„Laß mich allein“ von Julia Jobst

Erstes Kapitel

Doktor Jürgen Hoffmann kam aus dem Johanniskloster, dem an der Schlei gelegenen Damenstift. Er hatte wieder einmal gespürt, wie es tut, wenn der Tod zu Füßen des Krankenbettes steht, auf dem ein geliebtes, teures Menschenleben ausgestreckt liegt, und der, zu dem sich die bittenden Hände flehend erheben, nicht helfen kann, sondern ohnmächtig zusehen muss, wie der Körper, von Schmerzen gemartert, seiner Auflösung entgegengeht.
In diesem Gefühl gänzlicher Hilflosigkeit sehnte der Arzt sich doppelt danach, andre Eindrücke zu gewinnen. Eine schwere Tagesarbeit lag hinter ihm, und er hatte sich schon auf ein gemütliches Kaffeestündchen am warmen Kachelofen gefreut, aber es drängte ihn zur „Freiheit“ hinaus, der weiten Wiesenfläche, die am äußersten Zipfel des Stadtgebietes liegt und sich weit in die Schlei erstreckt.
Am Himmel jagende Wolken; über Wasser und Land ächzender, heulender Wind. Noch ist er Alleinherrscher, und sein Wüten hält die Regenmassen droben zurück, damit zu dem glitzernden Nass, das den Fuß straucheln macht, sich nicht noch stürzende Bäche gesellen.
Bis dicht an die tobenden Wasser trug Hoffmann sein Fuß, an dem einsamen Wirtshaus vorbei, das er an sommerlichen Abenden so gern aufsuchte. Ein Boot lief gerade ein, und sein scharfes Auge ließ ihn den Führer erkennen.
„Süver Krübbe! Wahrhaftig, er ist’s! Der Mensch ist wohl rein von aller Vernunft verlassen!“
Hoffmann machte einige Schritte zur Seite, dorthin, wo die Netze der Fischer vom Holm an unzählbaren Stangen befestigt sind, da legte das Fahrzeug an. Der Alte im Boot führte das Steuer, der Junge holte das braune, klatschende, um sich schlagende Segel ein – jetzt lag es fest. Schwerfällig erhob sich der Mann von seinem Sitz, Hoffmann wusste wohl warum. Süver Krübbe hatte einen Stelzfuß, den hatte er schon, als er einst ihn, den Knaben, vor zehn Jahren das Segeln lehrte. Er war der Lehrmeister der gesamten Jugend, sie sich lieber auf der Schlei herumtrieb, als über den Büchern zu sitzen. Der alte Fischer unterstützte noch die Bande, denn er hielt nicht viel von den Wissenschaften, desto mehr von praktischen Fähigkeiten. Daher war Jürgen Hoffmann sein besonderer Liebling gewesen, und er hatte es geradezu als ein Wunder angesehen, dass dessen Schifflein nicht an den Klippen der bösen Examina gestrandet war, sondern dass dieser jetzt als ärztlicher Berater des Siebzigjährigen gerufen wurde, wenn das Reißen ihn mal zu schlimm packte, oder es auf der Brust saß wie ein Alp. Und wahrlich, bei dem steifen Nordwest, den die Nordsee von der Westküste als salzigen Gruß hinüber sandte, hätte der Teufelskerl doch wahrlich drinnen bleiben müssen.
Nun war der Stelzfuß glücklich gelandet und schritt kräftig gegen den Wind an, der an seinem glänzenden Ölzeug zerrte und ihm die starre Kappe vom Kopf reißen wollte. Hoffmann schüttelte ihm kräftig die Hand und sagte scheltend: „Nun sagen Sie mal, Mensch, wollen Sie noch vor Ort in die Hölle fahren?“
„Nee, Doktor, der Düwel will mi noch nich!“
Fröhliche Lichter blitzten in den lichtblauen Seemannsaugen, und in den Mundwinkeln zuckte es wie von ausbrechendem Lachen. In dem verwitterten Gesicht waren der Runen so viele vom Leben geschrieben worden, dass es für mehrere Menschen ausgereicht hätte.
„Wie war die Fahrt? Wohl ein wenig nässlich?“ erkundigte sich Hoffmann. Der Alte musste guter Laune sein, dann sprach er stets Plattdeutsch.
„Kolt und natt, Doktor. Mutter schall mi ’n stiewen Grog maken. Kamen Sie en beten mit, de Ollsch wird sich narrschen freun.“
„Ich muss heim, Süver Krübbe, sonst brummt mien Ollsch,“ scherzte der Arzt.
Wieder blitzte es in den klaren Augen des Fischers auf, er gedachte der jungen Frau Hoffmann und verglich sie mit seiner Alten. Schweigend gingen die beiden Männer nebeneinander her, der Wind wurde immer stärker und blies ihnen gerade entgegen; der Junge kam langsam hinter ihnen her, er war schwer beladen. Nun waren sie zwischen den Häusern der Süderholmstraße geborgen und schritten rascher aus, denn einzelne Tropfen begannen zu fallen. Die Straße weitet sich zu einem kleinen, runden Platz, um den die niedrigen Fischerhäuser des Holms einen engen Kreis schließen. Das Haus von Süver Krübbe war erreicht. Dessen kleine Fenster blickten auf das Memento mori, welches das kleine Rund birgt. Dort liegt ein alter Kirchhof eigner Art, der seinen Platz im Zuge der Norder- und Süderholmstraße hat und gleichsam den Mittelpunkt der Holmer Bürgerschaft , die mit ihren Gerechtsamen und altväterlichen Gebräuchen und Gesetzen im Stadtgebiet Schleswigs einen Staat für sich bildet. Einen Fischerstaat, denn der Sohn wird stets, was der Vater war, ihm gehört das Recht der Fischerei auf der Schlei, und kein Fremder, sei es auch der Tochtermann, wird zugelassen. Einige Handwerker gibt es unter ihnen, aber diese sind Ausnahmen. Inmitten des Friedhofs, der von einem Gitter rings umschlossen ist, erhebt sich die kleine Grabkapelle, und um sie her drängt Grab an Grab. Auch im Tode noch halten die Holmer fest zusammen und lassen nicht von der engsten Gemeinschaft mit den Ihrigen.
