Der Schutzengel – Novelle von Paul Heyse – 8. Fortsetzung und Ende

 In Der Schutzengel, Fortsetzungsroman, Frauenleben, Liebesroman

Anfang , 1. Fortsetzung , 2. Fortsetzung, 3. Fortsetzung, 4. Fortsetzung, 5.Fortsetzung, 6. Fortsetzung, 7. Fortsetzung

Justine erhob sich heftig erschrocken. Doch ehe sie noch ihren Platz verlassen hatte, drängte sich neben der Kellnerin ihr Kind über die Schwelle, sah sich einen Augenblick im Zimmer um und stürmte dann mit dem jubelnden Ruf: „Mammi, Mammi!“ der fassungslos bestürzten Mutter an den Hals. Hinter ihm trat Frau Marie ein, ein wenig befangen, aber mit einer ruhigen Verneigung gegen die fremde Gesellschaft. Dann näherte sie sich Frau Justine und sagte: „Sie müssen mich entschuldigen, Liebe, dass ich so überraschend mit dem Kleinen Ihnen nachgekommen bin. Er war aber so unglücklich über die Trennung von Ihnen, wollte weder spielen noch seine Milch trinken und fing endlich so bitterlich an zu weinen, dass ich mich entschloss, ein Wägelchen zu nehmen, um ihn durch eine Spazierfahrt zu beruhigen. Er rief aber immer nach seiner Mama. Und so sind wir bis hierher gekommen, leider im Regen, was ich nicht voraussehen konnte, als wir abfuhren. Indessen ist die Luft noch warm, und Rudeli saß ganz trocken und vergnügt unter dem Schirmdach, und auf der Rückfahrt wird er ja schlafen können, wenn seine Sehnsucht nach der Mama gestillt ist.“

Während dieser ruhig ausgesprochenen Worte war es ganz still am Tische gewesen, und auch jetzt noch regte sich niemand.Es war keinem von allen entgangen, dass die Überraschung, die das Kind der Mutter bereitet hatte, nicht gerade freudig gewesen war. Die Röte auf Frau Justinens Wangen war einer tiefen Blässe gewichen. Sie hatte aber Zeit gehabt, sich zu fassen, und sagte jetzt in ziemlich kühlem, gemessenem Ton: „Ich danke Ihnen, Frau Marie. Sie haben sehr recht daran getan, dem Drängen Rudelis nachzugeben. Ich ahnte gar nicht, dass er mich heute so sehr vermissen würde, da er ja sonst sich oft viele Stunden ohne mich behilft. Nun aber darf ich nicht länger zögern, ihn zur Ruhe kommen zu lassen. Sie haben wohl die Güte, Vetter Gaston, nach dem Wagen zu sehen! Auch scheint der Regen nachzulassen. Wir werden eine angenehme Heimfahrt haben.“ – Eine tiefe Stille trat nach diesen Worten ein. Der Leutnant hatte gleich beim Eintritt der alten Dame seinen Stuhl, der sehr dicht bei dem seiner mütterlichen Freundin gestanden hatte, zurückgeschoben. Jetzt bückte er sich rasch, um das Matrosenmützchen aufzuheben, das dem Kleinen bei seiner stürmischen Umarmung der Mutter von den blonden Locken gefallen war. Dann erhob er sich und eilte aus dem Zimmer, von dem ernsten Blick der Alten begleitet, die ruhig mitten im Zimmer stand.

