Hier findet Ihr einige Worte zum Autor (und ein Bild, wie er aussah) und zu den beiden Geschichten – er hat nämlich auch die Weihnachtsgeschichte „Der Spatz und sein Schatz“ geschrieben, die wir in der Adventszeit als 4-teilige Geschichte gepostet haben.

Arno Rüttelberger hatte den Kragen seines Hohenzollernmantels hochgeschlagen, denn es war kalt, bitter kalt an diesem letzten Tage im Jahre, und unter dem mächtigen Mantel trug er nur einen mäßig warmen „Übergangs-Anzug“, wie die noblen Herrenschneider sagen, die am liebsten jedem Monat einen besonderen Stoff zuerteilen würden.

Er war ein rechter Pechvogel, der Arno Rüttelberger, obwohl er unter seinem stolzen, alten Mantel ein paar Flaschen Bowlensekt trug und aus jeder seiner Taschen der Hals einer Moselweinflasche hervor sah, des gelbgesiegelten Bordeaux gar nicht zu gedenken, den er mit vieler Mühe in die Brusttasche seines „Übergangs“-Jacketts praktiziert hatte. Denn wenn auch der Sekt nicht unter 1,50 Mk. zu haben gewesen war und die vier Flaschen Mosel zusammen das stattliche Kapital von 2,60 Mk. repräsentierten, während der echte Bordeaux mit 95 Pfg. auf der Rechnung prangte, so durfte man bei diesen verschwenderischen Einholungen doch nicht außer Acht lassen, dass sie von ihm nicht gegen das von allen Kaufleuten so geliebte „Bar“ erstanden worden waren, sondern dass sie das Resthonorar für ein kühn „al fresco“ gemaltes Kellerbild darstellten. In einer Anwandlung von Galgenhumor hatte er sich dazu verdungen, damals, als er seinen Freunden ein Geburtstagsgelage hatte geben wollen, ohne die nötigen Mittel dazu in der Tasche zu haben.

Nun endlich, kurz vor Sylvester, hatte er die Zecherszene zu Ende geführt, um an diesem nicht minder fröhlichen Tage ebenso wenig trocken zu sitzen. Denn trotz allen Pechs: Gute Laune hatte Arno Rüttelberger immer. Selbst damals, als der nichtsnutzige Baumeister, dessen Speisesaal er halb ausgemalt hatte, unter Hinterlassung einer fabelhaften Schuldenmenge flüchtig geworden war, und Arno statt des braunen Tausendmarkscheines eine Erklärung des Konkursverwalters erhielt, laut der ihm auf seinen Anspruch hin 4,65 Mk. zuerkannt worden seien, selbst damals hatte er den Humor nicht verloren und die 4,65 Mk. lächelnd in die Tasche gesteckt.

Er war ja noch jung! Das Glück konnte ihn alle Tage finden! Eines Tages würde es schon anklopfen an seine Bude!

Freilich, wenn es an jene klopfen wollte, die er augenblicklich noch bewohnte, dann musste es sich etwas beeilen, denn morgen schon war er genötigt, sich ein anderes Königreich zu suchen. Seit drei Monaten hatte er dem Hauspascha keine Miete mehr bezahlt, und den Kuss, den er seinem Töchterchen am Weihnachtsabend auf der Treppe gegeben, schien der Barbar nicht einmal als Abschlagszahlung gelten zu lassen. Denn auf diesen heimlichen Kuss hin, der leider von einer Klatschbase im Hause bemerkt worden war, hatte er eigentlich erst die Kündigung empfangen. Fräulein Eva Warnecke war darüber sehr unglücklich, denn wenn sie auch Herrn Arno Rüttelberger als Zeichen ihrer Verehrung zum Weihnachtsfeste eine schöne grüne Geldbörse gehäkelt hatte, so wusste sie doch nur zu gut, dass der „liebe Meister“ vorläufig so gut wie gar keine Verwendung für dieses Angebinde hatte. Wo würde er Unterkunft finden, bis endlich sein Stern aufging? In der Tat hatte Arno auch heute, an Sylvester, noch keine blasse Idee, wem er von morgen an die Miete schuldig bleiben wollte. Aber das kümmerte ihn zunächst nicht. Es war ja noch lange hin bis morgen. „Nächstes Jahr!“ konnte man noch sagen bis abends um Zwölf hin …

