Was bisher geschah:

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Am Morgen wurde Marianne erst wach, als man derb an die Tür klopfte; sie fuhr empor und musste sich erst besinnen, wo sie war. Ganz langsam dämmerte alles auf, was gestern geschehen war. Die Last war wieder da und der Kampf. Sie erwartete, Jürgen draußen zu finden. Doch als sie der Professor begrüßte, fragte dieser sie nach ihrem Mann.
„Mein Mann verließ gestern Abend die Kammer, er wollte sich beim Feuer niederlegen,“ sagte sie verlegen.
„So ist er wohl vor der Hütte. Suchen Sie den Herrn Doktor!“ befahl er Hoffmanns Führer, der mit Barthols Hilfe Kaffee und Kakao bereitete.
„Ich hab’ den Doktor noch mit keinem Auge geschaut, ich glaubte, er wäre drinnen.“
„Vielleicht ist er schon allein fort,“ meinte Marianne
„Er erwartete eilige Briefe.“
„Allein!“ lachte Barthol. Schauns doch mal aus der Hütte, wie’s draußen ausschaut. Ich will mal suchen, der Herr Doktor wird wohl gleich bei der Hütte stehen.“
Marianne ging mit, und als sie einen Blick aus der Tür geworfen hatte, fuhr sie zurück. Die ganze Luft war lebendig geworden, es war ein Schneegestöber, dass man nicht die Hand vor Augen sehen konnte. Ganz sacht und still fielen die Flocken, aber in einem unabsehbaren emsigen Gewimmel. Sie stand und starrte, ein weißes Sternchen nach dem andern legte sich auf ihren Kopf, bis sie die durchschauernde Kälte verspürte.
„Das ist eine dumme Geschichte, liebes Kind,“ sagte der Professor an ihrer Seite, „der Abstieg wird recht beschwerlich werden im Neuschnee. Die halbe Nacht muss es schon geschneit haben.“
„Wir können den Doktor nirgends finden,“ berichtete der Führer, zu den beiden tretend. „Auch in der Hütte ist er nicht, in der kann sich doch ein Mann nicht verkriechen wie ’ne Maus.“
„Vielleicht ist er schon abgestiegen,“ sagte Marianne mit bebender Stimme.
„Abgestiegen? – In der Nacht? – Im Schnee? – Na, so dumm wird doch keins sein. Und der Jakob ist doch da,“ rief Barthol.
„Ohne mich wär der Herr doch nicht abgestiegen,“ fiel der Führer Jakob ein. „Er versteht ja nichts vom Steigen. Und dann in dem Schnee, da kommt man nicht weit zur Nacht. Jetzt bei Tag will’s schon geschafft werden.“
„Sehen Sie mal weiter, und schreien Sie, so laut Sie können, vielleicht hat sich Doktor Hoffmann etwas zu weit von der Hütte entfernt und findet sich nicht gleich zurück.“
Marianne hörte dem allen zu, als ob sie gar nichts davon verstände. Aber jetzt legte sie die Hände mit einer krampfhaften Bewegung auf ihr Herz und stieß einen Schrei aus, der den Männern durch Mark und Bein ging. Dann stürzte sie in das weiße, wirbelnde Schweigen hinein, der Vorhang schloss sich wieder hinter ihr, als sei sie aufgesogen. „Frau Hoffmann, Marianne! – Auf, ihr nach, aber immer rufen, damit wir uns nicht verlieren. Dieser verfluchte Nebel hängt ja noch immer in der Luft.“
Sie brauchten nicht weit zu gehen, da hatten sie sie gefunden, sie war über einen Eisblock gefallen, und als sie sich aufrichten wollte, fassten sie die Hände der Männer, der Professor führte sie zur Hütte zurück.