Die Baronin fand zuerst wieder ein Wort. „Das holde Kind!“ rief sie. „Man begreift, dass es Sehnsucht gehabt hat nach einer so zärtlichen Mutter. Aber es wird durstig sein. Komm, kleiner Schatz, du sollst aus meinem Glase trinken!“—„Rudi dankt,“ sagte Frau Justine. „Er hat noch nie einen Tropfen Wein über die Lippen gebracht.. Ich will sehen, ob ich unten im Hause etwas Milch für ihn erhalten kann. Sag Gute Nacht, Rudeli! Und lassen Sie sich nicht stören, ich bitte!“ – Der Kleine winkte mit dem Händchen der Gesellschaft zu, drückte dann aber den Kopf wieder gegen die Schulter der Mama, da die fremden Gesichter ihm unheimlich zu sein schienen. Dann verließen sie das Zimmer. Sie fanden Gaston unten bei dem Landauer, der eben angespannt wurde. Der Himmel hatte sich geklärt, es fielen nur noch einzelne nachzügelnde Tropfen, die Luft war lau und weich. „Warum haben Sie den Wagen schließen lassen?“ fragte Justine mit einem seltsam scharfen Ton. „Es regnet nicht mehr und wir wollen nicht ersticken.“— Gaston zuckte die Achseln und gab dem Kutscher die Schuld. Er hütete sich zu gestehen, dass er ihm aufgetragen hatte, jedenfalls den Wagen für die Rückfahrt zu schließen. „Und Ihr Wagen, Frau Marie?“, fragte Justine. „Ich habe den Kutscher nur zur Herfahrt genommen,“ erwiderte die alle Dame ruhig. „Er hatte für den späteren Abend noch etwas vor, und ich wusste ja, dass in dem viersitzigen Landauer des Herrn Leutnants auch für den Kleinen und mich Platz sein würde!“ Justine schien etwas erwidern zu wollen, biss aber die Lippen aufeinander. Dann stiegen sie ein. Die Frauen nahmen den Kleinen wieder zwischen sich, der Vetter saß ihnen gegenüber und bemühte sich, munter und ritterlich zu sein. Das verging ihm aber bald, da Rudeli. sofort einschlief und von den beiden Müttern keine auf seinen scherzenden Ton einging. Da schwieg er gekränkt und betrachtete unverwandt das schöne junge Gesicht ihm gegenüber, bis es Frau Justine lästig wurde und sie die Augen schloss und den Kopf tief in die Wagenecke drückte.Die alte Dame wurde auch heute von dem jungen Herrn keines Worts und Blickes gewürdigt.

So verging die Fahrt in der balsamischen Nachtluft unter dem reinen kühlen Himmel, der von unendlichen Sternen funkelte, unfroh und beklommen. Alle waren froh, als der Wagen vor dem Kurhause hielt. Gaston reichte den Damen den Arm und hob den schlaftrunkenen Knaben heraus, dessen sich die Mutter sogleich bemächtigte. Er beurlaube sich schon hier unten, sagte der Vetter mit absichtlich steifer Höflichkeit, da er Justine fühlen lassen wollte, wie sehr er unter der vereitelten Hoffnung einer traulicheren Heimfahrt gelitten habe. Es sei noch zu früh, schlafen zu geher, er wolle noch einen Freund im Kasino zu treffen suchen. Justine verabschiedete ihn mit einem stummen Kopfnicken. Dann trug sie den Knaben ins Haus und fuhr mit ihm und der alten Freundin, immer ohne ein Wort zu reden, zu ihren Zimmern hinauf. Droben bei der Tür angelangt, sagte sie nur kurz Gute Nacht und trat über die Schwelle, ohne ihre Nachbarin aufzufordern, noch bei ihr einzutreten. Die Alte hörte dann, wie sie den Knaben wusch und zu Bett brachte und dann eine Weile unruhig hin und her ging. Auf einmal öffnete sich die Tür zwischen ihnen, und Justine trat ein. Ihr Gesicht war lebhaft gerötet, auf ihrer Stirn der gespannte Zug, der sich immer zeigte, wenn sie unmutig aufgeregt war. „Sie müssen mich entschuldigen,“ sagte sie mit etwas stockender Stimme, „wenn ich noch so spät — ich kann aber nicht schlafen, eh‘ ich vom Herzen habe, was darauf drückt.“

