Hier findet Ihr eine kurze Einführung und ein paar Worte zur Verfasserin der winterlichen Novelle – Sophie Mättig-Willkomm.

Es war in der Dämmerstunde. Frau Irmgard von Ramberg hatte sich einen Lehnstuhl dicht an den Kamin herangerollt und blickte mit träumenden Augen in das lustig prasselnde Holzfeuer. Sie war soeben von einem Besuch heimgekehrt, und noch lag eine leichte, durch die winterliche Kälte hervorgerufene Röte auf ihren sonst etwas blassen Wangen. Sie hatte von ihrem Ausgang etwas Neues mit nach Hause gebracht — eine Idee, einen Plan, — freilich vorerst noch ganz unbestimmt, — aber vielleicht bei reiflichem Nachdenken doch ausführbar.

Schon das Nachsinnen darüber war so amüsant! Wie sie sich die letzten Tage wieder gelangweilt hatte, — es war einfach nicht zu sagen. Und doch war das „sich langweilen“ ihr Normalzustand. Wenn sie zurückdachte, so war — abgesehen von den drei entsetzlichen Jahren ihrer Ehe — das Leben für sie seit ihrem siebzehnten Jahr immer das gleiche öde Allerlei gewesen. Toilette machen, Konzerte, Theater und Gesellschaften besuchen, — sich umschmeicheln und umwerben lassen, — und, wenn ihr das alles einmal gar zu abgeschmackt vorkam, sich für ein paar Tage von der Welt abschließen, um sich in der Einsamkeit bei einem Roman erst recht zu langweilen,         das war so ungefähr das, was bisher ihren Lebensinhalt ausgemacht hatte! — — —

Ja, hätte sie irgendein hervorragendes Talent besessen, oder wäre sie weniger reich gewesen! Wie oft hatte sie sich allen Ernstes zurückgewünscht in die einfachen Verhältnisse ihrer Mädchenjahre. Als Tochter eines unbemittelten Offiziers hatte sie im Haushalt tüchtig mit zugreifen müssen,— und ihre von den Freundinnen viel bewunderten Kleider waren stets das Werk ihrer eigenen Hände gewesen. Und wie heiter und hoffnungsvoll hatte sie damals ins Leben geblickt!

Aber dann war der alte Kavalier gekommen, mit dem vornehmen Namen und dem großen Geldbeutel, — hatte dem Vater die Schulden bezahlt, und sie selbst, die „schöne Irmgard“, als Kaufpreis mit fortgenommen in Reichtum und Jammer. — Sie war noch so jung gewesen, kaum siebzehn Jahr, — und hatte es beinahe widerspruchslos geschehen lassen, dass man sie dem Sechzigjährigen Mann angetraut hatte.O des Elends, des Elends!

Und dabei war sie noch von den Menschen beneidet worden! Beneidet um das hässliche, schmutzige Geld, für das sie ihre blühende Jugend hingegeben. Welch ein Glück, dass der Vater so bald gestorben war! So hatte sie es doch über sich vermocht, ohne Hass an ihn zu denken, an ihn, der sie zu der „brillanten Partie“ überredet hatte. Weitere Angehörige besaß sie nicht mehr, dafür einen großen Bekanntenkreis, dessen viel bewunderter Mittelpunkt sie war, und ihren Mann.

Sie schauderte noch heute, wenn sie an ihn zurückdachte,— an sein durch alle möglichen Toilettenkünste jugendlich zugestutztes Äußere, an die Berührung seiner kalten, kraftlosen Hände, den matten Blick seiner Augen. Wie eine wandelnde Leiche war er ihr oft vorgekommen mit dem gefärbten Haar und dem geschminkten Gesicht. Er hatte es ihr verschwiegen, dass er schon seit Jahren einem Leiden verfallen war, das ihn völligem geistigen und körperlichen Ruin entgegenführen musste. Ein Jahr nach der Verheiratung war die Krankheit mit voller Wucht bei ihm ausgebrochen, — und zwei Jahre hatte sie an seinem Krankenlager gesessen und ihn gepflegt, — mit innerlichem Grausen, aber doch nach besten Kräften.

Dann war der Tod gekommen und hatte sie, die einundzwanzig- jährige Frau, zur Witwe gemacht. — Frau Irmgard schlug die Hände vors Gesicht und stöhnte. Fünf Jahre waren seitdem vergangen, und doch konnte sie noch immer nicht zurückdenken, ohne sich immer von neuem wieder aufzuregen. Nein, nein, — fort mit diesen unangenehmen Erinnerungen!

Sie wollte an etwas anderes denken, sich lieber in ihre „neue Idee“ vertiefen; — ihre Bekannten, bei denen sie überhaupt für extravagant galt, würden wohl sagen in ihre „neueste Laune“! Sei es darum! Mochten die lieben Freunde immerhin die Achseln über sie zucken, — sie war — Gottlob! — Herrin ihres Willens und hatte keinem Menschen Rechenschaft abzulegen über ihr Tun.

