Was geschah vor 110 Jahren im September?

 In Alltagsleben, Aus dem Frauenleben, Frauenberufe, Unkategorisiert, Was geschah vor 110 Jahren, Zeitgeschehen

Für alle Neulinge, welche die Rubrik noch nicht kennen, gibt es hier eine Einführung dazu.

Kampf um den Nordpol: Cook oder Peary?

Haben wir in den vergangenen Ausgaben viel über Sport und Technik in der Luft berichtet, zieht es uns dieses Mal ins Eis – an den Nordpol! Denn auch dieses Thema beherrschte die Gazetten! Im September 1909 wurde Dr. Frederick Cook (1865-1940) gefeiert – als 1. Bezwinger des Nordpols. Nach seinen Aussagen hatte er den Nordpol (schon) am 21. April 1908 erreicht. Große Fotostrecken zeigten (wie Ihr seht) einen glücklichen Cook bei der Ankunft in Kopenhagen, sein Schiff, was ihn Richtung Nordpol brachte und ihn in Felle gehüllt – seine Arbeitskleidung in der „Eiswüste“. 

Aber schon im Artikel der Zeitschrift „Daheim“ zu seiner Ankunft heißt es:

 Selbstverständlich bestehen noch in vielen Kreisen Zweifel an der Richtigkeit der Cookschen Aussagen…

Cook selbst wird im Artikel mit der Aussage zitiert: 

Der Beweis, daß ich den Nordpol erreicht habe, ist durch meine astronomischen Messungen erbracht. Ich habe außerdem sehr sorgfältig ein Tagebuch geführt, aus dem ich ebenfalls den Beweis für meine Behauptungen erbringen kann.

Doch sein Konkurrent Peary (1856-1920) behauptete gleichfalls, als erster am Nordpol gewesen zu sein und hatte dafür Beweise. Wir hatten über seine Ehefrau und ihn in der April-Ausgabe berichtet. 

Wer war nun wirklich der 1. am Nordpol? Schon bald kamen Zweifel an Cooks Darstellungen auf. Und zwar vor allem auch im Zusammenhang mit einer anderen Behauptung von ihm: er hätte 1906 als erster den Denali als höchsten Berg Nordamerikas (heute: Mount Mc Kinley) bestiegen. Auf einem Bild sieht man aber, dass er sich mit seiner Mannschaft auf einem weniger hohen Gipfel (der heute deswegen Fake Peak heißt) einige Meilen vom besagten Denali befand. Seine Glaubwürdigkeit war erschüttert, obwohl er zunächst mächtige Fürsprecher wie z.B. Amundsen hatte. 

Und Robert Peary? Den Nordpol als erster Mensch zu erreichen, war ein Traum, den er schon lange verfolgte. In einer der nächsten Ausgaben der Gartenlaube, die auch über Cook berichtet hatte, heißt es zu ihm: 

Noch ein Nordpol-Entdecker. Noch  steht die Welt unter dem Eindruck der Mitteilungen Cooks über seine Erreichung des Nordpols, als Nachrichten aus New York anlangten, die besagten, daß dem Polarforscher Peary ebenfalls jenes Wagnis gelang. Im Juli 1905 brach er mit dem eigens erbauten „Roosevelt“ nach der Nordküste von Grönland auf, wo die erste Überwinterung stattfand und erreichte nach seiner Aussage den Nordpol am 6. April dieses Jahres. Es war anzunehmen, daß nunmehr der Streit um die Priorität der Nordpolentdeckung zwischen Cook und Peary entbrennen mußte und tatsächlich wird diese Frage in der öffentlichen Diskussion immer mehr auf das Gebiet der persönlichen Rivalität hinübergespielt. Bei Peary tritt der Sportsmann in den Vordergrund, der das erreichte Ziel um jeden Preis erreichen wollte. Robert Peary gilt als vorzüglicher Kenner der arktischen Gegenden. Seit dem Jahre 1892, als er sich zum ersten Male in die Schrecken der Polarnacht wagte, hat er bis zum Jahre 1906 acht Expeditionen in die unbekannten Eiswüsten unternommen. Berühmt wurde er durch seine sechste Reise, die in vier Jahre lang in den Polargegenden festhielt und auf der ihn seine Frau und sein Töchterchen begleiteten. 

