Wer mehr über die Autorin der Novelle, Else Krafft, wissen möchte, liest hier weiter.

Teil 1:

„Gratuliere!“ Vor der lauten, lachenden Stimme hob der Amtsrichter fast erschreckt den Kopf. Er war in so tiefen Gedanken gewesen. Nur gut, dass sein Freund, der Rechtsanwalt, ihm diese Gedanken nicht vom Gesicht ablesen konnte, nur gut. —

Aufgeregt schüttelte Heinz die herzlich ausgestreckte Hand. „Ihr habt es alle riesig wichtig damit!“ — „Nun ja, warum denn auch nicht!“ lachte der Rechtsanwalt. „Du hast lange genug darauf warten müssen, armer Kerl. Nun müssen wir uns deshalb doppelt beeilen mit dem Glückwunsch. Aber ich freue mich, freue mich von Herzen mit dir, altes Haus. Nun kommt das Glück, Heinz. Waldeck soll ein famoses Städtchen sein, dazu nur drei Stunden Eisenbahnfahrt von Berlin — Menschenskind, was willst du mehr? Nun kannst du dir ein Heim gründen, nun kannst du heiraten!“

Heinz schritt mit gesenktem Kopf neben dem Freunde durch die Straßen.

„Ja — nun kann ich heiraten“, wiederholte er langsam.

Der Rechtsanwalt legte ganz begeistert den Arm auf den des Jüngeren.

„Hast natürlich sofort telegraphiert nach Buchenau, was? Annchen Hurra — Hochzeit ist nah!“

Heinz musste wider Willen lachen.

„Wie du dir das gleich alles zurechtlegst, ist bewundernswert. Ich bin aber kein solch Stürmer wie du. Das Warten habe ich gelernt, und die Ruhe kommt dabei von selber. Meine Braut weiß noch gar nichts. Ich — ich wollte vielleicht selbst hin — weil ich doch Weihnachten wegen meines verstauchten Fußes nicht fortkonnte.“

„Natürlich — natürlich, ist ja noch viel besser! Drei Tage Urlaub sind dir mindestens sicher. Na, da möchte ich dabei sein, wenn du ankommst. Aber was hast du denn? Was machst du denn für ein Gesicht? Schäm dich! Bist nun wohl doch enttäuscht? Hast wohl gedacht, du bekommst hier in Berlin eine Anstellung? Ich an deiner Stelle wäre froh, hier herauszukommen aus dem Trubel, selbst meine Frau war ganz begeistert darüber. Du glaubst gar nicht, was für ein Reiz in so einer Kleinstadt liegt, vor allen Dingen für junge Eheleute, die sich selber erst ungestört hineinfinden sollen in ihr neues Leben. Aber du musst so etwas ja kennen von deinen Kindertagen her, wenn’s auch noch ein viel kleineres Nest war, dein Buchenau. Und Waldeck soll herrlich sein! Im Frühling heiratest du, im Sommer besuchen wir euch, da gehen wir mit Kind und Kegel irgendwo da in der Nähe in die Sommerfrische. Ja — und nun kommst du mit für den heutigen Abend. Wir feiern den neuen ‚Amtsrichter‘ bei uns erst mal ordentlich.“

Heinz wurde rot.

„Eigentlich wollte ich heute arbeiten!“

„Ach was, heute wird gefeiert! Meine Frau weiß sowieso nicht, wer den vielen Wein austrinken soll, den ich bestellt habe. Also tu‘ uns den Gefallen und hilf die Flaschen leeren.“

„Ihr habt doch keine Gäste?“ widerstrebte Heinz.

„Gott bewahre! Höchstens die Trude wird da sein — na, und die rechnet doch als Schwester meiner Frau nicht zum Besuch.“

 

Da sagte Heinz nicht mehr viel. Er ging stumm mit. Unter dem dunklen Haar brannte sein Gesicht wie Feuer, und ein paarmal öffnete er die Lippen, um die kalte Winterlust einzuatmen.

