Der Schutzengel – Novelle von Paul Heyse – 5. Fortsetzung

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Eine solche Fahrt wiederholte sich nicht mehr, und auf die Frage des Knaben, wann er wieder mit dem guten Onkel reiten dürfe, antwortete die Mutter, der Papa werde schelten, wenn er es erführe. Im übrigen war von dem Gatten der jungen Strohwitwe nicht viel die Rede, wie auch die Briefe an ihn immer seltener wurden. Frau Justine hatte immer weniger Zeit zum Schreiben. Sie kam jetzt täglich beim Brunnen mit den neuen Bekannten zusammen, von denen sich die schüchterne „Jugendfreundin“ mit ihrer dürftigen Toilette fern hielt. So verspätete sich das Frühstück, und die übrige Tagesordnung musste sich gefallen lassen, gleichfalls vorzurücken. Nachmittags aber durfte sie auf dem Lawn-Tennisplatz nicht fehlen. Gaston war ein berühmter Spieler und hatte ihren Unterricht zur Ehrensache gemacht. Ihre Gegner waren gewöhnlich die Baronin mit ihrem „Freunde“ — „eine ganz angenehme Dame,“ versicherte Frau Justine, „und sie beträgt sich gegen mich so ausgesucht liebenswürdig, dass es unartig wäre, mit ihr nicht verkehren zu wollen.“ Zuweilen nahm auch das junge adlige Paar am Spiele teil. Es gingen allerlei Gerüchte herum, sie seien nicht eigentlich verheiratet. Aber wer ist berufen, all solchen Gerüchten auf den Grund zu gehen? Wenn sie in derselben Stadt mit ihr lebten, würde sie es genauer damit nehmen! Aber hier in diesem „neutralen“ Ort die Prüde zu machen, wäre lächerlich und würde sie in den Ruf einer „Landpomeranze“ bringen. — Ob auch ihr Mann damit einverstanden sein würde? — Gewiss. Der habe das Zutrauen zu ihr, dass sie stets mit sicherem Takt das Rechte tun werde. Und dann schreibe er ja auch in jedem Briefe, er wünsche nichts mehr, als dass sie sich gut unterhalten möge, das sei für ihre Erholung wenigstens ebenso wichtig wie die Stahlquelle. Hernach habe sie Zeit genug, in dem einförmigen häuslichen Leben Buße zu tun, wenn Tennisspielen überhaupt eine Sünde wäre!

Die kluge alte Frau hörte diese Reden, aus deren lebhaftem Ton der Beschwichtigungsversuch eines nicht ganz freien Gewissens hervorklang, mit ernster Miene an, ohne ein anderes Wort zu erwidern, als: „Wenn Ihr Mann damit einverstanden ist —!“ Auch schien sie sich für die häufigen langen Abwesenheiten der Mutter entschädigt zu fühlen, da nun das Kind noch ausschließlicher ihr angehörte. Einmal nahm sie den Knaben nach dem Tennisplatze mit, wo er sich aber langweilte. „Warum spielt die Mama nicht lieber mit Rudi Ball?“ fragte er. Tante Marie war um eine Antwort verlegen, so gut sie den Grund mit Augen sah. Es war wirklich ein hübsches Schauspiel, wie Vetter Gaston in seinem leichten Tenniskostüm, das seinen elastischen Wuchs vorteilhaft hervorhob, sich hin und her schwang, das hübsche Gesicht vom Eifer des Spiels gerötet, mit strahlenden Augen und lachenden Lippen Bravo! rufend, wenn seine mütterliche Freundin seiner Schule einmal besonders Ehre gemacht hatte. Und doch flog ein Schatten über das nachdenkliche alte Gesicht. „Komm, Rudeli,“ sagte die treue Hüterin. „Hier amüsieren wir uns nicht besonders. Wir wollen sehen, ob du heute vielleicht im Eselwäglein fahren kannst!“

