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Dreizehntes Kapitel.

Dieser Brief war der erste einer langen Reihe, die zwischen dem fernen Wunderland und München hin- und hergetragen wurden. München hatte Marianne vorläufig als Wohnort gewählt, denn sie fand in dem Ehepaar Weißhorn so liebe, verständnisvolle Freunde, dass sie bald in der bayrischen Residenz heimisch wurde. Viel trug wohl auch dazu bei, dass sie den Bergen so nahe war, die das Grab ihres Mannes geworden waren. Sie verschloss sich in ihrem Trauern nicht dem anregenden Verkehr mit bedeutenden Menschen, die im Hause des Professors aus- und eingingen. Auch ihre Arbeit wurde ihr Tröster und Erlöser, das schwere Schicksal hatte sie gereift, und der Roman, der dieser Zeit sein Entstehen verdankte, erhob sie mit einem Schlage zu den Ersten ihrer Kunst. Weißhorn ließ es sich angelegen sein, ihm einen Platz in einer bedeutenden Zeitschrift zu sichern.

So verging der Winter; der Frühling kam mit all seinem Zauber und seiner Pracht, und Marianne ging mit ernsten Augen durch die neue Welt, sie vermochte sich ihrer Schönheit zu erfreuen. Sie begriff sich selber nicht, denn ihre Schuld schritt mit durch das blühende Land, aber sie wurde dennoch ihres Lebens wieder froh. Das Wunder vollbrachten die Briefe von Hans Ewers, der es verstand, das Leid zu lindern und die Wunden zu heilen. Es war Marianne oft, als blickten sie zwischen den Zeilen Jürgens liebe, treue Augen an, und als halte sie seine Hand.
„Vergessen Sie des Toten nicht, und auch nicht Ihrer Schuld, aber versuchen Sie, wieder so zu werden, wie er Sie sehen wollte. Er wollte Sie glücklich wissen!“ So schrieb Hans Ewers. Sie folgte seinen Worten, sie lauschte in sich hinein und auf die heimlichen Stimmen, die in ihr lebendig wurden wie ein der heiligen Mutter Erde entspringender Quell.
Sie schritt nicht mehr in dunkler Nacht, alles war hell um sie geworden und licht. Sie fühlte nicht mehr, dass sie an allem darbte, was ihr Leben früher so reich gemacht hatte, sie fühlte nur, das sie wieder zu leben begann, und dass es sich lohnte. Nicht etwa, weil der Ehrgeiz befriedigt war, nicht, weil sie frei über sich verfügen konnte – nein, nur, weil aus der weiten Ferne eine Freundeshand sich ihr entgegenstreckte, sie zu leiten, zu stützen und zu führen, bis sie das Gehen wieder gelernt hatte – das stolze, unbekümmerte Schreiten der Marianne früherer Zeiten.