Doktor Hoffmann war hier ein bekannter Mann, das sah man an dem vertraulichen Gruße, den die Begegnenden mit ihm tauschten. Er war der vielbegehrte Arzt in dieser kleinen Welt, mit deren Bewohnern er von jung an befreundet war, und da ist kaum ein Haus, durch dessen niedrige Tür er nicht einmal geschritten wäre. So klopfte es auch mit starker Hand an die Fensterscheiben, als sich Hoffmann von seinem Gefährten verabschieden wollte.
„Ihre Frau ruft mich, sie ist doch nicht krank?“
„Nee, Doktor, die is gaud to Weg. Maren Jebsen is woll slimmer. Dat Fever schüttelt ehr weder durch de Knaken; t’is ’n Jammer, antauseihn.“
„Dann will ich mal gleich hinauf. Aber warum hat sie dann nicht nach mir geschickt?“
„Maren Jebsen is arm un well nix schuldig bliewen.“
„Na, dann werde ich ihr mal auseinandersetzen, dass ich nur meine Schuldigkeit tue, wenn ich sie besuche als Arzt und Freund. So etwas lässt man sich nicht bezahlen.“
Süver Krübbe nickte nur mit dem Kopf; vieles Sprechen liebte er nicht und seine Frau nahm es ihm ohnehin ab, Bericht über die Kranke zu erstatten. Hoffmann nickte ihr freundlich zu, als sie zu Ende war, und stieg die schmale Treppe zu der Mansarde empor, die das Reich von Maren Jebsen bildete.
Er kannte den Weg, den er schon so oft gemacht hatte, und zwar immer mit dem bitteren Gefühl, nicht helfen, ja nicht einmal hinhalten zu können. Das Leiden hatte rasende Fortschritte gemacht seit dem letzten Herbst, als die schöne, schlanke Maren, etwa dreißig Jahre alt, in ihrer engsten Heimat, dem Holm, den Ort suchte, um zu genesen – aber Doktor Jürgen Hoffmann sagte sich damals schon nach der ersten Untersuchung: um zu sterben.
Ob die Kranke sich dessen mit der Zeit bewusst geworden war? Der Arzt fragte es sich, als er nach raschem Klopfen das Zimmer betrat. Die Kranke saß im Lehnstuhl dicht am Ofen und hatte ihr Tuch eng um die Schultern gezogen. Ihr schönes, blondes Haar war ihr wohl zu schwer geworden, es hing aufgelöst in seiner ganzen Pracht herunter. Erschrocken griffen die schmalen, blutleeren Hände danach, es in einem Knoten zu bergen. Umsonst – es entglitt den kraftlosen Fingern, und ein verlegenes Lächeln bat Hoffmann um Entschuldigung.
„Lassen Sie hängen, was sich nicht halten lässt, Fräulein Jebsen!“ scherzte der Arzt. „Es ist ja eine Augenweide, dieses Gold zu sehen, das ganze Stübchen wird hell davon an diesem lichtlosen Tag.“
„Er mochte es auch so gern“, entfuhr es leise dem unvorsichtigen Munde.
Hoffmann wusste nur zu gut, wer dieser „Er“ war. Dieser Freund aus der früheren Welt Marens, in der nur Glück und Liebe zu Hause war, lebte, wenn auch unsichtbar, in diesem Raum. Da war kein Gedanke, an dem er nicht beteiligt gewesen wäre, kein Empfinden, das nicht sein Echo bei ihm gefunden hätte. Doch seinen Namen wusste der Arzt nicht, er fühlte nur, dass er den Schatten dieses armen Geschöpfes war, ihre Welt, ihr anderes Ich. Und doch ließ er sie einsam.
Wer wusste, ob sie den Liebsten überhaupt gerufen hatte? Würde die Kranke Hoffmann auch als ihren Seelenarzt anerkennen und ihn zu ihrem Vertrauten machen? Bis jetzt hatte sie alles Forschen abgewiesen, nur durch zufällig hingeworfene Worte, wie die soeben gefallenen, hatte er etwas Einblick gewonnen. Auch Süver Krübbe und seine Frau schwiegen sich darüber aus. Sie hatten Maren, das Kind des Holms, die verwaiste Tochter, aus ihrer Freundschaft aufgenommen gegen geringes Entgelt und keine Frage nach dem, was sie weit draußen in der Millionenstadt Berlin erlebt hatte, war über ihre Lippen gekommen. Neugierde war diesen stillen, wortkargen Menschen fremd.
„Sie müssen sich mehr Ruhe gönnen“, sagte Hoffmann jetzt, als er seine Untersuchung beendet hatte und ernst in die glänzenden Augen Marens blickte.