In der Haustür traf er mit Herrn Warnecke zusammen, der offenbar schlechter Laune war. „Sie scheinen sich ja gut verproviantiert zu haben, Herr Rüttelberger!“ knurrte er missmutig. „Eine, zwei, drei Flaschen…?“ „Ohne die hier drin!“ lachte Arno voll Humor.„Und da sagen Sie noch, Sie können keine Miete bezahlen?“ „Wenigstens nicht mit blanken Talern! Diese tröstlichen Flaschen hier habe ich auch nicht gegen bar erstanden. Sie sind das Resthonorar für eine Wandmalerei in Sieberlings Keller, Herr Warnecke. Und wenn Sie als Ausgleich für Ihre Mietsforderung eines von meinen Bildern …

„Ich danke ergebenst! Wir haben so’n Zeug sogar auf dem Boden herumstehen, weil an den Wänden alles voll hängt!“ wehrte Papa Warnecke verächtlich ab. Er war kein Freund der zünftigen Lukasjünger und zeigte ihnen das bei jeder Gelegenheit. Seine Liebhaberei war die Kamera, der er daheim und draußen Bilder über Bilder entlockte. Seitdem ihm aber eine Kollektion seiner „besten“ von der Jury einer Amateur-Ausstellung zurückgewiesen worden war, hatten es die Herren Maler — denn aus solchen hatte das entscheidende Kollegium zum größten Teile bestanden — ganz und gar mit ihm verdorben. Und Arno Rüttelberger bekam das zu fühlen, obgleich er vollständig unschuldig daran war.

„Wann werden Sie denn morgen verschwinden?“ erkundigte er sich mit der unangenehmen Überlegenheit eines Bessersituierten. „Verschwinden werde ich überhaupt nicht!“ erklärte Arno trocken. „Im Gegenteil, ich hoffe, Sie später noch recht oft zu sehen! Wenn Fräulein Eva —“ „Lassen Sie meine Tochter gefälligst aus dem Spiele! Sie denkt gar nicht daran, etwa —“ schnaubte der Alte. Der Maler zuckte die Achseln und lächelte.

„Im nächsten Jahre, denke ich, wird sich’s entscheiden!“ sagte er. „Und so hartherzig sind Sie nicht, verehrter Herr Warnecke, dass Sie Ihrem Kinde das Glück nicht gönnen sollten an der Seite eines ehrlichen Kerls, der sich endlich durchgerungen hat!“

„Na, dann ringen Sie nur los, Herr Rüttelberger! Der Eva wird’s ja ein bisschen zu lange dauern, aber das macht schließlich nichts. Sie werden dann eine andere unglücklich machen —“ „Unglücklich?“ entrüstete sich Arno. „Ich werde Eva glücklich machen und sie mich —“ „Man kennt das, Künstlerehen! Der große Mann interessiert sich immer nur für sich, allenfalls noch für seine Kunst! Lebt herrlich und in Freuden mit Gott weiß, welchem tollen Volk, und die arme Frau, deren er schnell genug überdrüssig geworden ist, sitzt vergrämt daheim! Jedes Mädel ist zu bedauern, das sich an einen solchen Mann hängt!“ „Da haben Sie ganz Recht! Aber dass ich…“

„Einer wie der andere, mein guter Herr Rüttelberger! Wenn Sie wirklich noch einmal zu ‚was kommen sollten, werden Sie genau so, Beweihräuchert wollt ihr sein, wie die alten Götzen! Selber Opfer bringen, andere auch gelten lassen — nicht daran zu denken! Eva hat das eingesehen. Sie werden es nächstens schwarz auf weiß in der Zeitung lesen — unter den Familiennachrichten nämlich! Und nun Gott befohlen! Ich muss noch ins Versicherungsbüro! Prosit Neujahr, Herr Rüttelberger!“ Damit stapfte er davon in den immer kälter werdenden Wintertag hinaus.