„So, Sie bleiben hier, das ist keine Arbeit für eine Frau. Wir finden ihn schon.“
„Ich habe ihn fortgewiesen gestern Nacht,“ schluchzte Marianne auf und fiel dem alten Herrn um den Hals, sich verzweifelt an ihn klammernd. „Nun ist er in den Tod gegangen.“
„Kindchen, Kindchen, um einen kleinen ehelichen Zwist bringt man sich nicht ums Leben.“
„Ich wollte mich von ihm scheiden lassen. Ich stieß ihn zurück, als er sich ein Jahr Bedenkzeit erbat. Ich wurde trotzig und zornig und wies ihn hinaus, als er mich küsste. Da ging er und sagte: Möchten dich diese letzten bösen Worte nicht gereuen!“
Der Professor wurde sehr ernst, löste die weichen, bebenden Arme von seinem Halse und führte die Schluchzende zu der Bank. „Hier bleiben Sie, Frau Hoffmann, bis wir wiederkommen. Viel ist ja nicht zu tun. Ist Ihre Furcht wirklich begründet, so helfe Gott Ihnen und der armen Seele, die Sie von sich gestoßen haben.“
Weißhorn ging und sah nicht zurück, als Marianne mit einem verzweifelten Aufschrei zusammenbrach. Viele Stunden blieb sie allein, bis die Männer wiederkamen, sie hatten Jürgen nicht gefunden.
Schweigend rüsteten sie ein Mahl, um sich zu erwärmen, auch Marianne musste einige Löffel der kräftigen Suppe hinunterwürgen.
„Es hellt sich auf, wir werden den Abstieg allein machen,“ sagte der Professor zu Marianne, „die Führer bleiben oben, um noch einmal alles abzusuchen.“
„Ich gehe von hier nicht fort.“
„Sie müssen, Sie werden mir folgen, mit Ihrem Hiersein ist nichts geholfen. Sie sind nur zur Last. So wie ich Sie in Pontresina geborgen weiß, komme ich mit einer Hilfsmannschaft wieder herauf, um Ihren Mann zu suchen. Wir bedürfen weiterer Hilfe, das ganze Eisfeld muss abgesucht werden, um ihn zu finden.“
Marianne ergab sich in ihr Schicksal, sie war völlig gebrochen. Wie sie den Abstieg bewältigt hatte und nach ihrem Quartier gekommen war, sie wusste es später selber nicht mehr. Die Tage vergingen ihr in grauem, ödem Einerlei. Jeden Abend dieselbe Frage: „Ist er gefunden?“
Der Schnee lag im Gebirge wie weiße Mauern, als sie endlich heimwärts fuhr. Bis München fuhr sie mit dem Professor zusammen, er hatte dort seinen Wohnsitz. Wenn sie den treuen, väterlichen Freund, dem sie alles anvertraute, nicht gehabt hätte, sie würde den Verstand verloren haben.
„Sie kommen später zu uns,“ sagte er ihr beim Abschied. „Meine Frau wird Ihnen schon gefallen, und Sie gebrauchen eine Frau.“
„Ich komme bestimmt, wenn Sie mich haben wollen. Ich müsste ja sonst vergehen in meiner Einsamkeit.“
Und das sagte derselbe Mund, der gebeten hatte: „Lass mich allein!“

Zwölftes Kapitel.

Welch trostlose Heimfahrt! In Berlin musste Marianne Station machen, da Raven sie sehen wollte. Sie konnte es ihm nicht abschlagen, obwohl ihr vor dem Wiedersehen graute. Sie hatte versucht, dieses hinauszuschieben, aber da hatte er ihr geantwortet, dass er sie alsdann in Schleswig besuchen würde.
Sie stieg wieder im Hotel de Rome ab. Und als Hartwig Raven vor ihr stand, fragte sie sich: „Was ist dir dieser Mann noch, was kann er dir sein?“ Nein, sie wollte nichts mehr von ihm, als dass er sie frei gab – ebenso frei wie der Tote.
Wie der Tote? – Nein, der gab sie noch lange nicht frei, das sollte sie aus Ravens Mund erfahren.
Nun stand er vor ihr und drückte ihr die Hand mit Worten des Trostes, und sie sah doch in seinen Augen schon die heimliche Freude leuchten, dass er von dem Nebenbuhler befreit war. Oder war sie nur so traurig misstrauisch geworden. Ihre Schuld machte sie bitter, auch andern gegenüber.
„Das Schlimmste ist, dass man die Leiche nicht gefunden hat,“ sagte Raven im Verlauf der Unterhaltung.