„Ich konnte es bisher nicht, Herr Doktor,“ sagte das Mädchen und legte einen Augenblick die Hände an die glühenden Wangen, die den Schmuck der Kirchhofrosen trugen. „Aber nun ist meine Arbeit beendet. Da liegt sie – und ich hätte eine große Bitte.“ Zögernd hielt sie inne.
„Nun, was ist’s, Fräulein Jebsen? Ich freue mich, wenn Sie mal einen Wunsch äußern. Soll meine Frau Sie vielleicht einmal besuchen?“
„Ach nein – nein,“ wehrte die Kranke angstvoll. „Sie sind so gut – aber keine fremden Gesichter.“
„Was soll es denn sein?“
„Wollen Sie das Manuskript, das dort auf dem Tisch liegt, in das Papier packen. Ich legte alles zurecht, aber ich wurde plötzlich so schwach. Und es ist sehr eilig.“
„Haben sie wieder einen ganzen Roman abgeschrieben, und wahrscheinlich in unglaublich kurzer Zeit? Ich kenne die Rücksichtslosigkeit der Herren Verfasser, die kein Mitleid mit der gehetzten Kopistin haben. Am liebsten würde ich die ganze Schreibmaschine für eine Weile konfiszieren. Wenn es nur wenigstens ordentlich bezahlt würde.“
„Nein, zu dieser Arbeit habe ich sehr lange Zeit gebraucht. Ich mache es so nebenher. Abe darum ist es umso eiliger. Vielleicht – es knüpfen sich so frohe, stolze Hoffnungen daran – vielleicht kommt das Glück doch noch mal zu mir. Wenn ich ihn nur einmal wiedersehen dürfte.“
„Diesen hier?“ Der Arzt, der schon damit beschäftigt war, die sauber ausgeführte Kopie einzupacken, hielt ihr die Adresse hin.
Maren nickte nur, und ihre Augen leuchteten noch intensiver. Der Arzt blickte sie schweigend an, dann sagte er freundlich: „Wenn er Sie nur so sehen könnte, Fräulein Jebsen. Dieser Doktor Raven käme zu Ihnen und ginge nie wieder fort.“
Das Mädchen reichte ihm die Hände entgegen und sagte nur: „Geben Sie es mir noch einmal her, ehe es hinaus wandert. Ich habe doch die Adresse richtig geschrieben? Ach, wenn Sie wüssten, was ich mir ersehne. Aber man darf nichts bereden, so habe ich es gelernt von den Schriftstellern, für die ich all die Jahre gearbeitet habe, sonst fliegt das Glück vorbei.“
Hoffmann reichte ihr das verschnürte Paket und tat so, als sähe er es nicht, dass sie einen heimlichen Kuss darauf drückte. Er sollte wohl Botschaft tragen von ihr zu ihm. Zu dem Treulosen, der sie verlassen hatte, die ihm nicht mehr die fröhliche Geliebte sein konnte. Wie lange mochte sie ihm die Krankheit verheimlicht haben, das Leiden durch ihre Unvorsichtigkeit nur verschlimmernd?
„So, nun will ich es auch selber auf die Post tragen, damit es sicher besorgt wird.“
„Ach, Herr Doktor, es ist zu viel – “
„Ich brauche deshalb keinen Umweg zu machen, Fräulein Jebsen. Aber nun noch ein ernstes Wort. Meine Verhaltungsmaßregeln werden gewissenhaft erfüllt, ich werde sie Frau Krübbe der Sicherheit halber noch einmal wiederholen. Und kein offenes Fenster bei diesem Sturm, und den Ofen tüchtig geheizt! Im Mai geht es dann beim ersten schönen Sonnenschein hinaus.“
„Ach, nur einmal möchte ich wieder am Wasser sitzen. Heute muss die Schlei herrlich anzusehen sein. Waren Sie wieder draußen?“
„Natürlich, Maren!“ Hoffmann nannte sie plötzlich vertraut beim Vornamen, das ihm bewiesene Vertrauen hatte sie einander soviel näher gebracht. „Sie wissen ja, wie ich allemal zur ‚Freiheit’ hinauslaufe, wenn ich in die Nähe komme.“
„So habe ich es früher auch gemacht. Könnte es nur wieder werden wie dazumal! So flink wie ich auf den Beinen war, keiner holte mich ein. Und das Schwimmen, Doktor, und das Segeln! Süver Krübbe hat es mich gelehrt, als Vater noch nicht nach Berlin gezogen war, und ich noch ein Holmer Kind sein durfte.“
„Und mich auch, Maren,“ fiel Hoffmann fröhlich ein. „Darum verstanden wir uns wohl auch von Anfang an so gut. Wenn es erst warm ist und weicher Südwind weht, dann probieren wie es auch mal zusammen zu Wasser. Ich bin neugierig, zu erfahren, ob Sie das Segel ebenso gut zu meistern verstehen, wie Ihre Maschine.“
„Dazu langt’s nicht mehr.“
„Warum nicht? Ein Sommer hier in unsrer Luft tut Wunder, der macht alles gesund. Wenn wir erst draußen liegen können den ganzen Tag, die Sonne wird sie schon gesund baden. Ja, wenn Sie sechzig Jahre wären, aber so mir Ihren dreißig. Na Sie werden es an sich erleben. Nur immer folgsam sein. Und nun will ich das Paket besorgen, da es Eile hat.“
Als Hoffmann die niedrige Haustür durchschritt, blickte er ernst auf die kleine Grabstätte, die wohl nur zu bald wieder eins der Kinder des Holms aufnehmen würde zur ewigen Ruhe. Also Raven hieß der Mann, den sie im Herzen trug, und der ihr jetzt wohl aus Barmherzigkeit Arbeit gab – Brot anstatt Liebe. Der Lauf der Welt, und dem Schriftsteller, der sich vielleicht selber mühselig durchs Leben schlug, war es nicht zu verdenken. Die Zeit, in der Maren in seinem Dasein eine Rolle spielte, war für ihn eine Episode, deren er sich gern erinnerte; für sie war es das Leben und begleitete sie bis zum letzten Stündlein.