An der nächsten Straßenecke war ein Konfitürengeschäft, in dem er auch heute, wie gewöhnlich, ein paar Tüten für des Rechtsanwalts Sprößlinge erstand.

„Der geborene Kinderonkel“, lachte dieser kopfschüttelnd. „Selbst heute denkt er ans Mitbringen. Steckte ich in deiner Haut, ich hätte an sonst was gedacht, als an fremde Gören!“

Sie betraten das Haus und hörten schon auf der Treppe das Heranstürmen der beiden Kinder gegen die Korridortür.

„Papa! — Onkel Heinz!“

Der fünfjährige Knabe nahm des Vaters Stock, die um ein Jahr jüngere Hilde bediente den Gast, der ihr zum Dank dafür das Schürzchen mit Süßigkeiten füllte.

„Da krieg‘ ich doch auch was ab?“ sagte eine lachende Stimme neben dem Kinde.

Tante Trude war wirklich da. Schick und elegant wie immer stand sie in der Tür des Wohnzimmers und beugte sich zu dem kleinen Mädchen nieder, nachdem sie die Herren begrüßt hatte.

Hilde schüttelte trotzig den Kopf. Die kleinen Finger schoben die im Scherz ausgestreckte Mädchenhand heftig zurück.

„Nein, du kriegst nix! Du bist ganz bös —“

„Siehst du“, lachte der Hausherr, „da hast du’s! Meine Schwägerin hat die kleine Bande gewiss wieder aus dem Zimmer geworfen, weil ihr der Spektakel auf die Nerven geht.“

Heinz lachte mit. Die Glut in seinem Antlitz hatte sich verstärkt, als er das Wohnzimmer betreten und die Hausfrau begrüßt hatte.

„Das ist aber nett, Herr Assessor“, meinte diese erfreut.

„Herr Amtsrichter“, verbesserte ihr Gatte. „Vom ersten April ab geht’s nach Waldeck ans Amtsgericht.“

Ein allgemeines Gratulieren und Händeschütteln begann.

Die jugendliche Tante Trude hatte dabei so seltsam zuckende Finger, dass Heinz die schlanke Hand unwillkürlich länger als nötig festhielt.

„Ich danke Ihnen, gnädiges Fräulein. Aber ich bin gar nicht so froh darüber, von hier fort zu müssen“, meinte er. „Glauben Sie mir das?“

Sie standen jetzt beide allein und unbeobachtet, da Frau Leonie in die Küche gegangen war und der Hausherr Weingläser aus dem Büfett nahm.

Das junge Mädchen schüttelte lächelnd den Kopf.

„Nein, das glaube ich Ihnen nicht. Sie haben doch solange auf diese Anstellung warten müssen. Was sagt Ihr Fräulein Braut denn dazu?“

Er ließ die Hand jäh los.

„Die weiß noch gar nichts. Das hat ja noch Zeit. Die ist gar nicht so ungeduldig.“

Ein leiser Triumph war plötzlich in dem Mädchenantlitz.

„Nun ja — das ist beinahe erklärlich. Wenn man sechs Jahre verlobt ist — sechs Jahre!“

Sie schüttelte sich in komischem Entsetzen.

„Ich glaube, das könnte ich gar nicht. Soviel Ausdauer hätte ich gar nicht!“

Sie lachte.

„Ist doch eigentlich viel von einem modernen Menschen verlangt, was?“

Er nickte ernst.

„Sehr viel.“

Jetzt wurde Fräulein Trude auch verlegen. Sie blickte auf den Verlobungsring an seiner Hand, der dünn und schmal war und doch so fest binden sollte, und seufzte.