Die Wälder Bayerns färbten sich in dunklerem Grün, die blauen Seen funkelten wie edles Geschmeide unter dem glühenden Flammenkuss der Sommersonne, der den Schnee der starren Bergriesen schmolz. Da ließ sich Marianne nicht mehr halten, sie zog wieder hinaus, der Welt der Felsen und des ewigen Schnees entgegen.
Zuerst hielten sie die Voralpen fest, denn Barthol, der ihr so ein liebgewordener Führer, schrieb ihr, noch wäre es in den Hochalpen nicht zu schaffen, die Lawinen donnerten zu Tal. So blieb sie denn an einem der schönen Seen und versuchte, ihrer Sehnsucht Herr zu werden. In dieser Zeit der Unruhe und inneren Not – sie hoffte noch immer, dass der Tote gefunden würde – erhielt sie nach längerem Schweigen wieder einen Brief von Hans Ewers.
Sie saß in der Laube ihres Gasthauses, als er ihr gebracht wurde. Sein Eintreffen war verzögert worden, da ihre Post über München ging, weil sie zu oft ihren Aufenthaltsort wechselte. Sie starrte auf die Zeilen nieder, als ob sie träume.
Hans Ewers – er kam – er kam zu ihr! Diese Nachricht überfiel mit einer Wucht der Betäubung ihre Seele, dass sie sich nicht zu regen vermochte. Ihr klares Denken verwirrte sich, es war ihr, als verwandle sich der treue Freund zu einer Schreckensgestalt. Sie hatte ihm gebeichtet, ihr Innerstes vor ihm bloßgelegt, ihm ein Vertrauen geschenkt, wie keinem auf der Welt. Selbst ihr Jürgen hatte keinen Blick in ihr geheimstes Seelenleben tun dürfen. Niemals hatte sie geglaubt, dass der Vertraute Gestalt annehmen werde. Er war so weit fort, so unentbehrlich, wie sie glaubte, seiner eigensten Schöpfung, dem deutschen Krankenhause, dass ihr nie der Gedanke gekommen war, er könne in Person vor sie treten.
Wozu kam er? Warum einen ihr liebgewordenen Verkehr vielleicht für immer zerstören? Sie hatte sich ein Bild von ihm gemacht, es war sicherlich ein falsches, und doch war es ihr so lieb und vertraut. Kam er nur als Freund oder als der Mann, der vom Weibe mehr verlangt als Freundschaft? Eine dunkle Röte flutete über ihr liebliches Gesicht, das so vergeistigt wirkte im dunkeln Rahmen der Trauerkleider. Sie wies den Verdacht als ihrer und seiner unwürdig entrüstet zurück. Aber der Gedanke war einmal gedacht worden und kehrte immer wieder.
Marianne Hoffmann hatte die Begehrlichkeit der Männer nur zu oft kennengelernt, selbst ihre Trauergewänder schützten sie nicht. Je kühler und unberührter sie mit ihren Verehrern verkehrte, umso heißer wurden deren Blicke, umso leidenschaftlicher deren Werbung. Der alte Professor lachte oft darüber, aber die stille, einsame Frau fühlte sich verletzt. Auch jetzt, da sie sich ganz allein hinauswagte, wechselte sie stets ihren Wohnort, wenn sie einem Mann näher trat, als sie es wünschte. Warum konnte eine Frau wie sie nicht unbegehrt bleiben?

Sie nahm wieder den Brief zur Hand, den sie im ersten Schrecken hatte auf die Tischplatte fallen lassen. Wann konnte Hans Ewers denn eintreffen? Im August – Sie sollte ihm ihre Adresse an das Hamburger Haus, dessen Adresse beilag, mitteilen. Gut, er mochte kommen, es war ja ganz sinnlos, ihn zu verdächtigen, nur weil sie bei andern seines Geschlechts böse Erfahrungen gemacht hatte. Droben wollte sie ihn empfangen, dort, wo das Grab ihres Jürgen war, wo die reine Höhenluft wehte. Dort wird der Geist so frei und so still. Tief drunten bleibt der Alltag mit seinem Jagen nach Genüssen dieser Erde, mit dem Joch seiner Arbeit, mit der Bürde des Elends und Jammers. Man fühlte sich dem Himmel so nahe und seinen Toten, aber die Trauer um das Verlorene wird verklärt, die tiefe Stille legt sich mit ihrem feierlichen Schweigen wie Balsam auf jede Wunde, das Schmerzgefühl schläft ein, man gewinnt neuen Mut, neue Kraft zur Arbeit.
Ja, dort wollte sie Hans Ewers empfangen, sie wollte ihm eine Schwester sein. Es wurde ihr so warm ums Herz, als sie den Brief zu Ende las, noch nie hatte dieser Mann solche Töne gefunden. Es war ihr, als ob ein neues seliges Leben sie grüße, in dem alle Reue erstorben war. Und wiederum war es ihr, als blicke sie in Jürgens treue, liebe Augen und höre seine liebe Stimme. Ihr war, als sei sie nicht mehr allein, als sei er wieder bei ihr, dem sie wieder ihre alte Liebe gegeben hatte, nein, nicht ihre alte – eine neue, junge, heiße Liebe, die zu dieser Stunde mit fiebernd zärtlichem Verlangen sich dem Manne sehnte, den sie unerbittlich von sich gestoßen hatte.
Wie kam sie zu dieser Schuld? Welch abgrundtiefe Schatten birgt eine Menschenseele, wie tief kann sie sich verirren!