Frau Justine schien es ganz in der Ordnung zu finden, dass her Kleine ohne besonderen Abschied sich entfernte. Nur „Onkel Gast“ nickte ihm zu. Und diesen ganzen Tag hatte seine Mutter nur noch eine halbe Stunde für ihn, die auch mit der Sorge für die Abendtoilette ausgefüllt wurde. Eine fremde Sängerin hatte im Saal des Russischen Hofes ein Konzert veranstaltet, zu einem wohltätigen Zweck, da in einem benachbarten Dorf ein Brand ausgebrochen war. Gaston hatte für sie und Frau Marie Billette besorgt: der Kleine, meinte er, könne für den einen Abend wohl der Aufsicht eines Zimmermädchens anvertraut werden. Davon wollte die alte „freiwillige Kinderfrau“, wie der Leutnant sie nannte, nichts hören. Sie bezahlte ihr Billet mit dem doppelten Preise, blieb aber zu Hause.
Um Zehn sollte das Konzert zu Ende sein, es war kurwidrig, später aufzubleiben. Es schlug aber Elf, dann Zwölf, das Kind schlief langst seinen ruhigen Schlaf, den die gute Tante behütete, immer noch war die Mutter nicht zurückgekehrt. Endlich, eine halbe Stunde nach Mitternacht, wurden in dem sonst schon ganz stillen Hause rasche Schritte und ziemlich laute Stimmen vernehmbar die sich der Tür von Frau Justine näherten. Die alte Frau hörte, wie diese vor der Schwelle ihre Stimme dämpfte und lebhaft sagst: „Sie sind toll, Gaston! Sie haben zu viel Sekt getrunken!“
„Aber, teuerste Cousine,“ erwiderte er, „nur einen Augenblick, nur um meinem kleinen Freund in seinem Bettchen einen Kuss zu geben, da seine grausame Mama ihrem armen Vetter eine solche ganz unverfängliche Gunst versagt.“
Und dann die junge Frau: „Still! Sie verlassen mich augenblicklich, und wenn Sie noch einmal vergessen, wie Sie sich mir gegenüber zu betragen haben — Gute Nacht!“
Die Tür wurde behutsam geöffnet, das schwache Licht der Gasflamme ließ den jungen Sünder draußen einen Augenblick sehen, wie er in gespielter Demut sich tief verneigte, dann schloss sich die Tür vor seiner Nase, und Frau Justine trat mit unsicherer Gebärde ein.

„Sie noch auf, liebe Freundin?“ sagte sie rasch und errötete noch tiefer. „Aber so war es ja gar nicht gemeint! Wenn Sie ruhig zu Bett gegangen wären und nur die Tür zwischen den beiden Zimmern offen gelassen hätten, so hätten Sie ja jeden Laut des Jungen gehört. Ich — es ist wohl ein bißchen spät geworden — wahrhaftig, schon über Zwölf! Aber es war keine Möglichkeit, früher loszukommen. Das Konzert freilich — an dem haben Sie nicht viel verloren. Ein sehr mäßiger Kunstgenuss, die Stimme schon ausgesungen, sehr fragwürdige Schule und affektierter Vortrag. Das Beste waren die paar Klavierstücke, die die polnische Gräfin — Sie wissen, die immer im Rollstuhl fährt — zwischen dem Gesang zu hören gab, und auch die Bachsche Chaconne, die der Freund der Baronin spielte — wirklich mehr als ein Dilettant! Hernach wollte ich mich gleich entfernen, ich war schrecklich müde, aber sie hielten mich mit Gewalt fest, ich sähe so bleich aus, ich dürfe nicht schlafen gehen, ohne soupiert zu haben. So blieben wir in dem kleinen Salon des Hotels beisammen, der gewöhnliche intime kleine Kreis, und aßen sehr gut und es wurde sehr animiert, und so vergaß man ganz die Zeit. Das Kind wusste ich ja gut aufgehoben, und Gaston sorgte dafür, dass ich ‚nicht ungeleitet nach Hause gehen‘ musste. Nein, wie süß der Junge schläft! Aber Sie, Ärmste — es ist unverantwortlich. Nun gehen Sie nur rasch zu Bett, und nicht wahr, Sie sind mir nicht böse? Wenn ich es glauben soll, müssen Sie mir einen Gutenachtkuss geben.“

Sie hielt der Alten mit der Miene eines schuldbewussten Kindes, das sich Verzeihung erschmeicheln möchte, ihr erhitztes Gesichtchen hin, die alte Frau drückte aber nur auf ihre Stirn einen leisen Kuss und sagte, sich schon nach der Türe wendend: „Was hülfe es, wenn ich Ihnen böse sein wollte? Sie sind jung und ich bin alt. Wir haben verschiedene Bedürfnisse und verstehen uns in manchen Dingen nicht. Schlafen Sie wohl! Mir sind die Stunden an dem Bettchen unseres Kindes nicht zu lang geworden.“

