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Zehntes Kapitel

Wieder daheim! Es war Marianne, als seien Monate vergangen, und mit dem Augenblick, da sie die Schwelle ihres Hauses betrat, und die nüchterne, alltägliche Welt sie wieder umgab, überfiel sie eine lähmende Apathie und eine völlige Willenlosigkeit.
Nur Hedwig hatte sie empfangen. Doch jetzt öffnete sich die Haustür, der Klang rascher Schritte, in dem man die Sehnsucht spürte, lief über den Hausflur und die Treppe empor. Die junge Frau stand in ihrem Zimmer mit wild schlagenden Herzen, die Augen wie in halber Ohnmacht geschlossen, und erwartete den Mann, von dem sie sich für immer scheiden wollte.
„Marianne!“ Jürgen stürzte ihr entgegen mit leuchtenden Augen und fasste die lieben Hände, dann den Kopf, den er an seine Brust drückte. Mit einem tiefen Aufseufzen schloss er sie alsdann in seine Arme und presste seinen Mund auf die weichen, süßen Lippen seiner Frau, die sich ruhig küssen ließ, ergeben in ihr Schicksal, erschöpft bis zum Umsinken, hilflos wie ein Kind.
„O, dass ich dich wieder habe! Die langen, langen Wochen waren nur Arbeit für mich, schwere, einsame Arbeit!“
Was half es, dass sie die Stimme der russischen Freundin und Vertrauten an ihrem Ohr erklingen hörte: „Eine Ehe ohne Liebe ist unmoralisch – eine Sünde gegen Sie selbst, gegen Ihren Stolz und Ihre Frauenehre.“ Dieser überströmenden, tiefinnerlichen Glückseligkeit ihres Jürgen den Todesstoß zu versetzen – nein, sie vermochte es nicht. Sie besann sich wieder auf ihre Pflichten, auf die tausend Fesseln, die sie banden und die sie in den Tagen des Rausches so leicht zu lösen fand, und ertrug alle in einer Apathie, die jedem andern Mann mehr verraten hätte, als das volle Geständnis ihrer Untreue.
Ja, Untreue! So nannte Marianne ihr Verfehlung, und doch hatte sie zuletzt geglaubt, ehrlich und stolz zu handeln und sich zu entsündigen, wenn sie vor Jürgen treten würde mit der Bitte: „Gib mich frei!“ Wie schwer es für eine Natur wie die ihre war, diese drei Worte zu sagen, das hatte sie heute gespürt.
Jeden Tag wollte sie sprechen, aber eine Stunde legte sich zu der andern, und ein Tag folgte dem andern. Zuletzt wurden Monate daraus, und sie schrieb mutlos an Raven:
Ich kann nicht, Hartwig! Mein Vorhaben kommt mir so ungeheuerlich vor, so verbrecherisch, dass ich den Mut nicht finde. Habe Geduld mit mir oder vergiss

Deine unglückliche Marianne.
Nun blieben seine Briefe aus, sie glaubte sich endlich Ruhe geschafft zu haben vor seinem unaufhörlichen Drängen. Frau von Brylewska hatte ihr schon viel früher in einem harten, zürnenden Brief ihre Meinung gesagt und ihr die Freundschaft gekündigt. So war es gut – Ruhe wollte sie haben – endgültige Ruhe, um wieder zu gesunden.
Mit dem Kommen der besseren Jahreszeit trat alles, was sie in Berlin erlebt hatte, zurück, ein leichter Nebel verhüllte das Persönliche in ihren Erlebnissen, dass Marianne über sie mit einer so kühlen Objektivität zu urteilen begann, die sie selbst überraschte. Und dann kam ein Tag, wo sie zur Feder griff.
Sie arbeitete wieder! – Jauchzend hätte sie das erste Schneeglöckchen, das sie in ihrem Garten als Boten einer neuen Zeit fand, an die Lippen drücken mögen, so glücklich war sie, sich selbst wiedergefunden zu haben. An demselben Tage kam nach der langen Pause ein Brief von Raven, dessen glühende Worte keinen Widerhall bei ihr fanden. Sie schrieb nur die wenigen Zeilen zur Antwort:

Lieber Freund!

Ich fühle dass ich gesunde – ich arbeite. Folge meinem Beispiel und störe jetzt nicht meine Kreise.

Deine getreue Marianne.

