„Der falsche Trauring“ von Else von Steinkeller

E., den 1. Juli.

Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was erzählen –
Ja, und wenn er das Geld dazu hat, solche Reise zu tun, so wie ich. Ich heiße Lena von Sandten. Und dazu wirklich selbst verdientes Geld! Ein Jahr lang Unterricht gegeben an der Marienschule. Wozu hat man denn sonst sein Examen gemacht?

Und ganz nett war’s außerdem auch noch, das Lehrerin sein, bei all den niedlichen, kleinen Mädchen, die so an mir gehangen haben!

Also, ich habe gespart und gespart, und Papa hat noch hundert Mark dazugegeben – und nun sind wir so weit. Übermorgen wird abgereist – in die Schweiz – an den Vierwaldstätter See! –

Die Margot Wegener, meine beste Freundin, kommt mit. Die hat natürlich nicht zu unterrichten und auch nicht zu sparen brauchen. Die braucht nur ins volle Portemonnaie zu fassen. Wir beide nun also gänzlich ohne Aufsicht in die weite Welt. Wie das nur enden wird!

Mama findet es entsetzlich! Natürlich! Aber Papa sagt: „Recht so, immer selbständig sein! Alt genug bist du ja!“

Ich bin nämlich letzte Woche einundzwanzig Jahre alt geworden. Das gesetzliche Alter zum Selbständigsein. Und die Margot, die hat überhaupt Verstand für uns beide! So schön ruhig und „ausgeglichen“ ist sie! Ach, ich wollte, ich wäre auch so!

 

Den 3. Juli.

Um elf Uhr abends sollte unser Zug abgehen! Die Koffer haben die Burschen zur Bahn gebracht, dann sind wir hinterher gepilgert. Den Rucksack um, den Bergstock in der Hand!

Unser friedliches Städtchen hat natürlich schon fest geschlafen. Ein paar unsolide Bürger, die uns begegneten, haben erstaunt auf unseren Bergstock gesehen. Natürlich trugen wir den recht sichtbar. Papa sagt: „Protzig!“

Margots Vater hat uns eigentlich mit dem Auto zur Bahn schicken wollen. Ist aber empört von uns abgelehnt worden. Warum nicht gar im Aeroplan?

Diese geheimnisvolle Dämmerung und interessante Stimmung nun auf dem Bahnsteig! Wie der Zug so langsam einfuhr, und wie wir ins Kupee verladen wurden. –

All die guten Ermahnungen. Schreibt auch bald und frankiert richtig! Seid hübsch vernünftig! Adieu, adieu! Und fort ging es! Natürlich ist es ein Ferienzug gewesen! Kostet die Hälfte und ist das doppelte Vergnügen!

Jawohl! Ver-gnü-gen!

Wir haben wie die Heringe im Kupee gesessen. Darunter ein hoffnungsvoller Jüngling von elf bis zwölf Jahren mit einer ungemütlichen Mama.

Margot und ich hatten glücklicherweise Fensterplätze, aber trotzdem – an diese Nacht werde ich denken, und wenn ich hundert Jahre alt werde.

Ich habe das Schlafen versucht auf jede Art. Stehend, sitzend, seitlich angelehnt, vornüber mit dem Kopfe baumelnd – natürlich alles resultatlos. Den andern ist es nicht besser gegangen. Der einzige, der auf seine Kosten gekommen ist, war der hoffnungsvolle Jüngling. Der hat sich in schöner Bescheidenheit lang ausgestreckt, und sie „ungemütliche Mama“ hat seinen Schlummer verteidigt wie eine Löwin ihr Junges. Geschnarcht hat er auch noch!

Mich hat der Humor der Situation so überwältigt, dass ich alle Müdigkeit aufgegeben und nur noch beobachtet habe! Schlafen kann man schließlich zu Hause auch! Ein wundervolles Gewitter haben wir erlebt – die Sonne ging auf, die Gegend wurde immer schöner.

In Frankfurt-Sachsenhausen hielt unser „Zügle“ programmäßig!

Da sind die Menschen alle ausgestiegen, haben ihre Glieder gestreckt und dazu gegähnt. Himmel – wie haben sie ausgesehen! Morgenbeleuchtung ist nicht vorteilhaft für jedermann.

Schließlich haben sie angefangen, sich auf offenem Bahnsteig zu waschen und zu frisieren.

Einige verschämt und heimlich! Andre ganz ungeniert.

Die Margot und ich haben das Taschentuch ins Wasser getaucht und sind uns damit über das Gesicht gefahren. – Katzenwäsche!

