Die Proklamation des Kaiserreichs – wie wurden die runden Jahrestage gefeiert?

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Auf der Seite Bürgerleben geht es vorrangig um das Leben der Bürger, nicht um die große Politik. Ein Datum wollte ich aber doch nicht ignorieren bzw. ein Jubiläum, welches am 18. Januar 2021 ansteht – der 150-jährige Jahrestag der Proklamation zum Kaiserreich.

Anstatt die oft geschilderte Proklamation nochmals zu beschreiben, stellte ich mir die Frage: Wie wurde dieser Jahrestag (wenn es eine runde Zahl war) eigentlich in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts gefeiert? 1901 stand das 30-jährige Jubiläum an. Was erzählen die Wochenzeitschriften dieser Zeit dazu? Nicht viel! Oder doch? Denn 1901, zum 30. Jahrestag, wurde am 18. Januar gefeiert – allerdings das 200. Krönungsjubiläum des Königreichs Preußen. Zur Erklärung – die Kaiserproklamation wurde auf Wunsch Wilhelm I. auf den gleichen Tag gelegt wie die Krönung des 1. preußischen Königs – nur 170 Jahre später.

Die Feier am 18. Januar 1901 war sehr militärisch geprägt, eine minutiöse Beschreibung der Ereignisse findet sich in einer Januar-Ausgabe der „Sonntagszeitung für deutsche Frauen“ (die eigentlich ein Familienblatt war und sich einige Jahre später auch entsprechend umbenannte).
Neben den Bundesfürsten, den „Spitzen des Heeres“ und allerlei weiterem Militär waren auch 52 Ordensritter geladen und es wurde ein neuer Orden als kaiserliche Auszeichnung gestiftet „Der Verdienst-Orden der preußischen Krone“.

Vom 30-jährigen Jubiläum war allerdings in diesem Artikel keine Rede, dafür wurde die Votivtafel, welche der Kaiser von der preußischen Hauptstadt Königsberg erhielt, umso ausführlicher beschrieben, hier nur ein kleiner Auszug: „…im Silberrahmen liegt eine in ihren Ornamenten getriebene Platte…“ usw.

Immerhin, das Denkmal Kaiser Wilhelm I. wurde „illuminiert“, wie das folgende Bild zeigt und wovon später noch einmal die Rede sein wird.

Außerdem gab es in der Sonntagszeitung einen mehrteiligen Artikel zum Anlass des 200. Jahrestags mit einem „Jubiläums-Gedenkblatt“ mit den Bildnissen aller bisherigen Preußen-Könige und Königinnen (es waren jeweils neun, auch Kaiser und Kaiserin waren als amtierendes preußisches Königspaar abgebildet).

Der Wochenzeitschrift „Über Land und Meer“ waren die Jubiläumsfeierlichkeiten zur Gründung Preußens einen kurzen Artikel mit Bild wert und zwar in einer Januarausgabe auf der letzten Seite der Rubrik „Aus aller Welt“. Auch hier kein Hinweis auf das 30-jährige Jubiläum. Dafür prangte auf Seite 1 der Rubrik ein großes Bild „Vom Dienstbotenball in München“ mit Artikel. Tja, man muss Prioritäten setzen.
Immerhin gab es auch in dieser Zeitschrift einen geschichtlichen Artikel zum preußischen Krönungsjubiläum.

Was soll ich sagen – am Ende der Recherche für die Erwähnung des 30-jährigen Jubiläums wurde ich doch noch fündig und zwar -etwas überraschend- in der Zeitschrift „Bazar“, heute eigentlich eher wegen ihrer farbigen Modezeichnungen (die in jeder 2. Ausgabe erschienen) bekannt. Auch wenn die Überschrift -mal wieder- „Von der Jubiläumsfeier des preußischen Königshauses“ lautete, so hieß es gleich am Anfang:

…Die Jubelfeier zur Erinnerung dieses folgenreiches Ereignisses (das 200-jährige Jubiläum) war ursprünglich als rein preußisches Fest gedacht worden, und nun hat der Verlauf dieses Festtages gezeigt, daß ganz Deutschland es freudig mitgefeiert hat. Ist der 18. Januar doch zugleich auch der Tag, an dem vor dreißig Jahren die Kaiserproklamation in Versailles erfolgte und der Kronprinz, der spätere Kaiser Friedrich, in seine Tagebuch verzeichnete…

Nach den patriotischen Tagebuchzeilen des Kronprinzen Friedrich folgt eine kürzere Beschreibung der Festlichkeiten, u.a. wird erzählt, dass „während in langen Zeilen die Fenster der Hausfronten in der immer noch am schönsten wirkenden reichen Kerzenbeleuchtung erglänzten, von zahllosen Gebäuden Wunderwerke elektrischer Illuminationskunst strahlten“ und „vom Rathausturm ein bengalisches Rot aufstieg“ (wie vorhersehend!) sich „der Hofe mit seinen Gästen zu der Festvorstellung nach dem Opernhause begeben hatte“.