Diese Maren besaß einen eignen Reiz für ihn als Mensch, nicht als Arzt, denn ihr Leiden gab keinerlei Rätsel auf. Woher hatte das Mädchen die umfassende Bildung? War sie ihr geworden durch den regen Verkehr mit Schriftstellern? Hatte die Großstadt das schlichte Holmer Kind so gewandelt? – Vielleicht würde sie es ihm noch einmal selber erzählen.
Ein heftiger Windstoß weckte ihn aus seinen Gedanken. Hoffmann umschritt den Dom, der mit seinem hohen gotischen Turm wie eine spitze Nadel zum Himmel emporragte, den jagenden Lüften ein willkommenes Hindernis. Wie das brauste und in allen Registern sang, als ob der Sturm selber Küsterdienste tun und die Orgel spielen wollte. In den Straßen wurde es schon dämmerig, aber droben war es noch Tag. Ein verspäteter Sonnenstrahl brach durch die dahin sausenden Wolken und ließ das rote Ziegelgemäuer in glühendem Rot aufleuchten, das sich doppelt farbenfreudig in dem düsteren Grau der drohenden Regenwolken ausnahm.
Wie Hoffmann ihn liebte, den alten St. Petridom. Er konnte es sich nicht versagen, noch rasch durch das Hauptportal zu treten, um den herrlichen Altar mit seiner berühmten Holzschnitzerei in dieser Beleuchtung zu sehen. So selten war es, dass ihm sein Beruf die Zeit dazu ließ. Die Kirche schien ganz leer, trotzdem Mittwochnachmittag die Besichtigung frei war. Im April gibt es noch keinen Fremdenverkehr in den nordischen Provinzen. Wie schön das Licht durch die bunten Fenster fiel, alles vergoldend; doch schon legten sich die düsteren Wolkenmassen neidisch vor das warme Himmelslicht, denn ihnen gehörte der Tag.
„Wie schade!“ erklang es ganz in Hoffmanns Nähe, und er sah eine schlanke Frauengestalt von dem verdüsterten Altarbild zurücktreten. Der Übergang von dem leuchtenden Glanz zu dem tiefen Schatten blendete das Auge so, dass der Arzt nichts Genaues erkennen konnte. Der helle Ausruf hatte aber seine Neugierde gereizt, und er schritt auf die Dame zu, die sich zum Gehen umwandte.
„Marianne, du?“
Ein grenzenloses Erstaunen überkam ihn, denn er stand seiner eigenen Frau gegenüber!
„Ja, ich. Warum wundert dich das so sehr?“ fragte sie belustigt. „Es ist nur erfreulich, dass uns dasselbe Interesse herführte. Du wolltest wohl auch die Wirkung dieses grellen Lichtstrahls in der düsteren Domkirche beobachten?“
‚“Allerdings,“ antwortete Hoffmann. „Ich wusste nicht, dass du dergleichen Einfälle hast.“
„Was weißt du denn von mir!“ erwiderte sie völlig gelassen. „Von jedem deiner Patienten weißt du mehr als von deiner Frau.“
„Soll das eine Anklage sein?“
„Nein, nur die Bestätigung eines Faktums. Hast du noch Besuche zu machen?“
„Ich wollte heim und hoffte auf ein behagliches Kaffeestündchen, aber da du nicht zu Hause bist – „
„So wird dich deine Frau nach Hause begleiten, um dir den sorglich warm gestellten Trank zu kredenzen, und Schleswig wird das sonderbare Schauspiel erleben, dass Herr und Frau Doktor Hoffmann miteinander spazieren gehen.“
Hoffmann musste lachen, als sich Marianne an seinen Arm hing und schelmisch lächelnd zu ihm aufsah. So wanderten sie einträchtig durch die Straßen, das heißt nebeneinander, denn die junge Frau hatte den Arm ihres Mannes wieder fahren lassen. An der Post blieb er stehen. „Ich muss das Paket noch aufgeben für eine Patientin, die mich darum bat.“
„Wie galant du sein kannst. Wohl eine vornehme Dame?“
„Keineswegs, sondern eine bescheidene Stenotypistin.“
„Was ist das?“
„Jemand, der nach Diktat stenographiert und das Stenogramm auf der Schreibmaschine kopiert. Maren Jebsen hat bei Schriftstellern gearbeitet.“
„Ach, wie interessant. Und was tut sie hier?“
„Jetzt kopiert sie noch Manuskripte für die diese Herren. Ich trage eine solche Kopie zur Post.“
„Für wen? Ist es ein berühmter Schriftsteller?“
„Du bist doch ein Kindskopf, Marianne! Wie soll ich wissen, ob der Empfänger ein berühmter Mann ist!“
„Lass mich die Adresse lesen, Jürgen, auf dergleichen verstehe ich mich besser als du.“
„Das weiß Gott. Du liest ja genug.“
„Leider, ich täte lieber etwas andres.“
„So, was denn?“
„Nun, zum Beispiel jeden Tag mit dir spazieren gehen.“
„Da habe ich gottlob Besseres zu tun.“
„Ja, leider, und ich – Schlechteres.“
„Nennst Du das eine schlechte Arbeit, wenn du mir in meinem Beruf hilfst?“ fragte er ärgerlich.