Arno sah ihm eine Weile ganz verdutzt nach, bis sich endlich das erlösende Wort, das ihm seinen Humor wiedergab, von seinen Lippen rang.
„Blech!“ sagte er nämlich, und zwar so überzeugungssicher, dass es im Treppenhause ordentlich widerhallte. Oben in der Mansarde, wo sein Stübchen mit dem Atelier lag, blieb er horchend vor der Zimmertür stehen. Es knisterte und knackte drin so eigentümlich, und er wusste ganz genau, dass er sich seit acht Tagen kein Feuer angemacht hatte. Aber richtig, im Ofen flackerte es lustig, und die wechselnden Lichter, die aus den Löchern und Ritzen drangen, huschten so traulich und anheimelnd durch das langsam warm werdende Stübchen, dass ihm beim Auspacken seiner Schätze ganz übermütig zu Sinne wurde.

„Das hat die Eva besorgen lassen!“ sagte er vergnügt vor sich hin. „Da ist kein Zweifel! Und der alte Uhu will mir weismachen —“ Indem klopfte es an seine Türe und die Küchenmagd Papa Werneckes erschien. „Brennt’s noch?“ erkundigte sie sich mit breitem Lächeln. »Ich habe nämlich das .Attuljeh‘ heizen müssen. Der Herr will heute Abend die janze Jesellschaft fortegraphieren. Und da meinte Freilein Eva. wenn Sie vielleicht kein Feier hätten, könnt‘ ick’s gleich hier mit besorjen!“

„Schönen Dank, Friederike! Und grüßen Sie Fräulein Eva recht freundlich von mir!“ „Damit mich der Alte vor die Türe setzt? Bestellungen von Ihnen werden nich anjenommen!“ grinste sie. „Es hat erst heute wieder einen bösen Tanz jejeben!“ „Na, auch gut. Dann bringen Sie mir wenigstens ‚mal ein bisschen frisches Wasser in meiner Kanne hier! „Hat sich was. Die Leitung ist schon seit Mittag wieder zujefroren! Wir hatten kaum Kaffeewasser!“ gab sie Bescheid.

„Was brauchst du Heuchler denn auch Wasser am heiligen Silvesterabend?“ mischte sich jetzt eine Stimme ins Gespräch, die hinter dem Rücken der Magd aufklang. „Allerdurchlauch- tigste Prinzessin, würden Sie wohl die Gnade haben und mir den Durchgang gestatten?“ Friederike kicherte ob der Anrede, die ihr zuteil wurde.

„Kommen Sie man ‚rin. Herr Doktor!“ sagte sie und drückte sich an den Pfosten. »Ick tue Ihnen nischt?“ „Guten Abend. Shakespearchen!“ begrüßte der Maler den Ankömmling, der ein leider noch nicht auf die Bühne gekommener Dramendichter war. „So früh?“ „Habe ich dich gestört in einem zärtlichen Tete-a-Tete, Kleiner?“ fragte er mit einem Seitenblick auf die nichts weniger als schöne Küchenfee und hob scherzhaft drohend den Finger gegen diese. „Lassen Sie die Dummheiten un täten Sie sich alleene was!“ sagte Friederike entrüstet und verschwand. Ein schallendes Gelächter verfolgte sie noch bis über die Treppe hinab.

„Du hast wohl das große Los gewonnen, Holbein?“ fragte Doktor Winzer erstaunt, als er die Flaschenbatterie auf dem Tische erblickte. „Da wären die zwei Liter Punsch wohl gar nicht nötig gewesen, die ich mir für ein soeben vollendetes Hochzeitsgedicht von einem Kaufmann ausgebeten habe?“

