Neue Fortsetzungsreihe: Vor den wirtschaftlichen Kampf gestellt – Frauen erzählen ihr Schicksal

 In Fortsetzungsroman, Frauenleben, Originaltexte Preisausschreiben Gartenlaube

Wir veröffentlichen die Geschichten jeden Freitag in einem Stück oder zwei Fortsetzungen.

Starten wollen wir mit einer recht dramatischen Schilderung: Eine junge Frau ernährt mit einer Schneiderwerkstatt ihre ganze Familie: die vier jüngeren Geschwister sowie ihre Mutter und Großmutter. Dann bekommt sie einen Schlaganfall. Die beiden jüngeren Schwestern, 16 und ca. 20 Jahre alt, müssen übernehmen. Wie es weitergeht, wird von der 16-jährigen Schwester erzählt. Und ganz nebenbei auch, wie damals so geschneidert wurde.

Auf Bürgerleben hatten wir bereits zwei Geschichten aus diesem Buch „Vor den wirtschaftlichen Kampf gestellt“ als Blogartikel veröffentlicht: Eine Frau baute sich mit Sprachunterricht und Kunstgewerbe eine eigene Existenz auf, die andere fand schließlich eine Arbeit als „Lithographin“ in einem Kartenverlag.

Die Geschichten entstanden 1905 für ein Preisausschreiben der Wochenzeitschrift „Die Gartenlaube“ und wurden aufgrund der großen Resonanz, die sie hervorriefen, danach als Buch veröffentlicht. Wahrscheinlich auch als Mutmacher für viele Frauen, die in eine ähnliche Situation kamen – sich plötzlich ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen zu müssen, meist ohne eine wirkliche Ausbildung.

Es sind Schicksale, die hier erzählt werden. Oft merkt man, daß die Frauen keine geborenen Schriftstellerinnen sind, aber gerade das macht ihre Schilderungen so authentisch.

Eine Schneiderin

Meine siebzehnjährige Schwester hatte, als unser Vater gestorben war, gemeinsam mit unserer Mutter die ernste Pflicht, uns vier jüngere Geschwister und die Großmutter, welche immer im Hause unserer Eltern gelebt hatte, zu ernähren, als etwas Selbstverständliches übernommen. Mutters Einnahme bestand in den Erziehungsgeldern der Kinder; diese deckten gerade die Miete. Sie sowie ihre Mutter, als Witwen städtischer Beamten, bezogen keine Pension, auch sonst keinerlei Zuschuss. Die drei ältesten Brüder waren bereits beim Militär, von ihnen war nichts zu erwarten. Bei Lebzeiten des Vaters hatte die Schwester die Schneiderei erlernt und nach dessen Tode durch Fleiß und Geschicklichkeit sich einen Kundenkreis erworben. Soweit es sich mit den Hausfrauenpflichten vereinte, half meine Mutter bei der Schneiderei. Auch hatte die Schwester 3 bis 4 Lehrmädchen, die ihr 3 Mark monatlich und nette Hilfsleistungen einbrachten. In diesen Jahren ging es zwar sehr knapp bei uns her, aber von eigentlicher Not merkten wir Kinder nichts.

Eines Abends, meine Schwester war inzwischen 23 Jahre, ich 16 alt geworden, saßen wir beide gemütlich plaudernd in der kleinen Wohnstube auf dem Sofa. Ohne Veranlassung neigte sie den Kopf hintenüber, stieß einen seltsamen Laut aus und sah mich mit starren Augen an. Sie war vom Schlag gerührt, und zwar so unglücklich, dass sie der Sprache und der Bewegung beider Arme und Beine beraubt war.

Nach ihrer Konfirmation hatte sie ein halbes Jahr an Rheumatismus zu Bett gelegen und einen Herzfehler zurückbehalten, dieser war die Veranlassung des Schlaganfalls. Sie, die sich in rührender Selbstlosigkeit für uns geopfert, sie lag jetzt unsäglich leidend und, wie der Arzt gleich feststellte, ohne Hoffnung auf Genesung danieder. Das war zu viel für unsere liebevolle, sonst immer seelenstarke, fromme Mutter. Sie brach vollständig zusammen und weinte, weinte, weinte! . .