Im Gegensatz zu Cook, der sich als fairer Sportsmann präsentierte, stellte Peary ein Hetzjagd gegen Cook auf die Beine – er hatte mächtige Befürworter und Unterstützer im Hintergrund, dazu die Medien, die sich auf seine Seite stellten, und auch das nötige „Kleingeld“. Und so geriet Cook nach und nach immer mehr ins Hintertreffen und 1911 wurde Peary vom damaligen US-Präsidenten Taft als offizieller Entdecker des Nordpols bestätigt. 

Übrigens kannten sich die Beiden! Cook war auf einer der ersten Expeditionen Pearys 1891/92 mit als Schiffsarzt dabei gewesen. Aber da ihm Peary untersagte, eigene Studien von der Expedition zu veröffentlichen, entzweiten sich beide. 

Vielleicht noch als Hintergrund -der Pool ist in einer Packeisfläche und verändert sich ständig. Es ist also kein feststehender Felsen, Stein etc. Die Markierung durch eine Fahne kann am nächsten Tag vom Eis verschlungen sein. 

Allein durch die Navigation läßt sich dieser Punkt festmachen.

 Was sagt nun die heutige Forschung zum Krimi um die Eroberung des Pols?

Beide Forscher haben bei ihren Expedition-Aufzeichnungen wohl manipuliert, d.h. die späteren Versionen unterscheiden sich von den ursprünglichen handgeschriebenen Berichten. Spätere Berechnungen haben folgendes ergeben: Cook war in keinem Fall am Nordpolpunkt, sondern etliche Meilen weg, er kann also als erster Bezwinger ausgeschlossen werden.

Peary war durch seine mehrjährigen Expeditionen sehr erfahren, was das Leben in der Arktis anging. Ein pikantes Detail dazu obwohl verheiratet, hatte er jahrelang eine Inuit als Geliebte und mit ihr auch weitere Kinder. Aber auch bei seiner Expedition gab es fragwürdige Punkte, so waren die Tagesetappen z.B. sehr lang.

2005 wurde seine Expedition mit den damaligen Schlitten, der Ausrüstung und dem Weg nachgestellt, um die angegebene Dauer von 37 Tagen zu überprüfen. Tatsächlich erreichte diese Expedition unter Führung von Tom Avery den Nordpol zwölf Stunden früher als die Peary-Expedition. Obwohl die langen Tagesetappen von Peary von oft angezweifelt wurden, waren sie also machbar. Es bleiben aber aufgrund der Manipulationen der Aufzeichnungen auch bei der Peary-Expedition erhebliche Zweifel, ob der Nordpol tatsächlich erreicht wurde. Warum nahm er auf die letzte Etappe kein fähiges Expeditionsmitglied mit, dass seine Navigation hätte bestätigen können? Den navigationserfahrenen Kapitän schickte er vorher zurück. Auch mit dem Beweisfoto konnte man den Punkt der Aufnahme im Nachhinein nicht bestimmen, da die Schatten (mit denen das möglich gewesen war) nur teilweise zu sehen waren – und das, obwohl Peary sich damit bestens auskannte. 

Und so ist es wahrscheinlich, dass der wahre Bezwinger des Nordpols (Trommelwirbel) Ralph Plaisted heißt, der den Nordpol 1968 zu Fuß erreichte – also schlappe 59 Jahre später! 

Wem nun wirklich die Lorbeeren als Erster gebühren – es wird wohl immer ein Mysterium bleiben. In jedem Fall war es 1909 ein Meilenstein zur weiteren Entdeckung der Erde durch den Menschen und so heißt es in der Gartenlaube:

Groß ist die Forschung und wieder hat sie von einem uralten Geheimnis den Schleier gerissen. 

Eine gute Darstellung des Themas bietet übrigens diese Terra-X Folge, welche die Story „Cook oder Peary“ spannend (wenn auch etwas reißerisch) erzählt – sie ist noch bis zum 19.11.2019 in der ZDF-Mediathek verfügbar. 

Tiroler Jahrhundertfeier in Innsbruck – Kaiser Franz Joseph feiert Andreas Hofer!