Es galt nur, die notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Draußen tönte die Flurglocke. Gleich darauf trat das Stubenmädchen ein und meldete Besuch an: Baron Lenz wünsche seine Aufwartung zu machen. „Ich lasse bitten.“ Rasch hatte Frau von Ramberg den Griff der elektrischen Leitung gedreht, und als der Besucher eintrat, erstrahlte das mit allen modernen Komfort ausgestattete Gemach in hellem Lichte, und die Hausfrau trat ihm mit ausgestreckter Hand freundlich entgegen. Der junge Gesandtschafts-Attaché hatte sie einige Tage nicht gesehen, — so schön wie heute Abend war sie ihm noch nie vorgekommen. War es das durch phantastische Seidenschirme rosig abgetönte Licht der Lampen, das ihrem regelmäßigen Gesicht so viel warmes Leben verlieh, oder gab eine freudige Erregung ihren sonst so kühl blickenden grauen Augen dieses warme Leuchten? Der Baron nahm das letztere an und deutete es zu seinen Gunsten.

Bewundernd ließ er den Blick über ihre hohe, schlanke Gestalt gleiten, — wie vornehm sah diese Frau doch stets aus, selbst in dem einfachen, dunklen Hauskleid, — und wie licht und klar hob sich ihr fein geformter, von braungoldenem Haar umflimmerter Kopf von dem einfarbigen Hintergrund der rotseidenen Tapete ab.

„Gnädige Frau, “ sagte er verbindlich, nachdem er Platz genommen, „Ich komme mit einer Bitte! Sie wissen, bei General von Bergs wird heuer am Silvesterabend wie alljährlich getanzt; diesmal im Kostüm. — Es handelt sich um ein Menuett, — Zeit: Directoire-Periode (Ende des 18. Jh.). — Und nun meine Bitte: Gestatten Sie mir, bei diesem Tanz Ihr Partner zu sein.“

Irmgard hatte sich zurückgelehnt. Nachdenklich betrachtete sie den jungen Diplomaten und konstatierte bei sich, dass er rein äußerlich betrachtet, gar keine unansehnliche Figur mache. Groß, brünett, mit einem schmalen Gesicht, dem das kunstvoll aufgezwirbelte Bärtchen — „Es ist erreicht“ — einen freundlich lächelnden Ausdruck verlieh, war er wirklich so übel nicht. Hübsch genug jedenfalls, um für die Dauer eines Abends ihr bevorzugter Kavalier zu sein. Aber daran würde er sich nicht genügen lassen. Bisher hatte sie es immer verstanden, ihn kurz zu halten, — gab sie ihm jetzt eine Zusage zu dem Menuett, so würde er in nächster Zeit eine andere Frage an sie stellen.

Das durfte nicht sein. Sie war durchaus nicht kokett, und es lag ihr nichts daran, Körbe auszuteilen . . . Hatte sie vorhin noch geschwankt, so stand nun mit einem Mal ihr Entschluss fest. Und mit liebenswürdigem Lächeln erwiderte sie, wie sehr sie es bedauere, sich nicht an der geplanten Aufführung beteiligen zu können, — sie habe sich aber entschlossen, für die ganze Weihnachts- und Neujahrszeit zu verreisen.„Jetzt, mitten im Winter?!“ „Allerdings, — gerade jetzt, — morgen schon.“ „Und ist der Entschluss unwiderruflich?“ „Unwiderruflich.“

Baron Lenz machte ein betroffenes Gesicht. „Darf man wenigstens fragen, wohin Gnädigste verreisen wollen?“ „Das darf man eben nicht!“ Ein ganz leises, schalkhaftes Lächeln huschte um ihre vollen roten Lippen. Dies Lächeln gab ihm zu denken. Sollte er am Ende irgend wo anders einen Nebenbuhler haben, von dessen Existenz er nichts ahnte? Und vielleicht, — ihm wurde ganz elend bei dem Gedanken, — einen begünstigten Nebenbuhler? Enttäuscht stand er auf. „Unter diesen Umständen will ich natürlich nicht länger stören. Gestatten Gnädigste mir wenigstens, viel Glück zu wünschen zu dieser —- Winterreise. Hoffentlich in nicht allzu ferner Zeit auf Wiedersehen!“

Frau von Ramberg war wieder allein. Ja, nun war der Entschluss ausgesprochen und musste auch ausgeführt werden. Sie wollte verreisen, — gleich morgen schon. Aber nicht nach irgendeiner größeren, belebten Stadt, sondern — darin lag ja gerade der Hauptreiz, das Ungewöhnliche — in die Einsamkeit alpiner Bergwildnis.

