad ging, begleitete sie der Kleine an Tante Mariens Hand und spielte draußen Ball mit der Gütigen, bis die Mama wieder erschien.

Dies für Blut und Nerven heilsame Stillleben setzten sie ohne sonderliche Abwechselung acht bis zehn Tage fort, mit Spazierfahrten oder, wenn die Hitze nachließ, kleinen Wanderungen gegen Abend, die gewöhnlich durch ein frugales Nachtessen in einer Gartenwirtschaft oder Waldschenke beschlossen wurden. Die Jugendfreundin wurde zuweilen dazu eingeladen, eine durch häusliche Sorgen und viele Kindbetten erschöpfte, eingeschüchterte kleine Frau, die wenig zur Unterhaltung beitrug und bei jeder Erzählung Frau Justinens aus ihrem Leben seufzend zu bemerken pflegte: „Ja, wenn man in glücklichen Verhältnissen ist, kann man sich so etwas erlauben!“ Ihre Gesellschaft war kein Gewinn für die beiden Frauen, und auch Rudi liebte sie nicht. So beschränkte sich der Verkehr mit ihr zuletzt auf die Stunde am Brunnen.

Die Ahnung der jungen Frau bestätigte sich: es wurde ziemlich langweilig auf die Länge, für seine leibliche Kräftigung zu sorgen ohne jede geistige oder gemütliche Erfrischung. Denn auch Tante Marie besaß nicht die Gabe, von hundert interessanten Dingen zu plaudern, außer unter vier Augen mit dem Kleinen, wo sie nie um eine hübsche Geschichte verlegen war. Seiner Mutter gegenüber verhielt sie sich merkwürdig einsilbig. Sie sprach sich selbst darüber aus. „Die Menschen — und es sind auch nur wenige — mit denen ich umgehe, sind Ihnen fremd, und ich fühle mich auch ihnen gegenüber fast wie eine Fremde, wie wenn ich vor der Zeit dem Leben abgestorben wäre. Es tut mir so leid, dass ich Ihnen keine heitere Gesellschaft sein kann, denn ich merke wohl, Sie bedürften etwas anderes als meinen Umgang. Ich sehe Sie manchmal in eine so tiefe Schwermut versinken, dass selbst ein lustiges Wort Rudis ungehört an Ihrem Ohr vorbeigeht.“
„Machen Sie sich keine Sorge darüber,“ versetzte Justine. „Es ist wahr, ich bin an Tätigkeit gewöhnt, meine Wirtschaft fehlt mir hier, dann die vielen Bekannten, die mich überlaufen, und auch für den Jungen habe ich zu Hause mehr zu sorgen, da Annette alt und etwas schwachsinnig wird und ich das Kind ihr nicht so ruhig anvertrauen kann wie Ihnen. Aber das alles ist es nicht! Es ist — ich weiß nicht was. Ich glaube fast, das Alter meldet sich schon — obwohl ich noch gar nicht so recht jung gewesen bin.“ Sie neigte sich, plötzlich wieder in heiterer Laune, zu dem Knaben hinab, küsste ihn auf die Stirn und sagte: „Weisst du etwa, Rudeli, was der Mama fehlt?“ — „Papa soll kommen!“ rief der Kleine und hing sich an den Hals der Mutter. Diese nahm ihn auf den Arm und lachte, indem sie errötete: „Du dummer kleiner Kerl! Der Papa hat zu arbeiten, der lässt die Mama ja oft ganze Tage lang allein. Rudeli wird es nicht anders machen, wenn er groß geworden ist.“

Frau Marie ging leise aus dem Zimmer. Es war ein Regentag, an die abendliche Wanderung nicht zu denken. Frau Justine setzte sich, nachdem sie dem Knaben seine Soldaten gegeben hatte, an den Schreibtisch, um wieder einmal ihrem Manne Nachricht zu geben, was sie seit drei Tagen versäumt hatte. Sie kam aber nicht über die erste Seite. Was hatte sie auch zu berichten? Was erlebte sie? Wofür stärkte sie sich eigentlich durch diese Stahlbäder, da sie für eine stahlfeste Kraft keine Verwendung hatte? Höchstens würde sie noch ein paar Kinder zur Welt bringen, aber auch die würden mit der Zeit groß werden und die Leere ihres Daseins nicht ausfüllen. Sie schob die Mappe mit dem angefangenen Brief zurück und sann vor sich hin. „Wenn ich nur ein Talent hätte!“ seufzte sie halblaut. „Eine Leidenschaft ist mir ja versagt. Aber ein großes, wirkliches Talent, das soll ja Ersatz dafür sein! Törichte Gedanken! Frau Marie hat Recht, ich sollte dankbarer sein, dass ich den herrlichen Buben habe. Komm, Rudeli, wir wollen einmal eine furchtbare Schlacht aufführen!“

Die alte Freundin trat wieder herein. Sie hatte in dem kleinen Buchladen Thackerays „Vanity fair“ gekauft, wovon sie neulich Frau Justinen erzählt hatte, als diese ihr von ihrer Vorliebe für die englische Literatur und ihrer Abneigung gegen die neueren französischen Romane gesprochen hatte. Thackeray kannte sie noch nicht. Nun nahm sie den Tauchnitzband erfreut entgegen, ging sogleich daran, ihn aufzuschneiden, und überließ die schon begonnene Schlacht der guten Tante. Dann vertiefte sie sich den ganzen Abend bis tief in die Nacht hinein in ihre Lektüre.

Fast eine Stunde später als sonst, mit einem ganz verwandten Gesichte, kam sie am andern Morgen von ihrem Brunnengang zurück. „Sie müssen mich entschuldigen, liebe Freundin,“ rief sie Frau Marien entgegen, die schon lange mit dem hungrigen Knaben vor dem gedeckten Frühstückstisch saß, „ich bin ganz gegen meinen Willen so lange aufgehalten worden! Denken Sie, eben wie ich in den Anlagen draußen meine halbe Stunde abgelaufen habe und nun eilig die überfüllte Allee kreuzen will, um pünktlich zum Frühstück einzutreffen, höre ich eine bekannte Stimme hinter mir: ,So eilig, gnädige Frau? Darf Ihnen ein alter, längst vergessener Verehrer nicht erst noch Guten Morgen sagen?‘ — Wer war es? Ein junger Leutnant, der vor drei Jahren bei uns in Garnison gestanden und sich in unserm Hause eingeführt hatte als ein entfernter Vetter meines Mannes, ein Herr Gaston von Wendheim, der bei den Chevauxlegers stand. Seine Großmutter war eine geborene Lindblatt gewesen, die weitere Genealogie wurde mir nie recht klar. Nun ging er, auf diese Vetternschaft pochend, ganz zwanglos bei uns ein und aus, und mein Mann sah ihn gern, da er ein lustiger Kamerad war und dabei gutmütig und bis auf einen tollen Leichtsinn ganz anständig. Auch war er ein flotter Tänzer, und auf den Bällen im Kasino brauchte ich nicht zu befürchten, sitzen zu bleiben, obwohl ich ihm nur ein paar Tänze geben konnte. Ist es bei Ihnen auch so dumm eingerichtet, dass eine verheiratete Frau, wenn sie auch noch so jung und tanzlustig ist, den jungen Mädchen ja keinen Tänzer wegnehmen darf? Kurz, dieser Vetter Gaston machte mir ein bißchen den Hof, ganz unschuldig, versteht sich! Er ist auch drei Jahre jünger als ich, nannte mich seine mütterliche Freundin und ließ sich von mir mit zerknirschter Miene seine Sünden Vorhalten, wenn er irgend einen tollen Streich gemacht hatte, von dem die ganze Stadt sprach. Eigentlich Schlimmes war nie dabei, und dass er für einen gefährlichen Herzenbrecher galt — nun, ein junger Leutnant von zweiundzwanzig Jahren rechnet sich das nicht zum Verbrechen. Er blieb aber nur einen Winter bei uns, dann wurde das Regiment versetzt; wie viele heiratsfähige Töchter ihm nachweinten, davon schweigt die Geschichte! Vetter Gaston hatte versprochen, zuweilen von sich hören zu lassen, aber keine Zeile kam, er hatte natürlich an andere zu denken, als an seine mütterliche Freundin.
„Und nun lasen wir in diesem Winter in der Zeitung, dass unser mauvais sujet von Gaston ein Duell gehabt habe, mit einem Assessor oder sonst einem juristischen Herrn, und habe ihn schwer verwundet, selbst nur einen Streifschuß erhalten und drei Monate Festung. ,Das wird ihn hoffentlich dazu bringen, in sich zu gehen und ein bißchen vernünftiger zu leben,‘ sagte mein Mann. Wirklich scheint er recht zu behalten! Denn wie der arme Büßer eben vor mich hintrat, schien er mir ganz verwandelt. Nicht bloß, weil er in Zivil war. Sein Gesicht war blasser und magerer geworden, was ihm eigentlich gut steht, sein Schnurrbärtchen stärker, seine Miene viel ernsthafter. Er ist hier auch zur Kur, denn die Festungszeit habe ihn doch stark heruntergebracht. Und nun war er sehr froh, seine gestrenge Frau Cousine hier anzutreffen, und bat mich, auch hier seine Aufführung zu überwachen. Nun, ich werde nicht viel von ihm zu sehen bekommen! Er hat hier noch andere Bekannte, jüngere und aus seinen Kreisen, eine Baronin X. — ich habe den Namen nicht verstanden, und ein ebenfalls adliges junges Ehepaar, mit denen er mich gleich bekannt machte. Sie begreifen, dass ich da nicht sogleich loskam. Aber nun wollen wir frühstücken! Ich bin ganz erschöpft von dem vielen Schwatzen.“

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