Erzherzogin Marie Valerie – die Lieblingstocher von Kaiserin Sisi

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Ein Gastartikel von Petra Herzberg

Die besondere Beziehung zu Ihrer Mutter, Kaiserin Elisabeth von Österreich

Erzherzogin Marie Valerie wurde als viertes und letztes Kind des Kaiserpaars am 22. April 1868 im heutigen Budapest (damals im Stadtteil Ofen) geboren. Als jüngste Tochter wurde sie insbesondere von ihrer Mutter verwöhnt. Sisi hatte sich in ihrem Eheleben einige Freiheiten erkämpft. Die erstgeborenen Kinder Sophie, Gisela und Kronprinz Rudolf wurden nach der Geburt, wie es Tradition im Hause Habsburg war, von Ammen, Kindermädchen, Kammerfrauen, Privatlehrern sowie der Erzherzogin Sophie, Mutter von Kaiser Franz Joseph, unterrichtet und erzogen und der leiblichen Mutter entzogen.

Sisi durfte ihre Kinder zwar zu festen Zeiten sehen und mit ihnen spielen, aber sie durfte sie nicht selbst stillen und auch nicht erziehen. Erzherzogin Sophie war der Ansicht, dass eine Kaiserin zu ihrem Mann gehöre und aufgrund der vielen Verpflichtungen und Reisen hat eine Kaiserin ohnehin keine Zeit, sich um ihre Kinder zu kümmern. Irgendwann gab Sisi ermüdet den Kampf um die Kinder auf.

Marie Valerie kam erst 1868 zur Welt, da waren die beiden überlebenden Kinder Gisela und Rudolf bereits 12 bzw. 10 Jahre alt. Die erstgeborene Sophie starb bereits mit 3 Jahren an der Ruhr. Als Dank für den ungarisch-österreichischen Ausgleich im Jahre 1867 und der daraus resultierenden Krönung am 8. Juni 1867 zum König und Königin von Ungarn fand mit der Geburt von Marie Valerie das größte Geschenk von Sisi an ihren Mann und an das geliebte ungarische Volk, ihren Höhepunkt.

Natürlich hatte sich Sisi einen Knaben gewünscht, den sie dem geliebten ungarischen Volk als zukünftigen König hätte schenken wollen. Nachdem sich Sisi gegen ihre Schwiegermutter Sophie durchgesetzt hatte und die kleine Marie Valerie diesmal nicht in die Kindskammer geben musste, konnte sie es verwöhnen, bemuttern und nahm es überall auf ihre Reisen mit.

Sisi konnte sich mit dem Kind weitere Freiheiten herausnehmen, in dem sie z.B. Krankheiten von Marie Valerie vorschob, um z.B. mit ihr ans Meer zu reisen der guten Luft halber. Dies war aber reiner Egoismus, denn nur Sisi wollte reisen, Marie Valerie nicht. Sie folgte zwar gehorsam ihrer Mutter und lernte brav fließend ungarisch zu sprechen, jedoch mochte sie sie die Sprache nicht und wäre lieber bei ihrem Vater geblieben, einfach neben ihm sitzend, während er am Schreibtisch die Akten studierte.

1877 schenkte der ägyptische Vizekönig Sisi einen afrikanischen Dienstboten namens Rustimo. Dieser soll Spielkamerad Marie Valeries gewesen sein. Mit gehobenem Alter wurde Rustimo als nicht mehr von Nutzen gesehen und 1891 in ein Heim gesteckt. Der Adel betrachtete damals junge und gesunde Schwarze als Statussymbol und führte diese gerne vor. Rustimo starb 1892 ohne seine afrikanische Heimat wiederzusehen.

Sisi war eine blendende Erscheinung zu Pferd und beherrschte die schwierigsten Dressuren, kam oft ohne Sturz in den schwersten Jagden ins Ziel, ritt die Hohe Schule, beherrschte Zirkuslektionen und konnte Kutsche fahren. Jedoch erlaubte sie Marie Valerie nicht, auf ein Pferd zu steigen, aus Angst es könnte ihr etwas passieren. Auch jeder kleinste Husten sowie jedes Unwohlsein der Tochter artete in krankhaften Reaktionen und aller grössten Sorgen aus.

Dieses Kind war ihr Ein und Alles. All die Liebe, die Sisi Ihren älteren Kindern nicht geben durfte und konnte, wurde auf die kleine Erzherzogin projiziert. Sisis Umfeld, ihre Hofdamen und Familienmitglieder nannten Marie Valerie entweder nur „Das ungarische Kind“ oder „Die Einzige“. Marie Valerie liebte ihre Mutter, aber deren narzisstischen Züge nervten sie immer mehr und sie war froh, als Erzherzog Franz Salvator sich in sie verliebte und gab ihm begeistert das Jawort zur Hochzeit. Sisi jedoch war totunglücklich darüber, ihr „einziges Kind“ zu verlieren.