Als sie heut Nachmittag bei ihrer Bekannten der Sanitätsrat, der sie wohl dreiviertel Jahr nicht gesehen, über ihre Sommerreise ausgefragt hatte, war mit einem Mal die Sehnsucht in ihr erwacht. Ja, in die Berge wollte sie, — richtigen, reinen Schnee sehen, nicht so schmutzigen, vertretenen, wie er hier in den Straßen lag, — und einmal winterliche Alpenluft atmen. Das war doch etwas Besseres, als sich von Ball zu Ball schleppen und aus lauter Gutmütigkeit und Langeweile womöglich von neuem in Fesseln schlagen lassen.

Am liebsten wäre sie gleich auf der Stelle auf und davon gefahren, — aber es gab immerhin noch einiges zu bedenken. Das Haus wollte bestellt sein, den Dienstboten mussten ihre Weihnachtsgeschenke ausgehändigt werden. Und dann hatte sie auch noch Toiletteneinkäufe zu machen, denn kälter würde es „dort oben“ jedenfalls sein, als hier in den geschützten Straßen der großen Stadt. Gebirgsstiefeln musste sie sich kaufen, österreichisches Geld einwechseln und so weiter und so weiter.

Kurz, es gab eine ganze Menge noch zu erledigen bis morgen Abend. Und Frau Irmgard reckte die jungen, kräftigen Glieder. Ihre Langeweile war verflogen. Es galt nachzudenken und anzuordnen, — welche Wonne das war!

II.

Der Schnellzug brauste durch das weite, verschneite Flußtal. Frau von Ramberg befand sich allein in einem Abteil erster Klasse. Trotz der Kälte draußen hatte sie das Fenster herabgelassen und blickte nun mit verklärten Augen auf die im Nachmittagssonnenschein rötlich schimmernden Berge, deren immer mehr und höhere vor ihr auftauchten. Sie war die Nacht durchgefahren, und da sie ein Schlafwagenabteil bekommen und trefflich geruht hatte, fühlte sie nichts von Ermüdung. Beinahe wäre sie gleich in Lindau geblieben. Der Bodensee hatte in seiner weißen, winterlichen Umrahmung gar so herrlich und verlockend ausgesehen. Aber dann war doch wieder das Verlangen nach den Bergen über sie gekommen.

Was die Leute in dem Gebirgsdörfchen wohl für Augen machen würden, wenn sie plötzlich bei ihnen auftauchte! Einen ganzen Koffer voll Geschenke führte sie mit sich, — sie wollte sich einmal ihres Reichtums freuen und „Christkind“ spielen.

Während des letzten Sommers war sie auf einer größeren Alpentour ganz zufällig auf ein reizendes kleines Nest gestoßen, — d. h. „Nest“ war eigentlich schon zu viel gesagt; das ganze Brixenau bestand ja nur aus Kirche, Pfarre, Gasthaus und einigen Häuschen, die zerstreut in dem großartigen Hochgebirgstal lagen. Sie hatte damals nur einen Tag bleiben wollen, — aber aus dem Tag war eine ganze Woche geworden, und hätten ihre Bekannten nicht zur Weiterreise gedrängt, so wäre sie gewiss noch länger oben geblieben.

Die wundervolle Gegend, die Weltabgeschiedenheit und die einfachen, schlichten Menschen in dem kleinen Gasthof — das alles hatte es ihr, die nur an vornehme Hotels mit eleganten Insassen gewöhnt war, auf den ersten Blick angetan. Und die Einsamkeit dort oben sollte ihr gut tun nach den ermüdenden, aufreibenden Gesellschaftswochen.

Der Zug hielt, der Schaffner riss die Tür auf und meldete dienstbeflissen, dass das Billet der Dame hier ablaufe. Frau von Ramberg nahm die Plaidtasche, die sie mit sich führte, zur Hand, und sprang leichtfüßig aus dem Wagen. Nicht ein einziger Passagier verließ außer ihr den Zug. Und als er nach kurzem Aufenthalt weiter rollte, sah sich Frau Irmgard mutterseelenallein auf dem Perron (Bahnsteig) des kleinen Bahnhofs.

Eine ihr selbst unbegreifliche Fröhlichkeit bemächtigte sich ihrer. Die drei Wegstunden, die sie vor sich hatte, machten ihr nicht bange, im Gegenteil: Sie kam sich vor wie ein Vogel, der dem Käfig entflohen ist. Es fehlte nicht viel, so hätte sie vor lauter Lust gejodelt. Herrgott, war das eine prachtvolle Luft, die sie hier umwehte, — frisch und eisig und dabei so aromatisch. — sie rötete ihr das Gesicht und verlieh ihr förmlich Flügel beim Gehen.

An ihr Gepäck dachte sie nicht. Sie war noch nie allein gereist, und es fehlte ihr daher so ziemlich an aller praktischen Routine. Erst, als sie ein ganzes Stück aufwärts gestiegen war — ihr Weg führte in schmaler Zickzacklinie zur Passhöhe empor — fielen ihr die Koffer ein. Nun, die würden schon auf irgendeine Weise hinauf befördert werden, — im schlimmsten Fall bekam sie sie eben erst morgen. Und was tat das schließlich? Das Notwendigste trug sie ja bei sich. —

Rüstig stieg sie weiter. Es war kein leichtes Gehen, denn bald hinter der Station hatte der schneefreie Pfad aufgehört und sich in einen sogenannten Stapfweg verwandelt. Es war mühsam, die Füße immer in die ziemlich weit von einander getretenen Stapfen zu senken, und trat man ‚mal daneben, so versank der Fuß tief, tief in dem feuchten, frisch gefallenen Schnee.

