Was bisher geschah:

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Elftes Kapitel.

Zwei Monate waren verflossen, seitdem Marianne Schleswig verlassen hatte. Vor ihrem Tuskulum blühten noch immer die Rosen, und allerlei bunte Herbstblumen entfalteten den Glanz ihrer Farben. Ein Gärtner waltete über diesem kleinen Reich, so dass man die fehlende Herrin nicht spürte. Jürgen hielt sich dort mit besonderer Vorliebe in jeder seiner Freistunden auf und hing immer mehr dem Gram nach, die verloren zu haben, die ihm umso teurer wurde, je mehr sie ihm entglitt, und deren Wert und Liebreiz er erst zu spät erkannt hatte, als alles verscherzt war. Er konnte oft Stunden so sitzen und sich ausmalen, wie alles gekommen war. In fünfviertel Jahren war das Unglück gereift, und ihm waren zehn Jahre des ehelichen Glücks vorausgegangen. Er hatte es Glück genannt, und Marianne: Einsamkeit und Entbehren. Sie hatte all die Jahre neben ihm gedarbt. Dann kam der Mann, den er hasste wie seinen Todfeind, der hatte ihm sein Weib entfremdet. Wenn er doch nur einen Beweis für seinen Verdacht fand, dann wäre ihm geholfen. Er hatte sich sogar dazu erniedrigt, bei Süver Krübbe unter einem Vorwand in Kästen und Spinden herumzuspüren in der schwachen Hoffnung, ein Stück des handschriftlichen Manuskriptes zu finden, alles war vergebene Mühe.
Heute war ein Brief von Marianne aus Pontresina eingetroffen, in dem sie ihn wiederum bat, sie freizugeben. Es war nicht der erste, der diese Bitte wiederholte. Lange saß er sinnend da und fragte sich, ob er recht tue, sie weiter so an sich zu fesseln. Aber wenn er weich zu werden drohte, brauchte er nur an Raven zu denken, und er wurde hart wie Stein, unerbittlich. Es war seine felsenfeste Überzeugung, dass Raven Marens Arbeit gestohlen habe, und das war ihm genug, um alles zu versuchen, seine geliebte Marianne nicht in die Macht eines solchen Menschen geraten zu lassen.
Ein leichter Schritt ließ ihn aufsehen, Hedwig kam aus dem Hause auf die Terrasse. „Du bist schon hier, Jürgen? Ich habe dich gar nicht kommen hören.“
„Ich bin durch den Garten heimgekehrt. Hast du noch mehr Briefe für mich?“
„Ja, die von der früheren Post, ich wollte sie gerade hier auf deinen Platz legen.“
„Gib her und bringe mir den Kaffee. Ein Stündchen Ruhe habe ich vor mir.“
Hedwig legte einen ganzen Stoß Briefe vor den Bruder hin und bemerkte nur noch, ehe sie ging: „Es schon wieder einer von Indien darunter.“
„So, so!“ Jürgen hatte schon den ersten Brief ungeduldig aufgerissen, er war von Mariannes Bruder. Während des Lesens verfinsterte sich sein Gesicht immer mehr und einzelne Ausrufe wie: „Dieser Kerl! – Pfui, wie indiskret!“ fielen laut von seinen Lippen.
Der Arzt hatte den Schwager ins Vertrauen gezogen, sich aber jede Einmischung bei Marianne verbeten. Berger hatte in diesen Tagen, wie er schrieb, in Berlin zu tun gehabt und wollte die Gelegenheit benutzen, Raven zu sprechen und ihm das Erfolglose seiner Sache vorzustellen. „Es gelang mir auf der Redaktion, wo der Schriftsteller nicht anwesend war, zu erfahren, in welchem Restaurant er sich abends einzufinden pflegte. In der Angst, ihn zu verfehlen, war ich schon frühzeitig da. Ich hatte mir ein Bild von Raven zu verschaffen gewusst, was ja in diesem Falle sehr leicht war, und so behielt ich die Eingangstür im Auge. Um sieben Uhr trat der Gesuchte ein und blickte scharf umher, bis er einen einzelnen Herrn entdeckte, der an einem Tischchen neben mir saß. ‚Ah, da trifft sich gut, dass ich Sie treffe!’ begrüßte Raven den Nachbar. Dann entspann sich ein sehr intimes Gespräch zwischen den beiden, Euren ehelichen Konflikt behandelnd. Erlasse mir die Einzelheiten, sie würden Dich zu sehr erregen und doch zu nichts führen. Es war ein Rechtsanwalt, mit dem Raven verhandelte. Von seinem Standpunkt betrachtet, ist ihm diese schließlich nicht übelzunehmen. Nur das Wie war im höchsten Grade verletzend, und dass Deine Angelegenheit nicht im Büro, sondern im Restaurant zur Sprache kam. Ich würde es Dir gar nicht geschrieben haben, wenn ich nicht den Eindruck gewonnen hätte, dass Raven jedes Mittel recht ist, um zum Ziel zu kommen. Bist Du Marianne so sicher, dass Du sie eines Fehltrittes für unfähig hältst? Sonst würde ich Dir raten, gib die verlorene Sache auf und lasse sie in Ehren dieses Mannes Frau werden. Beharrst Du aber bei Deinem Entschluss, so mache Dich frei, reise zu Marianne und versuche Dein Letztes. In einigen Tagen tritt Raven seinen Urlaub an und wird Deine Frau aufsuchen, um auch seinerseits das Äußerste zu tun, um die Geliebte für immer an sich zu fesseln, auch – ohne die Ehe.“
Hoffmann las nicht weiter, er sprang auf und ging umher wie von Sinnen. Nein, das war nicht mehr zu ertragen. So oder so – es galt, ein Ende zu machen. Er griff im Vorübergehen den Brief noch einmal auf, um ihn zu Ende zu lesen. Es stand nichts mehr von Bedeutung darin, nur, dass der Schwager nach der gehörten Unterhaltung Ravens Bekanntschaft nicht mehr gesucht habe.
Als er das Schreiben auf den Tisch legte, fiel Jürgens Blick auf den Brief aus Indien. Auch dieser würde ihm vielleicht Rat und Teilnahme aussprechen, es konnte schon die Antwort auf seine Beichte sein.
„Lesen wir, was mein Herzbruder dazu meint,“ sprach der gequälte Mann vor sich hin, „wenn der keinen Ausweg sieht, dann gibt es keinen.“