Marianne fuhr empor; es graute ihr plötzlich vor sich selber, und sie eilte in die Abenddämmerung hinaus. Am schlafenden See schritt sie entlang in die tiefste Einsamkeit und wanderte, bis die Sterne am Himmel langsam dahinzogen, und der Mond um den Firn der schweigenden Berge den glitzernden, silbernen Mantel hing. Dann ging sie heim und hatte einen wundersam friedlichen Traum: Sie ist in der Gletscherwelt der Bernina und tritt aus der Schutzhütte, weil eine Stimme sie ruft. Ein Fremder steht vor ihr und ist doch kein Fremder, sie fühlt, dass es Hans Ewers ist. Er nimmt ihre Hand und sagt: „Komm, ich führe dich zu ihm.“
Und sie weiß, dass er Jürgen meint. Sie gehen dahin, es ist ihr, als ob sie flögen, immer über Eis und Schnee, und ihr Herz, das friert; ihr graut vor dem Anblick, der ihrer wartet. Sie kommen zu einer Höhle, in die der Gletscherbach tosend hinabstürzt, jeden andern Laut erstickend. Sie schreiten durch das eisige Wasser, das bis an ihre Brust reicht und ihr den Atem zu ersticken droht. Immer finsterer wird es, immer kälter, sie taumelt nur noch vorwärts mit wankenden Knien, mit geschlossenen Augen, bis die Stimme des Freundes an ihr Ohr schlägt: „Wir sind am Ziel.“ Aus Finsternis und Grauen, aus Kälte und tosenden Wassern hervor geht es der Sonne entgegen. Ein Felsentor tut sich auf, sie stehen auf grünen, blumigen Matten, den blauen Himmel über sich. Und Jürgen kommt zu ihr geschritten.

Als sie erwachte, stürzten ihr die Tränen aus den Augen. So schwer traf die Erkenntnis ihres Leides ihre jauchzende Seele.
Und als ihre Zeit gekommen war, zog sie dem Engadin zu und der Stunde, in der sie Hans Ewers begegnen sollte. Sie fand in Pontresina schon den einen Freund ihrer wartend vor – Professor Weißhorn sehnte sich nach seiner gelehrigen Schülerin, um mit ihr wie im vergangenen Sommer die Höhen zu bezwingen. War ihre Mission hier erfüllt – er glaubte nicht an ein Auffinden des Verunglückten, dessen Leiche sicher eine Gletscherspalte auf viele Jahre hinaus verbarg –, so gedachte er mit Marianne zu den geliebten Dolomiten zu pilgern. Er malte sich den heiligen Glanz ihrer ernsten Augen aus, wenn sich diese Wunderwelt ihr erschloss. Was gibt es wohl Schöneres für einen alternden Menschen, als sich in der Begeisterung einer jungen Seele neue Kraft und Genussfähigkeit zu schöpfen? Für Weißhorn war der Verkehr mit Marianne ein Jungbrunnen.
Die junge Frau stand dem allen mit gemischten Gefühlen gegenüber. Sie hätte gern die schrankenlose Freude des alten Freundes rückhaltlos erwidert, aber die Sehnsucht nach Einsamkeit packte sie hier von neuem stärker denn je. Die Vergangenheit mit der Erinnerung all des Furchtbaren, das sie in dieser Hochburg der Alpenwelt erlebt hatte, brach mit erdrückender Wucht über sie herein. Was konnten ihr all die Trostesworte bedeuten, auch die Hans Ewers zu ihr sprechen würde? Sie stand wieder im Bann ihrer großen Schuld.
Um sich zu betäuben, war sie mit Weißhorn und dem Führer Barthol, der überglücklich war, wiederum in dem Dienst der verehrten Frau zu stehen, immer unterwegs. Die physischen Kräfte traten derart in Tätigkeit, dass die seelischen eingeschläfert wurden. Darin hätte Marianne so recht die Fürsorge ihres alten Freundes erkennen können, denn er hatte die traurigen Eindrücke für sie gefürchtet, und darum war er gerade hier und ließ sie nicht los.
Er erwartete von Tag zu Tag mit immer größerer Spannung, sie die Bitte aussprechen zu hören, zur Schutzhütte in den Berninabergen hinaufzusteigen. Aber Marianne fürchtete sich, sie schalt sich feige, doch sie konnte sich nicht überwinden. Nur einmal hatte sie Barthol heimlich danach gefragt, ob er glaube, dass die Leiche noch gefunden werden könne.
„Ich glaube nicht,“ war seine kurze Antwort.