Es gibt immer wieder geschichtliche Ereignisse, die zum Symbol werden und –entsprechend glorifiziert- von der Nachwelt gefeiert werden. Für die damalige K&K Monarchie Österreich-Ungarn war solch ein Ereignis der Tiroler Aufstand unter dem heute noch als Volksheld verehrtem Tiroler Anführer Andreas Hofer. Und so wurde der Aufstand jährlich mit den „Kaisertagen“ in Innsbruck gefeiert, wie die Zeitschrift Daheim berichtet:

Ende August feierte Österreich-Ungarn die Erinnerung an Tirols Erhebung in der Franzosenzeit. Kaiser Franz Joseph erschien in Innsbruck, vom Jubel der Bevölkerung begrüßt, und nahm an einem erhebenden Festakt auf dem Berg Isel teil. „Die Erhebung Tirols ist als Beispiel dessen, was ein gottesfürchtiges, treues und durch harte Arbeit gestähltes Volk vermag, zum Gemeingut aller Völker geworden“, sagte der greise Monarch in seiner Ansprache nach der feierlichen Messe. „Ich aber, der ich heute als Enkel weiland Sr. Majestät Eures in Gott ruhenden Kaiser Franz zu Euch spreche, ich gedenke mit meinem ganzen Hause dankbaren Herzens der Getreuen, die damals Gut und Blut für ihren Kaiser geopfert haben…“ Auch Nachkommen von Andreas Hofer waren erschienen, die Kaiser Franz Joseph durch Ansprachen auszeichnete…

Schon der kurze Textauszug seiner Rede zeigt, wie der Aufstand vom Kaiser interpretiert und vereinnahmt wurde. Was er z.B. sicher nicht erwähnte: Der damalige Kaiser Franz in Wien hatte zwar mit den Aufständischen kollaboriert, versagte ihnen aber am Ende die Unterstützung und ließ sie quasi im Stich. Auch nicht erwähnt – die Bayern als eigentliche Besatzer und damalige Verbündete der Franzosen. Passte ebenfalls nicht so recht in die Zeit, in der Deutschland und Österreich Bündnispartner waren.

Für alle, die mit dem Tiroler Volksaufstand nicht so vertraut sind, hier:

Der Hintergrund

als eine kurze Zusammenfassung der damaligen Ereignisse: Tirol, zugehörig zu Österreich, wurde 1806 von den damals verbündeten Bayern und Franzosen (unter Napoleon) besetzt. Zunächst machten die neuen Herrscher Tirol gewisse Zugeständnisse, so z.B. die Landesverfassung unangetastet zu lassen, die besagte, dass Tiroler außerhalb ihrer Landesgrenzen nicht zum Kriegsdienst gezwungen werden konnten. Jedoch sollte sich bald zeigen, dass dies teilweise leere Versprechungen waren. Davon abgesehen mussten die Tiroler an Bayern wesentlich höhere Steuern als bisher zahlen. Als Bayern dann anfing, sich auch in kirchliche Angelegenheiten der tiefgläubigen katholischen Tiroler einzumischen und z.B. Messen zu verbieten und traditionelle Feiertage abzuschaffen, nahm der Unmut unter der Tiroler Bevölkerung zu. Schließlich führte Bayern, dass sich als Königreich neu ordnete, 1808 eine neue Verfassung ein, in der Tirol nunmehr kein eigenständiges Gebiet war und auch keine Sonderrechte (kein Einzug zum Kriegsdienst außerhalb Tirols) mehr hatte. Damit war das Maß voll. Österreich erklärte Frankreich den Krieg und arbeitete dabei auch mit dem Tiroler Wiederstand zusammen. Tirol wurde wieder zu einem Teil Österreichs erklärt. Nachdem die ersten Schlachten der Österreicher siegreich waren, darunter die berühmte „Schlacht von Aspern“ 1809, in der Napoleons französischer Armee ihre 1. Niederlage überhaupt kassierte, mussten sie sich schließlich 1809 der Übermacht der Bayern und Franzosen geschlagen geben.

Wiederum wurde das Land neu aufgeteilt, dieses Mal hauptsächlich an Frankreich und Italien. Andreas Hofer wurde gefangen genommen, nach Italien gebracht und dort zum Tode verurteilt. Das Urteil –Tod durch Erschießen- wurde am 20. Februar 1810 vollstreckt. Nachdem die erste Exekutionssalve ihn nur verletzt hatte, sollen seine letzten Worte gewesen sein: „Franzosen ach wie schießt Ihr schlecht!“. Der Ausruf wurde in die Nationalhymne der Tiroler, das Andreas Hofer Lied, übernommen. Historisch belegbar ist er aber nicht.