„Bei eurem Durst würde meine Bowle so wie so nicht weit gereicht haben! Es ist also gut, dass du so gescheit gewesen bist! Nun lassen wir die Bowle bis Mitternacht und gehn erst an den Punsch! Aber da brauchen wir doch erst recht Wasser! —“ „Wasser? Wozu?“ „Ja, wir können doch nicht die pure Essenz trinken?“ „Erst recht, Holbein, erst recht! „Unsinn! — Aber ich weiß schon Rat! Drüben am Nebendach hängen ein paar famose Eiszapfen. Die tauen wir auf —“ „Meinetwegen! — Haben wir übrigens auch ein ordentliches Souper, Holbein?“„Dafür wollte Doktor Eisenbart und der Übermenzel sorgen! Ich hoffe, sie bringen ‚was recht Nettes angeschleppt!“

Ein Gepolter auf der Treppe kündigte das Nahen der eben Genannten an, die vor jedem Händeschütteln und Auspacken anfingen, um den gluterfüllten Ofen zu tanzen und sich den Frost aus den Gliedern zu treiben. Allmählich tauten sie denn auch auf, und ein riesig fideles Leben begann in dem kleinen, schräg abgedachten Zimmer. Die Eiszapfen ergaben kein allzu großes Wasserquantum; der Punsch wurde also nicht zu dünn. Das Souper, das aus etlichen Würsten und ein paar Fischkonserven bestand, mundete vortrefflich, und die Reden, die mit einem Stimmenaufwand für Volksversammlungen gehalten wurden, malten die Zukunft immer rosiger. Währenddessen rückte der Zeiger der Uhr immer weiter und die letzte Stunde des Jahres nahm ihren Anfang.

Arno Rüttelberger, der im Kreise der Freunde „Holbein der Jüngste“ getauft worden war, machte sich daran, die Mosel Weinflaschen zu entkorken, während sein Kollege Schwanecke, der den Spitznamen „der Übermenzel“ führte, nebenan im Atelier umherstöberte, um Material für irgendeinen lustigen Spuk zu finden.

„Hast du denn auch ein Gefäß für dein Gebräu?“ erkundigte sich Doktor Mitscher, ein junger Arzt ohne Praxis, mit schadenfroher Vorliebe „Eisenbart“ genannt. „Ah, das sieht dir mal wieder ähnlich Holbein! Jetzt will der eine Bowle brauen und hat nicht ‚mal ein Waschbecken dazu parat, geschweige denn eine Terrine!“

„Ja was wird denn da?“ fragte kleinlaut Shakespearchen, der Dichter. „Von einem Waschbecken kann doch keine Rede sein! Wenn wir noch eine Gießkanne hätten! Das ließe sich noch ertragen!“

„Nur Ruhe! Ich weiß schon, was wir nehmen! Im Atelier gleich linker Hand steht ein großer Steintopf, in dem mir meine alte Tante im Herbst mal Senfgurken geschickt hat! Wenn wir den gehörig auswaschen, sind wir aus aller Not!“ „Hurra!“ schrien die Freunde. „Es lebe die alte Tante“! —

Es dauerte nicht lange und der Topf war zur Stelle. Bei dem dauernden Mangel an Wasser hatte es freilich seine Schwierigkeiten, ihn von dem sauren Hauch des Gurkenessigs zu befreien. Der Übermenzel, der mit einer verdeckten Leinwand endlich wieder auf der Bildfläche erschien, meinte zwar, mit dem Mosel vertrüge sich das ganz gut. Er könne höchstens dadurch noch veredelt werden. Doch ließ man diese spöttische Meinung von einer so edlen Marke—65 Pfennige für die Dreiviertelliterflasche! — nicht gelten. Mit etlichen Verrenkungen der Armgelenke erbeutete man schließlich so viel Eiszapfen, dass eine befriedigende Reinigung des zum Bowlengefäß avancierten Gurkentopfes vorgenommen werden konnte, und dann begann mit einer drolligen Feierlichkeit die Mischung des wonniglichen Willkommentrankes für das neue Jahr. Jeder hatte sich einer Flasche bemächtigt. Arno drückte während des Zugießens noch an einer Zitrone herum; der Doktor Eisenbart, der offenbar ein technisches Genie war, hatte den Stock eines invaliden Regenschirmes auf einer Seite vorsichtig gespalten und die dadurch entstandene klassische Gabel geschickt mit der Kaffeetasse Rüttelbergers in Verbindung gebracht. Mit Hilfe von irgendwo aufgestöbertem Draht wurde der seltsame Bund befestigt und der noch fehlende Bowlenlöffel war fertig. Stolz rührte der geniale Erfinder in den Moselweinfluten damit herum.