Damit ließ sie sich auf einem Stuhl nahe bei der Tür nieder, ohne die Alte anzusehen, die sich vom Sofa erhoben hatte, als ihre junge Nachbarin eintrat. „Ich habe mich von Anfang an zu Ihnen hingezogen gefühlt,“ fuhr diese fort, „und es dankbar anerkannt, wie freundlich Sie sich mir und dem Kinde bewiesen haben. Und da Sie die Ältere und Erfahrenere sind, habe ich mich vielfach Ihnen untergeordnet, obwohl ich sonst sehr selbständig bin. Es scheint aber, ich habe Sie verwöhnt. Sie sind der Meinung, eine Art Verantwortung für mich übernommen zu haben, mich bevormunden zu müssen, als wäre ich noch nicht alt genug, um selbst für mein Tun und Lassen einzustehen. Ich habe Ihnen schon einmal erklärt, dass ich keines Schutzengels bedarf. Was Sie mir heute abend angetan haben, nötigt mich, diese Erklärung noch entschiedener zu wiederholen. Unser Verhältnis würde sonst nicht in der bisherigen Weise fortbestehen können!“ Die alten Augen hefteten sich mit einem traurigen Ausdruck auf die eifrige Sprecherin. „Was ich Ihnen heute angetan habe?“ sagte Frau Marie mit einem leisen Zittern in der Stimme. „Nun, ich denke, damit hab’ ich nichts Böses getan.“ — „Leugnen Sie es nicht, Sie haben Rudelis Sehnsucht nach mir, wenn nicht ganz erfunden, so doch stark aufgebauscht. Sie wollten seine pflichtvergessene Mutter daran erinnern, dass sie es ihm schuldig sei, bei ihm zu bleiben, statt in zweifelhafter Gesellschaft sich stundenlang zu amüsieren und Nachtfahrten zu machen, die spießbürgerliche Klatschbasen nicht ganz schicklich finden möchten. Ihre Absicht war vielleicht die beste. Aber Sie vergaßen dabei, dass Sie mich in den Augen jener Gesellschaft, die Ihnen nun einmal missfällt, lächerlich machen mussten. Denn nicht einen darunter haben Sie über Ihre wahren Motive getäuscht, und alle, nachdem ich gegangen, davon bin ich überzeugt, haben mich ironisch beklagt, dass ich mir eine solch sittenrichterliche Oberaufsicht gefallen lassen müsse.“ – „Sie irren, Liebe,“ erwiderte die. Alte, immer mit gedämpfter Stimme. „Ich habe nicht einen Augenblick an das Urteil jener Ihnen fremden Personen gedacht, auch nicht, was schicklich oder unschicklich sein möchte. Nur um Ihr eigenes Urteil war es mir zu tun, wie das ausfallen möchte, wenn der Rausch verflogen und Sie zur klaren Besinnung zurückgekommen sein würden. Und weil Sie mir so teuer sind, wollte ich Ihnen das Gefühl der Reue ersparen, und vielleicht noch Schlimmeres, was keine Reue wieder gut machen kann.“

Justine stand hastig auf. Ihre Augen blitzten, sie hob den Blick herausfordernd zuder hohen Gestalt der alten Frau empor und sagte heftig: „Sprechen Sie es nur aus, was Sie mit Ihren gewundenen Worten andeuten! Sie haben Mich für fähig gehalten, meine Pflicht gegen meinen Mann zu vergessen und der Versuchung, einem leidenschaftlichen Anbeter Gehör zu geben, zu erliegen. Nun ja, ich will mich nicht besser machen, als ich bin. Ich leugne nicht, dass es Eindruck auf mich gemacht hat, von einem jungen, feurigen Munde so leidenschaftliche Bekenntnisse zu hören, dass ich selbst — nein — ich erwiderte diese Gefühle nicht, aber ich wäre kein Weib gewesen, wenn ich nicht ein warmes Mitleid mit einem Liebenden gefühlt hätte, den ich hoffnungslos abweisen musste. Denn dass ich dazu fest entschlossen war — aber wozu, sage ich Ihnen das? Sie haben mich einer sündigen Schwäche fähig gehalten; Sie werden meiner Beteuerung nicht glauben, dass ich unter allen Umständen stark geblieben, wäre. Auch frage ich nichts danach; mein Gewissen, das mich frei spricht, genügt mir! Sie aber, frage ich, mit welchem Recht Sie sich in Dinge einmischen, die ich nur mit meinem Gewissen auszumachen habe?“ – Eine kleine Stille entstand zwischen den beiden Frauen, die sich in tiefer Erregung gegenüberstanden. Dann sagte die Ätere: „Mit welchem Recht ich mich um Ihr gutes Gewissen bekümmere, fragen Sie? Ich denke, Sie werden mir dieses Recht nicht bestreiten, wenn ich Ihnen sage, dass ich die Vertrauteste Freundin Ihrer Mutter bin und, da Sie diese Ihre natürlichste Freundin und Beraterin nie zur Seite gehabt haben, mir nun wohl herausnehmen darf, sie Ihnen zu ersetzen, wenn ich Sie auf einem gefahrvollen Wege hinschreiten sehe, wo ein unbedachter Schritt Sie in bodenlose Abgründe stürzen kann.“