Wer mehr über den Tiroler Freiheitskampf und Andreas Hofer erfahren möchte, besucht das Kaiserjägermuseum in Innsbruck.

Historisches Museum Speyer – Ein Museum wird neu gebaut

Viele öffentliche Gebäude und Institutionen entstanden in der Kaiserzeit neu – wir stellten in der Rubrik bereits Theater und Rathäuser vor. Aber auch Museumsgebäude wurden neu erbaut – so wurde der Platz für die Exponate des historischen Museum der Pfalz in Speyer knapp und man entschloss sich zu einem Neubau – der die Kriege überstanden hat und heute noch das Museum beherbergt. Von der Optik her ähnelt das Gebäude etwas einer schwer einzunehmenden Burgfestung, die Lage des Neubaus mitten in der Stadt direkt am Domplatz war und ist 1 A!

Die Zeitschrift Daheim berichtet dazu:

In Speyer ist nach den Plänen des Professors Gabriel von Seidl das Historische Museum der Pfalz neu ausgebaut worden. Im Erdgeschoß befindet sich das sogenannte Weinmuseum, in dem die pfälzische Weinkultur von den ältesten Zeiten an bis in die Gegenwart erschöpfend behandelt wird.

Professor von Seidl (1848-1913) hatte als Architekt immerhin auch das Bayrische Nationalmuseum in München errichtet. Ansonsten war Seidl eher auf den Bau von Villen und Schlössern im Stil des Historismus spezialisiert, allerdings nahm er nicht JEDEN Auftrag an – hier eine Anekdote dazu: Von Kaiser Wilhelm II. wurde er 1894 beauftragt, sich mit einem Umbau der Burg Hohenzollern im Stil des Historismus zu beschäftigten. Nachdem er die Burg besucht hatte, verzichtete der gebürtige Münchner mit den Worten: „Diese Burg ist derart verpfuscht, dass ich nix machen kann als höchstens sie neu bauen – dann ist es halt keine alte Burg mehr…Das kann i net“. Sympathisch ehrlich!

Das Weinmuseum gibt es übrigens noch heute, ein Highlight ist die im Bild zu sehende Baumkelter von 1727. Zu dieser Zeit war es übrigens das erste Museum weltweit, was sich dem Weinanbau und Thema „Wein“ widmete.

Das Portal des Museums ist links und rechts von zwei uralten steinernen Reiterstandbildern flankiert. Diese beiden Figuren stellen romanische Imperatoren dar, die nach ihrer Vollendung das Forum irgendeiner Stadt des römischen Weltreichs zu schmücken bestimmt waren.

heißt es weiter im Bericht. Man sieht, dass bei der Forschung zu deren Ursprung noch Luft nach oben war. Naja, war vielleicht auch nicht so wichtig, Hauptsache römisches Weltreich.

Heute sind die „Breitfurter Reiter“, die übrigens nicht romanisch, sondern römisch sind, aus konservatorischen Gründen umgezogen und stehen nunmehr unter einem Schutzdach im Hof des Verwaltungsgebäudes.

Das neue Museum der Pfalz ist auch sonst reich an Kunstdenkmälern der Römerzeit

heißt es abschließend im Text und bis heute sind Exponate aus der Römerzeit eine der Sammlungen, die im Museum besichtigt werden können – daneben gibt es auch Sonderausstellungen, ab Dezember 2019 z.B. zur Geschichte der Medizin. Weitere sehenswerte Exponate im Museum sind u.a. die Grabkronen der salischen Kaiser, der Reichsapfel Heinrichs III. und der Goldring Heinrichs IV. in der Sammlung „Domschatz“.

Feierlich eröffnet wurde das Museum übrigens erst im Mai 1910 – der Bericht vom September 1909 war wohl ein „Preview“ dazu.

Für die Unterstützung zu diesem Artikel möchte ich mich beim Historischen Museum Speyer bedanken.

Aus dem Frauenleben:

Vorgestellt (aber nicht im Text dazu): Marie Stritt

In der Sonntagszeitung wurde Marie Stritt als Vorsitzende des Bundes deutscher Frauenvereine vorgestellt, aber eigentlich war es eine Kontaktanzeige, denn um sie persönlich ging es im Text unter ihrem Bild nicht:

Der Bund deutscher Frauenvereine hat sich zur Aufgabe gemacht, die Interessen der deutschen Frauen nachdrücklich zu vertreten. Eine besondere Auskunftsstelle des Vereins, die ihren Sitz in Berlin NW, Brückenallee 33, hat, beantwortet alle Anfragen über Ausbildungsmöglichkeiten und Erwerbsaussichten in den für Frauen zugänglichen Berufen, ferner über gemeinnützige Veranstaltungen für Frauen, sowie über alle Frauenbestrebungen.

Zu vermuten ist, dass Redakteurinnen des Blattes in Frauenvereinen aktiv waren und hin- und wieder solche Meldungen „unterbrachten“.

Aber wer war Marie Stritt? 1855 in Schäßburg/Siebenbürgen geboren, ging sie 1873 nach Wien, um Schauspielerin zu werden. Als solche war sie an verschiedenen Theatern erfolgreich, zunächst mehrere Jahre in Karlsruhe „im Fach der Liebhaberinnen“, später dann in Frankfurt, Hamburg und Dresden.

Eine wichtige Eigenschaft von der Schauspielerei kam ihr bei ihrem späteren Engagement in der Frauenbewegung zugute: Sie konnte sehr gut Reden halten. Gelernt ist halt gelernt.

Marie heiratete den Opernsänger Albert Stritt, die beiden hatten zwei Kinder. 1889 nahm sie von der Bühne Abschied, 1890 zog die Familie nach Dresden. Ihre Mutter, die sich gleichfalls für Frauenrechte engagierte, brachte sie in Kontakt zur Frauenbewegung. In den Folgejahren baute Marie zunächst lokale Frauenvereine in Dresden auf und wurde Vorstand des Bundes deutscher Frauenvereine. Sie kämpften im sogenannten „Frauenlandsturm“, so die spöttisch-abwertende Bezeichnung der Medien für die Proteste, vor allem gegen den Entwurf des Familiengesetzes im neuen bürgerlichen Gesetzbuches (BGB). Es sollte 1900 in Kraft treten. Im neuen BGB bekamen Frauen zwar teilweise mehr Rechte, aber die Vormachtstellung des Mannes als bestimmendes Familienoberhaupt wurde im Familiengesetz weiterhin festgeschrieben.

Vorsitzende des Vereins wurde sie 1899 und blieb es bis 1910. Dann wurde sie von konservativen bürgerlichen Frauenkreisen abgesetzt, da ihnen Maries Engagement im Bund für Mutterschutz und die damit verbundenen Forderungen zu weit gingen. Für diese Zeit waren die Forderungen tatsächlich radikal, neben einer umfassenden Sexualreform war das vor allem das Recht auf Abtreibung. Trotz allem bemühte sich Marie Stritt in ihren Positionen, später als Vorsitzende des Deutschen Verbands für Frauenstimmrecht und Vorstand im Weltbund für das Frauenstimmrecht, immer um Vermittlung zwischen den unterschiedlichen Frauenkreisen.

In den 20er Jahren zog sie sich nach und nach aus dem politischen Leben zurück – sie starb 1928 in Dresden.

Der erste weibliche Braumeister

hieß: Fräulein Kollatschny! Im kleinen Artikel der Sonntagszeitung stehen diese Information zur ersten Braumeisterin:

Fräulein Kollatschny in Driesen in Brandenburg hat die höhere Töchterschule absolviert und dann die Brauerei-Akademie in Grimma besucht. Nachdem sie das Examen als Braumeister bestanden, übernimmt sie jetzt für ihren kranken Vater die Leitung der Brauerei.

Herausfinden konnte ich noch: den Vornamen: die Dame hieß Hertha, den Namen der Brauerei: „Germania-Brauerei“ und wie lange sie existierte: bis 1933 – dann erlosch die Firma laut Reichsanzeiger. Als Besitzer war immer noch ihr Vater, Emil Kollatschny angegeben.

Was die Meldung auch zeigt –es war oft wirtschaftliche Notwendigkeit, wenn Frauen das Zepter übernahmen und traditionelle Männerberufe ergriffen, so z.B. auch bei der ersten Schmiedin (wir berichteten in der Juni-Ausgabe (in der gleichen Rubrik), die für ihren erkrankten Vater die Schmiede übernahm. Aber es war möglich und das wäre es wohl noch 20 Jahre vorher nicht gewesen!

Kurznachrichten:

Wiederaufbau: Garnisonkirche zu Berlin

 

Wie schnell damals gebaut wurde, erstaunt schon! Oder in diesem Fall: wiederaufgebaut. Denn erst in der April-Ausgabe letzten Jahres dieser Rubrik berichten wir über die Zerstörung der Kirche durch einen Brand Im Daheim wird zur (Wieder-)Einweihung berichtet:

„Bevor Kaiser Wilhelm, der Hof und die gesamte Generalität der Garde am letzten Sonntag des August zum Tegeler Schießplatz hinauszogen, um den schönen weltlichen Schauspiel der Landung Zeppelins beizuwohnen, des Bezwingers der Lüfte, nahmen sie an der erhebenden Feier der Einweihung der Berliner Garnisonkirche teil, die, aus der Asche neu erstanden, eine schlichte und würdige Stätte für den Gottesdienst der jungen Krieger unserer Garde bildet.

Okay, der halbe Text ist –wieder mal- DEM Thema, dem Zeppelin und seinem Erbauer Graf Zeppelin, dem „Bezwinger der Lüfte“ gewidmet. Ein guter Grund, heute auch mal vom Thema abzukommen und zu sinnieren, wie lange ein Bau in Berlin – oder kann man es auch schon fast Wiederaufbau nennen, heute so dauern kann – dazu noch ein informativer Link

Rennwoche Baden-Baden: Im Zukunftsrennen gewinnt Antwort

Tja, der Pferdename „Antwort“ ist eigentlich eine Steilvorlage für Wortspielereien, zumal wenn es auch noch Sieger des Zukunftsrennen wird. Irgendwie fiel mir trotzdem kein gutes ein…

Die Rennwoche in Baden-Baden hat eine lange Tradition: seit 1858 werden „vor den Toren Baden-Badens“ in Iffezheim Galopprennen veranstaltet, nur während der Weltkriege fanden keine Rennen statt. Damals wie heute war und ist die Rennwoche, die immer Ende August bis zum 1. September stattfindet ein gesellschaftliches Ereignis. Zu dessen Besuch machte man sich schick, setzte den schönsten Hut auf, genoss die Rennen und schaute auf die Prominenz, die sich gleichfalls einstellte – 1909 z.B. der Großherzog Friedrich von Baden, vom dem es im Text zum Bild heißt:

Dem Großherzog von Baden (1) wird vom Grafen Lehndorff (2), dem Leiter des königlichen Hauptgestüts in Graditz, das in diesem Gestüt gezüchtete Pferde „Antwort“ vorgeführt, das in dem „Zukunfts-Rennen“ siegreich durchs Ziel ging. Das „Zukunfts-Rennen“ gehört zu den größten rennsportlichen Ereignissen des Jahres.

Graditz, damals königliches Gestüt, aus dem viele Derby-Sieger kamen, gibt es als Gestüt übrigens heute noch – inzwischen jedoch nicht mehr „königlich“.

Das Wähltelefon kommt

Für die heutige Jugend sind schon die Tastentelefone aus den 80er Jahren (wie lange gab es sie eigentlich genau?) eine Antiquität, die etwas Älteren unter uns (etwas!) können sich noch gut an die Wähltelefone erinnern, die es in ihrer Kindheit oder Jugend gab. Sie hatten einen Vorteil: sie funktionierten (allermeist) ohne Probleme. Was ich (ja, ich bin altmodisch und habe noch einen Festnetzanschluss) von meinem jetzigen Telefon nicht behaupten kann: mal hat es keine Reichweite, mal steht im Display „Störung“, die man nur durch einen Neustart, bei dem alle Einstellungen zurückgesetzt werden, beheben kann. Neue Technik?

Kehren wir zurück zur alten, damals revolutionären Technik. Revolutionär deshalb, weil man mit dem obigen Telefon zum ersten Mal direkt wählen konnte, wie man im Untertext zum Artikel erfährt:

Ein neues Telefonsystem wird voraussichtlich in nächster Zeit durch die Post zur Einführung kommen und den Fernsprechverkehr wesentlich vereinfachen, da jeder Teilnehmer mit dem neuen Apparat seine Anschlüsse selber herzustellen vermag.

Und wie war es vorher? Da rief man immer das Amt an und wurde dann persönlich durch eine Mitarbeiterin – „das Fräulein vom Amt“ mit dem anderen Anschluss verbunden.

Trotz alledem wurde das Telefon in den 1900er Anfangsjahren immer beliebter: so verdoppelte sich in Frankfurt die Zahl der Telefonanschlüsse zwischen 1903 und 1914 von 8000 auf 16 000. Wie die ersten Telefon-Apparate aussahen (wie Wandschränke), kann man sich im Frankfurter Museum für Kommunikation anschauen.

Für uns heute amüsant auch die ausführliche Gebrauchsanleitung, wie man wählt:

An dem Telephon befindet sich ein mit den Nummern 1-9 versehener Hebel. Die Anschlüsse werden in der Weise bewirkt, daß man in die einzelnen Nummern des gewünschten Anschlusses der Reihe nach greift und jede solange nach rechts dreht, bis ein Widerstand zu spüren ist.

Rüstige Rentner – Teil III Geschwisterliebe!

Kommen wir zum kuriosen Teil – eine Art Wettstreit „Wer ist die älteste Geschwisterriege“ entstand, als in einer Ausgabe der Sonntagszeitung über die obigen vier Brüder mit einem Gesamtalter von 348 Jahren berichtet wurde. Die Meldung rief ein Geschwisterkleeblatt mit einem Gesamtalter von 355 auf den Plan, deren Foto in einer der folgenden Ausgaben veröffentlicht wurde. Kleiner Schönheitsfehler: es waren drei Schwestern und ein Bruder! Irgendwie wäre die Story mit vier Schwestern als „winner“ über 4 Brüder noch schöner gewesen! Aber hier noch die Information zu diesem Kleeblatt:

Wie uns von einem unsrer Leser, dem wir das vorstehende Bild verdanken, mitgeteilt wird, leben in Gummersbach im Rheinlande drei Schwestern und ein Bruder, von denen die älteste 93, die zweite 91, die dritte 85 Jahre alt ist, während der Bruder, der jüngste der vier Geschwister „erst“ 84 Jahre zählt.

Gibt es heute einen „Meister“? Wenn ja, bitte Fotos mit Altersangabe schicken! Sie werden in einer der nächsten Ausgabe veröffentlicht, versprochen!

Und zum Schluß wünsche ich Euch mit diesem 3 Damen-Bild schöne spätsommerliche bzw. frühherbstliche Tage. Es sind nicht irgendwelche spazierenden Damen, sondern rechts die Kaisertochter Viktoria Luise, die Kaiserschwägerin Feodora in der Mitte (wir hatten hier über ihr Leben berichtet) und links Prinzessin August Wilhelm „die Gattin des vierten Sohnes des Kaiserpaars“, wie es in der Originalbildunterschrift heißt.
Prinzessin August Wilhelm? Zu dieser Zeit wurden die Ehefrauen oft kurzerhand mit dem Namen ihres Mannes benannt.

In diesem Sinne wünsche ich Euch einen angenehmen September – ob Ihr nun mit Freundinnen oder Freunden einen Wiesenspaziergang unternehmt, auf der Rennbahn Euren Hut ausführt und auf ein Pferd wettet oder das Thema Wein mit einem Besuch im Weinmuseum Speyer einmal kulturell angehen lasst – es sagt ja keiner, dass man danach die Inspiration durch das Museum nicht praktisch umsetzen darf…

Bis zum nächsten Monat grüßt Euch herzlichst

Eure Grete

PS: Übrigens gibt es seit kurzem auch ein analoges Produkt von mir, das „Journal für moderne Frauenzimmer“ – was aber auch von Männern gelesen wird, wie ich aus Zuschriften weiß 😉 ! Darin findet Ihr allerlei Inspirationen, Wissenswertes und auch Rezepte aus der Kaiserzeit – für heute frisch aufbereitet. Hier der Link für nähere Infos dazu (auch in welchen Museen und Läden man es kaufen kann) und für alle, die nicht in der Nähe dieser Museen wohnen, hier der Link zur Online-Bestellung.

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