„Nein, das wäre der glücklichste Tag in meiner Ehe, wenn ich dir Mitarbeiterin wäre.“
„Das bist du doch!“
„So? Wenn du die Sache ehrlich beim Namen nennen willst, so nenne mich deine Handlangerin und deine Wirtschafterin.“
„Die alte Klage“ Hoffmann lachte spöttisch auf.
„Ja, und darum wollen wir sie begraben. Doch nun lass mich die Adresse lesen, und dann eile ich voraus, um es dir gemütlich zu machen. Ich glaube, heute wirst du ganz menschlich sein. – Doktor Hartwig Raven, las sie laut, und ihre Augen öffneten sich zu ihrer ganzen Größe, sie blickten wie die von Kindern, wenn sie ein großes Geheimnis wittern oder ein Märchen.
„Der Name klingt nach was, aber gelesen habe ich noch nichts von ihm. Vielleicht trägst du aber seinen zukünftigen Ruhm auf deinen Armen zum Schalter. Wie heißt denn der Roman?““
„O ihr wissbegierigen Frauen!“ schalt Hoffmann.
„Ich weiß nicht, ob ich den Titel verraten darf, das ist Geschäftsgeheimnis. Ich werde erst einmal anfragen.“
„Na, dann nicht, du überdiskreter Mann.“
Mit kurzen, leisem Auflachen ging Frau Marianne heim, und ihr Mann blickte der vornehmen Erscheinung nicht nach, noch grübelte er über das von ihr Gesagte, denn sie war doch nicht seine Patientin, nein, sie war nur – seine Frau.
Marianne trat in ihr Zimmer ein und hatte es sehr geschäftig, den Kaffeetisch so gemütlich wie möglich herzurichten. Sie zog die Gardinen zu und steckte die Lampen an. Heute sollte es hübsch werden. Gleich musste er da sein. Eine kleine Handarbeit legte sie zur Hand, im Fall Jürgen plaudern wollte. Nun stand sie am Fenster, schob die verhüllenden Falten zurück und lugte hinaus. Es vergingen Minuten, nun war es schon eine halbe Stunde, aber kein Hoffmann kam. Zuletzt saß sie schon eine Stunde auf ihrem Platz und stickte, als ob es um Tagelohn ging.
Da war es wieder, das Warten – das untätige, unberechenbare Warten. Kam er bald, oder dauerte es bis in die Nacht hinein? Für einen Arzt gab es keine Ruhe, die die Frau desselben keine pünktliche Zeiteinteilung. Man schwebte stets in hastender Unruhe, in unvorhergesehenen Trennungen. Nicht mal der kostbare Schlaf blieb ungestört.
Die schönen, dunklen Augen der stickenden Frau sprühten plötzlich in zornigem Unmut auf. Die zierliche Arbeit flog in den Korb, der Flügel im Nebenzimmer wurde aufgeschlagen, die Lichter brannten, und die schlanken Hände wühlten in den Noten. Marianne musste spielen, etwas Großes, über dem sie ihre Einsamkeit vergaß, und den in ihr fressenden Groll. Hier, das war das Richtige. Mit Beethoven, der des Lebens schwerste Bitternisse an sich erfahren hatte, wollte sie dorthin wandern, wohin sie ihre Sehnsucht führte. Weit fort von dem Alltag ihrer Ehe.
Die Saiten erbrausten, Marianne ging unter in den Harmonien des Gewaltigen, der Flammenmantel seines Genius hüllte sie also ein, dass sie ihrer Welt entrückt war. Sie hörte nicht, dass die Haustür ging, nicht ihres Mannes Schritt auf dem Flur. Völlig geistesabwesend starrte sie nach ihm hin, als er auf der Schwelle des Nebenzimmers erschien und, sie rücksichtslos unterbrechend, mit etwas scharfer Betonung fragte: „Soll ich mir meinen Kaffee selber einschenken und ihn bei Musikbegleitung trinken?“
Die Frau, die voller Unmut aufsprang und das Instrument mit nervös bebenden Händen nur zu hastig schloss, bedachte nicht, wie abgehetzt der Mann war, der sich ein karges Stündlein Ruhe ungestüm forderte. Nein, sie war so gekränkt durch das lange Warten und die gehabte Enttäuschung, dass sich auf der hohen, weißen Stirn eine tiefe Falte grub, und den fein geschnittenen Mund ein deutlicher Zug hochmütiger Abwehr umspielte, während die bleichen Wangen in der heißen Glut ehrlicher Empörung brannten. Schweigend folgte sie Jürgen, schweigend holte sie den Kaffee aus der gepolsterten Kiste, die die Speisen stundenlang warm hielt, und füllte seine große Tasse. Dann nahm sie die Handarbeit wieder vor.