Die junge Frau schien die letzten Worte überhört zu haben. Sie trat dicht an die andere heran und sagte hastig: „Sie haben — meine Mutter gekannt — Sie nennen sich ihre Freundin — Sie leben noch mit ihr zusammen — und das haben Sie mir so lange verschwiegen?“ – „Liebe Justine,“ erwiderte die andere, „wie hätte ich mir früher ein Herz zu dieser Eröffnung fassen können, da ich ja Ihre tiefe Abneigung gegen Ihre unglückliche Mutter, kannte! Ich musste fürchten, dass Sie in mir eine Verbündete der Gehassten sehen und mich vermeiden würden. Haben Sie doch alle Annäherungsversuche schroff abgewiesen, die Briefe, die sie Ihnen schrieb, nicht beantwortet, die Bitte, Ihrer Hochzeit nur als stille, ferne Zeugin beiwohnen zu dürfen, rundweg abgeschlagen. Nach dem, was Sie mir über das Gelöbnis, das Sie Ihrem Vater geben mussten, gesagt haben, nach der langen Verbitterung, die auch Ihr junges Herz angesteckt hat, kann ich Ihr hartes Betragen begreifen. Aber Sie verstehen nun auch, wie es die alte Wunde im Herzen Ihrer Mutter immer von neuem aufreißen musste, wenn wieder ein solches Zeichen der Unversöhnlichkeit zu ihr gelangte. Und nun durfte ihre Freundin nicht das geringste tun, ihre Tochter davon zu überzeugen, dass die Mutter vielleicht nicht ganz so schuldig war wie der Mann, den sie verlassen, sie darstellte.“

Sie sank auf das Sofa, die Knie wollten sie nicht längertragen. Durch ihre ganze Gestalt lief ein Zittern, als sie jetzt fortfuhr: „Heute darf ich ja wohl davon sprechen, ich bin es der Freundin und auch Ihnen schuldig, dass Sie von der Unglücklichen gerechter denken. Sie selbst hat sich stets bemüht, auch den Mann nicht ungerecht zu beurteilen; der ihr kein Glück bereitet hat. Er war fünfzehn Jahr älter als sie und hatte kein Verständnis mehr für die Bedürfnisse einer weichgeschaffenen, enthusiastischen jungen Seele. Er liebte sie vielleicht, aber es war sein stetes Bestreben, ihr dies Gefühl, das sie beglückt hätte, zu verbergen, ihr nur den strengen Herrn und Meister zu zeigen, dessenwillenloses Geschöpf sie sein sollte.
Und dann kam der andere, der sie anders leibte, so wie sie es bedurfte. Sie wissen vielleicht nicht genau, wie sich’s zutrug! Die junge Frau fiel in eine schwere Krankheit, der Arzt, der sie daraus rettete, sah, was sie in ihrer Ehe litt, und aus seinem Mitgefühl wurde eine Liebe, die er endlich nicht mehr allein zu tragen vermochte. Er sah ja, wie innig sie erwidert wurde. Als dann ab er Ihre Mutter sich gegen den Gatten aussprach und ihn bat, sie freizugeben, folgte ein Auftritt von so zügelloser, brutaler Heftigkeit, dass das letzte Band zwischen den beiden Menschen, die sich innerlich nie angehört hatten, zerriss. Die Frau flüchtete zu dem, den sie liebte, sie bedachte nicht, dass sie durch diese bösliche Verlassung das Recht auf ihr Kind verscherzte — doch nein, auch wenn sie es bedacht hätte, es war stärker als sie, es wäre ihr Tod gewesen, wenn sie in dem alten Ehebund hätte ausharren müssen!“ – Die junge Frau hatte in tiefer Bewegung zugehört. Ihre Brust arbeitete mühsam, ihre Lippen bebten, als sie sie jetzt zu einer Frage öffnete: „Und — hat sie in dem neuen das Glück gefunden, das ihr Herz ersehnte?“