Mein lieber Jürgen!

Du kannst Dir kaum vorstellen, wie mich Dein Geständnis gepackt und ergriffen hat. Könnte ich Dir doch in Deine lieben, guten Augen sehen, dann würde ich alles sagen lassen. Wie nüchtern stehen die Worte aber auf dem Papier. Deine prächtige, liebe Frau hat sich so verlieren können, und Du gehst an dem Verlust zugrunde. Nur wirkliche Verzweiflung kann so schreiben, wie Du getan. Marianne will frei sein, um den andern zu heiraten, und Du willst das hindern. Sieh, da verstehe ich Dich nicht mehr. Dich hat die schlimmste Leidenschaft in ihren Krallen – die Eifersucht. Sie macht Dich unfrei, sie unterdrückt Dein besseres Ich. Wenn eine Frau, die ich liebte, zu mir sagen würde: „Gib mich frei, ich liebe dich nicht mehr!“, so würde ich viel zu stolz sein, um sie zu halten, und sie gehen lassen, wohin sie will. Will sie ihr Leben so gestalten, dass sie einen Minderwertigen als Deinen Nachfolger wählt, so hast Du kein Recht mehr, es ihr zu wehren. Ich verstehe Deine Frau nur zu gut, wenn sie Dir sagt: „Eine Ehe ohne Liebe ist unmoralisch.“ Ich setze sogar hinzu: Ich halte es dagegen nicht für unmoralisch, wenn Deine Marianne unter dem Zwang der Verhältnisse sich dem geliebten Mann zu eigen gäbe, trotzdem sie nicht von Dir geschieden ist.
Du schreibst, Du willst verhüten, dass sie mit diesem Raven – es scheint ja wirklich ein schlechter Kerl zu sein – unglücklich wird, im Übrigen würdest Du sie völlig freigeben. Zu was gibst Du sie denn frei? – Zur Sünde! Du treibst sie der freien Liebe in die Arme, und sie würde in meinen Augen durchaus nichts dadurch verlieren. Ich glaube wirklich, dass Marianne recht hatte, als sie Dich einen Pedanten schalt, und ich glaube, dass Du unbewusst viel an Deiner prächtigen Frau gesündigt hast. Du lebtest als egoistischer, gefühlssatter Ehemann neben ihr her, sie war völlig Nebensache, Dein Beruf die Hauptsache. So war der Boden wohl vorbereitet, wie in allen solchen Fällen, als der Versucher ihr in den Weg trat. Warum ist Marianne so ehrgeizig geworden? Weil sie in ihren edelsten Eigenschaften bei Dir unterdrückt wurde. Warum sehnte sie sich nach Freiheit? Weil sie im Alltag des Lebens erstickte. Dir die Arbeit, ihr nichts, da die Kinder fehlen. Da kam die Erbschaft, mit ihr die tausenderlei Wünsche, die sie zuerst durch Befriedigung ihrer Eitelkeit stillte, doch das konnte einer Marianne nicht genügen, dazu war sie zu klug, zu talentvoll. Nun betrat Raven, der Schriftsteller, die Bühne, und der Ehrgeiz forderte auch sein Recht. Damals hättest DU es noch wenden können. Warum folgtest Du nicht meiner Aufforderung, zu mir zu kommen? Eine Reise hätte bei Deiner Frau Wunder getan. Du aber bliebst in Deiner kleinen Welt, Dir suggerierend, es sei Deine Pflicht, und schicktest eine solche Frau allein in das bunte Leben. Sieh‘, das war Feigheit. Du hattest Angst, sie zu verlieren, und dadurch gerade verlorst Du sie.
