Der Schutzengel – Novelle von Paul Heyse – 7. Fortsetzung

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Fünf Minuten fuhren sie so, ohne ein Wort zu wechseln, durch die lachende Gegend hin. Sie beobachtete ihn verstohlen, ohne ihm das Gesicht zuzuwenden, immer noch mit dem Ausdruck einer beleidigten jungen Fürstin in dem schönen rosigen Gesicht. Aber länger hielt sie es nicht aus. Was hatte er so Schweres verbrochen, dass sie ihm nun zur Strafe Schweigen auferlegen musste? Er hatte ihr ja nur mit den ehrerbietigsten Worten sein Leiden, seine Hoffnungslosigkeit geklagt. Konnte er dafür, dass sie liebenswürdig war und er ein leicht entzündliches zweiundzwanzigjähriges Herz unter der grünen Uniform trug?

„Seien Sie vernünftig, Gaston,“ fing sie endlich wieder an. „Wollen wir uns den schönen Tag verderben, indem Sie mir unsinnige Dinge sagen, die ich nun einmal nicht hören darf? Erzählen Sie mir von Ihrem Garnisonsleben, seit wir uns damals getrennt haben. So ein junger Sausewind muss allerhand lustige Abenteuer gehabt haben. Ich will Ihre Beichtmutter sein, und wenn es nicht zu arge Sünden sind, verspreche ich Ihnen, Sie zu absolvieren.“ – Er erkannte sofort, dass er wieder zu Gnaden angenommen sei, aber als ein schlauer Frauenkenner fand er es angemessen, noch eine Weile den Verzweifelten zu spielen. – „O meine teure Cousine,“ seufzte er, „ich begreife nicht, wie Sie, da Sie doch ein gutes Herz haben, so wenig Mitleiden mit mir fühlen können! Sie verlangen, ich soll vernünftig sein, und wissen doch, dass Ihr Anblick mich um alle Vernunft bringt. Damals, als ich mich von Ihnen trennen musste, waren Sie gütiger. Sie sahen meinen erbarmungswürdigen Zustand, als ich mich beim Abschiede auf Ihre Hand beugte und einen schüchternen Kuss darauf drückte. Ich sehe noch Ihr Lächeln, mit dem Sie auf den armen Jungen herabblickten, und als ich dann mich nicht beherrschen konnte, mich aufrichtete und diese lächelnden Lippen zu küssen wagte, zürnten Sie mir nicht, sondern schoben mich nur zur Tür hinaus, da Vetter Eduard eben die Treppe heraufkam. Was war denn auch Böses dabei, dass zwei nahe Verwandte sich einmal in die Arme fielen? . Und vorgestern Nacht, nach dem Konzert, als wir zusammen im Lift hinauffuhren und Sie wieder so unwiderstehlich lächelten und ich den Kopf verlor und mir wieder erlauben wollte —“

Sie war dunkelrot geworden. „Begreifen Sie denn nicht,“ fiel sie ihm ins Wort, „dass es nun ganz anders zwischen uns ist? Damals waren Sie fast noch ein Kind, ein neunzehnjähriger Springinsfeld, dem man nichts übelnehmen konnte. Jetzt sind Sie ein junger Don Juan geworden und ich eine alte Frau, die etwas mehr vom Leben und den Männern gesehen hat und sehr gut weiß, was sie von den zärtlichen Gefühlen, die Sie ihr vorspiegeln, zu halten hat, dass Sie sich nur gewissermaßen verpflichtet fühlen, auch mir, wie jeder anderen nicht gerade hässlichen jungen Frau, die Cour zu machen. Wenn ich daran glaubte und Sie reisen morgen ab, geschähe mir ganz recht, dass Sie sich ins Fäustchen lachten und mich für eine eitle alte Närrin erklärten.“ – Nun war es an ihm, den Gekränkten zu spielen. „Womit habe ich das verdient!“ rief er, indem er düster zum Himmel aufblickte. „Sie halten mich für einen heillosen Heuchler, für einen Gecken, der selbst mit den heiligsten Gefühlen sein Spiel treibt. Ich will mich wahrhaftig nicht besser machen, als ich bin, mich nicht für einen Tugendhelden ausgeben! Mein Gott, in so einem insipiden Garnisonsleben, unter leichtfertigen Kameraden — man müsste ein Heiliger sein, wenn man nicht hier und da schon aus Langerweile über die Schnur haute. Aber wenn ich mir nichts wirklich Schlimmeres vorzuwerfen habe — Ihnen allein verdanke ich es. Ihr Bild hat mich in diesen drei Jahren überall begleitet, ich glaubte, wenn ich einmal nahe daran war, in eine Verirrung zu geraten, Ihre Stimme zu hören, Ihre schönen, holden, strafenden Augen —“