Marianne war allein nach dem Statzersee gegangen und saß auf einem Steinblock dicht am dunklen Wasser, das nicht die leuchtenden Farben der Engadiner blauen Seen zeigt. Die düsteren Arven breiteten ihre seltsam geformten Kronen zwischen den Felsen aus und bildeten einen passenden Hintergrund zu der schwarz gekleideten Gestalt, die so unbeweglich dasaß und zu den Bergen emporstarrte, als sollten die sich im rosigen Licht des scheidenden Tages badenden Höhen ihr Antwort geben auf die Frage, die ihr unruhvoll Herz und Sinn verzehrte. Die Abendschatten stiegen aus den tiefen Schluchten und lagerten sich immer breiter auf die Massen des Urgesteins – es war Zeit, heimzukehren.
Ein einsamer Wanderer schritt des Weges daher, er musste von St. Moritz kommen und blickte suchend umher, als ob er nicht ganz sicher über die Richtung wäre. Als er Marianne erblickte, trat er auf sie zu.
„Ist dies der richtige Weg nach Pontresina? Ich – “
Er stutzte, fasste die schlanke Gestalt und das schöne Gesicht schärfer ins Augen und vollendete: „Ich glaube, mich nicht zu irren, wenn ich Sie als Marianne Hoffmann begrüße. Wir sind uns keine Fremden mehr.“
Nein, sie waren sich keine Fremden. Binnen weniger Minuten gingen sie plaudernd nebeneinander her, als ob sie sich immer gekannt hätten. Er erzählte ihr von seinem Leben in dem fremden Land und rührte nicht an das, was ihnen beiden das Herz je länger, je mehr bedrückte.
Marianne atmete tief und schwer, es war ihr, als ob unsichtbar, aber ihrer Seele gegenwärtig Jürgen zwischen ihnen schritte. Die Luft war still, feierlich stieg die Nacht hernieder. Wie im Traum ging sie an seiner Seite und hörte zu, kaum ein Wort über die Lippen bringend. Es war ihr, als ob ihre Stimme ihre Tränen verraten müsste, die ungeweint in ihren Augen brannten und ihr die Kehle würgten.
Lauschend hatte sie den schönen Kopf vornüber gebeugt, als müsse sie erfassen, was sie mit zitterndem Verlangen, mit heißer Sehnsucht erfüllte. Und da trat auch schon in banger Klage der Name des einen über ihre Lippen: „Jürgen!“
„Marianne!“ Hans Ewers fasste ihr Hand und sah mit liebevollem Blick in ihre überströmenden Augen.
“Ja, weinen Sie, es war töricht von mir, in heimlicher Scheu dem Toten nicht das erste Wort zu gönnen. So lassen Sie uns dessen gedenken, zu dem Sie sich in neuer, großer Liebe zurückgefunden haben.“
„All meine Liebe und all meine Reue machen ihn nicht wieder lebendig.“
„Haben Sie niemals gedacht, dass Jürgen sie in der unseligen Nacht nur hat verlassen wollen, um die Ihnen gemeinsam vorgeschlagene Reise zu mir anzutreten?“
Es sähe dann so manches anders aus. Nicht, dass ich geringer von meinem Verschulden dächte.
Ich erhielt lange zuvor ein Schreiben von ihm, nur wenige Zeilen, die mir mitteilten, dass er käme, auch wenn Sie ihn nicht begleiten wollten Er hielte es zu Hause nicht mehr aus, denn er ginge an der Trennung von Ihnen zugrunde. Er müsse vergessen lernen, vielleicht lerne er das bei mir.“
„Warum schrieben Sie mir das nicht?“ fragte Marianne vorwurfsvoll.
