Wenn die Hausfrau krank ist (2. und letzter Teil)

 In Fortsetzungsroman, Frauenleben

Eine Plauderei von Else Ritter

Zum ersten Teil der Geschichte gelangt Ihr mit diesem Link.

Er hat strenge Weisung, nicht zu uns ins Zimmer zu treten, der Ansteckungsgefahr wegen. Schon als er ins Nebenzimmer kommt, zittere ich daher, ob er auch gehorchen wird. Natürlich nicht! — Mit ein paar Hechtsätzen, die Mappe an einem Riemen lang hinter sich herziehend, ist er auf der Türschwelle.

„Da bleiben!“

Ich stoße es mit allem mir zu Gebote stehenden Kräfteaufwand hervor und winke entsetzt mit beiden Armen ab.

Er dreht kurz um. „Na, denn nicht!“

Ich mache mir Vorwürfe, ihn vielleicht zu hart angefahren zu haben.

„Fritzchen“, rufe ich ihn bis zur Türschwelle zurück, „Sieh mal, du darfst doch nicht zu mir kommen, damit du nicht auch krank wirst.“

„Na nu. habt ihr denn immer noch ’Backzillen‘?“

Er sagt es erstaunt, mit dem ganzen Ausdruck seiner Nichtachtung.

„Wie war es denn in der Schule?“ erkundige ich mich interessiert.

„Ach — man so!“

„Habt ihr ein Extemporale [Klassenarbeit Latein] zurückbekommen?“

„Ja, Mütterchen, aber der Murow ist ungerecht. Mir hat er eine 3 gegeben und dem Müller eine 2b, und der Müller hat immer bei mir abgeschrieben. Kannst mir’s glauben!“

Er steht noch einen Augenblick an der Türfassung, dann verduftet er, und während ich mit Kummer an die Drei und die Versetzung zu Ostern denke, höre ich ihn draußen fröhlich mit Prinz umhertollen. Die Rückkehr meines Mannes und das bald darauffolgende Mittagessen lenken meine Gedanken bald auf etwas anderes. Sehr angenehm ist diese Ablenkung in Bezug auf das uns gespendete Mahl aber absolut nicht. Ein Teller Brühe mit Ei und ein Brötchen! Lotte und ich empören uns gegen dieses „Hungerleben“ — es nützt aber nichts. Mein Mann setzt seine Amtsmiene auf und ermahnt uns, „artig“ zu ein, sonst bekämen wir überhaupt nichts. Wir löffeln tapfer unsere Suppe. Ach, was sind wir brav!

Wie mir scheint, hat der gesunde Teil unsrer Familie heute aber auch nicht viel Freude am Essen gehabt. Mein Mann gesteht mir, dass außer den Kartoffeln, die „Wasser gezogen“ hatten, alles mehr oder weniger angebrannt gewesen wäre, und — seine Stimme steigert sich zum Fortissimo —, dass er „der Person“ da draußen heute noch seine Meinung sagen würde. Er hat viel Mut, finde ich. Er ahnt ja doch nicht, was es heißt, den Kampf mit dem Drachen aufzunehmen.

Als ich ihn auf eventuelle Gefahren hierbei aufmerksam mache, lacht er sorglos.

„Lass nur, ich werde schon mit ihr fertig werden. Unsereiner versteht doch mit solchen Leuten umzugehen. Ihr Frauen seid nur immer gleich so nervös, und damit verderbt ihr alles!“

Ach ja, wir Frauen sind immer gleich so nervös! Wir armen Frauen! — Müde lege ich mich in mein Kissen zurück und empfinde es momentan wirklich dankbar als Wohltat, dass ich krank bin.

Ein wundervoller Mittagsschlaf folgt. Einzig schöne Ruhe! Ich träume bildschön von einer großen Parade mit rauschender Militärmusik. Merkwürdig, wie lebhaft man träumen kann — ich höre deutlich den Marsch aus „Carmen“, höre im Nebenzimmer eiliges Hin- und Herlaufen — und — nein, ich träume ja gar nicht. Grinsend steht Martha mit dem Kaffeegeschirr an meinem Bett:

„Nee, is dees aber prachtvoll, gnä‘ Frau!“

Und dann mein Mann, etwas verlegen: „Du, ich begreife gar nicht, nun bringen sie das Ständchen, und ich hab’s doch abbestellt. Sicher. Wo ist denn nur der Brief an den Kapellmeister hingekommen, worin ich ihm schrieb, dass du krank bist?“

Ja, wo ist der Brief?

Nach längerem Umhersuchen findet er sich friedlich im Ausschlag eines Überrockärmels. Briefe, die ihn nicht erreichten!

Aber das macht ja nichts. Ich summe jetzt ganz lustig das Potpourri aus der „Fledermaus“ mit.

Ja, ja: „Glücklich ist, wer vergisst — Was nicht mehr zu ändern ist.“

Der Nachmittag schreitet vor, der Abend kommt, bald ist ein Tag vorbei.

Nachdem ich noch etwa anderthalb Stunden mit Lotte Zettelschreiben gespielt, nachdem das kärgliche Abendbrot mit möglichstem Humor von uns eingenommen ist, gedenke ich nach des Tages Last und Hitze einen langen Schlaf zu tun. Aber das Geschick ist gegen mich — noch warten weitere Überraschungen meiner.