Sie legte ihm rasch die Hand auf den Mund. „Bitte, bitte, nicht weiter!“ sagte sie. „Ich will es Ihnen ja glauben und sogar stolz darauf sein, dass Sie mich nicht ganz vergessen und an die Ermahnungen gedacht haben, mit denen ich Sie junges Blut auf den rechten Weg zu leiten suchte. Von nun an aber —“ Er hatte ihre weiche kleine Hand von seinen Lippen gezogen und bedeckte sie jetzt mit stürmischen Küssen. „Von nun an,“ rief er, „wird es noch trauriger um mich stehen. Zürnen Sie mir doch nicht, wenn ich sage, was Sie ja selber wissen, was Ihnen auch nicht das Herz schwer machen kann, da ich Ihnen gleichgültig bin, mir aber wenigstens für den Augenblick das schwere Herz erleichtert: dass Sie die Schönste, Beste, Liebste von allen Frauen sind, und ich einen Stein in der Brust haben müsste, wenn ich je eine andere mehr lieben könnte, als Sie. Ändert es daran nur das geringste, dass Sie einem andern angehören? Und wird es darum ein Verbrechen, so für Sie zu fühlen und es Ihnen zu gestehen, wenn Sie auch dem Unglücklichen, der zu spät gekommen ist, nicht die leiseste Hoffnung machen können, seine Leidenschaft jemals zu erwidern?“ – Sie lag im Wagen zurückgelehnt in ihrer Lieblingshaltung, die geschlossenen Augen gegen den Himmel gekehrt, über dessen Helle sich ein leichtes Dunstgewölk verbreitet hatte. Die Hand, die er mit seinen beiden ergriffen hatte, überließ sie ihm, doch halb bewusstlos, da sie überhaupt in einem magnetischen Halbtraum neben ihm sitzend seine feurigen Reden einsog, wie einen süßen Wein, der ihr den Kopf umnebelte. Noch nie hatte sie eine solche Sprache, die sie in Büchern wohl kennengelernt, von einer menschlichen Stimme an sich gerichtet vernommen. Alles, was an Jugend und Glücksbedürfnis zurückgedrängt in ihr lebte, wurde aufgeregt, und sie musste an sich halten, nicht die Lippen zu öffnen und auszurufen: „Sprich weiter, immer weiter! Du sagst ja nur, was ich selbst empfinde und auszusprechen nie den Mut und die Gelegenheit hatte.“

Da fuhr der Wagen, der bisher auf einer glatten Chaussee geräuschlos hingerollt war, knirschend auf hartem Kiesgrund auf und machte eine scharfe Wendung, um gleich darauf mit einem Ruck stillzuhalten. Sie fuhr in die Höhe und sah sich um. Sie hielten vor der Tür eines ländlichen Hauses, das am Waldrande stand, über dem Eingang ein Schild mit der Inschrift „Zum Sonnenblick“, in einem Gärtchen daneben Tische und Bänke unter den hohen Fliederbüschen, die längst abgeblüht hatten, während an den Malven- und Asternzweigen die vielfarbigen Blumen schon aufzubrechen begannen. – „Schon da!“ flüsterte Gaston, ihre Hand freilassend. „Das Glück war kurz. Da sind auch schon die andern.“ Er öffnete den Schlag, der jungen Frau hinauszuhelfen, über dem Lattenzaun des Gärtchens erschienen die Hüte der Baronin und ihrer Begleiter, die jetzt aus dem Pförtchen traten, die Nachzügler zu bewillkommnen. Auf der andern Seitedes Hauses unter einem Schuppen sah man die drei kleinen Wagen, die die anderen drei Paare hergebracht hatten. Die Pferde waren in den Stall gebracht, die Kutscher saßen im Innern des Hauses beim Bier.