Zur Festvorführung kamen auch hohe ausländische adelige Gäste, z.B. Erzherzog Ferdinand von Österreich-Este und der russische Großfürst Wladimir von Russland.

Der Hauptteil des Artikels widmete sich jedoch den Verdiensten der preußischen Herrscherinnen:

Die stille Arbeit der Frauen auf Preußens und auf Deutschlands Thron hat aber gleichfalls hohe Verdienste um die kulturgeschichtliche und soziale Förderung des Reiches…

Dabei werden die Verdienste der amtierenden Kaiserin am Ende nur kurz gestreift…

Wie sah die Lage 10 Jahre später, 1911, zum 40. Jahrestag aus? Feierlichkeiten zur Gründung gab es keine, auch nicht für Preußen (gut, der 210. Jahrestag der Gründung ist natürlich weit weniger spektakulär). Aber immerhin kam in der Zeitschrift „Die Woche“ zur „neuste(n) photographische(n) Aufnahme“ des Kaisers die folgende Meldung:

Dem diesjährigen Geburtstag Kaiser Wilhelm II. ist ein patriotisches Jubiläum von hoher Bedeutung vorausgegangen: der 40jährige Gedenktag der Kaiserproklamation von Versailles. An diesen Tag hat sich das deutsche Volk mit Dankbarkeit daran erinnert, daß mehr als die Hälfte jener 40 Jahre unter der Regierung Wihelms II. verflossen sind. Der Kaiser, der am 27. Januar sein 52. Lebensjahr vollendet hat, trägt die deutsche Krone nun schon seit fast 23 Jahren, und das mächtige Blühen und prächtige Gedeihen der deutschen Lande seit der Reichsgründung ist zum großen Teil ein Werk des dritten Kaisers.

Nein, der Kaiser war nicht Teilhaber der Zeitschrift (wie man bei diesem lobhudeligen Artikel vermuten könnte) und über sein Regierungs-„Werk“ bzw. Anteil am wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands gab es ganz sicher geteilte Meinungen. Groß berichtet wurde über Wintersport, die Reise des Kronprinzen und die Uraufführung des Rosenkavaliers – übrigens in diesem Artikel (Link folgt) bald nachzulesen.
Aber da war ja noch die Rubrik „Die sieben Tage der Woche“! Dort steht am 18. Januar:

Aus Marokko wird gemeldet, daß bei Casablanca eine französische Abteilung in einen Hinterhalt geriet, wobei fünf Mann getötet und sechs verwundet wurden.

Gut, nächster Versuch bei der „Sonntagszeitung für’s deutsche Haus“ ! Es wird berichtet über den englischen Wahlkampf (spannend!), Wintersport (herrlich!) und der Schreckensfahrt des Freiballons „Touringclub“ (dramatisch!), es finden sich Artikel über „Die Gewinnung des Kaviars und seine Geschichte“ sowie „Unnötige Entschuldigungen“, aber Gründungsjubiläum – nichts.

Ein letzter Blick geht in die Wochenzeitschrift „Daheim“. Dort werde ich fündig! Im mehrteiligen Bericht „Vor vierzig Jahren. Persönliche Erinnerungen von Richard Graf von Pfeil und Klein-Ellguth, Generalmajor z. D.“ erzählt der Verfasser von den letzten Kriegstagen und tatsächlich auch von der „Kaiserverkündung in Frankreichs Königsschlosse“, bei der er selbst dabei war!
Eine Ehrenrettung! Die dargestellten tagespolitischen Themen gleichen sich und nein, auch dort ist weder vom Jubiläum noch von Fest- oder Feierlichkeiten zu diesem Anlass die Rede.

Fazit – es wurde weder im großen Stil über die beiden Jubiläen der Kaiserkrönung berichtet, noch wurden sie explizit gefeiert. In den Artikeln, die dazu erschienen, stand das Königreich Preußen und dessen Geschichte bzw. das 200-jährige Jubiläum seiner Gründung eindeutig im Vordergrund, auch bei den entsprechenden Feierlichkeiten 1901. Warum das bei aller patriotischen Begeisterung der Bevölkerung so war? Offizielle Feierlichkeiten hätten von Regierung und Kaiser initiiert werden müssen. Anscheinend gab es aber kein Interesse, dies zu tun. Dem Kaiser war die Geschichte seines Königreichs Preußen wichtiger als die des jungen deutschen Reichs, wie die Feierlichkeiten von 1901 zeigen. Und die Landesfürsten? Sahen anscheinend gleichfalls die Interessen ihrer Bundesstaaten im Vordergrund. Dazu war das Land auch im Reichstag vom mächtigen Bundesstaat Preußen dominiert – und damit auch dessen Interessen.

Das sind meine Gedanken dazu – was meint Ihr? 🤓

 

Alle Originalzitate erscheinen in kursiver Schrift (außer Bildunterschriften) und sind in der damaligen Rechtschreibung belassen.

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