Die Alte antwortete nicht sogleich. Erst nach einer Weile sagte sie: „Der Mann, dem sie gefolgt war — von allem, was er ihr verheißen, ist nichts unerfüllt geblieben, er hat sie auf Händen getragen, mit dem innigsten Zartgefühl alle Regungen ihrer Seele nachgefühlt und ihre schweren Stunden ertragen. Aber selbst die Liebe und Kraft eines so edlen Menschen war nicht imstande, ihr Mutterherz darüber zu beschwichtigen, dass sie ihr Kind fremden Menschen überlassen hatte. Sie brachte in der neuen Ehe noch zwei Kinder zur Welt, keines blieb am Leben, und auch das sah sie als eine gerechte Strafe an für ihr Vergehen. Nein, sie bereute nicht, was sie getan. Sie hätte es jeden Augenblick wieder getan! Aber den Preis, den sie für ihre Befreiung gezahlt hatte, fort und fort zahlen musste, wurde von Jahr zu Jahr drückender und oft dachte sie, es gehe über ihr Vermögen. Ihr teurer Gatte hatte, sobald sie sich zu ihm flüchtete, seine Praxis in der Stadt, wo sie bisher gelebt, aufgegeben und war weit weg gezogen. Er hoffte, die Entfernung werde es ihr leichter machen, das Kind zu verschmerzen. Es war nur eine Erschwerung ihres Verlustes. So lange ihr erster Mann lebte, hatte sie der Versuchung, die Tochter einmal wieder aufzusuchen, widerstanden. Nach seinem Tode ist sie zu ihr gereist, sie nur von ferne zu sehen, und hat zweimal unter fremdem Namen, dem Mädchennamen ihrer eigenen Mutter, mehrere Tage im Gasthof gewohnt, nur so lange, bis es ihr gelungen war, der geliebten, jungen Gestalt zu begegnen, das zweite Mal auch dem Kinde, das die Kinderfrau ihr nachtrug. Können Sie sich den Zustand einer Mutter vorstellen, die an Tochter und Enkelkind dichtverschleiert vorbeigehen muss, sie nicht an ihr Herz reißen und die lieben Gesichter mit Küssen bedecken darf? Wenn ihr Vergehen einer Sühne bedürfte, durch diesen Schmerz der Entsagung war es zehnfach gebüßt! O, liebe Justine, das alles, was meine arme Freundin gelitten, trat mir wieder vor die Seele, als Sie mir sagten, dass Sie bedauerten, Leidenschaft in Ihrem jungen Leben nicht kennengelernt zu haben. Und nun trat eine solche Gefahr an Sie heran, unter Umständen, die eine Verirrung vom Wege der Pflicht noch viel verhängnisvoller gemacht hätten, in der Mitte zwischen einem trefflichen Gatten, der Sie vergöttert, und einem leichtfertigen, gewissenlosen Versucher — nein, Sie täuschen sich über ihn! Wenn ich häuslichen Klatsch mir je nahe kommenließe — das Zimmermädchen hier im Hotel hatte die größte Lust, mir über diesen jungen Herrn ihr Herz auszuschütten. Und da dachte ich, was meine arme Freundin getan haben würde, wenn sie sich auf ihr Mutterrecht hätte berufen können, und auf die Gefahr hin, Ihr Herz mir abzuwenden — liebe, liebe Justine, können Sie mir zürnen, dass ich Ihnen Kämpfe und Schmerzen habe ersparen wollen, die während meines langen Lebens, selbst an den sonnigsten Tagen, keine Stunde mich rein genießen, mich nie vergessen ließen, dass in der Ferne ein geliebtes Kind, an dem meine Seele hing, nur mit Gedanken des Hasses an mich dachte, während ich — “ Die Tränen, die ihr aus den Augen stürzten, unterbrachen ihre stammelnden Worte. Zugleich fühlte sie sich von den zitternden Armen der jungen Frau, die vor ihr niedergesunken war, umschlossen. „Mutter — o meine Mutter!“ rief sie. ,„Du — du bist es — dich hab’ ich wieder gefunden — nie — nie will ich dich wieder verlieren!“