„Sie kommen spät!“ rief die Baronin mit einem feinen Lächeln den Ankömmlingen entgegen „Haben Sie etwa noch einen Umweg gemacht, oder sind unterwegs entgleist? Und wo ist der Herr Gemahl geblieben, kleine Frau? Nicht eingetroffen? Wie schade! Da müssen Sie schon mit dem Herrn Vetter vorlieb nehmen. Wir haben inzwischen hier draußen Kaffee getrunken, aber nun ist es höchste Zeit, aufzubrechen, wenn wir den Sonnenuntergang nicht versäumen wollen. Der Wirt sagt, man habe noch gut dreiviertel Stunden bis zum Aussichtspunkt und es gehe immer bergan.“ – „Eh‘ wir aufbrechen,“ sagte der ,Freund‘, „erlaube ich mir ein Changez-les-dames vorzuschlagen. Werdenfels hat den Gedanken gehabt, den ich sehr billige. Er möchte etwas langsamer steigen als Frau Constanze, an der bekanntlich eine Gemse verdorben ist, und da auch Sie, liebe Freundin, bergan gern zuweilen Rast machen — also angenommen, nicht wahr? und arrangieren wir uns. Ich bitte um die Ehre, unsrer liebenswürdigen Frau Doctor Arm und Geleit anbieten zu dürfen!“ Er trat auf Justine zu , die schweigend und zerstreut seinen Arm annahm. So setzte sich die kleine Karawane in Bewegung.

Es ging anfangs in langsamem Windungen bequem hinan, zwischen Laubholz und jungem Nachwuchs, und von Zeit zu Zeit bot eine aus rohen Brettern gezimmerte Bank einen Ruheplatz, was die etwas korpulente Baronin sich regelmäßig für etliche Minuten zu nutze machte, während die andern langsam weiterstiegen. Noch schwebte eine milde Tageshelle über den Wipfeln. Aber der graue Flor, der schon während der Fahrt sich über die Sonne gezogen hatte, wurde dichter und dichter. Der Freund der Baronin blickte besorgt zum Himmel auf. „Ich fürchte,“ sagte er, „Wir werden unser Entree umsonst bezahlt haben. Wenn wir in unsrer Loge sitzen, fällt der Vorhang, statt aufzugehen, und wir kommen um das versprochene Schauspiel. Unter uns gesagt, gnädigste Frau, ich liebe überhaupt keine Sonnenuntergänge. Man fühlt sich immer verpflichtet, melancholische Betrachtungen anzustellen, was nirgends weniger angebracht ist, als an der Seite schöner Frauen.“ Justine erwiderte nichts, schon darum, weil sie die Worte ihres Begleiters vollständig überhört hatte. Es war ihr lieb gewesen, dass sie die Wanderung nicht mit Gaston zusammen anzutreten brauchte. Aber die ganze Flut leidenschaftlicher Worte, die er an sie hingeredet, wogte ihr noch im Herzen, und sie fühlte sich zu schwach, sie zurückzudämmen. Was hätte sie erwidern sollen? So war sie froh, dass ihre Ankunft bei der Waldwirtschaft sie einer Antwort überhoben hatte, dass sie nun all die süßen, schmeichelnden Gefühle in sich tragen konnte, ohne durch eine strenge Abweisung die zauberhafte Stimmung zu zerstören. Sie fühlte sich auch in ihrem Gewissen nicht beunruhigt. War es ihre Schuld, dass sie so geliebt wurde? Und da sie sich streng gehütet hatte, nur mit einem Seufzer zu verraten, dass sie ähnlich fühlte, wer konnte ihr ein Gefühl als Sünde anrechnen, das über sie gekommen war wie eine Naturgewalt und das sie so tapfer bekämpfte? Sie sah aber mit heimlichem Vergnügen, dass Gaston einsilbiger als sonst neben der Gräfin hinging. Dass der Verführer nur ihretwegen, die er sich nahe wusste, sich stellte, als ob er nach seinen leidenschaftlichen Bekenntnissen die Sprache verloren hätte, kam ihr nicht von fern in den Sinn. Der Augenblick mit seiner überschwenglichen Wonne beherrschte sie ganz; was danach kommen sollte, dass überhaupt ein Tag kommen musste, wo sie wieder die treue, tugendhafte Frau ihres Mannes sein würde, solche Gedanken drängte sie weit von sich weg.