Noch stundenlang kam kein Schlaf in die Augen der alten Frau.
Als sie dann am späten Morgen aus unsteten Träumen erwachte und erschrak, da vor ihrem Fenster schon die helle Sonne stand, hörte sie nebenan die leise Stimme der jungen Frau und dazwischen ein helles Lachen des Kindes, das die Mutter vergebens zu dämpfen suchte.
Sie erhob sich rasch, warf ihr Morgenkleid über und öffnete die Tür zu ihren Nachbarn. Da sah sie das schlanke nackte Gestältchen des Knaben in der Badewanne stehen und die nassen Ärmchen ausbreiten, die Mutter zu umfassen, die sich des übermütigen kleinen Wichts kaum erwehren konnte, um in ihrem Geschäft fortzufahren.
„Tante Marie!“ rief der Kleine, „Rudi wird heute von Mammi gebadet, weil Tante Marie so lange geschlafen hat.“
„Tante Marie muss sich schämen,“ sagte die alte Freundin, indem sie rasch hinzutrat. „Aber nun, Liebe, bin ich da, nun überlassen Sie mir unser Kind, Sie kommen sonst zu spät zum Brunnen.“
„Ich werde heut‘ überhaupt nicht hingehen,“ erwiderte Frau Justine, während sie den Knaben in die warme Decke hüllte und seine feuchten Glieder rieb. Sie hielt dabei das Gesicht,das rot angehaucht war, der Alten abgewendet. „Und auch in Zukunft — es war Unrecht, dass ich der guten Jugendfreundin untreu geworden bin. Ich stehe wieder früher auf und bin zu Rudelis Toilette zurück.“

„Wollen Sie mich so hart strafen, weil ich heut‘ ein einziges Mal meine Kinderfrauenpflicht versäumt habe?“
„Wie können Sie glauben, teure Freundin! Nein, ich habe mich nur diese Nacht besonnen, dass Sie sehr Recht hatten, mich für eine schlechte Mutter zu halten. Leugnen Sie es nicht, das taten Sie, wenn auch nur in Ihrem Herzen! Ich werde nun meinen guten Jungen nicht mehr so viel allein lassen; nicht wahr, Rudeli, du wirst wieder mit Mama spielen?“
„Auch Ball, Mammi?“
„Auch Ball, mein Herzblatt. O, liebe Freundin, halten Sie mich nicht für ein herzloses Geschöpf, dem nur an seinem Vergnügen gelegen ist. Ich habe nur einen Augenblick vergessen, dass ich eine alte Frau bin, für die Spiel und Tanz vorbei ist. Beurteilen Sie mich nicht zu streng. Sehen Sie, ich habe es Ihnen ja schon gesagt, dass ich keine Jugend gehabt habe. Und Sie wissen auch den Grund. Wenn meine Mutter mich nicht verlassen hätte, wäre es anders gekommen. Aber bei dem Vater, der so tief verbittert und freudlos war und sich nicht vorstellen konnte, dass ein junges Ding noch etwas anderes bedarf, als über den Büchern oder am Nähtisch zu sitzen und Sonntag nachmittags den Papa auf einem trübseligen Spaziergang zu begleiten — von einem Verkehr mit lustiger junger Gesellschaft keine Rede, kaum dass er mir erlaubte, einmal ein paar Schulfreundinnen zu mir einzuladen, und jede Aufforderung zu einem Tanzkränzchen oder gar zu einem öffentlichen Ball schlug er mit finsterer Miene ab — o liebe Freundin, ich sagte es Ihnen schon, die eingefrorenen Waldhornklänge —! Nun seh‘ ich wohl, ich hab‘ es verspielt. Wenn sie einmal auftauen wollen, ist es klüger, ich halte mir die Ohren zu. Es ist nur nicht leicht, mit fünfundzwanzig Jahren den Füßen das Zucken zu verbieten, wenn ein Walzer gespielt wird.“

Unter diesen hastig hervorgesprudelten Worten hatte sie den Kleinen vollends angezogen und beugte sich jetzt auf seinen frisch gestrählten Lockenkopf hinab, die Tränen zu verbergen, die ihr still über die Wangen liefen. Die alte Freundin stand daneben, ihre tiefe Erschütterung machte es ihr unmöglich, ein Wort vorzubringen. Sie umfasste endlich die junge Gestalt, als sie sich aufrichtete und mit der Hand über die Augen fuhr. „Verzeihen Sie mir, liebes, teures Kind!“ flüsterte sie.
Da drückte die junge Frau ihr Gesicht heftig an die Brust der alten Freundin. „Was hätt‘ ich Ihnen zu verzeihen?“ schluchzte sie. „Dass Sie mir zürnten, war ja nur natürlich! Aber von jetzt an, ich verspreche es Ihnen —“
„Warum weint Mammi und Tante Marie?“ rief das Bübchen, sich zwischen sie drängend. „Rudi ist hungrig, Rudi will seine Milch. Mammi soll wieder lachen und dann mit Rudeli Ball spielen.“
Die Mutter hob den Knaben auf und küsste ihn. „Ja, mein Liebling,“ sagte sie, „du sollst die Jugend haben, die deine Mutter nicht gekannt hat! Und heute soll Rudeli gleich an den Papa schreiben und ihn schelten, weil er noch immer nicht sein Versprechen  gehalten und seinen guten Jungen besucht hat.“

