Inhalt:
Eine Reise nach Böhmen, eine Reise zu sich selbst: Um ihre Mutter endlich zu verstehen, kehrt die Protagonistin Nina in deren alte böhmische Heimat zurück. Dort stößt sie nach und nach auf die Geschichte ihrer Mutter. Ich brauchte etwas, um in den Roman hineinzufinden, doch dann zog er mich zunehmend in seinen Bann und hat mich am Ende sehr berührt.
Claudia Rikl greift in ihrem Roman ein Thema auf, das bis heute viel zu selten im Mittelpunkt steht: die Vertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg und ihre langfristigen Folgen. Zugleich lässt sich der Roman auch als allgemeine Parabel auf die Wirkung unbewältigter Kriegserfahrungen lesen — auf das, was sie mit Menschen und ihren Familien anrichten können, wenn sie nie wirklich aufgearbeitet werden.
Der Roman entfaltet sich auf drei Zeitebenen: In der Gegenwart, der ersten Ebene, ist die Mutter Irma gerade gestorben ist und die beiden Töchter Nina, aus deren Perspektive erzählt wird, und ihre jüngere Schwester Katja verarbeiten diesen Verlust. Die zweite Zeitebene ist in den 1980er Jahren angelegt, als die Familie im Sommer gemeinsam in die alte Heimat reist. Dieser Urlaub hat für die Familie dramatische Folgen.
In der dritten Ebene erzählt Claudia Rikl von der Mutter Irma, die nach Kriegsende als Achtjährige mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder aus der sudetendeutschen Heimat vertrieben wird. Ihre Erfahrungen sind traumatisch und prägen ihr weiteres Leben zutiefst. Später wird sie über das Erlebte mit niemandem sprechen. Sie stirbt als gebrochene Frau, die im Laufe ihres Lebens erst eine Tochter und dann ihren Mann verloren hat.
Fazit:
Claudia Rikl erzählt sehr persönlich und eindringlich davon, welche Folgen der Krieg nicht nur für jene hatte, die ihn als Kinder erlebten, also die Eltern meiner Generation, sondern auch für die nachfolgenden Generationen. Ich kann den Roman nicht nur Leserinnen und Lesern empfehlen, deren Eltern Kriegskinder waren, sondern ebenso denen, die heute keinen unmittelbaren persönlichen Bezug mehr zu dieser Zeit haben. Denn diese fiktive, einfühlsam erzählte Geschichte bringt diese Vergangenheit und ihre bis heute spürbaren Nachwirkungen auf bewegende Weise nahe.
Über die Autorin
Claudia Rikl ist geboren und aufgewachsen in einer Kleinstadt in der ehemaligen DDR. Ihr kritisches Umfeld und die Ereignisse der Wendezeit haben sie tief geprägt. Sie ist Literaturwissenschaftlerin und Schreibdozentin und lebt mit ihrer Familie in Leipzig.
Der Roman ist im Ullstein Verlag erschienen.
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