Allmählich wurde sie müde. Sie musste oft stehen bleiben und tief Atem schöpfen. Trotz der schneidenden Kälte glühte ihr das Gesicht, und die Stirn war ihr von der ungewohnten Anstrengung rot und feucht geworden. Gerade, als sie die Passhöhe erreichte, ging hinter der jenseitigen Talwand die Sonne unter.

Hier oben hauste ein scharfer Ostwind, der den Schnee vor sich her fegte und an manchen Stellen mannshohe Wehen zusammengetrieben hatte. Man war bereits über der Baumgrenze, und wo der Sturm den Schnee weggekehrt hatte, lugte kurzes, graugrünes Weidegras hervor. Irmgard erinnerte sich des herrlichen, tiefblauen Enzians, den sie im August hier gepflückt hatte. Damals war sie in lustiger Gesellschaft gewesen, und die hatte keinen Gedanken aufkommen lassen an Öde und Einsamkeit. — Heut machte die Stelle einen unwirtlichen, fast unheimlichen Eindruck. Die junge Frau schauderte.

Sie musste förmlich ankämpfen gegen den Sturm. Und sie war froh, als der Weg sich senkte und sie in etwas geschütztere Regionen kam. — Noch lag eine anderthalbstündige Wanderung vor ihr. Aber von nun an ging es bergab, — dabei war der Weg nicht zu verfehlen, selbst wenn, wie Irmgard fast fürchtete, die Dunkelheit sie überraschen sollte. Sie brauchte ja nur einfach dem Wildbach nachzugehen, der neben ihr toste und schäumte, so kam sie sicher nach Brixenau.

Mit einem Mal fiel es ihr ein, dass jenseits des Wassers ein weit näherer Pfad ins Dorf führte, in schnurgerader Richtung mitten durch den Wald, — sie kannte ihn ganz genau vom Sommer her. Schade, dass sie nicht auf der Passhöhe abgebogen war. Jetzt war es nun zu spät dazu. Oder ob sie es riskierte und die Felsstücke, die aus dem Bach aufragten, als Brücke benutzte? Eine reichliche Viertelstunde Wegs ersparte sie sich auf diese Weise ganz gewiss.

Gedacht, getan! Schon hatte sie den rechten Fuß vorsichtig auf einen der Steine gesetzt und wollte nun den linken nachziehen, da fühlte sie sich plötzlich am Arm gepackt und zurückgerissen.

Ein kalter Schrecken fuhr ihr durch die Glieder, mit erblasstem Antlitz wendete sie sich um und starrte in das zornige Gesicht eines hochgewachsenen, breitschultrigen Mannes.

Hier geht’s nit hinüber, Gnädige,“ sagte der Fremde rau, „auf den gefrorenen Steinen muss man ja ausgleiten, — und wer in das Wasserl hier fallt, der kommt wohl zu Tal, — aber nimmer lebendig!“

Sie war noch immer so erschrocken, dass sie kein Wort hervorbringen konnte. Der Mann sah sie von der Seite an: „Sie wollen doch nach Brixenau?“ fragte er, — „ja? Nun, ich habe denselben Weg, und da wird’s schon das Beste sein, Sie kommen mit mir.“

Sie nickte und ging schweigend hinter ihm her. Wer mochte er nur sein? Der Kleidung nach konnte man ihn gut für einen „Eingeborenen“ halten, — wenn er aber sprach, merkte man, dass er den gebildeten Kreisen angehören musste. Welch ein Glück, dass ihn der Zufall mit ihr zusammengeführt hatte, sonst läge sie jetzt wahrscheinlich mit zerschmetterten Gliedern in dem wilden, eiskalten Wasser!

„Ich danke Ihnen!“ sagte sie mit zitternder Stimme. Er drehte sich rasch nach ihr um. Und seine Augen, die eben noch so zornig geblitzt, blickten freundlich und teilnehmend in ihr noch immer blasses Gesicht.