Es war erst lange nach Mitternacht, dass die beiden so wundersam neu Vereinigten sich entschließen konnten, Arme und Hände, die sich fest umschlungen hatten, voneinander zu lösen.Sie hatten nicht viel gesprochen, immer nur, sich aneinander schmiegend, bald am offenen Fenster in die stille Nacht hinausblickend, bald Hand in Hand das Zimmer durchschreitend oder am Bett des Knaben sich an seinem holden schlafenden Gesichtchen erquickend, das Wunder ihres Wiederfindens nach so traurig langer Trennung bestaunt. Wenn sie ein Paar leise Worte wechselten, war es immer, wie um Verzeihung für alte Schuld zu bitten, worauf sie sich von neuem in die Arme sanken, während in ihrer seligen Rührung die Augen ihnen übergingen. Als es zwei Uhr schlug, bestand die Mutter darauf, dass Justine sich niederlegte. „Du glaubst nicht, Mutter,“ sagte die junge Frau, „wie süß es mir ist, mir etwas von dir befehlen zu lassen und als dein gehorsames Kind zu tun, was du mir sagst.“ — Dann saß die Alte am Bette der Tochter, hielt die Handder jungen Frau in der ihren und stand erst leise auf, als sie sah, dass der Schlaf die müden Augen fest geschlossen hatte, so dass sie es nicht empfand, wie die Lippen der Mutter ihre Stirn berührten. Das alte Herz aber wurde von so widerstreitenden Gefühlen durchströmt, dass an Schlaf nicht zu denken war, obwohl die freudigen den Sieg behielten. Erst als drüben an den waldigen Hügeln der erste Streif des neuen Tages aufglomm, legte sie sich mit matten Gliedern und wachem Kopf in ihren Kleidern aufs Bett, da es ihr nicht der Mühe wert schien, sich auszukleiden. Sie hörte auch noch jedes Geräusch des aufwachenden Morgens, das Rollen der Omnibusse, die früh zum Bahnhof fuhren, das Sprühen der Wassertonnen, die schon beizeiten die Wege um den Brunnen zu sprengen hatten, und das Kommen und Gehen der Dienerschaft draußen auf dem Korridor. Erst als die Kurkapelle unten den Choral anstimmte, beruhigten sich ihre aufgeregten Sinne, und sie fiel in einen tiefen, dumpfen Schlaf.

Aus diesem, der nur wenige Stunden gedauert hatte, fuhr sie noch halb verträumt auf, da sie nebenan eine kräftige Männerstimme hörte, mit der das Lachen und Jauchzen des Knaben sich mischte. Sie hatte einen Augenblick Mühe, sich auf die Vorgänge des gestrigen Abends zu besinnen, erhob sich dann aber rasch und ermunterte sich vollends, indem sie Gesicht und Hände wusch und ihre Kleidung ordnete. Dann öffnete sie, ohne wie sonst anzuklopfen, die Tür zum Nebenzimmer. Da saß am Frühstückstisch, die Hand seiner Frau haltend, der große, dunkelhaarige Mann, den sie schon an jenem ersten Morgen um sie bemüht gesehen hatte, auf seinem Knie ritt der Kleine, einen blanken Helm auf dem Lockenkopf, einen Säbel umgeschnallt, und spornte sein Pferd mit lustigen Zurufen an. Kaum aber hatte er die Eintretende bemerkt, so glitt er auf den Boden nieder und lief auf die alte Freundin zu.— „Tante Marie!“ rief er, „der Papa ist da und hat Rudi eine Menge schöner Sachen mitgebracht, und die Mama hat gesagt, Tante Marie ist Rudis Großmama. Ist das wahr, Tante Marie?“
Die hob den Kleinen auf und küsste ihn in tiefer Bewegung. Der Gatte Justinens war aufgestanden und dem Knaben gefolgt. „Wollen Sie mich zum Sohn annehmen?“ fragte er, ihre Hand ergreifend, die er ehrerbietig an die Lippen drückte. „Wir haben viel wieder gut zu machen. Was an mir ist-— ich habe Sie schon geliebt und verehrt, da mir Justine schrieb, was Sie unserm Kinde gewesen. Ich verspreche Ihnen — “ Er hatte diese Worte in einiger Beklommenheit vorgebracht, nun verstummte er, da die Alte, die den Knaben auf dem Arm hielt, auch ihn an sich heranzog. „Meine Kinder!“ hauchte sie. „Wenn ihr es mit mir wagen wollt —“