Hoffmann bemerkte kaum etwas von ihrem Tun, er trank, er aß den Kuchen, den sie ihm reichte, und starrte stumm vor sich hin. Sie unterbrach mit keinem Wort sein Sinnen, sie fragte nicht, ob er vorhin auf dem Wege von der Post nach seinem Hause zu einem Patienten geholt worden sei. Sie war in ihrer nunmehr zehnjährigen Ehe nur zu gut von ihrem Mann erzogen worden. Auch für sie durfte es nichts geben, was wichtiger war als der Beruf ihres Mannes, und sie musste geduldig ertragen, was er an Entsagung auch von ihr forderte. Von ihr fast noch mehr, als von ihm. Er arbeitete, er ging völlig auf in dem Leben mit seinen Patienten, aber sie – Marianne saß allein und tatenlos in ihrer kleinen Wirtschaft, immer in Bereitschaft, dem Heimkehrenden zu Diensten zu sein. So hatte sie auch wenig Verkehr mit ihrem Geschlecht, da sie sich selten frei machen konnte. Hätte sie Kinder gehabt – ja dann wäre alles, alles anders.
Der Eintritt des Mädchens unterbrach dieses schweigsame Zusammensein; sie meldete: „Der Fischer Süver Krübbe lässt den Herrn Doktor bitten, heute noch einmal vorzusprechen, es sei dringend.“
Der Weg war weit, und draußen prasselte gerade die erste Regenbö nieder, was Marianne zu der Bitte veranlasste: „Lass bestellen, du würdest erst morgen kommen.“
„Sagen Sie dem Boten, ich folgte ihm auf dem Fuß,“ unterrichtete Hoffmann das Mädchen. Es war, als habe er Mariannes Worte gar nicht gehört. Im Stehen trank er noch eine Tasse und nahm die Verbandtasche, die seine Frau herbeiholte. Auch ließ er sich von ihr in den wasserdichten Pelzumhang helfen, der für solche Wege einigen Schutz bot.
„Warte nicht auf mich, Marianne, stelle mir einen kleinen Imbiss zurecht wie sonst,“ sagte er freundlich beim Abschied. „Es kann vielleicht spät werden. Ich dachte es mir schon, Maren Jebsen war recht schlecht, sie konnte nicht mal mehr das Paket selber zuschnüren.“
„Ach, das ist die Stenotypistin?“ fragte die junge Frau neugierig. „Ist sie so krank?“
Hoffmann nickte nur, auf weiteres ließ er sich nicht ein, sie hätte es sich denken können. Nachdenklich suchte sie ihr Zimmer wieder auf, hieß das Mädchen abräumen, schloss nebenan das Instrument, denn die Lust zum Spielen war ihr vergangen, und setzte sich in ihre Leseecke. Die Bücher mussten ihr, wie schon so oft, über ihre Einsamkeit forthelfen. Sie blätterte in den Zeitschriften, die heute neu gekommen waren. Sie las gern und hatte ein erstaunliches Gedächtnis. Maren Jebsens Erkrankung erinnerte sie wieder an den Schriftsteller, dessen Manuskript Jürgen zur Post getragen hatte.
Doktor Hartwig Raven! Sie untersuchte die Journale nach diesem Namen, aber sie fand ihn nicht. Sie wollte bei Gelegenheit doch einmal bei ihrem Buchhändler nachfragen. War ihr der Name nur darum bedeutsam geworden, weil Jürgen seine Kopistin behandelte und seine neuste Arbeit zur Post getragen hatte, oder spielte ihr wieder ihre Phantasie einen Streich? Sie musste selbst über ihre Neugierde lächeln, dann fielen ihre Augen auf ein Gedicht von Maria Stona in der „Sonntags=Zeitung“: „Nun möcht‘ ich bei dir sein.“ Die zweite Strophe las sie zum zweiten Mal mit halblauter Stimme:

„Du sorgtest dich seit Morgenfrüh
Und hattest nichts als Plag’ und Müh’,
Und Horchst du nun in dich hinein,
Da summt es nur von Leid und Pein,
Die fremde Menschen dir zugetragen,
Weißt dir kein liebes Wort zu sagen.“

Eine heiße Blutwelle stieg von ihrem Herzen empor, sie schämte sich vor sich selber, und die Wangen glühten. Sie musste an die Worte ihrer verstorbenen Mutter denken bei ihrer Verlobung. Sie war Klavierlehrerin in Hamburg gewesen und hatte nach ihres Mannes Tode mühselig durch Stundengeben ihr Leben gefristet, das kleine Kapital ganz für die Erziehung ihrer Kinder opfernd.
„Nun ist das Glück zu dir gekommen,“ sagte sie. „Halte es fest in treu sorgenden Händen, damit es dir nicht entschlüpft. Du sollst in allem deine Pflicht tun, und sei sie auch noch so schwer, und du sollst sie gern tun. Dein Mann lebt nur für seinen Beruf, er schafft das Brot ins Haus, er gibt dir alles, was du brauchst, du kommst mit leeren Händen. Danke ihm dafür mit einer Liebe, die nichts für sich begehrt, und mache ihm sein Haus zu einer Heimstätte des Friedens. Lasse dich stets finden, wenn er dich sucht, aber dränge dich ihm nicht auf, stelle dich nicht stets in seinen Weg.“
Es war Marianne, als ob sie die liebe, sanfte Stimme der ihr so früh Entrissenen deutlich höre. Wie war sie groß geworden unter dem Kreuz, das ihr das Schicksal auferlegt hatte. Und als die beiden Kinder ihr ein schönes Alter bereiten wollten, starb sie dahin. Ebenso still stahl sie sich aus dem Leben hinaus, wie sie darin gestanden hatte.