„Jetzt den Sekt!“ kommandierte der Übermenzel, der sich einbildete, ein Bowlenkenner zu sein. Die Korken flogen mit anerkennenswertem Geräusch aus den dickbauchigen Flaschen und schäumend ergoss sich ihr Inhalt in die Tiefe des ehemaligen Gurkentopfes.„Pommery oder Heidsieck?“ spottete der Übermenzel. „Über-Pommery!“ sagte gutgelaunt Arno.

„Na, nun schneid‘ ‚mal noch ein paar Scheiben Zitrone hinein! Dein Gedrücke tut’s doch nicht!“ verordnete der Übermenzel. „Und du, Eisenbart, sorgst für eine dekorative Umhüllung dieser etwas allzu plumpen Amphora unserer guten Tante. Alsdann werden die Gläser gefüllt. Bis dahin kann die Zitrone noch ziehn! … Und nun, verehrte Anwesende — er ging plötzlich wieder in den Volksversammlungston über und strich sich pathetisch durch den struppigen Schifferbart tief unterm Kinn — „möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf eine schöne Unbekannte lenken, deren Bildnis ich soeben im Atelier unseres jüngsten Holbein entdeckt habe. Wie gefällt Ihnen das süße Schnuckerl? Hat sie nicht Augen wie ein paar Schwarzkirschen, mit denen die Sonne liebäugelt? Und einen Mund, wie zum Küssen geschaffen, so lieb und erdbeerrot und schelmisch und —“

„Holbein, Mensch, wo hast du das Modell her?“ schrie der Dichter, der die plötzlich zum Vorschein gebrachte Leinwand entzückt anstarrte. „Wie kommst du zu dem Bild?“ fragte Arno stirnrunzelnd. „Du weißt, ich bin ein findiger Junge!“ lachte sein Kollege. „Es wäre besser gewesen, du —“

„Ruhe, Kinder! Keine Beleidigungen mehr in diesem Jahre!“ mahnte der Dramendichter. „Wenn du nicht willst, dass wir das Bild sehen, gut, so trag‘ es wieder fort, Übermenzelchen! Aber nett ist es nicht, Holbein, Geheimnisse vor uns zu haben!“

„Ach Gott, Geheimnisse! — Die sind nicht dabei! Aber von einem Modell ist nun schon gar keine Rede!“ erklärte verlegen Arno. „Wenn ich mich nicht irre, habe ich das Gesicht schon einmal am Fenster unten gesehn!“ bemerkte Doktor Eisenbart. „Richtig, es ist die Tochter, des Hauspaschas!“ schrie Übermenzel. „Hallo, Junge, jetzt beichte! Oder ich erkläre dich für den größten Duckmäuser des ganzen Jahrhunderts!“ „Es ist nichts zu beichten“ wich Arno unbehaglich aus. „Vor allem schrei‘ nicht so! Ich höre die ganze Gesellschaft eben heraufkommen —“

„Zur Gratulationscour bei uns?“ „O nein! Der Hausherr will eine Aufnahme seiner Silvestergäste machen —“ „Ach, nebenan in seinem Glaskasten? Na, das soll uns nicht stören! Ausziehen musst du ja doch morgen! — Also, Farbe bekannt, liebst du sie oder nicht?“ „Natürlich liebt er sie!“, sagte Shakespearchen überzeugt. „Das sieht doch ein Blinder an dem Bilde! Holbein, als ob du das gar nicht gemalt hättest, obgleich ich dir viel zutraue!“

„Papperlapapp!“ schrie Übermenzel, der einen Kollegen nicht gern loben hörte. „Er soll uns sagen, ob sie ihn wiederliebt! Aus seinen seligen Augen lese ich das verschämte „Ja, Kinder! So werden wir sie denn in effigie (lat.: als Bildnis) noch im alten Jahre mit ihm verloben!“

Und im Übermut zog er einen dünnen Ring vom Finger, ein Erbstück, von dem er sich sonst nicht trennte, und streifte ihn auf den linken Goldfinger des halb lachenden, halb widerstrebenden Rüttelbergers, nahm dann einen Pinsel und malte mit ein paar geschickten Strichen einen ähnlichen Reif über die sichtbare Hand des Porträts.