„Weil ich durch Ihre Briefe eines andern belehrt wurde. Mit der Zeit gewann aber meine erste Ansicht wieder Boden. Jürgen war nicht der Mann, feige in den Tod zu gehen. Es lag ganz bestimmt nicht in seiner Absicht, freiwillig aus dem Leben zu scheiden“
„Er glaubte, dadurch eine Ehe mit Raven zu verhindern!“ „Hätten Sie niemals über den Toten hinweg Raven zum Manne genommen, auch wenn er sich nicht als schlechter Mensch offenbart hätte?“
„Nein!“ Marianne stieß es hervor mit dem Eifer innerster Überzeugung.
„So hat Jürgen Sie gut gekannt.“
„Er kannte mich besser als ich mich selbst. Und er kannte auch Hartwig Raven. Seine Liebe gab ihm das Recht, mit jedem Mittel eine Verbindung zwischen Ihnen beiden zu verhüten. Wenn er nun in jener Nacht nur darum den Abstieg allein wagte, um Sie in Ungewißheit über sein Schicksal zu lassen? Dann galt er vor dem Gesetz nicht als Toter, sondern für lange Jahr nur als Verschollener, und Ihnen war die Ehe mit Raven unmöglich gemacht.“
Marianne fasste Ewers Arme und sagte leise: „Warum weisen Sie mich erst jetzt auf diese Möglichkeit hin? Nur, um meine Bürde zu erleichtern? Denn der Tote wird darum nicht wieder lebendig.
„Nehmen Sie es so an, Marianne. Mein Freund Jürgen hat Sie glücklich wissen wollen. Warum soll ich nicht in seinem Sinne handeln und die Schuld von Ihrer Seele nehmen? Es ist meine innerste Überzeugung, dass sich alles so verhält, wie ich es mir nach langem Grübeln zurechtgelegt habe. Sehen Sie um sich, Marianne, die Berge unterstützen meine Worte. Droben wird es noch einmal licht; was in eisiger Kälte drohend zu uns heruntergeschaut hat, thront in überirdischem Glanz der Sonnenherrlichkeit in den reinen Höhen. So wird auch Ihr gebrochenes Leben wieder erstehen, nicht zu dem Glück der Alltagsmenschen, sondern zu einer wundersam durchgeistigten Liebe, die keine Schatten, keine Reue mehr kennt, sondern kräftiges, gesundes Leben. Darum bin ich zu Ihnen gekommen, Marianne, um Ihnen zu helfen, sich dazu hindurchzuringen.“
Mariannes Augen hingen an den leuchtenden Höhen, die im Alpenglühen zu ihr herniedergrüßten. Alles Zagen fiel von ihr ab; auf den bleichen Wangen ein Abglanz der rosenroten Farbengluten, schritt sie neben Hans Ewers her. Aus schwarzen Schatten kam sie her, und er führte sie der Sonne entgegen, dem ewigen Licht, das über dem Tal stand, in dem sie wanderten. Morgen wollte sie dort hinauf, um all ihre Liebe und ihre Sehnsucht zu dem Grabe des Mannes zu tragen, der sein Leben nicht mit Willen von sich geworfen hatte, sondern dessen Geschick sich nach dem ewigen Gesetz höherer Gewalten erfüllt hatte. Nun fürchtete sie sich nicht mehr, denn sie würde die Stelle betreten an der Hand des Freundes, der zugleich ihr Erlöser war.
Als sie voneinandergegangen waren, blickte sie noch einmal staunend hinauf zu dem schimmernden Glanz, dann schloss sie das Fenster. Sie wollte nicht mehr sehen, wie das glühende Licht erlosch und die weißen Bergriesen wieder in kaltem Drohen über dem dunklen Tal standen, alles jauchzende, fröhliche Leben erstickend. Sie schlief einen traumlosen, erquickenden Schlaf und erwachte am Morgen mit einem Gefühl einer ihr wartenden großen Freude.