Die junge Frau wäre nicht so einsam gewesen, wenn sie hier in der Stadt eine Mutter ihrer wartend gewusst hätte, bei der sie sich Trost und Rat hätte holen dürfen und die geistige Anregung, die ihr Jürgen versagte.
Das Mädchen kam herein und brachte die Post. Selten war etwas für Marianne darunter, sie besaß nur den einen Bruder, der sehr schreibfaul war, und dessen Frau füllte diese Lücke auch nicht aus. Andre Verwandte kannte sie nicht; Mutter hatte selten von ihren Angehörigen, die sie in der Not allein gelassen hatten, gesprochen. ‚So griff die junge Frau gleichgültig nach den eingelaufenen Sachen und war umso erfreuter als sie die Handschrift ihres Bruders erkannte. Hastig erbrach sie das Schreiben, das erstaunlich umfangreich erschien.

Liebe Marianne!
Ich habe dir nicht mitgeteilt, dass ich schon seit einem halben Jahr viel am Krankenbett eines Vetters von Vater gesessen habe, dessen Namen Du dich wohl kaum erinnern wirst. Ich wollte bei Dir keine vergebliche Hoffnung und eine Erbschaft wecken. Mutter sprach nie von dem reichen Berger, in früheren Zeiten eine stadtbekannte Persönlichkeit und berühmter Reeder in Hamburg, der im Alter ein Sonderling wurde. Er hat unserer armen Mutter in ihrer Not nicht geholfen, weil er beim Zusammenbruch von Vaters Geschäft auch Geld verloren hat. Es sollen damals von seiner Seite recht hässliche Worte gefallen sein, die unsern Vater bitter in seiner Ehre gekränkt haben. Das hat Mutter nie vergessen können, und so hat sie sich auch wegen Unterstützung nie an ihn gewandt, noch uns über die Verwandtschaft aufgeklärt. Durch einen Zufall hörte der Onkel durch Doktor Thomsen von unsrer Mutter, und wie tapfer sie sich durchgerungen hat. Er hörte auch von mir und ließ mich um einen Besuch bitten.
Da ich von allem Vorgefallenen keine Ahnung hatte, folgte ich ganz unbefangen seiner Aufforderung, die Doktor Thomsen, unser gemeinschaftlicher Arzt, mir überbrachte. Du kannst Dir kaum vorstellen, welch trostloser Anblick mir wurde. Der arme Onkel lag an chronischer Wassersucht danieder, oder vielmehr, er verbrachte seien Tage und Nächte, nach Luft ringend, auf einem Sessel. Ein Jammer war es, ihn anzusehen. Der Mann, der stolz und hochmütig seien Wege gegangen war, hart gegen sich selbst, aber auch hart gegen seien Untergebenen, dessen Frau neben ihm gedarbt hat an Liebe, an einem guten Wort, der nie ein Kind besessen hat, war nun schon seit einem Jahr völlig abhängig von seinen Leuten, unmündig wie ein Kind. Jeder Atemzug war eine Qual, jeder Tag, den er noch leben musste, die Hölle auf Erden. Als er mich sah, begann er zu weinen. Er klammerste sich an mich, als sei ich sein Kind. Er bat mir alles ab, von dem ich nichts wusste, und flehte nur, dass ich ihn hin und wieder besuchen möchte.
Was ich an ihm tat, Marianne, das tat ich aus christlichem Erbarmen, und wenn sich heimlich eine leise Stimme regte, die mir zuraunte, dass Du und ich seine Erben seien, so wies ich sie kräftig zur Ruhe. Außerdem erfuhr ich nur zu bald aus seinem Munde, dass er sein Vermögen wohltätigen Stiftungen zugewendet hätte, und ich sah, wie er mich dabei heimlich beobachtete. Keine Miene verriet ihm meine Gefühle, und mein Benehmen blieb unverändert, ja, ich war vielleicht noch mehr um ihn bemüht, da ich eigentlich ein böses Gewissen hatte.
Kurz vor seinem Tode geschah es, dass er wieder von seinen Privatangelegenheiten sprach. Doktor Thomsen hatte ihm eine starke Morphiumeinspritzung machen müssen, um es ihm zu ermöglichen, alles zu ordnen. Er sagte mir, dass ich sein Nachfolger im Geschäft werden sollte, und dass es ihm ein lieber Gedanke sei, die alte Firma unter demselben Namen fortgeführt zu sehen. Auch an Dich habe er gedacht. Meine grenzenlose Überraschung und die große Freude, dich mich fast überwältigte, machten ihm eine frohe Stunde, und er wiederholte immer wieder: „Nun habe ich wieder gutmachen dürfen, was ich an Deinen Eltern gesündigt habe.“
Das war das letzte, was ich von ihm hörte. Als ich den andern Tag wiederkam, um ihn von den inzwischen erfüllten gesetzlichen Formalitäten zu unterrichten, die mich noch bei seinen Lebzeiten in das Geschäft als seinen Kompagnon einführten, fand ich ihn nicht mehr bei Besinnung. Zwei Tage darauf starb er und ist seiner Bestimmung gemäß ganz in der Stille begraben worden. Der Geistliche durfte nur ein kurzes Gebet an seiner Gruft sprechen.