Doch Du wolltest meinen Rat hören, nicht meine Meinung, noch weniger Vorwürfe. Wenn noch alles beim alten ist, so rate ich Dir, noch einmal zu ihr zu gehen und ihr zu sagen: „Ich gebe dir ein Jahr Bedenkzeit, prüfe dich, ob du Raven wirklich liebst, und eine Ehe mit ihm zu deinem Glück unerlässlich ist. Nach Ablauf dieser Zeit werde ich mir persönlich deine Antwort holen und dich gegebenenfalls völlig freigeben.“ Solltest Du aber im Verlauf dieses Jahres vollgültige Beweise von der Schuld dieses Mannes erhalten, dann ist es immer noch Zeit, Marianne die Augen zu öffnen. Sonst löst Du Dich von ihr und von Deinem ganzen alten Leben und kommst zu mir. Hier erwartet Dich ernste Arbeit und treue Freundschaft, an diesen beiden wirst Du wieder gesunden.

Dein getreuer alter
Hans Ewers.

Es war ein Brief von überzeugender Klarheit, es wurde Jürgen ein Spiegel vorgehalten, der unerbittlich jeden Fehler zurückstrahlte. Und es überfiel ihn plötzlich eine solche Sehnsucht nach Hans Ewers, dass er den Wunsch erwachen fühlte, seinen Bitten jetzt noch Gehör zu geben. Ob Marianne sich nicht bewegen ließ, mit ihm diese Reise zu machen, so dass sie das Prüfungsjahr miteinander oder vielmehr nebeneinander verlebten? Sie stand dann doch wenigstens unter seinem Schutz, war aber völlig selbstständig. Vielleicht willigte sie ein, da es ja das letzte Jahr in ihrer Ehe sein sollte.
Je länger er über diese Idee nachdachte, umso vertrauter wurde sie ihm. Dass er ein solches Zusammensein überhaupt für möglich hielt, bewies, wie sehr sich ihm schon alles verrückt hatte. Er gestand sich nicht ein, wie die Sachlage wirklich war, sondern sah sie stets von seinem schiefen Standpunkt aus.
Ein Fieber kam über ihn, er wollte so rasch wie möglich zu Marianne; ein Stellvertreter war ja bald zu finden, er kannte einen ihm befreundeten tüchtigen Arzt, der nur froh sein durfte, ein solches Provisorium anzunehmen. In weiteren acht Tagen war dieser in die Praxis eingeführt, Hedwig übernahm die wirtschaftliche Fürsorge gerade wie bei ihrem Bruder. Und so reiste Hoffmann ab, vorläufig auf sechs Wochen, wie er Hedwig sagte. Das andre würde sich eben finden. Für alle Fälle versah sich der Arzt auch mit einer größeren Summe Geldes und reiste in einer zuversichtlichen Stimmung ab.

 

Zur Rolle von Marianne als bürgerliche Ehefrau, die zerissen zwischen Pflicht und Ambition ist, gibt es diesen Blog-Artikel.

 

Die nächste Fortsetzung erscheint am Freitag, den 18. Mai 18.