Sie haben sich sehr erschrocken, — gell, Gnädige?“ meinte er freundlich — „der Sturm oben verschlingt halt jeden Laut, sonst müssten s‘ mich schon lang gehört haben. Von der Höhe aus war ich hinter Ihnen her, und hab‘ Ihnen ein paarmal zugerufen, auf mich zu warten. Denn es ist kein ganz ungefährlicher Weg, den Sie gehen, — wenigstens nit für den Unkundigen. Erst gestern ist kaum eine Viertelstund‘ von hier eine Lawine niedergegangen, — und wenn auch eine solche momentan nit zu befürchten ist, — dafür ist’s heut‘ schon zu spät — so muss man dafür im Wald um so mehr Obacht geben: die Schneebrüche heuer sind fürchterlich.“

Sie sah ihn ungläubig an: „Ist denn so ein Schneebruch gefährlich?“ fragte sie. „Wohl, wohl“, sagte er eifrig, — „so ein Baumriese, — wissen S‘, wann der zum Sturz kommt, der fragt nit danach, ob jemand in der Näh‘ ist. Erst warnt er wohl durch ein Knistern und Knattern, — aber dann — an Kracher gibt’s, und der Kerl liegt da, und Gnad Gott dem, der grad unter ihm stand.“

Frau Irmgard schlug sich den Halskragen ihres warmen Jacketts hoch hinauf, so dass sie bis übers Kinn im Pelz steckte. Die fremdartigen Gefahren, die sie hier auf Schritt und Tritt bedrohten, verursachten ihr ein unbehagliches Frösteln. — Dazu war die Dämmerung eingebrochen, sie konnte nicht mehr gut sehen, — so kam es, dass sie einige Mal die Fußstapfen verfehlte, und bis über die Schäfte ihrer Stiesel in den Schnee einsank. Zu ihrer unangenehmen Überraschung entdeckte sie, dass ihr Schuhwerk nicht Stand hielt, und dass sie total nasse Füße hatte.

Ihr Begleiter schien derartige Unannehmlichkeiten nicht zu kennen. Mit seinen Kniehosen, den dicken Filzstrümpfen und den starksohligen Nagelstiefeln mochte er freilich leichtes Gehen haben. „Sie sind wohl hier zu Hause?“ fragte sie unwillkürlich.

„Sie meinen, weil ich Bescheid weiß? Nun, das bringt halt mein Beruf mit sich, Gnädigste. Ich bin Ingenieur und gegenwärtig mit der Anlage einer auch Brixenau berührenden Poststraße betraut. Im Frühling soll mit der Arbeit begonnen werden, — es wird ein schwieriger, aber — ich mein schon — auch ein großartiger Bau. Da hab‘ ich natürlich auch im Winter genug hier oben zu tun. Schneemessungen, wissen S‘, und derartiges. Die Straße muss streckenweise durch die Felsen gesprengt werden, — aber in der Hauptsache wird sie natürlich frei liegen, da müssen an den gefährdeten Stellen Schutzdächer angebracht werden gegen die Lawinengefahr und dergleichen mehr. Da gilt’s halt genau beobachten und berechnen, und für den Zweck hab‘ ich mich für ein paar Monate in Brixenau einquartiert. Natürlich muss ich ab und zu nach Innsbruck, aber die meiste Zeit logier‘ ich doch hier oben.“

„Ich werde auch ein paar Wochen in Brixenau bleiben.“ „So — so“, sagte er langsam. Die schöne, unternehmende Frau begann ihn zu interessieren. Beinahe hätte er gesagt: Das freut mich, — aber er unterdrückte diese Worte und fragte nur leichthin: „Aus Gesundheitsrücksichten?“ „Freilich, — natürlich“, entgegnete Irmgard schnell, — wie hätte sie denn sonst ihren „Ausflug“ motivieren sollen? ‚Aus Langeweile‘ konnte sie doch nicht sagen, — das klang zu abgeschmackt, — besonders diesem Manne der Arbeit gegenüber.

„Ich bin ein bisschen nervös, und meine, die Stille in Brixenau —“ Sie stockte und der Ingenieur half ihr aus der Verlegenheit: „Natürlich“, meinte er gutmütig scherzend, „welche Dame wäre das jetzt nicht. Aber weshalb sind Sie so unvorsichtig und kommen mutterseelenallein in unsere Wildnis?“

Die junge Frau fühlte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg. Es musste freilich einen seltsamen Eindruck machen, dass sie so ganz ohne Begleitung war. „Mein Mann ist tot — ich stehe ganz allein“, sprach sie leise. Er schwieg, — denn er wusste nicht, was er ihr darauf sagen sollte. War sie nun eine trauernde Witwe, oder gehörte sie zu den flotten, in der Welt umher abenteuernden Frauen?

Aber die letzte Annahme war doch wohl ausgeschlossen. Damen, die auf interessante Erlebnisse ausgehen, pflegen sich während der Hochsaison nicht in der Einsamkeit zu begraben. Ihrer Nervosität aber traute er nicht recht. Die elastischen Bewegungen ihrer schlanken und dabei kräftigen Gestalt sprachen dagegen. Nun, mochte sie immerhin ihre Gründe haben, — was ging es ihn an?

„Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle“, sagte er endlich. Es war ihm eingefallen, dass dies bei einer künftigen Hausgenossin denn doch notwendig sein dürfte. „Ingenieur Burkhart“ „Frau von Ramberg“, gab sie mit einem vornehmen Kopfneigen zurück. Schweigend wanderten sie dem Dorf zu, dessen wenige Lichter vor ihnen aufblitzten.