Das ist auch der Grund, warum ich Dich nicht herzukommen bat. Ich musste ihm oft von Dir und Deinem Mann erzählen, aber sehen wollte er Dich nicht in seinem Elend. „Warum soll sie solch einen Anblick haben,“ wehrte er ab. „Sie ist, nach Deinen Worten zu urteilen, eine Person von gutem Geschmack, so wollen wir diesen nicht beleidigen.“
Mit aufrichtiger Trauer habe ich ihn zur letzten Ruhe geleitet, die ihm wie keinem andern Sterblichen zu gönnen ist. Dann aber kam es doch über mich wie ein heimlicher Rausch, und er hat sich noch bis heute nicht verloren. Ich, ein einfacher Spediteur, bin gleichsam über Nacht der Herr der großen Reederei geworden, mein Kompagnon ist der würdige, alte Prokurist, der mich mit größter Liebenswürdigkeit in meinen neuen Beruf einführt. Das Haus, mit allem was darin ist, gehört auch zu meinem Erbe, und eine Summe von dreihunderttausend Mark. Meine geliebte Frau weinte und lachte in einem Atem, und die beiden Buben staunten die Pracht an, in der sie von nun an hausen sollen. Auch mir benahm es fast den Atem, der Wandel ist zu rasch gekommen. Über dem allen vergesse ich aber ganz, dass auch Du von dem Onkel bedacht worden bist. Er hat Dir die Summe von zweihunderttausend Mark vermacht. Verzeihe, dass ich so bevorzugt worden bin. Ich bitte Dich, zu uns zu kommen und Dir hier in unserm Hause auszusuchen, was Dir gefällt. Auch Johanna kann es nicht erwarten, Dich hier zu sehen und Dir jeden Wunsch zu erfüllen. Komme bald und bringe Hoffmann mit, wenn er sich mal einige Tage losmachen kann. Was wird er für Augen machen, wenn seine arme Frau ihm plötzlich eine solche Mitgift zubringt. Ich möchte gern dabei sein, wenn Du es ihm mitteilst. Nun kann er seiner allgemeinen Menschenliebe genug tun und den Armen gleich neben dem Rezept die nötige Kraftbrühe zukommen lassen.
Wenn Mutter das noch erlebt hätte! Das ist der einzige Schmerz in diesen Tagen, dass ich ihr nicht mehr ein sorgenfreies, schönes Alter bereiten kann. Doch für mein liebes, abgehetztes Weib kommt es noch früh genug, nun kann sich ihr geschwächter Körper erholen, und sie wird in früherer Schönheit erblühen. Glück und Reichtum werden uns nicht hochmütig machen, und Dich auch nicht, Schwesterherz.
In diesem Sinne grüße ich Dich und bin
Dein treuer glücklicher Bruder
Ernst Berger.

Marianne warf den Brief auf den kleinen Tisch und sprang auf. Ihre Augen blitzten, die Wangen brannten, ihre Lippen öffneten sich, als wolle sich der Brust ein Jauchzen entringen. Warum war sie allein, warum war in diesem Augenblick des Glückes Jürgen nicht bei ihr. Sie schritt durch die kleinen Zimmer, deren geringe Höhe plötzlich belastend auf sie rückte. Sie sah den unschönen Hausrat, den ihr Mann von seinen Eltern übernommen hatte, sowie das ganze Haus. Seine Geschwister hatten es ihm geneidet, aber der Vater hatte es testamentarisch bestimmt, dass Jürgen als sein Nachfolger in Beruf und Praxis der Erbe sein sollte, während die Geschwister das geringe Barvermögen untereinander teilten.
Das winzige, kleine, alte Haus! Marianne konnte in ihrer augenblicklichen Stimmung sich gar nicht genug tun in der Bestätigung dieser Tatsache. Selbst der Goldglanz ihres ersten Glückes hatte ihr das neue Heim nicht verklären können; da es aber ihres Mannes Eigentum war, ließ sich nichts daran ändern.
Aber jetzt! – Sie sah sich schon im Besitz einer der Villen in der Flensburger Straße. Sie stand am Flügel, der ihr doch in den langen Jahren ein lieber Vertrauter geworden war. Mutter hatte ihn als Gelegenheitskauf billig erstanden. Marianne öffnete ihn und schlug ein paar Akkorde an. Wie die Saiten klirrten, der Ton war klanglos. Sie schloss ihn wieder, schlang die schönen Hände ineinander und nickte der Büste Beethovens zu. Auf einem Blüthner würde es sich anders spielen lassen.
Wenn doch Jürgen endlich käme! Sie konnte nicht zu Bett gehen, bevor sie ihn gesprochen hatte. Sie stieß das Fenster auf und blickte den Lollfuß entlang, von ihrem Häuschen konnte sie weithin sehen, bis in den Stadtweg hinein. Sie kannte ihres Mannes Vorliebe, durch die nächtlich stillen Straßen zu Fuß zu gehen, anstatt die Pferdebahn zu benutzen. Ob er, vom Holm kommend, wohl durch die Plessenstraße kam?
Eine prickelnde Unruhe ließ sie den Entschluss fassen, ihm entgegenzugehen. Ein prüfender Blick suchte den Himmel, einzelne Sterne waren zu sehen, doch der Sturm hatte noch nicht nachgelassen. Die junge Frau hüllte sich in ihren Lodenumhang, zog die Kapuze über den Kopf, löschte alles Licht und verließ das Haus.
Alles tun, aber nur nicht tatenlos zu Hause sitzen und warten!

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