Ihr Begleiter wunderte sich ein wenig über ihre Schweigsamkeit, schob sie aber auf die Verstimmung über das Ausbleiben ihres Mannes, den sie einmal in einer Stunde, wo sie Grund zu haben glaubte, an Gaston irre zu werden, sehr beredt gerühmt hatte. Er fuhr fort, in seiner gewandten Manier allerlei an sie hinzureden, und drückte dabei ihren Arm fester an sich, als nötig war, ihr den immer steiler werdenden Anstieg zu erleichtern. Sie bemerkte es gar nicht in ihrem wunderlichen Traumzustand. Sie sah und hörte nichts, als Gastons schlanke Gestalt wenige Schritte vor sich und die gleichgültigen Worte, die er seiner Begleiterin gönnte. Als sie die Höhe erreicht hatten, war es gerade noch Zeit, sich auf den Bänken niederzulassen, die im Halbkreis auf dem kleinen abgeholzten Plateau standen. Der nackte Fels trat hier zu tage, der sich in steilem Absturz in das tiefe Tal hinuntersenkte. Man sah von droben auf ein Meer von Wipfeln hinab, das die ungeheure Weite des Grundes ausfüllte und langsam drüben an den Abhängen wieder hinanschwoll. Weit und breit die tiefste Waldeinsamkeit, nur ganz unten, von den Laubkronen versteckt, ein einzelnes Gehöft, wohl eines Forstmanns, das sichdurch einen dünnen blauen Rauch ankündigte. Weit drüben aber war die gerade Linie der Berghöhe durch einen schwarzen Strich hoher Fichten bekrönt, die fast genau in der Mitte eine Lücke ließen, jenen Abgrund, in den die Sonne um diese Jahreszeit versinken sollte.

Es schien aber, als sollte dies erhabene Schauspiel heute allen neugierigen Blicken entzogen werden. Über dem schwarzen Walde drüben lag eine schwere dunkelblaue Wolkenschicht, die sich über den halben Himmel verbreitete. Der Wind kam in kurzen, heftigen Stößen von Westen her, doch so hoch über dem Talgrund, dass die Wipfel drunten nichts davon spürten und so reglos standen, als bildeten sie einen einzigen weichen Teppich, auf dem man bequem zu der Fichtenhöhe hinüberwandeln könnte. Es klang wie die tiefen Atemzüge des Waldes so feierlich in der weiten, dämmrigen Runde, dass von der kleinen Gesellschaft droben auf dem Aussichtsplatz keiner das Schweigen brach. Frau Justine hatte sich an das Ende einer Bank gesetzt und ihre Mantille fest um ihre Schultern. gezogen, als ob sie trotz der schwülen Föhnluft fröstle. Zwischen ihr und Gaston war ein Platz frei geblieben. Selbst der kecke junge Herr, der durchaus nicht schwärmerisch angelegt war, wagte nicht, die andächtige Stimmung, die sich der andern bemächtigt hatte, zu stören, oder der jungen Frau ein verwegenes Wort zuzuraunen.

Nun fielen schon einzelne schwere Tropfen, und der Wind rauschte lauter in den Zweigen. Eben wollte die Baronin den Vorschlag machen, zum Rückweg aufzubrechen, da zeigte sich am untersten Rand der Wolkendecke drüben ein roter Schimmer und gleich darauf ein glühender Funke, der größer und größer anschwoll und sich bald in halber Rundung zu der Lücke hinabsenkte. Unter dem schwarzen Vorhang glitt endlich langsam, wie geschmolzenes Erz in einen Becher tropft, der runde Sonnenball hervor, stand einen Augenblick frei auf dem engen, silbergrünen Hintergrund und sank dann sacht tiefer und tiefer, bis der letzte Funke von dem schwarzen Grund verschlungen war. „Das war herrlich!“ kam es von den Lippen der Baronin, die unter der frivolen Hülle einer Weltdame eine romantisch gestimmte Seele trug. – „Wie ein Chopinsches Nocturne!“ sagte die Gräfin. Frau von Burgstaller flüsterte, was sie bei dem großen Schauspiele empfunden hatte, ihrem Gemahl ins Ohr. Justine schwieg. – „Schade, dass diese Primadonna uns den Gefallen nicht tun würde, noch einmal zu erscheinen, wenn wir sie herausriefen!“ sagte der Graf. „Übrigens, meine Herrschaften, möchte ich raten, das Theater zu verlassen. Unsre Wagen warten nicht hier oben, und es sieht so aus, als ob wir tüchtig gewaschen werden sollten.“