„So haltet zusammen wie Eisbein und Sauerkohl — Eisenbart, gieß‘ ‚mal die Gläser voll! — wie Russland Und Montenegro, wie —“ Ein plötzlicher Lärm ließ ihn abbrechen und aufhorchen. Der Aufschrei einer weiblichen Stimme war drüben erfolgt darauf hastiges Stimmengewirr und Gepolter. Eine Tür wurde aufgerissen und eine aufgeregte Männerstimme schrie: „Wasser, Wasser! Um Gotteswillen schnell!“

„Da ist jemand ohnmächtig geworden! Mein Geschäft blüht bis zur letzten Minute im Jahre!“, rief Doktor Eisenbart und eilte nach der Tür. Aber als er sie auftat, kam ein flackernder, heller Schein über die Dielen gehuscht. „Das brennt!“ schrie Rüttelberger und stürzte hinaus und hinüber in das Atelier des Herrn Warnecke.

Dort herrschte eine namenlose Verwirrung. Eine stattliche Anzahl von festlich kostümierten Herren und Damen rannte in dem unheimlich erleuchteten Raume kopflos durcheinander; etliche davon mit dem Vorsatze, zu helfen, ohne in der Verwirrung einen praktischen Gedanken zu finden; die weitaus größere Menge nur mit der eigenen werten Person und deren Rettung beschäftigt.

Kaltblütig übersah Rüttelberger sogleich die Situation. Papa Warnecke hatte eine Blitzlichtaufnahme machen wollen und dabei den Beleuchtungsapparat mit der plötzlich hochaufstrahlenden Flamme unvorsichtig platziert. Im Augenblick des Aufflammens hatte wohl ein dünner Vorhang, der für die Dämpfung des Sonnenlichtes oben angebracht war, Feuer gefangen und schnell an das übrige Leinenwerk weitergegeben.nDas Unglück war nicht groß. Mit einem tüchtigen Eimer Wasser konnte vielleicht noch alles erstickt werden.

„Wasser — Wasser!“ schrie auch er.

„Die Leitung ist eingefroren!“ hörte er da eine Stimme rufen, und plötzlich wusste er, das unter diesen Umständen alles auf dem Spiele stand. Er war just dabei, die brennenden Fetzen herunterzureißen, als ihm ein lähmender Gedanke durch das Hirn fuhr. Aber nur den Bruchteil einer Sekunde lang feierten seine Hände. Rücksichtslos griff er schön wieder zu in das knisternde Gewebe, schob dann plötzlich Eisenbart an seine Stelle, rief dem Übermenzel zu, die Leiter aus seinem Atelier zu holen, und lief darauf eiligst in das eben verlassene Zimmer zurück.

Keuchend kam er wieder, in seinen Händen einen mächtigen Steintopf, dessen braune Außenwand bis zu den plumpen Henkeln hinauf mit allerlei künstlichem Laub und Büscheln aus buntem Seidenpapier umwunden war. Und dann war er auch schon auf der Leiter, die sein Bruder in Lukas ihm diensteifrig hielt und mit einem geschickten Schwung, warf er jetzt hier und nun dort eine große Welle seiner löschenden Flüssigkeit in die gierig aufleckenden Flammen. „So eine Dummheit!“ seufzte der Übermenzel, als er den Topf erkannte.

Immer kleiner wurde alsbald der gefährliche Herd, immer geringer die Gefahr. Als der stattliche Topf, durch einen letzten kühnen Ruck genötigt, den Rest seines köstlichen Nasses hergegeben hatte, gab auch die letzte kleine Flamme unter unwilligem Zischen ihren Geist auf.