III.

Es war fast eine Woche später in der siebenten Abendstunde. Im Herrenstüble des Brixenauer Gasthofes warf die von der Balkendecke herabhängende Lampe ihren hellen Schein auf den runden Tisch, an dem Frau von Ramberg eifrig strickend saß. Jawohl, sie strickte, — und zwar an dicken wollenen Strümpfen, zu denen sie sich das Material beim Spezereihändler des Ortes — einem alten Hagestolz, der in seinem einzigen Stübchen einen schwungvollen Handel mit den im Dorf gangbarsten Artikeln betrieb — geholt hatte. Sie war noch immer nicht im Besitz ihres Gepäcks, — und selbst, wenn dies der Fall gewesen wäre, — für die Kälte hier oben waren die Strümpfe, die sie im Koffer hatte, ja doch nichts.

Vor der Hand hatte ihr das „Mariele“ ausgeholfen, das Wirtstöchterlein, — ein nettes, junges Ding, für das sie eine ganze Menge hübscher Gegenstände im Koffer mit sich führte. — Sie kam sich sehr possierlich vor in dem kurzen, grobwollenen Rock, den dicken Strümpfen und den weiten Holzschuhen, in denen ihre feingeformten Füße wie in großen Kähnen staken.

Es war so ruhig im Zimmer. Nur das Klappern der Stricknadeln verursachte ein leises Geräusch, und der gleichförmige Pendelschlag der hohen, altertümlichen Standuhr. Zwar war auch das Mariele in der Stube, das saß aber mäuschenstill unter dem Kruzifix in der dunklen Zimmerecke und rührte sich nicht. Das Mädchen hatte sich verändert. Im Sommer, da hatte es ihr keine gleich tun können an lustigen Einfällen und schnippischen Reden, – und jetzt, wenn sie nicht gerade zu tun hatte, hockte sie in irgendeinem Winkel und blies Trübsal.

Ob sie sich vielleicht krank fühlte? Kurz entschlossen stand Irmgard auf und ging zu dem Mädchen hin. Aber sie erschrak, als sie ihr ins Gesicht sah. Es lag ein so eigener Ausdruck, fast etwas wie Verzweiflung in Marieles großen, schwarz umschatteten Augen. „Fehlt Ihnen etwas?“ fragte die Dame freundlich.

Das Mädchen schüttelte den Kopf und sah mit leerem Blick an ihr vorüber. „Was soll mir denn fehlen?“ sagte sie tonlos, um im nächsten Augenblick die Hände vors Gesicht zu schlagen und laut aufschluchzend an Irmgard vorbei aus dem Zimmer zu stürzen. Kopfschüttelnd sah ihr die junge Frau nach. Was mochte die Kleine nur haben? Sie hätte ihr gern geholfen, wenn es ihr möglich gewesen wäre, — denn das junge blasse Ding tat ihr wirklich leid. —

Pünktlich mit dem siebenten Glockenschlag stellte sich der Ingenieur zum Nachtmahl ein. Es war selbstverständlich, dass die beiden einzigen, „herrenmäßigen“ Gäste zusammenspeisten, und so war denn auch heute unter der Hängelampe für sie gedeckt.

Wie alte Kameraden schüttelten sie sich die Hände — beide freuten sich ja schon den ganzen Tag über im Geheimen auf den gemütlichen Abend. Der Ingenieur wusste immer viel zu erzählen von dem, was ihm tagsüber draußen begegnet, von Land und Leuten oder auch von seinen Projekten, — und er erzählte gern. Die goldhaarige Frau mit dem stolzen, jungen Gesicht war eine so gute Zuhörerin. Und was sie für seltsame, naive Ansichten hatte! Er musste sie zuweilen ganz erstaunt ansehen, — wie eine verwunschene Prinzessin kam sie ihm vor mit ihrer gepflegten Schönheit und den aristokratischen Manieren. Das passte alles gar so herzlich schlecht zu dem Milieu des einfachen Dorfgasthauses. Heute war er ganz besonders guter Laune. Er war auf der Station gewesen, hatte Briefe und Zeitungen für Frau von Ramberg mit heraufgebracht, — und außerdem noch etwas, — was, das sollte sie raten!