Nur noch zwei Tage, und die Hälfte von Frau Justinens „Strafzeit“, wie sie ihre sechswöchige Badekur nannte, war verstrichen. Nach drei Wochen hatte ihr Arzt einen Besuch des Mannes erlaubt. Nach den Briefen aber, in denen der zärtliche Strohwitwer seine Ankunft zu der festgesetzten Frist mit überschwenglicher Freude angekündigt hatte, waren andere, kleinlautere gekommen, die es als zweifelhaft erscheinen ließen, ob ein schwieriges Geschäft sich bis dahin werde abwickeln lassen. Frau Justine hatte sich augenscheinlich ohne sonderlichen Kummer in einen längeren Aufschub ergeben. Jetzt war sie plötzlich von einer heftigen Ungeduld erfüllt und schrieb, indem sie dem Knaben auf einem großen Briefbogen die Hand führte, eine nachdrückliche Mahnung an den Papa, alles stehen und liegen zu lassen und sie in ihrer Verbannung zu trösten.

Sie war dann den Tag über wieder in der gleichmütigen Stimmung, wie in der ersten Zeit. Auf dem Wege ins Bad begegnete ihnen Vetter Gaston, Rudeli wollte zu ihm laufen, die Mutter hielt aber sein Händchen fest und erwiderte den Gruß des jungen Herrn, der sie bedeutungsvoll anblickte, mit einem gemessenen Kopfnicken. Nachmittags auf dem Tennisplatz erschien sie nicht. Dafür nahm sie auf dem Spaziergang in den entfernteren Anlagen Rudis Ball mit, und sie spielten damit zu dreien eine halbe Stunde lang zu großem Entzücken des Kleinen, der eine besondere Geschicklichkeit im Fangen hatte. Dann freilich bat sie die Freundin, bei ihm zurückzubleiben. Sie habe ein Verlangen nach Einsamkeit und möchte eine Stunde für sich allein herumstreifen.

Am andern Tage, einem Sonntag, kam ein Brief ihres Mannes. Rudelis Mahnung habe ihm scharf ans Gewissen gegriffen, an sein väterliches, das von seinem andern, seinem Geschäftsgewissen, ein wenig tyrannisiert worden sei. Wenn der Himmel nicht inzwischen einfalle, werde er am nächsten Tage, als am Montag Mittag, Frau und Kind an sein Herz drücken. Worauf er sich unsinnig freue. Für Rudeli habe er schon eine vollständige Ausrüstung zum Chevauxleger gekauft, damit er sich Vetter Gaston als Kriegskameraden vorstellen könne. Diesen werten Verwandten, dem er zu seiner so heilsamen Festungskur Glück wünsche, lasse er einstweilen grüßen und freue sich, ihn als einen bekehrten Sünder wiederzusehen.
Den Schluss des Briefes las Frau Justine der alten Freundin nicht vor. Sie nahm übrigens die Ankündigung des nahen Wiedersehens ohne sonderlich freudige Erregung hin, wurde vielmehr einsilbiger als vorher und erwiderte kein Wort auf Frau Mariens Bemerkung, ein wie liebenswürdiger Humor aus dem Briefe spreche.

Vielleicht war an dieser gedrückten Stimmung ein anderes Briefchen schuld, dass ihr der Kellner brachte. Vetter Gaston fragte darin an, was er verbrochen habe, dass er bei seiner mütterlichen Freundin plötzlich in Ungnade gefallen sei. Auch die Tennisfreunde seien sehr befremdet über die kühle Miene, mit der die verehrte Frau an ihnen vorübergegangen sei. Wenn er unwissentlich etwas getan, was nicht in der Ordnung gewesen, sei er zu jeder Buße und Abbitte bereit. Er bitte nur um ein Wort der Aufklärung, da ihr stummer Zorn ihn in die tiefste Schwermut stürze.
Frau Justine besann sich lange, was sie erwidern sollte, zerriss ein paar Billetkarten und schrieb endlich lakonisch, ihr sei nicht ganz wohl gewesen, darum habe sie sich nicht auf dem Tennisplatz gezeigt, werde auch in den nächsten Tagen nicht erscheinen, da sie morgen den Besuch ihres Mannes erwarte, der übrigens den Vetter grüßen lasse.

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