Was bisher geschah:

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Ob sie daheim war? Ob sie seiner noch in Liebe gedachte, oder nur in Sehnsucht auf sein Urteil wartete? Nun stand er unter den Bäumen, und seine brennenden Augen suchten, über die drunten blühende Blumenpracht hinweg einen Blick auf die Terrasse zu gewinnen. Saß sie nicht dort an altgewohntem Platz? Mit raschen Schritten durchquerte er das bunte Paradies und flog die Stufen empor zu den Füßen der Frau, die er sich aneignen musste, es mochte kosten, was es wolle.
„Marianne! – Meine süße, einzige Frau! – Dass ich dich wieder habe!“
Die junge Frau saß wie leblos da. Dasselbe Wort! Dieselbe bebende, überströmende Glückseligkeit. Jürgen und Hartwig – wem gehörte sie an? Wo einen Ausweg finden? Jetzt, wo sie wieder in diese blauen, strahlenden Augen blickte und die glühenden Worte des beredten Mundes hört, brach das ganze stolze Gebäude, das sie sich aufgerichtet hatte, kläglich wie ein luftiges Kartenhaus zusammen.
„Weißt du, dass du ein Kunstwerk geschaffen hast, Marianne? Aber der Schluss ist falsch. Du lässt deine Maria beiden Männern entsagen, allein will sie weiter wandern, Herrin ihrer selbst und ihres Schicksals. Das passt nicht zu uns! Du gehörst zu mir, jetzt mehr denn je. Wir sind eins in unsrer Kunst, eins in unsrer Liebe. Ich habe geduldig gewartet, es ging fast über meine Kraft, aber jetzt weiche ich nicht von dieser Stelle und sollte ich deinem Mann selber zurufen: Gib sie frei, denn sie ist mein. Ich habe diese stolzen Lippen zum andern Male geküsst, und eine Marianne gestattet das nur dem Mann, dem sie sich für immer zu eigen gibt. Sie ist nicht eine Sklavin, sie ist ein freies Weib, das das Recht hat, über sich zu bestimmen!“
Nun hatte Marianne sich selbst wiedergefunden und sich aus seinen Armen befreit. Zürnend stand sie vor ihm. „Warum kamst du her und störst mir den mühsam errungenen Frieden, Hartwig? Glaubst du, dass ich wie ein schwankendes Rohr bin? Ich kenne meinen Weg und werde ihn weiter wandern.“
„Du willst aus missverstandenem Pflichtgefühl bei deinem Mann aushalten? Du kannst es nicht, denn du wirst eine von den Großen werden in unsrer Kunst, und darum musst du mir in ein neues Leben folgen.“
„Nein, wenn es ein Neues sein soll, so gehe ich meinen Weg allein.“
„Wie deine Maria! Du hast dich selbst geschildert?“
„Und befreit. Doch nun geh! Habe Dank für all deine Liebe und Treue, und willst du aus alter Freundschaft mir noch was Liebes tun, so verschaffe meinem Roman einen guten Platz, ich will es dir danken. Und wenn wir uns nach Jahren einmal auf unseren Berufswegen begegnen sollten, so lass uns einander grüßen wie gute Kollegen, die sich gegenseitig achten und gute Freundschaft miteinander halten.“
„Das Versprechen gebe ich nicht. Ich will alles oder nichts!“ rief Hartwig mit wildem Ungestüm; aller Selbstbeherrschung bar, riss er die Frau in seine Arme, als wolle er sie nie mehr lassen.
„Aber Marianne!“ So leise der Ruf verhallte, er tönte an das Ohr der Angerufenen wie dröhnende Trompeten. „Marianne, wenn Jürgen hier an meiner Stelle stünde!“
„So würde er sehen, was unvermeidlich war,“ erwiderte Hartwig Raven mit staunenswerter Ruhe der verlegenen Hedwig, die dastand, als sei sie die Schuldige.
„Ich bin gekommen, um Marianne zu fragen, ob sie nun endlich ihr Wort, das sie mir in diesem Winter in Berlin gab, mit als mein zukünftiges Weib zu folgen, einzulösen gedenkt. Die Antwort haben Sie soeben mit Ihren Augen gesehen, Fräulein Hoffmann, und werden gewiss alles tun, um Ihren Bruder zu überzeugen, dass es das einzig seiner Würdige ist, Marianne so rasch als möglich frei zu geben. Was für Situationen daraus entstehen können, wenn eine Frau wider Willen festgehalten wird und nur aus Pflichtgefühl bei dem ungeliebten Mann bleibt, davon haben Sie sich jetzt überzeugen können. Am liebsten würde ich meine mir angelobte Braut gleich mit mir nehmen, aber sie selbst will mir nur in allen Ehren – Sie haben mich verstanden, Fräulein Hoffmann – in allen Ehren angehören, und da gibt es für Marianne nur einen Weg und der führt erst nach erfolgter Scheidung nach dem Ort, wo ich ihrer in Sehnsucht warte. Lebe wohl Marianne, tue bald, was zu tun notwendig ist! Lebe wohl!“