Es blieb noch eine Weile eine befangene Stimmung unter den so nah‘ Verbundenen. Die Großmutter musste sich zu Justine setzen, der Mann wiederholte ihr, was er schon seiner Frau erzählt hatte, wie es gekommen sei, dass er sich nun doch hatte losmachen können. Einer seiner Klienten sei am Morgen des Tages, wo die Abreise stattfinden sollte, während einer letzten wichtigen geschäftlichen Besprechung plötzlich vom Schlage gerührt worden. Es sei unumgänglich gewesen, zu warten, ob er sich so weit erholen würde, um weitere Bestimmungen zu treffen und gewisse Aufschlüsse zu geben. Statt dessen hatte eine Wiederholung des Schlages ihn am Abend hingerafft. Hierauf hatte er als sein Anwalt die halbe Nacht damit zugebracht, die Sache so weit zu ordnen, dass er sie für einige Tage ruhen lassen konnte, habe dann den Nachtzug benutzt, um wenigstens am nächsten Morgen bei seiner kleinen Frau und dem Kinde einzutreffen, da er es vor Sehnsucht keinen Tag länger hätte aushalten können. „So haben wir alle Drei keine sonderliche Nachtruhe gehabt,“ sagte er mit seinem guten, sonoren Lachen, indem er die Hand Justinens streichelte. „Glauben Sie, liebe Mutter, es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei! Ich habe zum Glück die Annette gehabt, die sich auch nicht sehr heroisch in die Trennung von ihrem Rudeli fand. Und du, kleiner Wicht, hat dir der Vater gar nicht gefehlt?“— „Onkel Gast hat mich reiten lassen auf einem großen lebendigen Pferd!“ sagte der Knabe. Der Vater lachte und zupfte das Kind am Ohr. „Du herzloser kleiner Bursch,“ sagte er; „ein Pferd macht dich alle Kindesliebe vergessen. Schade, dass Onkel Gast dich nicht mehr reitenlassen kann. Denn denke nur, Schatz,“ wandte er sich an Justine, „ich traf heute früh unsern teuren Vetter, da ich eben ankam, im Begriff, mit demselben Zuge weiterzufahren. Er machte den Ritter einer sehr hübschen jungen Dame, der er in ein Coupé erster Klasse half, und war sichtlich betroffen, als ich ihm Guten Morgen! zurief. Ein Brief seines Regimentskommandeurs, den er gestern abend nach einer fröhlichen Landpartie vorgefunden, nötige ihn, abzureisen, ohne erst noch Abschied von dir zu nehmen. Er bat mich, ihn zu entschuldigen und ihn den Damen zu empfehlen, auch seinen kleinen Freund zu grüßen. Dann stieg er der jungen Dame nach ins Coupé. Er scheint, seit du damals dich seiner sittlichen Aufführung angenommen hast, keine sonderlichen Fortschritte in der Solidität gemacht zu haben! Freilich,“ fügte er lachend hinzu, „an einem jungen Leutnant von den Chevauxlegers würde jeder Schutzengel seine Mühe umsonst verschwenden, und wenn er so viel pädagogisches Talent hätte, wie unsere liebe Großmama an dem wilden Buben da bewiesen hat.“ — „Auch an deiner kleinen Frau!“ sagte Justine, die über und über rot geworden war, indem sie die Hand der Alten drückte. „Nicht wahr, liebste Mutter?“ Die Mutter neigte sich zu ihr und küsste sie. „Ich weiß nicht, was du meinst,“ sagte sie leise. „Aber ich wehre mich nicht dagegen, von euch überschätzt zu werden!“

Ende.

Empfohlene Artikel

Kommentieren