Erstes Ende:

Als sie zum Frühstück hinunterkam, wunderte sie sich gar nicht darüber, den Professor Weißhorn und Hans Ewers in lebhaftem Gespräch zu finden. Alles schien ihr natürlich und vertraut. Sie nahm den Strauß aus des Freundes Hand und sie selber sprach die Bitte aus, Weißhorn zum Bernina begleiten zu dürfen.
„Ich habe nur darum bis jetzt mit dem Aufstieg gewartet, weil ich annahm, es sei Ihnen lieb, mit hinauf zu kommen.“
Sie sah es nicht, dass die beiden Männer einen seltsamen Blick miteinander wechselten. Dann sagte der Professor: „Ich denke, Sie können den Aufstieg auch ohne mich machen. Der Führer Barthol kann Sie begleiten. Ich werde mir mal das Leben und Treiben in St. Moritz ansehen müssen, da ein Bekannter von mir sich mit mir dort ein Stelldichein gibt. Wollen Sie nicht gleich den Pic di Palü besteigen, wenn das Wetter so günstig bleibt. Herr Ewers brennt darauf, einen der Bergriesen zu zwingen.“
„Sind Sie Bergsteiger, Ewers?“ fragte Marianne erstaunt.
„Ein wenig“ lautete die Antwort.
„Nehmen Sie sich vor dem in acht, verehrte Frau. Der steigt wie eine Gemse, Barthol wird Augen machen. Was sind denn unsere Alpen gegen die Berge Indiens?“
„Sie waren dort?“
„Man muß sich doch alljährlich neue Kräfte holen, Frau Marianne. Und der Bergsport ist das beste Mittel dazu. Ich habe den Engländern ein wenig abgeguckt, die sind ja die geborenen Herren der Welt, und so müssen sie auch die Berge mit ihren Füßen treten, keine ragende Spitze ist ihnen unerreichbar.“
„Ich werde Barthol benachrichtigen, Frau Doktor. Ich denke, Sie gehen gleich heute bis zur Schutzhütte, und morgen wagen Sie, wenn das Wetter sich hält, den Aufstieg. Ein Führer genügt, da Herr Ewers ein geübter Steiger ist. Ich muß mich jetzt auf den Weg machen, beklagen Sie mich, ich würde viel lieber mich Ihnen anschließen.“
Marianne dankte ihm für sein Zartgefühl, sie ahnte, dass er sie mit dem Freunde Jürgens allein lassen wollte. Nichts hätte ihr lieber sein können. Schweigend schritten sie nebeneinander her, Barthol folgte in einiger Entfernung mit dem Gepäck. Die beiden brauchten seine Hilfe bis zur Schutzhütte nicht.