Wenn sie geahnt hätte, wie es mit seiner Arbeit stand. Versiegt war der Brunnen, der Quell vertrocknet, das Geld verronnen! Wenn es so weiterging, musste er wieder an eine ernste, nüchterne Arbeit denken und sich um eine Stelle an einer Redaktion bewerben. Darum versuchte er noch einmal, das Herz dieser Frau zu rühren. Warum er nur so an dieser einen hing? Da war so manche reife Frucht, die nur darauf wartete, von seiner Hand gepflückt zu werden. Aber wer mit einer Marianne Hoffmann Liebe getauscht hatte, der war sehr schwer zu befriedigen. Als er ihr Briefchen in Händen hielt, fühlte er, dass jetzt nichts zu machen war. Erst wenn ihr Roman beendet war, konnte er den letzten Sturm wagen. Sie würde sicher diesen Sommer wieder in irgendeine Einsamkeit wandern, und nichts würde ihn alsdann abhalten, ihr zu folgen. Er beschloss daher, in demselben Ton zu antworten:

Liebe Marianne1

Ich werde Deine Ruhe nicht stören, doch hoffe ich, dass Du Dein neuestes Werk wieder vertrauensvoll in meine Hände legen wirst. Das wäre mir ein Beweis, dass Du trotz allem, was uns trennt, Deine Freundschaft und Deine Liebe bewahrst

Deinem getreuen Hartwig.

War das ein schaffensfreudiges Arbeiten in der Stille ihres Tuskulums. Nun hingen vom zierlichen Drahtgeflecht schon die blauen, schweren Blütentrauben der Glyzine, und vom Garten her zogen die Düfte des Flieders. Maiglöckchen standen wie weiße Kerzen in dicht gedrängter Fülle auf der Blumenterrasse, wo die Stiefmütterchen und Vergissmeinnicht einen Farbenflor entwickelten, der die leuchtenden Sommerblumen nicht vermissen ließ.
Wenn Marianne um sich schaute, sah sie fröhliches Werden und Gedeihen. Wie sollte ihr da die Kraft zur Arbeit fehlen! Es war zuweilen ein Staunen in ihr, wenn sie las, was sie geschrieben hatte. Sie fühlte, dass ihr die Schwingen gewachsen waren. Ohne jedes Hasten und doch in stetem, raschem Vorwärtsschreiten entwickelte sich die Handlung, bildeten sich die Charaktere. War es, weil sie Selbsterlebtes in geläuterter, edler Form wiedergab? War es, dass sie mit diesem Werk sich selbst die Antwort – die einzig richtige Lösung gab in dem schweren Herzenskonflikt, in dem ihre Heldin unterzugehen drohte?
Sie wusste nur das eine, dass sie diesen Roman schreiben musste, um sich zu befreien.
Hoffmann zeigte in diesen Monaten, in der die Arbeit zur Reife kam, ein Zartgefühl und einen Herzenstakt, der einer Frau würdig gewesen wäre. Durch nichts beunruhigte oder störte er die schaffende Frau, sie war allein – wie sie es wünschte. Er hatte sich zu der einen Erkenntnis hindurchgerungen, er musste vielem entsagen, denn er wollte sie glücklich wissen. Er liebte sie mehr denn je, und schon der Gedanke, sie aus seinem Leben verlieren zu müssen, war genug, ihn zu jedem Opfer sich bereit finden zu lassen.
Die Rosen blühten, Schleswig-Holstein trat in seine Glanzzeit ein, da war das große Werk vollbracht. Marianne sandte ihren Roman an Raven. Es folgte der Rückschlag. Zweifel über Zweifel an seinem Wert quälten sie, und sie brütete in ihrem Tuskulum untätig über irgendeinem Buch, einer Zeitschrift und fühlte sich unlustig zu allem.
So saß sie an einem herrlichen Junimorgen in ihrem hellen Morgenanzug träumend auf ihrem gewohnten Platz und starrte zu dem blauen Himmel empor, an dem nur vereinzelte weiße Wölkchen friedlich vor dem weichen, warmen Winde herzogen, als würden sie ihres Daseins froh. Es lag solche Lebensfreude und wonniges, übermütiges genießen in d Luft, das Herz wurde weit, als müsse man die ganze Welt jauchzend umarmen und gleich den jubilierenden Vögeln dem Schöpfer aller Dinge ein Danklied anstimmen aus überströmender Lust.
Sah Marianne nicht die Schönheit um sich her, atmete ihre Brust nicht freier? Warum war denn solcher Glanz in ihren dunklen Augen und um den Mund das weiche Lächeln? Oder fühlte ihre Seele ahnend die Nähe des Mannes, den sie noch immer liebte, und zu dessen Größe sie bewundernd emporblickte, während er ihre Bedeutung und Überlegenheit schon längst erkannt hatte? In diesem Augenblick steckte Raven den Schlüssel in die ihm so vertraute Pforte des Gartens; er hatte damals vergessen, den Schlüssel abzuliefern.

Zur Rolle von Marianne als bürgerliche Ehefrau, die zerissen zwischen Pflicht und Ambition ist, gibt es diesen Blog-Artikel.

 

Die nächste Fortsetzung erscheint am Freitag, den 27. April 18.