„Ich denke mir das wunderschön, so in einer kleinen Stadt leben zu können und mit tonangebend zu sein. Waldeck ist ja auch Garnisonstadt, nicht wahr? Sie werden viel Zerstreuung, viel Geselligkeit haben. Liebt Ihre künftige Frau so etwas?“

Heinz blickte verwirrt in das Mädchenantlitz. Wie harmlos sie lächeln konnte! Dachte sie sich wirklich nichts, gar nichts bei ihren gefährlichen raschen Worten? Fühlte sie nicht den Sturm, den sie seit Wochen und Monaten in seiner Brust entfesselt hatte, der ihm den Frieden nahm und an seinem ganzen Sein rüttelte, dass er sich selber nicht mehr wiederfand?

„Ich glaube nicht“, meinte er langsam, indem er vor dem Stuhl, auf dem sie nun saß, stehen blieb. „Meine Braut ist seit ihrer Kindheit an ein sehr ruhiges, einförmiges Leben gewohnt, und Buchenau ist nur ein viertel so groß wie Waldeck. Ein Dorf gegen die Garnisonstadt. Da gibt’s wenig Verkehr und wenig Vergnügen.“

„Um so besser für Sie“, scherzte das Mädchen. „Sie werden gewiss eine prachtvolle Aussteuer bekommen. Was muss sich in sechs Jahren nicht alles nähen, häkeln, stricken und sticken lassen für den künftigen Haushalt! Sie werden gewiss vor Schlummerrollen und Schondeckchen kaum Platz auf Ihren Sofas in Waldeck finden. Das war bei einer Pensionsfreundin von mir auch so, die ich mal in der Provinz besucht habe. Man traut sich da kaum hinzusetzen.“

War das wirklich nur Scherz?

In dem Manne stieg es bitter heiß und drückend empor. Ihm war gar nicht zum Scherzen zumute. Er fühlte ganz genau, dass hier das moderne, verwöhnte Mädchen seine Braut verspottete; dass sie vielleicht unbewusst die Wahrheit herausfühlte und ahnte, dass jene blonde, anspruchslose Gespielin seiner Kindheit, um die er einst im jugendlichen Rausch der ersten Liebe geworben, vor dem stolzen Bild der anderen verlor, und dass seine Sehnsucht plötzlich ganz andere Wege ging wie früher.

In ungeheurer Erregung griff Heinz nach der Hand des lachenden Mädchens.

„Und wenn das nun alles nicht wäre, dieser Ring hier an meinem Finger, dieses Verlöbnis, das mich sechs Jahre wie ein Träumender im Bann hielt, wenn — wenn das nicht wäre. Fräulein Trude, und ich wär‘ frei, frei wie Sie, würden Sie dann wohl auch in so einer kleinen Stadt leben wollen, wie Waldeck, mit mir, neben mir, alle Zeit?“

Sie stand regungslos und blickte ihn überrascht an.

„Vielleicht“, sagte sie dann flüsternd und gerade so, als ob sie „ja“ gesagt hätte. Im nächsten Augenblick war sie im Nebenzimmer verschwunden, während ihr Schwager kopfschüttelnd neben den Freund trat.

„Heinz — Heinz, du wirst doch keine Dummheiten machen! Was hat denn das verdrehte Mädel?“

Der Gefragte lächelte gezwungen.

„Ich weiß es nicht. Deine Frau hatte gerufen.“

Alles war Aufruhr in ihm. Dieses geflüsterte, hingebende „Vielleicht“ des reichen Mädchens eröffnete ihm ein neues, glänzendes Zukunftsbild. Anstatt der einfachen, armen Jugendgespielin eine elegante, moderne Frau mit großer Mitgift, eine Frau, die ihm „ein Stück Berlin“ mit in die kleine Stadt bringen würde!

Heinz war wie im Fieber den Abend über. Obwohl beide kein Wort mehr allein zusammen sprechen konnten, fühlte jeder es doch, wie es um den anderen stand.