„Das bedrückt mich nicht, Hartwig, er hat ein königliches Grab droben gefunden. Ich werde alljährlich dorthin pilgern, um Buße zu tun.“
„Vielleicht findet man den Toten im Sommer, wenn der Schnee geschmolzen ist.“
„Ich glaube es nicht.“
„Es wäre aber sehr wichtig.“
„Wozu?“ fragte sie müde. „Jürgen lebt in meiner Erinnerung, was ist mir der tote Körper, den ich doch der Erde geben muss. Mag er in den reinen Höhen weiterschlafen.“
„Aber solange die Leiche nicht gefunden ist, stellt man keinen Totenschein aus; dein Mann ist ein Verschollener.“
„Wieso?“ Marianne sah Raven verwirrt an, sie verstand ihn nicht.
„Erst nach Ablauf von zehn Jahren wird dein Mann für tot erklärt, und erst dann dürftest du wieder heiraten.“
„So!“
„Du sagst das so gleichgültig, Marianne.“
„Ja, es berührt mich doch nicht sonderlich. Ich weiß ja, dass er tot ist, und ich bin seine Witwe.“
„Marianne – du denkst doch nicht daran, dass zwischen uns –“
„Alles aus ist. – Ja, Hartwig, es ist alles aus. Dieses Herz kann nichts mehr von Liebe empfinden, denn neben der Last meiner Schuld ist für nichts weiter Raum. Vielleicht noch für die Arbeit, die alsdann meine Erlöserin sein wird.“
„Es ist undenkbar, Marianne. So grausam kannst du nicht sein. Du hast mich doch lieb?“
„Wenn ich dich je geliebt habe, so bereue ich es zu dieser Stunde von Herzen, denn damit begann meine Schuld. An dieser Liebe starb mein lieber, guter Jürgen weil er mich nicht lassen wollte. Nun hält er mich sogar noch im Tode fest, und ich danke es ihm. Ich wollt dich nicht wiedersehen, Hartwig, aber ich fürchtete, du würdest dann zu mir kommen, so suchte ich dich auf, um mich mit dir auszusprechen. Vielleicht denkt ihr Männer anders darüber, aber ich könnte es, selbst wenn ich noch in heißer Liebe für dich entbrannt wäre, nicht über mich gewinnen, als Schuldbeladene über den Toten hinweg mir mein Glück zu nehmen.“
„Du liebst mich nicht mehr?“
„Vielleicht war es nur Verblendung, als ich dich zu lieben glaubte, Hartwig. Denn wie könnte eine große Liebe so rasch sterben.“
„Das ist das Leid des Augenblicks, das alles erstickt. Ich komme wieder, Marianne, wenn du ruhiger geworden bist.“
„Komme nicht, es wäre vergebens. Liebe kann sterben, die Schuld stirbt nie, die muss ich mit mir schleppen bis zum letzten Atemzug. Und nun geh, Hartwig, wir haben uns alles gesagt, was zu sagen ist.“
„Ich lasse dich nicht, Marianne. Solange ich lebe, wirst du mich nicht wieder los. Was ist schuld? – Auch der Tote hat an dir gesündigt, er musste dich frei geben, als du darum batest. Er hat sein Schicksal selbst verschuldet. Der Lebende behält recht, und ich lasse mir mein Glück nicht verkürzen. Ich komme, auch ungerufen, bis ich bleiben kann. Leb wohl, Marianne. Wer könnte von dir lassen, der deine Liebe besessen hat.“
Raven riss die schlanke Gestalt in seine Arme und küsste die bleichen Wangen, den bebenden Mund, dann verließ er das Zimmer. Lange saß die einsame Frau in tiefes Sinnen verloren. Wie brutal, wie begehrlich, ist die Liebe des Mannes! Raven schien es das größte Unglück zu sein, dass der Tote vielleicht nie gefunden würde. Wusste der Professor auch um diese Bestimmung des Gesetzes? Sicherlich. Darauf zielten wohl seine Worte, als er ihr sagte: „Ihr Mann wollte Sie nicht unglücklich wissen, er sah kein Heil in der Verbindung mit diesem Raven. Vielleicht hofft er, durch seinen Tod Sie davon abzuhalten.“
„Über seinen Tod weg gibt es für mich überhaupt kein Glück mehr, denn er starb durch meine Schuld.“
„Sie waren an dem Abend nicht Herr Ihrer selbst. Von der Anstrengung der Hochtour waren Sie total erschöpft, und es war eine große Ungeschicklichkeit von Hoffmann, zu solcher Stunde eine so schwer wiegende Entscheidung herbeiführen zu wollen. Schon sein Kommen war unter den Umständen sehr zu tadeln.“
Am nächsten Morgen fuhr Marianne weiter. Das Wiedersehen mit Hedwig stand bevor, mit den andern Geschwistern Jürgens. Ob Hedwig geplaudert hatte? Das stand bei der armen Frau fest: einer Hedwig, dieser beschränkten, kleinlichen Seele, würde sie keine Beichte ablegen.