„Bravo, bravo!“ schallte es da durch den Raum. Den Hasenfüßen war der Mut schnell wiedergekehrt. „Das kam gerade noch zur rechten Zeit!“ „Herrschaften, das hätte schlimm werden können!“ rief ein kleiner, dicker Bankdirektor, der vorhin vergeblich den Ausgang gesucht hatte. „Gott sei Dank, dass Sie den Topf mit Wasser vorrätig hatten, Herr — Herr —“ „Holbein heißt der Mann!“ half ihm der Übermenzel ein. „Aber was das Wasser anbetrifft, da sind Sie in einem feuchten Irrtum! — Ich weiß nicht, ob ich den Opfermut besessen hätte!“

„Ja, was war es denn? Womit haben Sie denn gelöscht, Herr Holbein?“ fragte man von allen Seiten. „Es war unsere Silvesterbowle!“ erklärte gramvoll der Übermenzel, und auf den eben einsetzenden Mitternachtsschlag der nahen Domuhr horchend, fügte er hinzu: „Jetzt sitzen wir richtig ganz trocken. Das Jahr fängt gut an!“ „Eine Bowle? — Das war eine Bowle?“ kicherte ein Backfischchen vergnügt. „Allerdings, mein Fräulein!“ sagte Shakespearchen mit würdigem Stolze. „Mindestens hatten Sie da eine sehr originelle Terrine!“ lachte der Bankdirektor. „Unser Bowlenlöffel war noch viel großartiger!“ erwiderte Übermenzel lustig. „Wahrhaftig? — Und dürfen wir ihn ums ansehen?“

„Ich denke, Herr Rüttelberger — oder Holbein— wird es uns erlauben!“ sagte Papa Warnecke, der sich von seiner Riesenbestürzung langsam erhellt hatte. „Die Herren, die sich so tapfer für mich und mein Haus in die Schanze geschlagen haben, werden es hoffentlich nicht verschmähen, für den Rest des Abends meine Gäste zu sein! Sehn wir uns also den Bowlenlöffel an — oder noch besser, nehmen wir ihn mitsamt der rettenden Terrine, und fangen wir das neue Jahr endlich mit einem kräftigen Zutrunk an!“

„Ich glaube, das ist ein vernünftiger Vorschlag!“ erklärte der Bankdirektor und intonierte mit krähender Stimme die Marseillaise. „Allons enfants de la patrie,“ sang er und fasste den Übermenzel unter den Arm. „Le jour de boire est arrivé!“ variierte der animierte den Text und marschierte mit seinem Partner aus der Türe, schnurstracks in Arnos kleines Zimmer hinüber. Rüttelberger hatte einen Blick mit Eva Warnecke gewechselt, der tausend Versicherungen von Liebe und Treue, tausend stumme Wünsche enthielt.

„Sind Sie noch immer böse mit mir, Herr Rüttelberger?“ hörte er jetzt den Hausherrn fragen, der sich ihm unbemerkt genähert hatte. „Ich nehme alles zurück, was ich gegen das Künstlervolk gesagt habe, und bekenne, dass es herrliche Ausnahmen gibt —“ „Warnecke, Freundchen, sehn Sie doch ‚mal hier!“ ries in diesem Augenblick der Bankdirektor und hielt dem Alten den Rahmen mit dem Bilde seiner Tochter vor die Augen. „Ha, was sagen Sie nun? — Ist das ähnlich oder nicht? —Mein Kompliment, Herr Holbein-Rüttelberger. Das ist ein Meisterstück! Das muss in die Ausstellung'“

Neugierig drängte sich alles hinzu. „Ah, Fräulein Eva!“ klang es von allen Seiten, während das nichtsahnende Original wie in Blut getaucht erschien. „Mein Bild hauchte sie halb beglückt, halb verwirrt. „Aber Herr Rüttelberger!“ „Sie tun ja fast, als hätten Sie keine Ahnung, dass Herr Rüttelberger Sie gemalt hat!“ sagte der Bankdirektor lächelnd.