Man brach unverzüglich auf, wieder so gepaart, wie man heraufgestiegen war. Justine, die vorher den Arm ihres Begleiters bald wieder hatte fahren lassen, war es nun sehr zufrieden, dass er sie durch das trübe Zwielicht der Klippenwege sicher hinunterführte. Zu galanter Unterhaltung war niemand aufgelegt, obwohl hier unter den dichten Wipfeln der Regen noch nicht beschwerlich wurde. Als sie aber unten beim Haus anlangten, rauschte eine so schwere Flut aus dem nachtdunklen Gewölk herab, dass alle froh waren, unter Dach zu kommen. Man hatte vorgehabt, die berühmten Forellen im Garten zu speisen. Der wetterkundige Wirt aber hatte droben in dem großen dreifenstrigen Zimmer gedeckt, in dem auch ein Sofa und ein ausgedientes, verstaubtes Klavier stand. Während man sich dort versammelte, setzte sich die Gräfin an das Instrument und begann jenes Nocturne zu spielen an das die hinabsinkende Sonne Sie erinnert hatte. Das Klavier war aber so verstimmt, dass sie bald aufhörte und den Deckel unmutig zuschlug. Auch über den andern lag eine Verstimmung, deren Grund niemand anzugeben wusste. Die Baronin machte Gaston Vorwürfe wegen seiner maussaden Laune. Er sei verpflichtet, heute wie alle Tage lustige Einfälle zu haben, und mache ein Gesicht, als ob er noch auf der Festung säße, statt in so angenehmer Gesellschaft! Der Graf nahm ihn in Schutz mit allerlei anzüglichen Hindeutungen auf seinen Kummer, in wenigen Tagen sich von seiner mütterlichen Freundin trennen zu müssen. An das „rasende Kopfweh“, das der junge Heuchler vorschützte, wollte niemand glauben. Endlich erschien die Kellnerin mit der riesigen Schüssel, auf der ein paar Dutzend der zartesten rotgesprenkelten Fischchen lagen, alle zierlich gekrümmt und ein grünes Kräutchen im Maul. Hinter ihr trug der Wirt jn einer großen Suppenterrine die Bowle herein. Herr von Burgstaller hatte sie gebraut, da er den Laubenheimer des Sonnenblickwirtshauses einer solchen Gesellschaft nicht würdig gefunden hatte. Er behauptete, nur drei Talente zu besitzen, Tennis zu spielen, seine Frau glücklich zu machen und unter den erschwerendsten Umständen eine trinkbare Bowle zustande zu bringen. Leider sei dem Wirt der Sekt ausgegangen, eine Flasche Selterswasser habe aushelfen müssen.

Dank diesem immerhin noch mäßigen Getränk und den untadligen Fischen hob sich die Stimmung der kleinen Gesellschaft bald. Nur Frau Justine blieb ernst und zerstreut, nippte nur an dem Glase, das ihr Nachbar Gaston gefüllt hatten und lächelte mühsam, als der „Freund“ der Baronin einen Toast auf sie als die Perle aller Gattinnen und Mütter ausbrachte, die fern von Mann und Kind keiner frohen Empfindung fähig sei. Sie fühlte in tiefer Beschämung, wie wenig sie gerade heute diesen Ruhm verdiente. Draußen rauschte der Regen vor den Fenstern herab. „Wir müssen diese Averse erst vorüber lassen,“ hatte Gaston erwidert, als sie ihn leise gebeten hatte, anspannen zu lassen, da man zu Hause sich um sie ängstigen würde. „Rudi ist ja bei seiner Kinderfrau wohl aufgehoben, und Sie, teure Cousine — bin ich Ihnen so sehr zuwider, dass Sie mir die kurze Henkersmahlzeit nicht gönnen und so rasch wie möglich mir aus den Augen kommen möchten?“ – Der listige Versucher sah sie dabei mit so demütig flehender Unschuldsmiene an, dass ihr die Glut ins Gesicht stieg. In ihrer Verwirrung bemühte sie sich eben hilflos, ein Wort zu finden, das ihn ein für allemal in seine Grenzen zurückweisen sollte, da öffnete sich die Tür, und das eintretende Mädchen meldete, es sei eine Dame draußen, die Frau Doktor Lindblatt bitten lasse, einen Augenblick hinauszukommen.

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