Ihr Vater, Kaiser Franz Josef und ihre Geschwister, Erzherzogin Gisela und Kronprinz Rudolf

Erzherzogin Gisela kam am 15.Juli 1856 in Wien zur Welt, zwei Jahre später, am 21. August 1858 folgte Kronprinz Rudolf, geboren in Schloss Laxenburg, bei Wien. Das Verhältnis der älteren Geschwister untereinander war herzlich und liebevoll, das Nesthäkchen Marie Valerie jedoch wurde mit Eifersucht beäugt, durfte es doch viel näher bei der Mutter sein, mit ihr reisen, bekam viel mehr Geschenke und Zuneigung von ihr.

Die Tochter von Sisis Bruder Carl Theodor (Gackel), Amelie, wurde Marie Valeries Lieblingscousine, Spielkameradin und beste Freundin. Es gibt eine Reihe sehr süßer Fotos von Marie Valerie zusammen mit Amelie, z.B. beim Klavierspielen, beim Stricken und einfach nur nebeneinander in liebevollen Posen. Mit einer anderen Freundin, Aglae von Auersperg, ließ sich Marie Valerie ebenfalls oft in netten Posen ablichten.

Marie Valerie liebte und verehrte ihren Vater, Kaiser Franz Joseph. Oft schlich sie sich zu ihm und wollte nur einfach neben ihm sitzen und versprach auch ganz leise zu sein. Sie vertraute ihm an, dass sie es hasse, nur ungarisch mit ihrer Mutter reden zu dürfen und genoss es, wenn der Vater arbeitend zwischen den Akten ein paar deutsche Worte an seine Tochter richtete.

Heirat und Glück

Marie Valerie war ein hübsches schlankes Mädchen. In ihrer Toilette, oft mit Blumen im Haar, sah sie hinreißend aus. Es gibt wunderschöne Fotos von ihr in aufwändigen Kleidern mit geschnürter atemberaubender Taille.

Die Kleider waren ihr auf den Leib geschneidert und sie hatte sehr geschmackvolle Accessoires, wie Handschuhe, Gürtel, Schirme, Hüte, mit denen sie sich sehr gern ablichten ließ. 1886 lernte sie auf einem Ball Erzherzog Franz Salvator von Österreich-Toskana kennen und verliebte sich in den schneidigen Mann. Er war ihr Cousin 3. Grades.

Zum Weihnachtsfest 1888 verlobten sich die beiden. Sisi war darüber sehr traurig, denn das bedeutete keine gemeinsamen Reisen mehr. Am 31. Juli 1890 läuteten die Hochzeitsglocken im heutigen Bad Ischl.

Leider wurden die Hochzeitsvorbereitungen durch den Tod des Kronprinzen überschattet. Im Jagdschloss Mayerling des Kronprinzen vor den Toren Wiens kam es in der Nacht des 30. Januar 1889 zu einer Tragödie, die bis heute nicht vollständig aufgeklärt ist. Kronprinz Rudolf starb durch einen Schuss in den Kopf. Seine Geliebte, die erst 17-jährige Baroness Mary Vetsera starb ebenfalls dort. Dem Bericht des Arztes zufolge war sie von Kronprinz Rudolf erschossen worden. Die Hochzeit konnte jedoch nicht mehr abgesagt werden.

Die Frischvermählten bezogen das Schloss Lichtenegg in Wels. Zwei Jahre später wurde ihnen die erste Tochter, Elisabeth Franziska, geboren.

Es wurden ihnen noch weitere 9 Kinder geboren. Die wachsende Familie zog ins Schloss Wallsee ein, was die beiden 1895 kaufen konnten.

Wachsende Kinderschar – doch der Ehemann auf Abwegen

Die Ehe mit Franz Salvator war am Beginn noch harmonisch, wurde jedoch mit der Zeit immer schlechter. Wie andere Männer der damaligen Aristokratie hatte auch Franz Salvator Verhältnisse zu anderen Frauen, u.a. zu Prinzessin Stephanie zu Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst. Aus dieser Beziehung ging ein Bub hervor, den er noch zu Marie Valeries Lebzeiten anerkannte. Marie Valerie litt sehr unter der Untreue ihres Mannes, jedoch kam eine Scheidung für sie aus dynastischen und ethischen Gründen der damaligen Zeit nicht in Frage. Sie hätte ihren Vater, Kaiser Franz Joseph niemals um die Auflösung ihrer Ehe bitten dürfen, das wäre einem Affront gleichgekommen. Wie viele andere betrogene Ehefrauen der damaligen Zeit ertrug sie still aber leidend die außerehelichen Beziehungen ihres Mannes und suchte Ablenkung bei ihren Kindern und in ihrer Wohltätigkeit.