Sie fragte hin und her, ohne das Richtige zu treffen. „Natürlich Ihre beiden Handkofferln, — was denn sonst, Gnädige? Ich kann es faktisch nit mit anschauen, dass Sie in dem Mariele seinen abgelegten Kleidern so wie ein Aschenbrödel umeinand gehen. Da hab‘ ich mir halt ein Herz gefasst, — und der Transport ist wirklich ganz kommod gegangen.“

Sie war ganz erschrocken. „Sie wollen damit doch nicht sagen, dass Sie sich selbst mit dem Gepäck geschleppt haben?“ fragte sie förmlich entsetzt. „Beruhigen Sie sich, gnädige Frau, gar so groß war die Heldentat nit! Bis zur Höhe ist ein Bub von unten mitgegangen, — und von da an, — das ist ja gar nit der Rede wert! Ich hab‘ schon andere Lasten geschleppt in den vierzig Jahren meines Lebens, — die Kofferln, auf Ehre, Gnädigste, die san für mich das reine Kinderspiel!“ —

Nun kam die Wirtin herein — eine stämmige, saubere Frau mit vergnügtem Gesicht. Sie trug ein Tablett mit ein paar warmen Schüsseln und war von dem Mariele gefolgt, das rasch und scheu die Karaffe mit goldgelbem Landwein auf den Tisch stellte. Und dann saßen die beiden bei Tisch (wie ein junges Ehepaar — konstatierte Frau von Ramberg errötend bei sich) und ließen sich die einfachen, ländlichen Speisen munden, Frau Irmgard erzählte, was sie tagüber getrieben, — dass sie des Morgens versucht habe, talabwärts zu wandern, aber „dieser entsetzliche Schnee“ mache ja das Gehen rein unmöglich, — und dass sie des Nachmittags „fleißig“ gewesen sei. Sie habe gestrickt, — er brauche nicht zu lächeln, sie könne stricken und sogar sehr gut, — und der Wirt habe ihr dabei Gesellschaft geleistet.

„Natürlich hat er Ihnen von seiner Wallfahrt nach Lourdes erzählt; seit er die im letzten Frühjahr unternommen, — weiß der Lackel ja von nichts anderem mehr zu reden!“ In der Tat, — davon hatte er allerdings geredet, und sie hatte selbst Lust bekommen, auch einmal hinzupilgern, um —

Er sah sie schlau lächelnd an: „Um Ihre Krankheit los zu werden, geltens gnädige Frau?“ Und als sie nickte, meinte er leichthin: „Ihre Krankheit, Gnädige, die müssen Sie sich schon aus eigenem Willen fortkurieren. Woran Sie übrigens laborieren, darüber bin ich schon so halbwegs im Klaren.“

Irmgards graue Augen blitzten den Sprecher hochmütig an: „Ich mache ja kein Hehl daraus, — ich bin eben nervös!“ sagte sie gereizt. Statt aller Antwort legte er langsam die Serviette zusammen und nahm die neben ihm an der Wand hängende Gitarre zur Hand. Und mit einigen Akkorden eine leichte Begleitung greifend, sang er mit schalkhaftem Ausdruck die Schlußzeilen des bekannten Liedes aus den „Sieben Schwaben“:

„Dazu kommt noch dies und das,
Gelt, du möchtest wissen, was —
I sag’s aber net, — i sag’s aber net!“

Was ihr nur an diesem Mann so besonders gefiel? Er war weder schön, noch hervorragend geistreich, und dass er, wie er selbst letzthin erwähnte, die Vierzig erreicht hatte, sah man seinem scharf geschnittenen Gesicht mit dem etwas angegrauten Schnurr- und Backenbart auf den ersten Blick an.

Vermutlich war es wieder einmal eine ihrer Launen, sich für den Fremden zu interessieren. Denn eine stattliche Gestalt und ein paar schöne Augen sah sie doch nicht zum ersten Mal! Oder imponierte ihr die halb ritterliche, halb nachlässige Freundlichkeit, die er ihr gegenüber zur Schau trug?

Frau Irmgard zerbrach sich eine ganze Weile den Kopf darüber. während sie vor dem Spiegel in ihrem Zimmerchen stand und sorgfältiger denn je Toilette machte. Es war ja heut der vierundzwanzigste Dezember, — also ein Tag, dem zu Ehren man sich schon ein wenig schön machen musste. Befriedigt betrachtete sie ihr Spiegelbild. Das königsblaue Tuchkleid saß ihr wie angegossen und harmonierte gut mit ihrer hellen, freudigen Schönheit. Dass sie sich im Grunde genommen nur für „diesen Fremden“ schmückte, das hätte sie sich selbst nie eingestanden. Leichtfüßig wie ein Backfisch lief sie die Treppe hinunter und trat mit strahlendem Lächeln ins Herrenstübchen ein. Aber enttäuscht blickte sie sich um: sie war allein, und der Frühstückstisch war nur für eine Person gedeckt.

War sie zu spät aufgestanden? Hatte er schon gefrühstückt? Nun erschien das Mariele mit dem Kaffee. Der Herr Ingenieur lasse sich empfehlen, er habe nach Landeck hinunter müssen, wo er notwendig zu tun habe. Er werde wohl einige Tage weg bleiben. Übrigens lasse er der Gnädigen die Hand küssen und recht frohe Festtage wünschen . . .

Frohe Festtage!