Vor Hedwig, die mit entgeisterten Augen sein Tun beobachtete, küsste Raven die bebende Frau noch einmal auf den Mund, um den es wie verhaltenes Weinen zuckte. Noch eine tiefe, ernste Verbeugung vor Hedwig, und er schritt davon, als sei dies alles das Natürlichste von der Welt. Er war so froh, dass ihm das Schicksal entgegenkam. Vielleicht hatte er sogar dergleichen erhofft.
Als er droben im Walde verschwunden war, strich sich Marianne über die Stirn, sie atmete tief, als läge eine schwere Kraftanstrengung hinter ihr, und dann begann sie mit unheimlicher Ruhe: „Dass ich gehen muss, Hedwig, wirst du nach dem soeben Erlebten begreifen. Aber über das Wie und das Wann möchte ich mit dir reden. Vergiss jetzt alles Kleinliche, denke nicht daran, dass ich in deinen Augen eine Schuldige bin, sondern denke nur mit all der Kraft deiner Liebe an Jürgen.“
„Den du hintergehst und betrügst!“
„Wenn es nach mir gegangen wäre, ich hätte mich nach einer Rückkehr aus Berlin von ihm getrennt.“
„Wie eine solche Todsünde leicht bei dir wiegt.“
„Glaube das nicht, Hedwig, in dieser Stunde bin ich schwer bestraft worden, denn sie bindet mich unwiderruflich an das Schicksal, Hartwig Ravens Frau zu werden.“
„Den du liebst!“
„Den ich liebe – ja.“ Zögernd nur kam aus Mariannes Munde diese Bestätigung. „Überlasse es mir, Zeit und Stunde zu wählen, um Jürgen meinen Entschluss mitzuteilen. Erfährt er es jetzt und auf die Weise, in der Raven sich meine Einwilligung holte, so gibt es ein großes Unglück.“
„Du willst doch nicht damit sagen, dass sich Jürgen mit dem Menschen schießen wird.“
„Das wird sicherlich der Fall sein, und wir armen Frauen würden am schwersten daran zu tragen haben. Deine Pflicht ist es daher, zu vermitteln, dass mich Jürgen bedingungslos frei gibt. Ich verlasse ihn an dem Tage meiner Aussprache, die ich sehr bald herbeizuführen beabsichtige. Du sorgst dann bitte dafür, dass er nichts gegen Raven unternimmt, es muss verhindert werden, dass das Unglück noch größer wird. Es ist mir ein Trost, dich bei ihm zu wissen, Hedwig. Und grolle nicht zu sehr der armen Marianne, die schweren Herzens aus diesem Hause des Friedens scheiden wird – trotz alledem. Unser Zusammensein wird ja für die kurze Zeit zu ertragen sein, da ich mich stets in meinen Räumen aufhalten werde, wenn Jürgen fort ist. Ich höre ihn kommen, bedenke, was auf dem Spiel steht, und schweige, als ob dein eignes Leben bedroht wäre. Ich überlebe keinen Skandal, das ertrüge mein Stolz nicht, also schweige. Gehe und halte Jürgen davon ab, zu mir zu kommen. Sage, was du willst, aber ich muss noch eine Weile für mich haben, um mich zurechtzufinden.“
Wieder vergingen Tage und Wochen, Hedwigs sanfte Augen gewannen, wenn sie auf Marianne trafen, einen hasserfüllten Blick, der ihnen seltsam anstand. Marianne fürchtete sie, sie musste sprechen oder schreiben. – Nein, letzteres wäre das Verkehrteste von der Welt gewesen und außerdem eine feige Handlungsweise.
Die Qual dieser Tage war groß, und als die Post ihr einen Brief von Raven brachte, der ihr jubelnd die Annahme ihres Romans bei einer der vornehmsten Zeitschriften meldete, fühlte sie kaum ein Gefühl der Freude, denn der Schluss des Briefes bestürmte sie mit Fragen, ob sie mit Hoffmann gesprochen habe, und schloss mit den Worten:
Ich halt diesen Zustand nicht mehr aus, Du musst dich jetzt entscheiden. Sollte ich binnen vier Wochen noch keine Antwort von Dir haben, so komme ich wieder und trotze der Gefahr einer Begegnung mit Hoffmann. Ich kann Dich nicht verstehen, dass Du es über Dich gewinnen kannst, neben dem Mann weiterzuleben, den Du nicht mehr liebst. Sollte Dir der Mut einer Aussprache mit ihm fehlen, so reise ab und hinterlasse einen Brief. Frau von Brylewska, die in Luzern weilt, ist jederzeit bereit, Dich aufzunehmen. Sie ist uns stets eine treue Freundin gewesen. Auch hier bei Steiners würdest Du herzliche Aufnahme finden, aber da ich hier demnächst in einer Redaktion tätig sein werde, so ist das ausgeschlossen. Was Du tun musst, tue bald, ich werde es Dir ewig danken.