Unsere 80jährige Großmutter lag schon lange an einem bösen Fußleiden fest zu Bett. Der vierte noch zu versorgende Bruder war kürzlich zu einem Kaufmann in die Lehre getreten, Mutter aber hatte die Verpflichtung, ihn vier Jahre hindurch zu bekleiden. Meine Zweitälteste Schwester nähte seit anderthalb Jahren zu Hause auf der Maschine, die jüngste Schwester war acht Jahre alt, für sie allein bekam Mutter nur noch Erziehungsgeld. Ich hatte ein Jahr die Anfertigung von Paletots, Umhängen und dergleichen Bekleidungsstücken erlernt oder, richtig gesagt, erlernen sollen, denn mein beständig nach Freiheit, Luft und Sonnenschein dürstender Sinn blieb dieser Kunst gegenüber verständnislos.

So waren die Verhältnisse in unserm Hause, als meine zweitälteste Schwester und ich an jenem Unglücksabend berieten, was jetzt geschehen solle. Diese Schwester erklärte, die Anfertigung von Kleidern auf keinen Fall übernehmen zu können, die Lehrmädchen müssten entlassen werden. Dem musste ich beistimmen. Aber Geld musste verdient werden!! Mein heißer Wunsch, uns zu helfen, ließ mich zu der Überzeugung kommen, dass ich mit Hilfe eines guten Schnittmusters Kleider arbeiten könnte. Und den erprobten Schnitt hatten wir ja! Meine 16 Jahre entschuldigen diese Kühnheit. Die Hauptsache schien mir, die Kunden zu bewegen, die noch in unserm Hause befindlichen Stoffe mir zur Verarbeitung zu überlassen.

Doch es kam besser, als ich fürchtete. Einige überließen sie mir aus Mitleid, andere, weil ich versprach, „recht billig“ zu sein, und alte, treue Freundinnen meiner Mutter brachten mir sogar Stoffe zum „Probieren“ und gaben mir die Versicherung, nicht böse zu sein und auch die Arbeit bezahlen zu wollen, wenn sie nicht gut ausfiele. Diese Kleider schnitt ich zuerst zu. Bevor ich mich aber daran wagte, las ich im letzten Jahrgang einer Modezeitschrift jede darin enthaltene Anleitung zur Schneiderei mehrere Male aufmerksam durch. Ich verkleinerte und vergrößerte Rock- und Taillenschnitt, zeichnete und schnitt ans Papier ganze Kleider, fügte sie zusammen und probierte sie meiner Schwester stundenlang an, bis diese verzweifelt ausrief: „Nun kann ich nicht mehr stehen!“ Auf diese Weise beschäftigte ich mich eine ganze Woche, dann erst wagte ich mich an den Stoff.

Wusste ich nicht Bescheid, ging ich an das Bett der geliebten Kranken. Ich stellte die Fragen so, dass sie mit einer kaum merklichen Wendung oder Neigung des Kopfes, denn anders konnte sie ihn nicht bewegen, bejahend oder verneinend zu antworten hatte. Ihr Geist war klar. Aber niemals konnte ich, wie ich so gern wollte, mehrere Fragen hintereinander stellen; denn wenn ich in ihre großen, schönen, von Schmerz und Angst erfüllten Augen blickte, füllten sich die meinen mit Tränen, und die durften von der Kranken nicht gesehen werden.

Ach, es war eine grenzenlos traurige Zeit! Die grübelnden Gedanken ließen mich tags nicht genügend schaffen, nachts nicht schlafen. Ich gab mir die größte Mühe und war doch nie mit meiner Arbeit zufrieden. Zum Entsetzen meiner mit mir arbeitenden Schwester trennte ich oft alles, was wir beide stundenlang geschafft hatten, wieder auf. Wenn sie die Arbeit sehr gut fand, behauptete ich das Gegenteil. Diese Meinungsverschiedenheit blieb auch später unter uns. Da aber gewöhnlich „der Klügste immer nachgibt“, ging das fortwährende Trennen nach meinem Kopfe!

War endlich ein Kleid mit Mühe und Not fertig geschafft, bat ich die Damen nochmals zur Anprobe. Zwei bis drei Stunden vorher konnte ich vor Aufregung kaum sprechen, erst wenn sich die Kundin zufrieden geäußert, wurde ich ruhig. Nachdem dann nochmals alle kleinen Mängel sorgfältig beseitigt waren, wurde das Kleid abgeschickt. Dass die in dieser traurigen Lehrzeit, mit Angst und Unsicherheit gearbeiteten Kleider gefielen und wir immer Beschäftigung hatten, habe ich wohl der anspruchslosen Kundschaft und meinen sehr bescheidenen Preisen zuzuschreiben. Aber diese Einnahme und ein unverhoffter Zuschuss, von dem ich gleich sprechen werde, halfen uns über das erste, schmerzvolle Jahr hinweg. Nach diesem konnte ich schon zwei Lehrmädchen, später vier und nach einigen Jahren 12-15 Arbeiterinnen beschäftigen.