Erst spät in der Nacht auf dem Heimweg in der klaren, kalten Januarluft kam Heinz wieder zur Besinnung. Was würde er nun tun? Ob Annchen sehr unglücklich sein würde über seinen Treubruch? War es überhaupt ein Treubruch? Er hatte die Braut vier Monate nicht gesehen, die wöchentlichen Briefe blieben seit Jahren dieselben, es war in der langen, langen Zeit wie ein alltäglicher, nüchterner Druck über beide gekommen, der durch das seltene Wiedersehen nur wenig gemildert wurde. Das letzte Mal war es im Herbst gewesen. Das Mädchen war so scheu, so seltsam fremd gegen den Verlobten, und Heinz hatte sogar das Gefühl gehabt, dass die Jugendgespielin mit den Jahren eine andere geworden sei, als damals das verträumte, herzige Kind im blonden Flechtenkranz.

Sie sah viel älter aus, als sie mit ihren sechsundzwanzig Jahren eigentlich war. Dagegen die andere, die achtzehnjährige, lebensprühende Schwägerin seines Freundes! „Vielleicht —“ hatte ihr Mund gesprochen, dieweil ihr Blick doch ein Hundertfaches „Ja“ widerspiegelte. Wenn er nun hinfuhr zu der Braut, morgen oder übermorgen, wenn er ihr, dem kühlen, vernünftigen Mädchen sagen würde, wie es um ihn stand, vielleicht würde sie es selber richtig finden, dass er die andere nahm — ja, vielleicht würde sie sehr zufrieden sein, dass sie nun bei den Eltern bleiben konnte in der Heimat, dass sie nicht zu zittern brauchte vor einer Trennung. — ja, sie war ja immer eine so gute, liebende Tochter gewesen.

Und wie es um ihn selbst stand? —

Heinz kam von diesem Gedanken gar nicht los. Wusste er denn überhaupt, wie es um ihn stand? Liebte er die Schwägerin des Freundes? Liebte er sie mit jener Liebe, die unaufhaltsam ihn zu ihr hinriss, komme, was wolle, lehne sich dagegen auf, was wolle, alles, alles würde er jauchzend zwingen und überwinden?

Der Mann schüttelte den Kopf vor dieser Frage. So einer Liebe war er wohl überhaupt nicht fähig. Dazu war er wohl zu ernst und zu vernünftig gewesen sein Leben lang. So eine Liebe hatte er doch auch niemals für die Braut gehabt. In der ersten, üblichen Schwärmerei schien es wohl so, später war in den Briefen doch nur der gute, kameradschaftliche Ton, bei den seltenen Besuchen nur das stille Behagen des Ausspannens von der Arbeit gewesen. Dann die gedankenlosen Spaziergänge an Annchens Seite durch Wald und Feld, die stets sich gleichbleibenden kurzen Zärtlichkeiten, die sie jedes Mal nur zag und zitternd duldete.

Sie liebte ihn gewiss auch nicht so, wie es eigentlich sein sollte, dachte er plötzlich fast erleichtert, als er sich so das ganze seltsame Wesen seiner Braut ins Gedächtnis zurückrief. Und sie würde ihm gewiss das Ende dieser Verlobung nicht schwer machen, seine stille, bescheidene Freundin aus den Kindertagen. —

Heinz begann die letzte Strecke bis zu seiner Wohnung im Sturmschritt zu laufen. Irgendetwas trieb ihn Plötzlich zur Eile. Gleich morgen würde er um den Urlaub bitten, schreiben brauchte er gar nicht mehr, er konnte dann vielleicht schon übermorgen Mittag in Buchenau sein.

Er war plötzlich so sicher. Sie war wohl peinlich diese Reise, gewiss, aber das Schicksal selber hatte es eben anders mit ihm beschlossen, als es ihm so unerwartet das Herz der anderen schenkte. Und schließlich, darin hatten seine Kollegen recht, ein Jurist darf sich keine arme Frau nehmen, wenn er vorwärts kommen will.