Dein getreuer Hartwig.
So drängte und zerrte es an de Unentschlossenheit der armen Frau. Sie gestand es sich kaum selber ein, dass ihr dieser Schritt darum so schwer wurde, weil sie fühlte, dass sie sich nur von dem einen Mann löste, um dem andern anzugehören. War ihre Liebe zu Raven groß genug, um sich so an ihn zu verlieren, dass sie sich seinem Willen gern und willig beugte? Er war nicht von der Art Jürgens, er forderte überall und in jeder Lage rücksichtslos sein Recht, und das hatte gerade ihrem Stolz gefallen. Sie gedachte seines Wertes und dass er sich seines Erfolges niemals rühmte, sondern in seiner Kunst so bescheiden von sich dachte. Sie malt sich das Leben an seiner Seite aus, im Mittelpunkt der geistigen Interessen der Hauptstadt stehend, im Verkehr mit bedeutenden Männern und Frauen. Im Sommer würden sie reisen, neuen Stoff sammeln und frische Eindrücke gewinnen. Sie würden eben eins sein in ihrer Arbeit, ihren Interessen und Ideen. Eine Harmonie der Gedanken und Gefühle würde sich ergeben, die beglücken musste.
Sie steigerte sich allmählich in einen derartigen Rausch hinein, dass sie aufsprang, um sofort zu handeln. Der Zeitpunkt war günstig gewählt, denn Jürgen war daheim und sollte in wenigen Stunden abreisen, um bei einer Konsultation in Kiel zugegen zu sein, wo eine Patientin sich einer schweren Operation unterziehen musste. Er hatte ihren Bitten, dieser zu assistieren, Gehör gegeben. Wenn er von Kiel zurückkam, konnte sie schon abgereist sein. Sie fragte sich nicht, wohin?
Erhobenen Hauptes, in den Augen ein überirdisches Glänzen, aber bleich wie der Tod, so ging sie zu ihrem Manne, um ihm das schwerste Leid anzutun, denn er sollte von ihr verworfen werden.
„Jürgen, ich muss mir dir sprechen, bevor du fährst.“
„Schön, setze dich her, Marianne!“ rief er, erfreut, sie bei sich eintreten zu sehen.
„Ich bitte dich, dass du mich freigibst, Jürgen. Ganz frei.“

Zur Rolle von Marianne als bürgerliche Ehefrau, die zerissen zwischen Pflicht und Ambition ist, gibt es diesen Blog-Artikel.

 

Die nächste Fortsetzung erscheint am Freitag, den 4. Mai 18.