Nun sollte Marianne zum ersten Male wieder die Stätte betreten, wo ihr Leid begann. Hans Ewers erriet ihre Gedanken, und wenn der Weg ein Nebeneinander gestattete und weniger beschwerlich wurde, ging er an ihrer Seite. Er sprach von alten Zeiten, als er jung war und dasselbe Studium ihn und Jürgen zu Freunden verband. Er berichtete von kleinen Geschehnissen, die den Freund in seiner lauteren Gesinnung und ermüdlichen Pflichttreue zeigten. So schmolz bei Marianne alle Bitterkeit dahin in dem Gefühl, einem guten, treuen Menschen sich nahe zu wissen, der sie verstand, und alles, was krank an ihr war, heilte.
Sie hatte ein Recht, zu leben, zu schaffen und sich der Schönheit dieser Erde zu freuen. Hans Ewers sagte es ihr mit jedem Blick, mit jedem Wort. Aber je höher sie stiegen, je einsamer und starrer die Gebirgswelt wurde, bis sie zuletzt zwischen Eis und Schnee ihren Weg suchen mußten, um so unruhiger, sehnsuchtsvoller schlug ihr Herz.
Nun lag die Schutzhütte vor ihr und alle Vorsätze vergessend, stand Marianne da, das Gesicht des Freundes mit zitterndem Bangen suchend. Die großen, dunklen Augen füllten sich mit Tränen, und ihre Hand umklammerte seinen Arm.
„Ich fürchte mich! Was sind alle Worte gegen das, was hier drinnen klagt.“
Der Führer war in die Hütte getreten, sie standen ganz allein in der Welt des eisigen Schweigens. Da legte Hans Ewers den Arm um die bebende Gestalt und führte sie langsam der Hütte zu.
„Marianne, weinen Sie nicht. So wie gestern die kalten, grauen Berge im glühenden Licht standen, so soll Ihrem einsamen Leben die Liebe wiedergegeben werden, dass es wieder erwarme. Ahnen Sie nicht, was Ihrer wartet? Haben Sie mit Ihrer feinfühligen Seele nicht erraten, was meine Worte Ihnen sagen wollten? Würde ich so grausam sein können, Sie hierher zu führen, an den Ort des Grauens, wenn nicht schon das Glück da wäre, Sie zu empfangen? Sie sehen mich an mit den Kinderaugen, die Jürgen so liebte, und sind voller Erwartung eines großen, seligen Wunders, das sich an Ihnen vollziehen soll. Fühlen Sie nicht, dass es naht? Mitten durch Schnee und Eis kommt es zu Ihnen gegangen, und unter seinen Schritten blühen Rosen auf – Rosen der Liebe. Die Schatten weichen, die Schuld versinkt, es ist nur Licht da und Sonne, die den Verirrten den Weg erleuchtet, dass Sie sich wieder zueinander finden. Wenn nun Jürgen doch den Weg durch Nacht und Nebel gefunden hätte und wohlbehalten in dem Hafen der Freundschaft gelandet wäre? Wenn er Briefe um Briefe an seine Marianne geschrieben hätte, wenn auch durch meine Hand? Wenn – Marianne! – Raffen Sie alle Kraft zusammen – – “

Ein andrer Arm war es, der sich um die Sinkende schloß, der Mund eines anderen flüsterte ihr Worte zu, so innig und süß, so zaghaft und doch voll belebender, überzeugender Kraft, dass ein seliger Schauer durch die erstarrten Glieder rann. Und dann lag Mund an Mund, bis sie sich eins wußten – wiedergefunden zum Leben.
„Mein Jürgen, du lebst – du lebst!“
Da war das erste Wort, das Marianne zu stammeln wußte. Und in dem seligen Gefühl, dass das durch ihrer beider Schuld erstorbene Glück wieder aufleben würde zu herrlicher, nie dagewesener Blüte, schritten sie dem Freunde Hand in Hand entgegen.

 

– ENDE –

 

(Achtung: In der Buchversion hat die Autorin ein anderes Ende vorgesehen – dieses erscheint am Freitag, den 15. Juni 18!)

Zur Rolle von Marianne als bürgerliche Ehefrau, die zerrissen ist zwischen Pflicht und Ambition, gibt es diesen Blog-Artikel.