Ein Gastartikel von Dana Rothstein
Der „Backfisch“ – eine Definition
In der Deutschen Kaiserzeit wurden junge Mädchen zwischen etwa vierzehn und siebzehn Jahren „Backfische“ genannt. Mit 14 Jahren hatten sie meist die Schule schon abgeschlossen, waren allerdings erst im Alter von 17 Jahren so richtig „gesellschaftsfähig“. Erst dann wurden die „höheren Töchter“ offiziell in die Gesellschaft eingeführt – mit dem Ziel, sie gut zu verheiraten.
Backfische erhielten eine Erziehung, die sie auf ihre Rolle als Mütter und Hausfrauen vorbereitete. In höheren sozialen Schichten gab es zwar auch Bildung in Kunst, Musik oder Sprachen, doch im Allgemeinen war die Ausbildung von Mädchen stark auf häusliche und soziale Fähigkeiten ausgerichtet. Was sich „schickte“ und was Backfischtugenden waren, wurde auch klar vermittelt: Zurückhaltung, Bescheidenheit, Höflichkeit, Pünktlichkeit, Sorgfalt, Verlässlichkeit und Respekt gegenüber Älteren und Autoritätspersonen und natürlich auch Loyalität dem Kaiser und dem Staat gegenüber.
So wie die Erziehung die jungen Mädchen auf die Heirat und das Familienleben vorbereitete, so sollte auch die Mädchenlektüre diese Werte unterstützen. In diesem Zusammenhang ist im 19. Jahrhundert die Backfischliteratur entstanden.
Was machte Backfischliteratur aus?
Was ist der Inhalt von Backfischbüchern? „Frauenleben“, eine in Wien erscheinende Zeitschrift für die Interessen der Lehrerinnen und Erzieherinnen, hat im Jahre 1902 „Mädchen-Bücher“ folgendermaßen beschrieben:
„Die Heldin wird fast immer als ein verzogenes, unbändiges Kind eingeführt, sie muss erzogen werden. Entweder übernimmt eine gütige, alte Tante mit silberweißem Scheitel das räudige Schäfchen zur Correction, oder es wird in eine herrliche, ideale Pension gesteckt. Nach sechs Monaten hat sich der Wildling in ein reizendes, sittsames Fräulein verwandelt, ganz dazu angetan, „ihm“, der zur rechten Zeit auftaucht, den Kopf zu verdrehen. Nach einem Jahre, resp. im letzten Kapitel, erfolgt pünktlich die Verlobung, der noch fünf oder sechs Nebenverlobungen der Freundinnen usw. vorausgingen. Umarmung, Kuss, Schluss! Das ist durchschnittlich der Hauptinhalt.“
Emil Lauenstein, Mitinhaber einer Wiener Buchhandlung, meinte 1913 in seiner Plauderei „Das Buch unterm Weihnachtsbaum“ in der Ostdeutschen Rundschau:
„Es ist ja freilich immer dieselbe Tonart in Moll: Idyllisches Forsthaus, lustiges Pensionat, Tanzstunde usw. Alles in Rosenrot, das Leben selbst wird wesentlich grauer werden, aber vielleicht grad‘ drum! Vergrabt euch nur darin am schönen ersten Weihnachtsmorgen und knabbert Pralinees dabei! O du selige, holde Backfischzeit!“
Das erste richtig erfolgreiche und vom Titel her typische Backfischbuch war „Backfischchens Leiden und Freuden“ von Clementine Helm (1825-1896), erschienen 1863. Heutzutage noch bekannt sind der 1883 erschienene „Trotzkopf“ von Emmy von Rhoden (1829-1885) oder die ab 1913 veröffentlichte „Nesthäkchen“-Reihe von Else Ury (1877-1943). Neben den heute noch erhältlichen Buchausgaben gibt es von den beiden letzteren auch Hörspiele, Hörbücher und Verfilmungen, was wohl zur Popularität bis heute beigetragen hat.
Henny Koch – Liebling der „Backfische“
Auch Henny Koch, um die es hier gehen soll, war ein Backfischliebling und mit sehr hohen Auflagen erfolgreiche Vertreterin der Backfischliteratur, die fast in Vergessenheit geraten wäre.