Mit dem üblichen Grinsen und wohl der vorgerückten Abendstunde wegen wieder in Filzpantoffeln, überreicht mir Martha einen Zettel von märchenhaften Dimensionen. „Ausgaben von Ottilien“, bemerkt sie erklärend. Ich sehe, staune und lese:

Ausgaben von Ottilie, den 14ten

 

Grienes……………………………….. Mk. —,50

Salz …………………………………………..   — ,30

Dischbuhter ………………………………  1,80

Trinkgeld………………………………….  —.20

Zwiebeln…………………………………… —,40

Kohl        …………………………………….. -.60

2 Pfund Rindfleisch ….                       3.—

Trinkgeld…………………………………. —,30

Rollen     …………………………………..  —.40

Kleine Ausgaben………………………. 1,25

 

Suhma Mk. 8,75

O, dieses Mädchen! Denkt sie etwa, ich bin geistig ebenso heruntergekommen wie körperlich, dass ich diese offenkundigen „Marktgroschen“ nicht merke! Nein, nein, und wenn ich noch kränker wäre, dumm machen lasse ich mich nicht.

„Sage Ottilie, ich bezahlte ihr keinen Pfennig hiervon, eh‘ ich nicht geprüft habe, was an dieser Berechnung falsch und was richtig ist“, herrsche ich Martha an. Sie verschwindet mit dem Zettel. Nach einer Weile erscheint sie wieder, angstbleich und zitternd. „Ach, gnä‘ Frau, nu‘ hat die Ottilie ihre Zufälle!“ Ottilies „Zufälle“ kenne ich. Sie sind, wie sie selber sagt, „historisch“ und bestehen in der Hauptsache darin, dass sie sich auf den Fußboden setzt und laut schreit.

Ich bleibe also ungerührt davon. Nicht so mein unglücklicher Mann, der in diesem kritischen Augenblick die Entreetür von außen öffnet und die Bescherung in der Küche mit ansieht.

Was wird er tun? Er ist so leicht heftig. Er wird sie doch nicht ohrfeigen? Aber nein, nein, er hat es mir ja vorhin erst versichert, er weiß ja mit Dienstboten umzugehen, besser als ich. So versuche ich mich selbst zu beruhigen, während ich angestrengt horche, was draußen vorgeht. Ein großer Disput scheint es zu sein — Stimmengewirr, in dem Ottilies hoher Diskant die Oberhand behält, wohl fünf bis zehn Minuten lang. Dann fällt mit ungeheurem Krach eine Tür ins Schloss.

Totenstille hinterher.

Vorsichtig öffnet jetzt jemand unsre Schlafstubentür. Vorsichtig schleicht jemand ins Zimmer.

Mein Mann!

Ein Bild des schlechten Gewissens, sinkt er auf einen Stuhl. „Sie ist fort!“ verkündet er schuldbewusst.

Wer?“ „Wer? Na, die Köchin!“ Ich fahre hoch. „Aber um Himmels willen, wie ist denn das gekommen?“

„Ja, sieh mal, ich bin wirklich ganz ruhig geblieben, erst habe ich ihr freundlich das verdorbene Mittagessen unter die Nase gerieben, dann mit wahrhaft christlicher Milde den Spektakel mit dem Burschen vormittags in der Küche, und da ich den unglaublichen Ausgabenzettel gerade auf dem Küchentisch fand, benutzte ich die Gelegenheit, ihr auch hierüber noch meine Meinung zu sagen. Alles ganz ruhig und sachlich. Aber mit der Person ist ja absolut nicht vernünftig zu reden. Die ganze Zeit hat sie sich benommen wie eine Verrückte, und als ich dann zu sprechen aufgehört habe, ist sie mit gerungenen Händen in der Küche umhergerast und hat geschrien, was ihre armen Eltern wohl dazu sagen würden, wenn sie wüssten, wie’s ihr geht‘! Dann ist sie in ihr Zimmer gerannt und hat mir die Tür vor der Nase zugeschlagen. Ich habe eine Weile gewartet, da erschien sie mit Hut und Jackett und hat mir erklärt, sie verließe den Dienst jetzt sofort — ohne Kündigung —. das Recht dazu hätte sie, denn —“ Er zögert sichtlich, fortzufahren.

„Nun, sag‘ doch, was denn?“ „Ja“ — er wischt sich mit dem Tuch über die Stirn — „Denn sie wäre ein ‚besseres Mädchen‘ und hätte es nicht nötig, in einem Hause zu dienen, wo die Frau den ganzen Tag im Bette bleibt und sich um nichts kümmert, und der Mann seine Nase in alles steckt!“ — Lieber Leser, ich fühle mich krank, sehr krank, kränker denn je, aber trotzdem, morgen stehe ich auf, denn sicher, es ist nicht gut, wenn die Hausfrau krank im Bette liegt.

Ende

Für alle, die den Stil mögen: Else Ritte war das Pseudonym von Else von Steinkeller – von ihr haben wir letztes Jahr schon diese heitere Sommergeschichte als Fortsetzungsroman veröffentlicht.

Und nächste Woche? Geht es weiter, mit einer neuen Fortsetzungsroman!

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