Es ging alles besser, als sie erwartet hatte. Die Schwägerin weinte zwar bitterlich, aber als sie das große Leid Mariannes gewahrte, vergaß sie das Geschehene umso lieber, als ihr die junge Frau erklärte, sie würde niemals wieder heiraten, da ihre Liebe für immer dem Toten angehöre. So blieb Hedwig gern in ihrer Stellung, zudem sie erfuhr, dass sie bald wieder allein sein würde, da Marianne nach Weihnachten für längere Zeit nach München zu gehen gedachte.
Es war eine stille Zeit für die beiden Frauen. Doktor Ernst, der Nachfolger ihres Mannes, bat darum, wohnen bleiben zu dürfen, da er die Praxis beibehalten zu wünsche. Marianne, die bei Hedwig ein größeres Interesse für den Arzt zu entdecken glaubte, erfüllte seinen Wunsch bereitwillig. Er lebte ganz für sich in den zwei vorderen Zimmern und nahm seine Mahlzeiten außer dem Hause. Nur für das Frühstück wurde gesorgt, das alte, vertraute Mädchen bediente ihn.
Doch eines Tages ließ er sich bei Marianne melden und bat sie darum, Süver Krübbe zu besuchen. Er habe von dem Tod Hoffmanns gehört und hätte Sehnsucht, mit der Frau Doktor drüber zu reden. „Der Alte ist sehr schwach, lange macht er es nicht mehr. Wenn es Sie nicht zu sehr angreift, würden Sie ihm noch einen Liebesdienst erweisen.“
Noch an demselben Tag ging sie zu dem alten Fischer, den Jürgen so gern gehabt hatte. Er war kümmerlich zuwege, der Atem kam nur noch stoßweise, und das Herz versagte den Dienst. Sie hatte gefürchtet, es würde ihr schwerfallen, von dem Unglück zu sprechen, aber sie spürte, dass es ihr gut tat. So saßen sie Tag für Tag zusammen, oft schweigend, oft plaudernd, und eines Abends, als es schon zu dämmern begann, sagte Süver Krübbe mit stockendem Atem: „Lesen Sie mir was aus der Bibel vor, Frau Hoffmann. Da drinnen liegt sie.“ Der Alte zeigte auf einen alten geschnitzten Schrank, der fast eine ganze Seite der Stube füllte.
Die junge Frau holte das alte Buch, dessen Deckel mit schweren Silberbeschlägen verziert war. Es war wohl eine Familienbibel aus Urväterzeiten. Wie viel Zettel darin steckten!
„Das ist die Bibel von Maren Jebsen, Frau Hoffmann. Sie hat sie mir vermacht, und ich schenke sie Ihnen, denn ich bin der Letzte aus meiner Familie. Ich will das schöne, alte Stück in lieben Händen wissen. Die Zeichen hat Maren alle hineingesteckt, es sind ihre Lieblingsstellen.“

Zur Rolle von Marianne als bürgerliche Ehefrau, die zerissen zwischen Pflicht und Ambition ist, gibt es diesen Blog-Artikel.

 

Die nächste Fortsetzung erscheint am Freitag, den 1. Juni 18.