Eines Morgens trat eine uns still beobachtende Flurnachbarin in mein Zimmer. „Kleines Fräulein“ sagte sie sehr freundlich, „so jemand ein Geschäft anfängt, gebraucht er Geld. Ich habe hier einer alten Sparkasse 300 Mark entnommen, und,“ setzte sie mit liebem Lächeln hinzu, „dem Gelde ist es lieb, mal in die Welt geschickt zu werden; nehmen Sie es, und nach zehn Jahren legen Sie es wieder in die alte Sparkasse zurück.“ Ich war in der glücklichen Lage, es schon nach fünf Jahren den milden, lieben Händen zurückgeben zu können.

Unsere mit den Jahren sich steigernden Einnahmen waren dringend notwendig geworden — gab es doch in allen Ecken zu ergänzen und neu zu beschaffen. Unserer geliebten kranken Schwester hatten wir die Kasse übergeben, die sie jetzt wie in ihren gesunden Tagen zu unserem Besten führte. Seit dem Tode unseres Vaters hatte Mutter die Kasse abgegeben — es war ihr zu schmerzlich, das sauer verdiente Geld ihrer Kinder anzunehmen. Im Laufe der Zeit hatte sich die Schwester so weit erholt, dass sie, auf uns gestützt, den rechten Fuß nachschleifend, kleine Strecken gehen konnte, aber die Sprache war unverständlich und die rechte Hand unbrauchbar geblieben. Aus ihren edlen Gesichtszügen sprach beständig ihr großer Seelenschmerz. Oft, wenn ich ihre langen, schweren Zöpfe flocht, sah ich Tränen auf ihre Hände fallen; weil sie sich diesen kleinen Liebesdienst von mir am liebsten erweisen ließ, leistete ich ihn ihr täglich bis zu ihrem Tode.

Sechs Jahre führte sie dieses beklagenswerte Dasein, dann geleiteten wir sie zur letzten Ruhestätte.

In diesem Jahre wurde unsere jüngste Schwester konfirmiert, von dieser Schwester will ich nur sagen, dass sie zart, rein und lieb war und von uns wie ein kleines Blümlein behandelt wurde, von dem Jammer, den ihre Krankheit ihr und uns bereitet, spreche ich nicht. Sie starb als stille, große Dulderin im 29- Lebensjahr an Nervenschwäche. Als ich meinen 30. Geburtstag verlebt hatte, war das Ende unserer 93-jährigen Großmutter gekommen. Ihre sehr berechtigten Schmerzensschreie (sie litt an Altersbrand) hatten sich so tief in meine Seele gebohrt, dass ich sie monatelang nach ihrem Tode wachend und träumend hörte.

Wenn ich während dieser vierzehnjährigen, rastlosen Tätigkeit für gesunde Geschwister und eine rüstige, alte Großmutter hätte schaffen können, hätte ich meine Aufgabe vielleicht ohne gesundheitlichen Nachteil erfüllen können. Aber schwer leidende, hinsterbende Jugend und lebensmüdes Alter stündlich vor Augen zu haben und dabei eine große Schneiderei zu führen, das überstieg meine Kraft. Die oft wiederholten bekümmerten Worte meiner Mutter: „Mein Kind, du wirst mir auch krank werden, gönne dir doch eine Erholungszeit“ hatte ich aus Furcht vor dem Verlust der Einnahme unbeachtet gelassen. Jetzt aber fühlte ich, dass ich Ruhe gebrauchte, meine Nerven waren aufs äußerste erschöpft. Ich schloss zum Ersten Mal auf vier Wochen die Arbeitsstube und ging in die Sommerfrische.

Hier in tiefer Waldeinsamkeit gelangte ein stillgehegter Wunsch zum festen Entschluss. Wohl hatte ich einen festen Kundenkreis, aber dieser bestand zumeist aus Damen, die über äußerst geringe Toilettengelder verfügten. Die Worte: „Ach bitte, recht billig“ hörte ich täglich mehrere Male. Aus diesem Grunde wurde mir nie Gelegenheit gegeben, elegante Kleider zu schaffen, und dazu hatte ich den größten Trieb. Außerdem schien es mir notwendig, für etwaige Unglücksfälle ein kleines Kapital zurückzulegen. Das war bisher bei den niedrigen Fassonpreisen und verhältnismäßig hohen Arbeitslöhnen nicht möglich gewesen. Ich beschloss also, mich in einer größeren Stadt niederzulassen. Wieder zu Hause angelangt, unterbreitete ich diesen Plan meiner Mutter.

2. (und letzte) Fortsetzung folgt nächste Woche (9.11.18)

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