„Das habe ich auch nicht!“ erklärte sie erstaunt. So hätten Sie das Bild ohne jede Sitzung gemalt? — Herr, das wäre eine Leistung, die —“ „Ich meine, wir können uns darüber unten angenehmer unterhalten. Geben Sie mir das Bild so lange in Verwahrung!“ sagte Papa Warnecke, der voll heimlicher Rührung war; und Arno Rüttelberger vor sich herschiebend, flüsterte er diesem zu: „Sie haben mir heute gegen Abend eines Ihrer Bilder angeboten. Ich komme darauf zurück und behalte dieses!“„Das tut mir leid. Aber das ist das einzige, von dem ich mich nicht trenne!“ tönte es hastig zurück. „Auch wenn ich Ihnen noch etwas drauf gebe?“ „Auch dann nicht!“ „Das wollen wir doch sehen!“ —

Unten in dem behaglichen Salon des Hausherrn stand eine Riesenbowle, die noch unberührt war. Im Handumdrehen waren die Gläser gefüllt; der Hausherr räusperte sich, und unter lautloser Stille sprach er: „Lieben Freunde und Helfer! Wir kommen diesmal etwas nachgehinkt mit unserem Neujahrsjubel; dafür sind wir aber um ein stattliches Fähnlein vermehrt. Die bekannte wohltätige Macht des Feuers hat das zu stände gebracht. Weiß der Himmel, wie unser Silvester geendet hätte, wenn uns die Herren nicht beigesprungen wären, insonderheit mein lieber Hausgenosse, Herr Arno Rüttelberger, der mit Heldenmut und Bowle den Brand gelöscht hat! Er hat mich dadurch vor größeren Verlusten geschützt, als Sie ahnen. Denn mein Haus ist gerade in dieser Nacht unversichert, weil ich mit der Versicherungsgesellschaft gewechselt habe und dabei wohl ein bisschen zu saumselig gewesen bin! Nun möchte ich mich ihm gern dafür erkenntlich zeigen und habe ihn deshalb schon gebeten, mir das Bild meiner Eva zu überlassen! Aber er will sich durchaus nicht dazu bewegen lassen, selbst durch die kostbarste Draufgabe nicht, die ich habe! — Mein liebes Evchen, schlimmster aller Trotzköpfe, du hast dich umsonst auf den Kriegsfuß mit deinem Vater gestellt: der Mann liebt sein Bild mehr als dich, das Original —“In dem allgemeinen fröhlichen Tumult, der sich aus diese deutliche Kundgebung Papa Warneckes erhob, ging jedes weitere Wort unter, die Gläser läuteten aneinander ohne Aufhören.

„Prosit Neujahr! Es lebe das Brautpaar!“ klang es lustig dazwischen. Arno Rüttelberger hatte die glückselig aufschluchzende Eva an seine Brust gepresst und Schwanecke, der „Übermenzel“, hielt dem Hausherrn eine große Auseinandersetzung über die glänzende Zukunft Arno Rüttelbergers, ohne dabei sich selbst auch nur mit einer Silbe zu erwähnen. Das war auch eine Tat? Der musikalische Bankdirektor jedoch krönte die rührselige, hoffnungsreiche und weinfrohe Stimmung dieser ersten Stunde des anbrechenden Jahres durch ein dreist, aber richtig eingesetztes harmonisches Hoch, in das alle sangbegabten Kehlen einstimmten. Doktor Eisenbart schlug feierlich den Takt dazu. Er hatte den selbstgefertigten Bowlenlöffel dabei in der Hand. —

Friederike, die mit ihren kleinen Augen durch eine Türspalte lugte, konnte nicht anders, als den etwas unzeitgemäßen Wunsch zu äußern: „Nu brat‘ mir aber eener ‚en Storch!“ Zwar konnte ihr diese Leckerei nicht bewilligt werden, aber ein Glas Bowle bekam sie in die Hand, als Freund Shakespearchen sie auf ihrem Lauscherposten bemerkte. „Sie dürfen doch nicht leer ausgehn, holde Friederike!“ sagte er artig und stieß mit ihr an. „Sie sind doch auch beteiligt an all der Freude, nicht?“ „Und ob!“ entgegnete sie stolz. „Wenn ich das Wasser nich hätte einfrieren lassen?“

Ende