Das war ja der reine Hohn. Du lieber Gott, das konnten nette Tage werden in der verschneiten Einsamkeit, in Gesellschaft des überspannten Wirtes und dieser faden Marie. Dass sie aus der Großstadt geflohen eben um dieser Einsamkeit willen, — daran dachte sie nicht mehr. — Missmutig trank sie ihren Kaffee. Bisher hatte er ihr immer recht gut gemundet, — heute bemerkte sie erst, dass er gehörig mit Zichorie versetzt war. Ein abscheuliches Getränk!

Und die altbackenen Semmeln dazu! „Habt Ihr denn nicht zum Weihnachtsfest gebacken?“ fragte sie schlecht gelaunt das Mariele, das in Andacht versunken vor dem Kruzifix stand. Das Mädchen fuhr zusammen. „O ja, gnädige Frau, an Kletzenbrot können S‘ schon haben, wann S‘ des mögen“, sagte sie schüchtern.

„Kletzenbrot?! Was ist denn das?“ „Ich werd‘ der gnädigen Frau gleich eins holen, man hat’s halt im Haus für die Feiertäg‘.“ Das Weihnachtsgebäck wurde gebracht und erwies sich als ungenießbar für Frau Irmgards Gaumen. Dies zähe Gemengsel von Backbirnen, Feigen und grobem Teig konnte doch keinem Menschen munden. Die Leute hier oben hatten wirklich einen seltsamen Geschmack! — —

Draußen schneite es, was vom Himmel herunter wollte. Irmgard hatte versucht, vors Haus zu gehen, war aber nach wenigen Minuten wieder zurückgekehrt und hatte sich mit ihrem Strickstrumpf resigniert auf die Ofenbank gesetzt. Wenn sie wenigstens ein Buch zur Hand gehabt hätte! Aber außer einigen Nummern der „Monika“ gab es im Haus nichts Gedrucktes.

Nun kam der Wirt herein, der, beträchtlich älter als seine Frau, nicht mehr viel in Haus und Hof zu leisten vermochte, und begann ihr wieder mit verzückten Augen von Lourdes vorzuschwärmen. Nein, das war ja gar nicht mehr zum Aushalten! Wie langsam die Stunden dahinschleichen, — wenn man sich auf nichts zu freuen hat!

Wenn ihre Bekannten daheim sie jetzt hätten sehen können! Wie sie gelacht und sich über sie mokiert hätten! Aber was würden sie wohl sagen, wenn sie wüssten, dass sie Tag für Tag ihre Mahlzeiten in Gesellschaft dieses Ingenieurs einnahm, und dass ihr neuer Freund ihr allabendlich zur Gitarre vorsang. Und wie er singen konnte! Frau Irmgard lächelte verträumt vor sich hin. Und heute Abend — gerade ausgesucht am Weihnachtsabend! — sollte sie nun wieder dazu verurteilt sein, sich zu langweilen. Und wer weiß, wieviele Abende noch . . .

Abscheulich! Sie warf das Strickzeug zur Seite und sprang zornig auf; — zum staunenden Entsetzen des Wirtes, der in seiner Erzählung glücklich bis zu den „von ihm selbst mit angesehenen Wundern“ in Lourdes gekommen war und die erregte Dame mit offenem Mund und blöden Augen anstarrte. „Schicken Sie mir das Mariele“, sagte sie kurz.

Unwirsch vor sich hinbrummend, entfernte sich der Alte. Bald darauf war seine Tochter zur Stelle. Sie sah heute noch elender aus als in der letzten Zeit. Tiefe schwarze Ringe zogen sich um ihre Augen und ihre eingefallenen Wangen brannten wie im Fieber. Irmgard, die sich in den jüngst vergangenen Tagen wenig um sie gekümmert hatte, erschrak bei ihrem Anblick, und unwillkürlich nahm ihre Stimme einen milden Klang an, als sie das junge Mädchen bat, mit hinauf in ihr Zimmer zu kommen, — sie habe oben ein paar Kleinigkeiten „zum Christkindel“ für sie. —

Eigentlich hatte sie die Absicht gehabt, in der Wirtsstube eine richtige Bescherung aufzubauen. Die Lust dazu war ihr vergangen. Das Mariele staunte, als es die ihm zugedachten Herrlichkeiten erblickte. Mit scheuen Fingern betastete sie den feinen roten Wollstoff zum Kleide, die seidenen Halsbänder und die weiße Schürze mit der breiten schönen Stickerei. Und plötzlich brach sie in Tränen aus. „Nun lassen Sie ‚mal das Jammern und sagen Sie mir endlich, was Ihnen fehlt, vielleicht kann ich Ihnen helfen“, sprach Frau Irmgard energisch.

„Mir kann niemand helfen!“ Die junge Frau stieß einen kleinen ungeduldigen Seufzer aus. „Versuchen Sie es doch, — haben Sie Vertrauen zu mir!“ bat sie dringend. Das Mädchen schluchzte. Sie musste wohl einen Liebesgram haben, das war Frau Irmgard jetzt klar. Und ihrem gütigen Zureden gelang es, die ganze traurige Geschichte aus dem weinenden Mädchen herauszuforschen: