Was bisher geschah:

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Marianne hatte die Trennungszeit sehr gut überstanden. Die Eindrücke der gewaltigen Natur blieben nicht ohne Einfluss auf sie. Sie fühlte sich diesen kalten, einsamen Bergen verwandt. Ihr Anblick legte sich auf das Fieber ihrer Seele wie kühlendes Eis. Ihr Leid schien so klein, ihr Schicksal so nichtig. Hier fand sie die Einsamkeit, die sie suchte, hier war Frieden und Ruhe.
Auch Menschen lernte sie kennen, liebenswerte, tüchtige Menschen, Männer und Frauen, aber alle traten nur an die heran wie im Fluge – ships that pass the night, wie der Titel eines ernsten, sinnigen Romans lautet. Aus dem Nebel der großen Welt tauchten sie wie Sterne empor, um alsbald wieder zu versinken. Hier in Pontresina in ihrer Pension traf sie es besonders gut, sie fand in einem Kollegen, Professor Weißhorn, einem sehr bedeutenden, liebenswürdigen Privatgelehrten, einen Gefährten, wie sie sich keinen besseren wünschen konnte. Er verbrachte alljährlich einige Monate in den Bergen, und zwar zumeist im Engadin, wo er ganz zu Hause war. Als geübter Bergsteiger hatte er besondere Freude daran, Marianne zu begleiten und sie in seiner Kunst zu unterrichten. Trotz seiner sechzig Jahre sagten die Führer von ihm: „Er steigt wie ’ne Gams.“
Die junge Frau hatte noch keine Hochtour gemacht, doch der Professor macht ihr Mut, ihren Kräften und ihrer Geschicklichkeit zu vertrauen, und führte sie vom Kleinen zum Großen. Endlich hielt er sie für fähig, eine der Spitzen der Berninakette zu besteigen. Marianne jubelte, es war ein Rausch über sie gekommen, der Rausch der Höhenluft. Mit jeder neuen Leistung steigerte sich der Wunsch nach Größerem, und nun sollte sie morgen zum ersten Mal Männerarbeit tun.
Sie war mit dem Führer – Weißhorn brauchte niemals einen Führer für sich – in der Schutzhütte angelangt, der Weg war für Marianne ein Kinderspiel gewesen, so gut geschult war sie. In den kurzen Nachtstunden hatte sie vor Aufregung kaum geschlafen. Als der Professor an ihre Tür klopfte, war sie schon munter, und binnen weniger Minuten trat sie zu dem Wartenden vor die Hütte in die entschwindende Nacht hinaus.
Wie die weiße Wand im kalten, unheimlichen Licht zu ihr hinleuchtete, so todesstarr und leblos, dass sich ihre Brust fröstelnd zusammenzog.“
„Haben Sie Furcht, Frau Hoffmann?“ fragte der Professor leise. „Gestehen Sie es ruhig ein, dann unterbleibt der Aufstieg.“ –
„Furcht! – Nein, aber mir graut vor der Majestät der Einsamkeit.“
„Weil Sie eine Frau sind. Die Frau verkümmert in der Einsamkeit, sie muss Liebe in sich und um sich haben.“
Marianne schwieg und folgte ihren Führern in das fahle, dämmernde Licht. In tiefem Schweigen verfolgten sie ihren Weg. Darum war die junge Gefährtin dem alten Gelehrten besonders lieb, weil sie so gut zu schweigen wusste.
Man hörte nur die leicht klirrenden Schritte der Wanderer, die sich in der Region des ewigen Eises in Firn und Gletschern verloren, die sich in ihrer unabsehbaren Ausdehnung und wunderbaren Reine meilenweit vor ihren Augen breiteten. Immer näher kam die Spitze, die sich wie eine Nadel aus dem Eismeer erhob.
Dort hinauf! Marianne drohte der Mut zu verlassen, ein verstohlener Blick traf Weißhorn. Wie kühn sein Profil geschnitten war, wie mächtig blickte sein Auge! Sie musste an einen Adler denken, der furchtlos seinen Horst an schwindelnde Felsenklippen baut. Sie fand ihre Ruhe wieder, vorsichtig und dennoch festen Schrittes trat sie in die Spuren des voranschreitenden Professors; der Führer folgte.
Am Fuß der drohenden Spitze machten sie Halt. Alles Überflüssige wurde hier zurückgelassen. Marianne warf den hindernden Rock ab und stand nun in Männertracht schlank und kraftvoll vor den entzückten Augen des alten, ergrauten Bergsteigers.
„Die wird’s schon schaffen,“ meinte der Führer wohlgefällig und reichte dem Professor das Seil, denn der ließ es sich nicht nehmen, Marianne daran zu befestigen.
Und nun ging es hinauf, dem Licht – der Sonne entgegen!
Marianne arbeite brav, wie die Männer ihr immer wieder ermunternd zuriefen. Ihr war es gar keine Arbeit, denn mit der Aufgabe wuchs ihr die Kraft. Mit ihrem gewohnten Ernst leistete sie Bewundernswürdiges. Keine Ermattung, kein Schwindel störte den Aufstieg, das Vertrauen zu sich selbst, der Drang das Ziel zu erreichen, trieb sie weiter. Noch eine letzte Kraftprobe, eine Anspannung jedes Muskels, und es war geschehen.
Droben stand sie, und aufjauchzend breitete sie die Arme weit aus, das Wunder zu fassen, das die eisige Höhe in überwältigender Pracht ihr zu Füßen legte. „Nur um dies gesehen zu haben, lohnt es sich zu leben!“ rief sie aus.
„Und ich bin stolz darauf, Sie meine Schülerin nennen zu dürfen, die dereinst zu unsern kühnsten Bergsteigerinnen zu rechnen sein wird,“ sagte Weißhorn in aufrichtiger Bewunderung.
„Ist das Ihre ehrliche Meinung?“
„Können’s dem Professor schon glauben. Er kann schon saugrob werden, wenn sich eins dumm anstellt. Aber Sie steigen ja wie ’ne Gams,“ lobte der Führer. Das war bei ihm das Höchste, was er an Lob zu vergeben hatte. „Doch der Nebel kommt, es wird Zeit zum Abstieg.“
Marianne rief erstaunt: „Nebel! – Wo sehen Sie denn Nebel?“
„Der Barthol kennt sich schon aus, der riecht den Nebel in der Luft wie den Rauch einer guten Zigarre,“ scherzte der Professor.
Die weißen Zähne des Führers leuchteten beim Lachen zwischen den roten Lippen, doch packte er schweigend die warmen Hüllen in den Rucksack und stieg voran. Marianne warf den ersten Blick in die schwindelnde Tiefe, sie hatte nur in die unendliche Weite geschaut, wo aus dem Labyrinth von Felsen, Klüften und jähen Abgründen sich Spitze an Spitze drängte; wo die Wolken ihre geballten Massen, verzweifelt um frei Bahn ringend, vergeblich an die Gesteinsmassen stoßen, bis sie sich in dünne Schleier zerteilen oder langsam herabsinken in die grünen Täler zu den blitzenden, blauen Seen. Mit der Lust, durch den freien Äther jauchzend vor dem Winde dahinzueilen, ist es aus.
So war es Marianne auch zu Sinn. Von der Höhe in die Tiefe, wo es Menschen gab, wo die Erinnerung an ihr trübes, unabwendbares Schicksal sie wieder packen würde, wo es Gesetze gab und Gewohnheiten, die sie beengten und fesselten, und die Freiheit nur ein Schema blieb, das nicht zu fassen war.
Ein Schwindel wollte sie fassen, doch als der Barthol ihr lächelnd zunickte und seinen Pickel so fest in das Eis stieß, dass die Stücke flogen, kam ihr der fröhliche Mut. Sie leistete wiederum ihre Arbeit so gut, dass die Männer staunten.
Drunten wurde Halt gemacht im Schutz der ungeheuren Bergwand und in beschleunigtem Tempo ein stärkender Imbiss genommen, denn Barthol drängte, die Sorge vor dem Nebel ließ ihn nicht los. Und er sollte recht behalten. Wie ein Schleier, spinnwebfein zog er heran, hier streckte er einen Faden aus und dort einen, er hing sich zur Rechten an die Felswand, schon spann er sein Gewebe zum Gletscher hinab. Weiß zu Weiß, Tod zu Tod! In eisiger Kälte kroch es hinter ihnen her und umflatterte sie wie ein schimmerndes Gespenst. Nun waren es dichte Schwaden, die die Bergspitzen umgaukelten, dann verdichteten sie sich zu einer weißen Wand, die sich unaufhaltsam vorwärtsschob. Aus den Spalten des Gletschers, aus den Schrunden und Rissen, überall quoll es hervor wie bei der Flut. Die feuchten Arme reckend, umklammerte der Nebel die kühnen Menschen, die sich in sein Reich gewagt hatten.
Marianne hatte noch niemals dergleichen gesehen. Ihrer Brust wollte der Atem versagen, es war ihr, als ob der Tod nach ihr griffe mit seinen eisigen Knochenhänden, sie bebte plötzlich vor Frost. Nur mit der größten Willenskraft vermochte sie sich aufrechtzuhalten, aber sie zwang es doch. Der Professor reichte ihr die Flasche und hieß sie, einen tüchtigen Schluck zu tun, er hatte ihr Erschauern bemerkt.
Das tat gut, wie Feuer peitschte es durch die Adern, die Kälte verlor sich etwas, und sie vermochte lächelnd zu danken.
„Nun haben wir das Schlimmste geschafft!“ rief Barthol fröhlich. „Gleich werden wir sie haben!“
Marianne begriff nicht, dass er die Schutzhütte meinte, und sie war doch kaum mehr als hundert Schritte von ihnen entfernt. Und als sie erreicht war, blickte Marianne verwirrt um sich. Wo war die Sonne hin? Wo die klare Luft und das stolze Gebirge? Wogende, sich türmende Nebelmassen und eine Kälte zum Erstarren.
„Nun geschwind hinein, dass Sie warm werden! Heute kommen wir nicht mehr weiter!“ rief der Professor.
„Nein, heute nicht!“ stimmte Barthol tief aufatmend zu. „Bin nur froh, dass wir es so weit geschafft haben.“
Marianne stand noch immer auf derselben Stelle und starrte in da unheimliche Treiben hinein. Wieder legte es sich auf sie mit Eiseshand und krallte sich in ihr Herz, als dürfe es nicht so kräftig klopfen, denn hier war heute das Reich des Todes, der alles Lebenden Feind ist.
Der Professor beobachtete sie stumm von der Seite, sie standen allein; Barthol war schon in seinem Eifer, seinen beiden Schützlingen ein Mahl zu bereiten, in der Hütte verschwunden.
„Haben Sie all Ihre Fröhlichkeit droben gelassen, Frau Hoffmann? Mit solchem Teufelszeug da macht man kurzen Prozess und dreht ihm den Rücken. So!“
Der alte Herr fasste die Frau ganz ungeniert um die Taille und drehte sie lachend der Tür zu. Er hatte gar nicht gesehen, dass ein Mann auf der Schwelle stand, der aus der Hütte getreten war.
„Jürgen!“
Der Nebel, der unheilbrauend um die drei Menschen wogte, verschluckte den entsetzten Aufschrei der hellen Frauenstimme, aber in den Ohren der Männer gellt er wie ein Weheruf.
„Ich kam in Pontresina an, als du schon zu dieser Hochtour aufgebrochen warst. Da tat ich das einzig Vernünftige, indem ich mir einen Führer nahm und dir entgegenging. Wer konnte denn wissen, ob dich nicht gelüstete, gleich jeden Piz der Bernina zu nehmen? So heißt es ja wohl in der Sprache des Bergsports, der mir noch fremd ist. Ich denke aber, bald alles Notwendige zu lernen, da ich einige Wochen hier zu verbringen hoffe.“
Marianne stand noch immer da, als ob alles Leben sie verlassen hatte. Nur in den Augen brannte es in angstvoller Frage: „Was wollte ihr Mann hier, was verlangte er von ihr?“
Nun erst erinnerte sie sich ihres Begleiters, sie besann sich, das sie unter Menschen sei, dass die Form gewahrt und das Erscheinen Jürgens in freudige Überraschung gewandelt werden müsse. Doch als sie sich umsah, war der Professor verschwunden. Sie standen allein im weißen Nebelmeer, so allein, dass es ihr unheimlich wurde. Sie drängte zur Hütte hin, aber Jürgen stand unbeweglich vor ihr und versperrte ihr den Weg.
„Was willst du von mir?“
„Noch einmal will ich mit dir reden. Es schien mir eine Unmöglichkeit, da wir jetzt schon für immer getrennt sein sollten.“
„Du hast den Platz zu einer Unterredung schlecht gewählt. Hier draußen können wir nicht bleiben, und in der Schutzhütte sind wir nicht allein.“
„Wenn du nur willst, ist es dennoch möglich zu machen. Es ist in wenigen Worten abzumachen.“
„So hättest du mir schreiben können.“
„Marianne! Ist es denn wirklich wahr, dass nichts mehr in dir für mich spricht? Hast du alles vergessen, was einst zwischen uns war? Wiegen Worte so federleicht? Du hast dich mir freiwillig zu eigen gegeben, du hast mich liebgehabt, denn ohne Liebe hättest du mich nicht zum Manne genommen.“
„Aus de Liebe wurde Zwang, und darum war sie wohl nie die rechte Liebe.“
„Ich will warten, geduldig warten, bis du dich wieder zu mir zurückfindest,“ sprach Jürgen weiter, ohne auf den Einwurf zu achten. „Was kann dir der fremde Mensch sein, der sich zwischen uns gedrängt hat? Es war eine Verirrung, Marianne. Du hattest dich damals in der fremden Welt verloren, unter dem Bann überwältigender Eindrücke. Du glaubst vielleicht, dass du nicht mehr zurück könntest, weil du Raven geküsst hast. Deine Scham lässt dich an ihm festhalten, du liebst ihn nicht mit der großen Liebe, der großen Leidenschaft, wie ich dich liebe. Ich habe es damals schon gefühlt, als wir uns trennten, und mit der Zeit ist es mir immer klarer geworden. Gestehe es, Marianne, er fehlt dir nicht zum Leben, du willst nur frei sein. Für dich ist Freiheit das Höchste, bis du später lernen wirst, dass auch hierin Beschränkung ein Glück ist.“
„Freiheit ist Glück!“ stieß sie hervor.
Trotz der zunehmenden Dunkelheit bemerkte er die trotzige Falte, die zwischen ihren Braune stand. Vielleicht hätte sie noch mehr gesagt, aber der Professor stand plötzlich zwischen ihnen und sagte energisch:
„So, nun wird gespeist! Sie können sich ja kaum auf den Beinen halten vor Müdigkeit, und die Kälte sitzt Ihnen in den Gliedern. Der Herr Gemahl ist nicht da droben gewesen, der weiß wohl nicht, dass uns jetzt nicht ums Schwatzen, sondern um Essen undTrinken zu tun ist.“
Ganz ungeniert packte er Marianne um die Schultern und führte sie in die Hütte, es Hoffmann überlassend, ob er folgen wollte. Einsilbig saßen sie zu dritt beim Mahl, die beiden Führer trugen zu und nahmen sich dann auch ihren Anteil. Weißhorn beobachtete Hoffmann unter seinen buschigen Augenbrauen hervor und wusste nicht recht, was er aus ihm machen sollte. Wie ein Tyrann sah der gar nicht aus, und doch musste er es glauben, wenn er in das liebe Gesicht der Frau schaute. Wie war das so traurig verändert! Aller Frohsinn war verschwunden, in eisiger Abwehr saß sie da, ein Gefühl der Kälte ging von ihr aus, und auf der reinen, stolzen Stirn gruben sich Linien, die er nie bei ihr gesehen hatte. War die unnahbare, stolze Frau dort dieselbe, die so kindlich lieb und froh sein konnte, dass er sie lieb gewonnen hatte, als sei sie sein geliebtes, verzogenes Töchterchen?
Mit wenig Worten erklärte Hoffmann sein überraschendes Kommen, und der Professor tat als wohlerzogenes Mitglied der Gesellschaft so, als ob er es glaube. Barthol dagegen spürte den Feind in ihm und beobachtete ihn heimlich mit zornigen, misstrauischen Blicken. Wenn es nach ihm gegangen wäre, er hätte den Kerl zur Hütte hinausgeworfen. Wie sah die Frau Doktor aus, seit er hier war! Das war nicht mit ihrem Willen geschehen. So sollte er drunten bleiben in der großen Ebene und sie in den Bergen ungeschoren lassen.
Wenn Marianne unbefangen gewesen wäre, sie hätte herzlich lachen müssen über diese beiden Getreuen, die sich sogar ihrem Mann gegenüber zu ihren Beschützern aufgeworfen hatten. Aber ihr war so todesmatt und traurig zu Sinn. All die Zeit über hatte sie sich so frei und glücklich gefühlt. Warum ließ man sie nicht in Ruhe? Wenn sie doch erst in ihrer Kammer allein wäre! Morgen gewann vielleicht alles ein andres Ansehen. Guter Rat kam über Nacht.
Weißhorn bemerkte, wie müde die junge Frau war, er war auch dieses Mal der Treibende.
„Es ist nur gut, dass keine andern Damen hier sind, Herr Doktor, da können Sie mir Ihrer Frau allein über die Kammer nebenan verfügen. Wir machen es uns hier so bequem wie möglich. Angenehme Ruhe!“
Marianne schüttelte ihm die Hand und ging völlig betäubt du kaum noch fähig, einen klaren Gedanken fassen zu können, ihrem Mann voraus. Nur, dass sie notdürftig die äußere Haltung bewahrte. Drinnen in dem Bretterverschlag, anders war es kaum zu nennen, fiel sie auf den hölzernen Stuhl und sah wortlos zu, wie ihr Mann die Kerze, die er mitführte, in den Hals einer leeren Flasche steckte und sie brennend auf den Tisch stellte. Dann begann er, in dem engen Raum rastlos auf und ab zu schreiten.
„Du sagtest vorhin: ‚Freiheit ist Glück.’ Du sollst Freiheit haben, bedingungslose, völlige Freiheit.“
Marianne öffnete wieder die Augen, die ihr halb zugefallen waren, und starrte zu Jürgen hin, als ob er eine Himmelsbotschaft verkünde.
„Doch verlange ich ein Jahr Bedenkzeit. Du sollst dich prüfen, Marianne. Sagst du mir nach Ablauf dieser Frist, dass du bei deinem Willen bleibst, so gebe ich dich frei. Die Scheidung wird eingeleitet.“
„Ich danke dir.“
„Doch nun habe ich eine Bitte. Ich mache dir den Vorschlag, mit mir der Einladung von Hans Ewers zu folgen. Wir fahren zusammen nach Indien, vielleicht noch weiter. Es ist ja stets dein Wunsch gewesen, die Welt zu sehen. Ich habe zu Hause einen Stellvertreter eingesetzt, der in unserm Hause wohnt und mich in meiner Praxis vertritt. Hedwig sorgt für ihn, so dass ich ruhig fort kann.“
Marianne dachte: Warum ist dies nicht früher möglich gewesen, als ich darum bat? Nun ist es zu spät – viel zu spät.
„Sieh’, ich will dich halten wie einen Kameraden. Ich bin aber doch zu deinem Schutze da. Ich will nichts von dir, hörst du, nichts. Du sollst mir heilig sein. Dass ich dich sehe, für dich sorgen darf, das ist mir schon Glücks genug. Nur dieses eine Jahr gib mir noch, dann will ich mich bescheiden.“
Marianne beobachtete ihn mit scheuem Blick. Was war in den acht Wochen aus Jürgen geworden! Jürgen, der beherrschte, starke Mann, warb um sie mit einer Leidenschaft, die etwas Beängstigendes hatte. Jetzt bemerkte sie auch, wie verfallen er aussah. Seine klaren, schönen Augen, in denen jetzt heimlich glimmendes Feuer brannte, lagen tief in den Höhlen, sein Rock schlotterte um die Schultern, und die Hand, die er ihr jetzt entgegenstreckte, zitterte.
„Sage ein Wort, Marianne, erlöse mich aus dieser Pein. Du musst es fühlen, wie ich dich liebe.“
„Meine Liebe gehört einem andern.“
„Du täuschst dich vielleicht, Marianne. Du liebst in ihm nur den Kollegen, der deine Interessen teilt, den großen Schriftsteller. Wenn er dies nun nicht ist, und du dich in deiner zweiten Liebe ebenso täuschen solltest, dann bist wieder fester gebunden denn je. Du kannst dich doch nicht zweimal scheiden lassen.“
„Kommen wir zu Ende, ich bin völlig erschöpft, Jürgen. Körper und Seele wollen nicht mehr.“
Er sah sie vor sich, so reizend, so liebenswert, müde, unfähig, mit ihrer gewohnten Energie ihre Sache zu führen; seine Leidenschaft übermannte ihn, er beugte sich zärtlich über sie, die halbgeschlossenen Augen küssend. Da sprang sie empor, stieß ihn rau von sich und sagte in demselben unterdrückten Ton, in dem der dünnen Wände wegen die ganze Unterhaltung geführt wurde: „Lass mich allein!“ Und als er noch einen Augenblick zögerte: „Wenn du nicht hinausgehst, so werde ich den Raum verlassen und mich beim Feuer niederlegen.“
Sie stand da in fieberhafter Erregung, die Pulse flogen, das Herz klopfte wie ein Hammer, die Glieder schmerzten, mit einer letzten unmenschlichen Anstrengung hielt sie sich aufrecht und sagte in einer Art von stillem Zorn: „Nichts mehr will ich von dir, nichts. Wir sind voneinander geschieden, auch ohne Gesetz, weil ich es will. Lass mich allein!“
„Ich gehe, Marianne. Möchten diese letzten bösen Worte dich nicht gereuen.“
Sie stand aufrecht, bis er gegangen war, dann löschte sie das Licht und sank auf das harte Lager, sie konnte keinen Zorn mehr fühlen und keine Reue, die physische Müdigkeit übermannte sie, dass sie schlief wie eine Tote. Draußen um die Hütte zogen die weißen lautlosen Gespenster und nahmen den glücklosen Mann mit all seiner heißen, treuen Liebe in ihre kalten, nassen Arme, dass es ihn fror bis ins Herz hinein. Er hatte das Äußerste für seine Liebe getan und sich bis zum Staub erniedrigt. Mochte sie nun die Buße auf sich nehmen, die er über sie verhängte.

Zur Rolle von Marianne als bürgerliche Ehefrau, die zerissen zwischen Pflicht und Ambition ist, gibt es diesen Blog-Artikel.

 

Die nächste Fortsetzung erscheint am Freitag, den 25. Mai 18.