„Henny Koch ist eine unter der Jungmädchenwelt sehr beliebte Schriftstellerin. Sie schreibt flott und frisch und bei aller recht ausgelassenen Lebenslust zeichnet sie auch ernste Linien von Lebensweisheit und echter Liebe in ihre Bilder.“ (Verlagsanzeige)
Am 22. September 1854 kam Henriette Koch als erstes Kind des Kaufmanns Carl August Koch und seiner Frau Amalie, geborene Hartmann, in Alsfeld zur Welt. Ihr Vater entstammte einer Leinenfabrikantenfamilie, die 1750 in Alsfeld ihr Geschäft gegründet hatte. In der Mitte des 19. Jahrhundert – etwa zur Zeit von Hennriettes Geburt – führten Erbstreitigkeiten zum Ende der Koch‘schen Leinenfabrikation. Carl August Koch musste nun für seine kleine Familie eine neue Lebensperspektive finden.
So kam Henriette, erst vier Wochen alt, zu ihren Großeltern mütterlicherseits nach Frankfurt am Main, verbrachte dort die ersten Lebensjahre und kehrte erst zum Schulbeginn zu ihren Eltern zurück. Diese hatten mit einem Weinhandel in Büdesheim bei Bingen ein neues Leben für die Familie mit inzwischen vier Kindern aufgebaut. In einem Brief schrieb Henny Koch 1914 an Franz Brümmer (1836-1923), Herausgeber des „Deutschen Dichter-Lexikons“, über ihr Leben und beschrieb die Zeit in Büdesheim folgendermaßen:
„Als die Dorfschule nicht mehr ausreichte für unseren Bildungsdrang – oder den der Eltern in unserem Interesse, marschierten wir allmorgendlich am Naheufer her in’s benachbarte Bingen. Das waren goldene Tage. Viel Freunde & Freundinnen, fröhliches Lernen, frohes Genießen.“
Um 1870 veränderte sich der Vater beruflich und stieg in Stuttgart in ein Geschäft ein. Für die Familie bedeutete das einen Umzug aus der ländlichen Gegend in die große Stadt. Henny war mitten im Backfischalter.
„Landkinder in der Stadt – Vögel im Bauer! Aber man gewöhnt sich, wir auch. Und dann liebten wir Stuttgart, die Wunderschöne. Dort habe ich dann auch meine Jugendtage verbracht, in Lust & Leid.“
Von der Übersetzerin zur Autorin
Über Henny Kochs Schul- oder Ausbildung ist nichts bekannt. Wir lesen erst über die Mitzwanzigerin Henny weiter:
„Dann machten es die Verhältnisse nötig, daß ich mich nach einer Tätigkeit umsah. Eine Tante war durch Heirat der Tochter einsam geworden, bei ihr fand ich ein Heim, einen Zweck. So hat mich mein Geschick hierher nach Jugenheim verschlagen, wo meine Tante ein schönes Landhaus besaß.“
1881 zog Henny Koch also mit ihrer verwitweten Tante Sophie Ernst als deren Gesellschafterin nach Jugenheim an der Bergstraße, zu der Zeit ein beliebter Luftkurort und mit seinem Schloss Heiligenberg ein Ort mit Weltruf als Sommerresidenz der russischen Zarenfamilie. Der „Deutsch-Englische-Reise-Courier“ riet 1904:
„Wer sich also von den Sorgen und Anstrengungen des geschäftlichen Lebens in Wahrheit ausruhen will, wer die lungenvergiftende Luft der Grosstädte und Fabriksgegenden flieht, um seinem Körper neue Lebenskraft zuzuführen, um Leib und Seele zu erfrischen am unversiegbaren, immer lebendig sprudelnden Jungborn der freien Gottesnatur, der findet in Jugenheim, was er sucht: Eine an landschaftlichen Naturschönheiten reiche Gegend, weit ins Gebirge führende, bequeme Waldspaziergänge, eine reine, ozonreiche Luft und vor allen Dingen die für Nerven und Gemüt so ungemein wohltuende Ruhe und feierliche Stille.“
Ab 1890 fand Henny eine Beschäftigung und Erwerbsmöglichkeit im Übersetzen zeitgenössischer amerikanischer Literatur – von Amélie Rives, Mark Twain, Mary Wilkins und Emily H. Miller.
1899 veröffentlichte Henny Koch eine freie Bearbeitung der Erzählung „Captain January“ von Laura E. Richards unter dem Titel „Vater Jansens Sonnenschein“.
So ist sie vom Übersetzen über das freie Bearbeiten zu eigenen Erzählungen gekommen.
„Zuerst gab mir der Wunsch, der Zwang nach Erwerb die Feder in die Hand, ich versuchte zu übersetzen. Bald aber genügte mir das nicht, ich begann zu fabulieren & siehe da, meinem jungen Publikum gefiel, was ich zu sagen hatte. Es wuchs mir die Lust, der Mut, die Kraft, ich war ein glücklicher Mensch in meiner Arbeit. Und ich habe viel Freundliches drüber hören dürfen, sie ist mir ein Gnadengeschenk, für das ich nicht dankbar genug sein kann. Sie hat mir auch ein liebes eigenes kleines Nest gebaut, meine „Klauß“, in der ich mit der Mutter lange, frohe, zufriedene Jahre haben durfte.“
Die hier erwähnte „Klause“ hat Henny Kochs Jugenheimer Schriftstellerkollegin Helene Christaller (1872-1953) in einem Nachruf in der illustrierten Mädchen-Zeitschrift „Das Kränzchen“ so beschrieben:
„Am Ende von Jugenheim, an der schönen Bergstraße, steht ein rosenumranktes Häuschen, „Die Klause“ genannt. Mitten in blühenden Wiesen und Gärten, mit dem Blick auf das Gebirge liegt es da, und wenn man durch den sorgfältig gepflegten Blumengarten eintritt, grüßen den Besucher von der Hauswand die Worte:
In kleiner Klause zufriedener Sinn,
So tausch’ ich mit keiner Königin.“
Ab 1901 entwickelte Henny Koch sich zu einer fleißigen Schriftstellerin, die ihre ersten eigenen Erzählungen für junge Mädchen in verschiedenen Verlagen veröffentlichte. Der Durchbruch kam durch die Zusammenarbeit mit der Union Deutsche Verlagsgesellschaft. Die meisten ihrer Erzählungen erschienen fortan zunächst als Fortsetzungsgeschichten in deren „Kränzchen“ und später in Buchform. Es waren schließlich 21 große und dazu noch zahlreiche kleine Erzählungen, die in 7 Sammelbänden erschienen.
Das Jahr 1914 brachte viele Veränderungen – für Henny Koch persönlich, als am 10. April ihre Mutter starb und für die Welt mit dem Beginn des 1. Weltkriegs Ende Juli 1914. Erst im November 1918 war der Krieg zu Ende, ein Krieg, in dem viele Millionen Soldaten und Zivilisten ihr Leben verloren hatten. Durch die Folgen des 1. Weltkriegs mit politischen, sozialen und wirtschaftlichen Umbrüchen und der Inflation waren Henny Kochs letzte Lebensjahre mit Kummer und Sorge verbunden. Selbst ihr als Erfolgsautorin wird es wirtschaftlich nicht gut gegangen sein, ihr junges Lesepublikum veränderte sich durch die Erlebnisse der letzten Jahre, die Überzeugungen aus dem Kaiserreich mit Patriotismus, Nationalstolz und Sicherheit gerieten ins Wanken, gesundheitliche Probleme kamen hinzu.
Henny Koch ist 70jährig am Samstag, 13. Juni 1925 in Jugenheim gestorben. Im Nachruf von Helene Christaller kann man lesen:
„In dieser Klause ist in den letzten Monaten ein schwerer Kampf mit Krankheit und Tod ausgefochten worden, und daß er so ausging, lag vielleicht daran, daß die Kämpferin nicht mehr gern lebte; sie war lebensmüde und lebenssatt. […] Als ich sie an ihrem letzten Krankenlager besuchte und ihr ein Körbchen frisch gepflückter Veilchen brachte, sprach sie mit müder Stimme davon, daß das Leben keine Freuden mehr für sie habe; es sei nicht der Mühe wert, gesund zu werden. „Aber haben Sie nicht noch Freuden zu vergeben?“ fragte ich sie. „Denken Sie an die Hunderttausende von jungen Menschen, deren Augen leuchten, wenn sie ein Buch von Henny Koch auf dem Weihnachtstisch finden!“ Da ging ein heller Schein über ihr verfallenes Gesicht. „Ja, das ist noch das einzige – Freude geben,“ flüsterte sie matt.“
Mädchenbücher – Neue Gattungen spiegeln den Zeitgeist
Bei Henny Kochs Mädchenbüchern handelt es sich nicht nur um typische Backfischromane, sondern auch andere, untypische Themen werden in die Geschichte der Entwicklung eines jungen Mädchens miteingesponnen. Die Literaturwissenschaft spricht von sich in der Kaiserzeit neu herausbildenden Gattungen, dem Mädchenkriegsroman, dem Mädchenkolonialroman, dem Mädchenreiseroman und dem historischen Mädchenroman.
In Henny Kochs Werk finden sich Exemplare zu jeder dieser Gattungen und verschiedene Mischformen. Im Mädchenreiseroman „Im Lande der Blumen“ wird zum Beispiel über die Abenteuer einer jungen Schwäbin in Japan berichtet und in „Ein tapferes Mädchen“ begleiten wir ein Mädchen auf Amerikareise. Die Reiseerzählung „Die verborgene Handschrift“ über den Aufenthalt eines jungen Mädchens in Venedig ist durch die Einbettung der Geschichte von Marino Falieri (1274–1355), dem 55. Dogen von Venedig, auch ein historischer Mädchenroman. Der Mädchenkolonialroman „Die Vollrads in Südwest“ spielt in der damaligen deutschen Kolonie in Südwestafrika. Exemplarisch für einen Mädchenkriegsroman ist „Wildes Lorle“, in dem Einblicke in das Leben einer Gruppe Jugendlicher zuerst als Wandervögel und mit Ausbruch des 1. Weltkriegs als Soldaten und Mädchen an der „Heimatfront“ gegeben werden. Mischformen aus historischen und Mädchenkriegsromanen sind beispielsweise „Aus großer Zeit“, eine Erzählung, die in der Zeit des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 spielt oder „Jungfer Ursel“ mit Erlebnissen eines Göttinger Mädchens im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648).
Auch im Ausland populär
Einige Titel wurden auch übersetzt und erschienen im Ausland. Der Erfolgstitel „Papas Junge“ zum Beispiel in Italien (1905), in den Niederlanden (1907), in Norwegen (1911) und in Ungarn (1925). Nach ihrem Tod folgten noch Ausgaben in Spanien (1929) und Polen (1930).
Eine bemerkenswerte Karriere
Nach dem 2. Weltkrieg gab es leider keine Nachkommen mehr, die sich um deutsche Neuauflagen hätten bemühen können. Heutzutage sind Backfischromane aber durch Digitalisierungsprojekte und das E-Book-Format wieder verfügbar und einige durch das Print-on-Demand-Verfahren sogar als gedruckte Bücher erhältlich.
Aus heutiger Sicht ist Henny Kochs Werdegang wirklich bemerkenswert. Junge unverheiratete Frauen hatten Ende des 19. Jahrhunderts keine echte Wahl oder Perspektive, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Henny Koch jedoch fand einen Antrieb, blieb dran, war gebildet, fleißig und zielstrebig. Sie fand Unterstützer und Förderer, wurde zunächst eine vielgelobte Übersetzerin aus dem Englischen und später eine der bekanntesten deutschsprachigen Jugendbuchautorinnen ihrer Zeit. Noch in der Kaiserzeit erschienen erste Übersetzungen ihrer Werke im Ausland, weitere folgten nach dem Ersten Weltkrieg. In Italien fand sie mit der späteren Literaturnobelpreisträgerin Grazia Deledda (1871-1936) eine berühmte Fürsprecherin und traf offensichtlich mit ihren Geschichten den richtigen Ton für ihr italienisches Lesepublikum, so dass es 1942 sogar eine bis heute beachtete Verfilmung von „Il Birichino di Papà” (Regie: Raffaello Matarazzo, Filmmusik: Nino Rota) und Buchausgaben bis in die 1970er Jahre gab.
Henny Kochs Werk ist so vielfältig, dass es sich als Zeitzeugnis zu entdecken lohnt. Allen Vorurteilen über Backfischliteratur zum Trotz sollte man sich einfach einmal auf ihre Geschichten einlassen. Dann entdeckt man in der aus der Zeit gefallenen Sprache und den altmodischen Ansichten viel Witz und Denkanstöße und kann nebenbei viel über vergangene Zeiten lernen. Indem man liest, was Mädchen aus bürgerlichen Kreisen damals mit großer Begeisterung gelesen haben, nähert man sich ihnen auf eine besondere Weise. Ich finde es spannend, sich so den eigenen Groß-, Urgroß- oder Ururgroßmüttern zu nähern.
Über die Autorin:
Dana Rothstein wurde in Aachen geboren. Im Laufe ihres Lebens (Studium, Beruf) zog es sie immer weiter in den Süden: Nach dem Abitur erst nach Darmstadt und Seeheim-Jugenheim, dann Karlsruhe, Stuttgart und letztlich Vorarlberg, dem westlichsten Bundesland Österreichs. Dana arbeitet als Technische Redakteurin und ist in ihrer Freizeit gern auf literatur- und regionalgeschichtlichen Spuren unterwegs. Vor mehr als 20 Jahren hat sie die Mädchenbuchautorin und Übersetzerin Henny Koch (1854-1925) wiederentdeckt und sich zum Ziel gesetzt, deren Werk und Leben vor dem Vergessen zu bewahren. Unter Links findet Ihr ihre Internetseite dazu.
Weitere Links:
- Bei diesem Projekt findet Ihr einige digitalisierte Romane von Henny Koch:
https://www.projekt-gutenberg.org/autoren/namen/koch.html - Internetseite der Autorin zu Henny Koch:
https://hennykoch.de/