Der Schutzengel – Novelle von Paul Heyse – 4. Fortsetzung

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Sie legte Hut und Cape ab und setzte sich zu ihrem Kinde. Ihr Gesicht war lebhaft gerötet, in ihren Augen ein flackernder Glanz. — „Papa hat dir wieder einen Brief geschickt, Mammi,“ sagte das Kind und reichte ihn mit der kleinen Hand der Mutter hin. „So?“ sagte die junge Frau, indem sie den Brief achtlos an sich nahm. „Wollen Sie so gut sein, liebe Freundin, nach unserm Tee zu klingeln?“ — Dann fing sie wieder an, von den neuen Bekanntschaften zu reden, die sie eben gemacht, und dem Vetter ein paar Geschichten nachzuerzählen, die der von der Festung mitgebracht hatte. Frau Marie hörte mit zerstreuter Miene zu und war noch schweigsamer als sonst. Als sie nach einer Stunde wieder hereinkam, Mutter und Kind zu dem täglichen Bade zu begleiten, sah sie den Brief des Mannes, der morgens gekommen war, noch unerbrochen auf der Schreibmappe liegen.

Sie war heute sehr ungleicher Laune, die reizende junge Frau, antwortete manchmal verkehrt auf eine Frage der Alten, schalt das Kind heftig um ein kleines Versehen und liebkoste es dann wieder so ungestüm, dass der Kleine mitten unter ihren Küssen zu weinen anfing. Dabei sah sie schöner aus als je. Alle Vorübergehenden wandten sich nach ihr um. Eine große, auffallend kokett gekleidete Dame, nicht mehr ganz jung und stark gepudert, die ebenfalls nach dem Badehause ging, grüßte sie mit einem vertraulichen Nicken und sagte etwas zu ihrem Begleiter, einem stutzerhaften Herrn, der lächelnd den Hut zog. — „Ist das der Herr Gaston?“ fragte Frau Marie. „Wo denken Sie hin!“ erwiderte Frau Justine. „Die Dame ist die Baronin, von der ich Ihnen gesagt habe, eine Witwe, der Herr neben ihr so etwas wie ihr Verlobter. Sie haben sich hier ein Rendezvous gegeben, ich habe wohl gemerkt aus Gastons Andeutungen, dass es mit ihrer Vergangenheit nicht ganz richtig ist. Was geht es mich an? An so einem Badeort findet man eine sehr gemischte Gesellschaft. Gaston aber — der hat keine so frivole Miene wie der Herr dort! Es geht ihm sehr nahe, dass er seinen Gegner so schwer verwundet hat. Und der Anlass zu dem Duell war auch nicht etwa eine Tänzerin, sondern ein heftiger politischer Zank, wobei der andere ehrenrührige Äußerungen über das Militärsystem tat. Wenn Sie Gaston kennen lernen — aber da wartet schon meine Badefrau!“

Die Bekanntschaft mit dem neuen Kurgast sollte heute noch gemacht werden. Als die beiden Frauen zu Mittag sich eben von ihrem kleinen Tische erhoben, von dessen Fruchtschale Rudeli sich nur zögernd trennte, öffnete sich die Tür des großen Speisesaals, und ein schlanker junger Herr trat rasch herein. „Was hör‘ ich, Frau Cousine!“ rief er mit einem elegischen Ton. „Sie dinieren hier den anderen voraus und verschwinden, sobald die Tischglocke läutet? Und ich wollte eben den Oberkellner bestechen, mich neben Sie zu setzen, um während der langweiligen Abfütterung eine Unterhaltung zu haben! Aber Sie müssen mir nun erlauben, in Zukunft an Ihrem Katzentischchen Platz zu nehmen. Wie reizend waren die Mittage in Ihrem gastlichen Hause, wenn auch Vetter Eduard mir manchmal zwischen Fisch und Braten harte Dinge zu schlucken gab!“ Die junge Frau war von einer dunklen Röte übergossen worden, als Gaston erschien. Jetzt aber sagte sie mit ruhiger Stimme:„Erlauben Sie, liebe Freundin, dass ich Ihnen einen Vetter meines Mannes vorstelle — Leutnant Gaston von Wendheim — Frau Marie Herbst.“ Dann, zu dem jungen Mann gewendet, der eine nachlässige Verbeugung machte: „Wie kommen Sie hierher, Gaston? Sie sagten mir doch, Sie wohnten im ‚Rheinischen Hof‘?“ — „Aus dem ich hierher geflüchtet bin, teure Cousine, weil es dort nicht auszuhalten war! Sagen Sie selbst: ich saß bei Tische zwischen einem blonden Gänschen von Gutsbesitzerstochter, deren Mama mich um jeden Preis zum Schwiegersohn zu bekommen wünschte, und einem alten Fräulein, dass mich für die Frauenbewegung zu interessieren suchte, gegenüber ein alter Konsistorialrat, der kein Wort sprach, mich aber mit Blicken durchbohrte, da er zufällig hörte, dass ich von der Festung kam. Unter solchen Umständen konnte mir selbst eine bessere Küche als die des Rheinischen Hofes nicht bekommen, und so bin ich Knall und Fall übergesiedelt, in Ihren dritten Stock hinauf, leider am anderen Ende des Korridors. Aber ich hoffe, Sie erlauben mir dennoch gute Nachbarschaft zu halten.“

Frau Justine hatte ihr rosiges Gesicht in möglichst strenge Falten gelegt. „Gewiss,“ sagte sie sehr bestimmt, „wir werden uns ja öfter begegnen, draußen auf der Kurpromenade und in der Umgegend, wo wir jeden Nachmittag uns ergehen. Im Hause aber bedaure ich Ihren Besuch nicht empfangen zu können, ich habe keinen Salon, sondern nur das eine Zimmer, wo ich mit Rudeli schlafe. Und was Ihren Wunsch betrifft, hier mit uns vorauszuspeisen, so kann ich auch den nicht erfüllen! Wir sitzen nicht lang‘ bei Tische, und da bin ich nur Mutter, lege dem Kinde vor und schneide ihm sein Fleisch — von einer amüsanten Unterhaltung, wie sie Ihnen vorschwebt, kann da nicht die Rede sein! Sie werden an der Table d’hote mehr Ihre Rechnung finden, es sind sehr hübsche Damen hier, und wenn Sie denen ein bißchen den Hof machen, wird Ihre mütterliche Freundin wegen der Badefreiheit durch die Finger sehen. Adieu, lieber Gaston!“ — Sie nickte ihm zu und zog den Knaben mit sich fort, während Frau Marie mit einem ernsten Neigen des Kopfes sich von dem sehr verblüfften jungen Herrn verabschiedete.

„Hab‘ ich’s ihm nicht gut gegeben?“ fragte Frau Justine noch ganz atemlos vor Eifer, während sie im Lift hinauffuhren. „Solch eine Idee! Sich ganz an uns anzuschließen, damit wir der gesamten Badegesellschaft was zu schwatzen geben! Denn ich kann doch nicht jedem, dem diese Intimität auffällt, auseinandersetzen, dass seine Großmutter eine geborene Lindblatt war und der junge Leichtfuß daher mein angeheirateter Vetter im dritten oder vierten Grade ist. Übrigens bin ich überzeugt, dass er sich bei seiner Übersiedlung zu uns nichts Böses gedacht hat. Er muss nur ein bißchen erzogen werden.“ — „Ich fürchte, liebe Freundin, Ihre Erziehung wird nicht viel fruchten. Dem jungen Herrn, so demütig er sich stellt, sieht der Schalk aus den Augen, um nicht Schlimmeres zu sagen. Von der Schwermut wenigstens und der Reue über das Unheil, das seine Kugel angerichtet, habe ich auf seinem hübschen Gesicht nichts entdecken können.“ — „Finden Sie ihn also auch hübsch? O, er war viel hübscher vor drei Jahren, so ein blutjunges Bürschchen, nur mit einem Anflug von Bart, und Wangen wie Milch und Blut, dabei schon voller Übermut und ein schneidiger Offizier! Seitdem soll er ein bißchen sehr flott gelebt haben; ich bin froh, für seine Aufführung nicht mehr verantwortlich zu sein. Aber so lange: wenigstens, als wir unter einem Dache leben, soll er mir nicht über die Schnur hauen!“

An diesem Tage ließ sich Frau Justinens junger Zögling nicht mehr blicken. Er hatte sich die Abfertigung durch seine mütterliche Freundin offenbar hinters Ohr geschrieben oder grollte ihr wegen der so wenig liebevollen Aufnahme, die seine ehrerbietige Huldigung bei ihr gefunden hatte. Auch wurde sein Name zwischen den beiden Frauen nicht mehr genannt, und Frau Justine schrieb einen Brief an ihren Mann, der doppelt so lang war als ihre gewöhnlichen, ganze vier Seiten ihrer großen, steilen Handschrift, von der nicht über sieben Zeilen auf die Seite gingen.
Am nächsten Nachmittag aber, als sie in ihrem gewohnten Wägelchen einen der anmutigsten Waldwege hinfuhren, hörten sie plötzlich das Klingen von Pferdehufen hinter sich und sahen gleich darauf die schlanke Gestalt des jungen Leutnants auf einem derben, schwerfälligen Braunen neben ihrem Wagen vorbeitraben. Er lüftete grüßend den etwas schiefsitzenden runden Hut und schien ohne weiteres sich entfernen zu wollen. Dann zog er aber doch die Zügel an, wandte sich im Sattel um und rief: „Guten Abend, meine Damen! Ich will Sie nicht weiter belästigen, nur, da Sie ortskundiger sind, um freundliche Auskunft bitten, ob der Weg nach der Schneidemühle rechts oder links abgeht.“
Seine Stimme klang ganz verändert, nicht so keck und hell wie gestern, sondern wie wenn er sich Mühe geben müsse, überhaupt das Schweigen zu brechen. Auch von seinem Gesicht, das ernster und männlicher erschien, war jeder Hauch von Übermut geschwunden. Frau Justine sah ihre Begleiterin fragend an. „Wir fahren denselben Weg,“ sagte sie dann. „Wenn Sie sich neben unserm Wagen halten wollen— aber Sie ziehen wohl ein rascheres Tempo vor?“ — „Ich vielleicht,“ erwiderte er mit einem trübsinnigen Lächeln. „Ich habe mir den Gaul gemietet, um mir ‚Ruhe zu erreiten‘. Da er aber auch seine Ruhe liebt, können wir uns nicht verständigen. Sehen Sie nur, was für eine schwere Maschine mir der Pferdeverleiher aufgeschwatzt hat. Es war freilich gerade nichts Besseres in seinem Stall vorrätig. Möchtest du etwa einen Ritt mit mir machen, junger Freund?“ wandte er sich an den Knaben, der kein Auge von dem Pferde verwandte. „Sie können mir das Bübchen dreist anvertrauen, Frau Cousine. Hier vor mir auf dem Sattel sitzt er so sicher wie in Abrahams Schoß.“

Dem Kleinen leuchteten die Augen. Er bat so unwiderstehlich, dass die Mutter es ihm nicht versagen konnte. Sie ließ halten, Gaston beugte sich zu dem Knaben hinab und hob ihn zu sich aufs Pferd, ihn mit dem linken Arm festhaltend, während die kleinen Hände in die Mähne griffen. So trabten sie eine gute Weile in mäßigem Tempo neben dem Wagen hin, während der Vetter mit Frau Justine eine ziemlich unbedeutende Unterhaltung führte, immer in einem halb kummervollen, resignierten Ton, wie unter dem Druck eines schweren, geheimnisvollen Schicksals. An Frau Marie sah er beharrlich vorbei. Er schien zu wissen, dass er an ihr eine stille Gegnerin hatte, die sein Spiel durchschaute. Der ängstlichen Mutter, die anfangs bei jeder lebhaften Bewegung des Pferdes zusammengefahren war, wurde immer leichter ums Herz, da sie ihren Kleinen so sicher geborgen und in hellem Jubel über seinen Ritt auf einem „wirklichen“ Pferde sah. So gelangten sie endlich zu dem Waldwege, der von der Landstraße ab nach der Schneidemühle führte. Da gab der Leutnant seinem Pferde plötzlich die Sporen, dass es sich in rascheren Trab und bald in Galopp setzte, und nach fünf Minuten waren die Reiter den nachspähenden Frauen aus den Augen. Die erste Regung der erschrockenen jungen Frau war, dem Entführer ihres Lieblings nachzurufen. Dann besann sie sich, dass er schwerlich darauf hören werde, und wandte sich zu ihrer Begleiterin: „Da sehen Sie, wie er es treibt! Jedem Einfall lässt er die Zügel schießen und bedenkt nicht die Folgen.“ — „Ängstigen Sie sich nicht, Liebe,“ versetzte die andere. „Unserm Kinde wird nichts geschehen. Wenn bei allem, was Ihr Vetter in seinem Übermut anfängt, für ihn und andere so wenig Gefahr wäre —!“
Wirklich kamen ihnen, nachdem sie noch zehn Minuten in einiger Bangigkeit hingerollt waren und bei der Schneidemühle anlangten, die beiden kühnen Reiter zu Fuß entgegen; das Kind lief auf die Mutter zu und erzählte ihr, es sei himmlisch gewesen, er sei nur so geflogen. Gaston, als er der Mutter aus dem Wagen half, küsste ihr mit zerknirschter Miene die Hand: er habe der Bitte des lieben Jungen, rascher zu reiten, nicht widerstehen können, er wolle sich jeder Buße unterwerfen. — „Für diesmal soll Ihre Strafe nur darin bestehen, dass Sie uns zwei alten Frauen bei unserm frugalen Abendessen Gesellschaft leisten,“ sagte die junge Frau, ihm mit dem Finger drohend. „Man kann hier nichts haben als einen Eierkuchen und frische oder saure Milch. Sie werden Ihr Souper wohl erst nachher im Kasino einnehmen.“ — „Ich schwärme für Milch,“ erwiderte er, die Hand mit drolligem Ernst aufs Herz legend. „Da ich mit Freund Rudi auf einem Sattel geritten bin, werden Sie mir Wohl erlauben, mit ihm aus einer Schüssel zu essen.“

Bei der Heimkehr durfte der Kleine, so leidenschaftlich er darum bat, nicht wieder aufs Pferd steigen. Er musste im Wagen zwischen den beiden Frauen sitzen, sah aber beständig zu „Onkel Gast“ hinauf, der, nebenher reitend, sein schwerfälliges Tier zu allerlei widerwilligen Sprüngen zwang, um seine Reitkunst glänzen zu lassen. Der Mond war aufgegangen und beleuchtete seine schlanke Gestalt, zeichnete das hübsche, kecke Profil gegen den Waldhintergrund und ließ die festen weißen Zähne unter dem schwarzen Schnurrbärtchen blitzen. Ein Bild strotzender Jugendkraft, das selbst die gestrenge Frau Marie, so wenig sie dem jungen Herrn hold war, mit widerstrebendem Wohlgefallen betrachten musste.
Frau Justine schien keine Augen dafür zu haben. Sie lag mit zurückgelehntem Haupt im Wagen, die Lider halb zugedrückt, die vollen Lippen halb geöffnet, wie in einen Traum versunken, der sie der umgebenden Gegenwart weit entrückte. Doch verschwand das Lächeln bald wieder von ihrem Gesicht, das der Mond silberblass färbte, das Fältchen zwischen ihren Brauen erschien, und der Mund, der heftig die weiche Nachtlust einsog, schien sich dürstend nach einem stärkeren Trunk zu sehnen. Zuweilen schauerte sie leicht zusammen. Die alte Freundin hob ihr die Wagendecke höher über die Brust hinauf. Sie nickte dankbar und schloss dann völlig die Augen.

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