Die Haarfrisur mit den Fingern ein bißchen zurechtgezupft, dreimal den Bahnsteig auf und ab gerannt, fertig waren wir!

Dann gab es Kaffee – auch frische Brötchen.

Und dann ging es weiter. Immer schöner ist die Welt geworden. Ich habe nichts getan, wie am Fenster gestanden.

Heidelberg haben wir gesehen, Berge, Burgen und Wälder. In der Ferne die Türme von Straßburg, die Vogesen!

Und dann der Rhein – der Rhein! Nicht der Vater Rhein, wie wir ihn kennen, nein, das Kind – der Jüngling! Aber der Rhein, trotz alledem!

Bald sind wir in Basel gewesen. Die Zollbeamten rückten an.

In schöner Ehrlichkeit hat die Margot eine Schachtel Zigaretten entlarvt und ich ein Paket Schokolade. Förmlich drängen taten wir uns, unser Geld loszuwerden.

Eine vornehme Handbewegung, ein ironisches Lächeln. – Die Zollbeamten verschwanden.

Wir sind unversteuert geblieben.

Mittag haben wir auf dem Schweizer Bahnhof gegessen, auf deutsch „Diner“.

Fleisch ohne Sauce, Kullerschoten, denen man mit der Gabel auf dem Teller nachjagt, bis man sie glücklich erwischt.

Und da am Nebentisch, da haben zwei Herren gesessen, wirklich nett haben sie ausgesehen. Die verwandten kein Auge von uns. Natürlich, weil die Margot so bildschön ist, denn nach mir sieht schon keiner. Aber peinlich war es doch.

Ob wir am Ende trotz des gesetzlichen Alters von einundzwanzig Jahren nicht würdig genug sind, allein zu reisen?

Da ist mir ein famoser Gedanke gekommen.

„Du, Margot,“ sagte ich, „was meinst du, wenn ich mich statt Fräulein von Sandten ‚Frau‘ nenne? Kennen tut uns hier niemand, und es gibt uns gewissermaßen einen würdigeren Anstrich!“ –

Margot hat gelacht, aber Spaß hat es ihr gemacht! Und weil sie doch auch ihre Maskerade haben wollte, und weil sie sich doch immer einbildet, daß alle Leute nur so hinter ihr her sind, ihres vielen Geldes wegen, will sie also von jetzt an als meine „arme Cousine“ und „Gesellschafterin“ mit mir reisen.

Wer es glaubt!

Jetzt bin ich neugierig, was daraus wird. „Verderben, gehe deinen Gang!“ würde Papa sagen.

In dem schönen, eleganten D-Zug, der uns von Basel nach Luzern fuhr, ist dann aber nicht viel mehr Zeit gewesen zum Pläneschmieden. Schöner und schöner ist die Welt geworden, höher und schroffer die Berge.

An alten Schlössern sind wir vorbeigekommen und an Dörfern mit echten „Schweizerhäuschen“. Immer von einem Fenster zum andern sind wir gelaufen, um ja nichts zu versäumen. Und dann plötzlich, bei Olten war es, wo die Bahn eine beträchtliche Höhe erreicht – ein Jubelruf: „Die Alpen!“

Da waren sie, fern, ganz fern, aber doch greifbar deutlich. Die Bergriesen Eiger, Mönch, Jungfrau, blendend im Schnee und klar bis zu den höchsten Gipfeln. Eine Beleuchtung dazu, wie sie kein Künstler schöner ausdenken kann.

Ich bin ganz verzaubert gewesen vor Freude!

Aber die Prosa des Lebens hat mich bald wieder mit beiden Füßen auf die Erde gestellt. Zunächste habe ich entdeckt, daß die beiden Herren vom Bahnhof in Basel mit im Zug waren, und dann haben wir, in Luzern glücklich angekommen, in rasender Eile unser Gepäck zum Dampfer spedieren und außerdem noch zum Juwelier stürzen müssen, um einen Trauring für mich zu besorgen. Ohne den geht es doch nicht! –

Nein, was der Mann aber für ein Gesicht gemacht hat, als ich einen wählte für zwei Mark! Ich habe den Handschuh nicht wieder angezogen – seinetwegen.

Dem Bergriesen Pilatus habe ich zuerst damit imponiert, und er hat schaudernd sein Haupt verhüllt, während wir mit dem schönen, weißen Dampfer „Unterwalden“, auf dem die Schweizer Flagge wehte, hindampften über den himmlisch schönen Vierwaldstätter See, nach dem Ort unsrer Bestimmung, dem kleinen B. am Fuße des Rigi.

 

Weiter geht es in der 1. Fortsetzung.