Wohltätigkeit

1900 übernahm Marie Valerie als Ehrenprotektorin Verpflichtungen für das Rote Kreuz. Sie ließ einige Lazarette errichten und sorgte großzügig für finanzielle Unterstützung. Ihr ganzes Leben lang war sie sehr gläubig und bescheiden und man nannte sie im Volk „Der Engel von Wallsee“. In Dankbarkeit ihr zu  Ehren wurde eine Brücke zwischen Esztergom und Sturovo, die über die Donau führte, „Maria Valeria Brücke“ benannt. In Klagenfurt wurde die heutige Handelsakademie, die früher ein „Marie Valerie Siechenheim“ war, nach ihr benannt und in der kleinen Stadt Baden bei Wien gibt es die „Valeriegasse“, mit der sie als Wohltäterin der Stadt gewürdigt wurde.

Ihr früher Tod – heutige Nachkommen

1924 wurde bei Marie Valerie Lymphdrüsenkrebs festgestellt. Die Ärzte waren machtlos. Am 6. September 1924 starb sie im Kreise ihrer Familie. Sie wurde nur 56 Jahre alt und wurde in der Habsburgergruft der Pfarrkirche Sindelburg außerhalb der Chormauer an der Ostseite beigesetzt.

Ihre Nachkommen sind zahlreich, der prominenteste unter ihnen ist Markus von Habsburg, der Besitzer und Bewohner der Bad Ischler Kaiservilla. Marie Valerie hatte insgesamt 10 Kinder, wovon die letztgeborene, die kleine Agnes, 1911 nach der Geburt verstarb. Marie Valerie hatte 33 Enkelkinder. Nach dem Untergang der Monarchie 1918 musste sie ihren Namen auf Marie Valerie Habsburg-Lothingen ändern. Sie wurde getreue Staatsbürgerin und durfte somit in Österreich bleiben. Außerdem durften sie und ihre Nachkommen ihr habsburgisches Privatvermögen behalten, auch das Schloss Wallsee. Auf Grund des Gesetzes vom 3.April 1919 betreffend der Landesverweisung und die Übernahme des Vermögens, gab sie im Jahre 1920 ihre Erklärung ab, auf ihre Mitgliedschaft des Hauses Habsburg und auf alle aus ihr gefolgerten Herrschaftsansprüche zu verzichten.

Noch heute leben die Nachkommen der Kaisertochter auf Schloss Wallsee sowie in der Kaiservilla zu Ischl.

Ein Teil der Kaiservilla ist als Museum zu besichtigen – auch der sie umgebende schöne englische Landschaftspark. Hier mein Museumstipp dazu.

Über die Autorin:

Petra Herzbergs erste Passion ist Sisi. Sie weiß alles über die berühmte Kaiserin der K & K Monarchie. Alles? Ja, ALLES was man in Erfahrung bringen kann! Nicht nur, dass sie alle (deutschen) Bücher, die es zum Leben von Sisi und ihrem Mann Kaiser Franz Joseph gibt, gelesen hat, sie sammelt neben den Büchern auch Bilder, Fotos und Figuren von Sisi.
Nicht nur die Kaiserin selbst fasziniert und interessiert sie, auch ihre Familie. In ihrer Sammlung von Fotos hat sie im Laufe der Jahre sehr seltene von Tochter Marie Valerie zusammengetragen, eine Reihe schöner Originalaufnahmen

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– viele davon sind in diesem Artikel zum ersten Mal veröffentlicht.

Beruflich ist sie seit vielen Jahren erfolgreich in der Bankenbranche tätig. Ihre zweite Passion, die sie, aber das mehr zufällig, mit Kaiserin Sisi teilt: das Reiten im Damensattel und ihre zwei Pferde, ihr Ausgleich vom stressigen Joballtag.

Und wenn dann noch Zeit bleibt – dann sitzt sie an ihrem Buch. Ratet mal, zu welchem Thema…

Zu Kaiserin Sisi sind bereits folgende Artikel von Petra Herzberg erschienen: „Sieben Geheimnisse von Kaiserin Sisi, die Du wahrscheinlich noch nicht kennst„; „Sisis Reisen – Flucht oder Abenteuer?“ sowie  „Sisi und der Reitsport vor 150 Jahren

Von Christian Sepp wurden diese Artikel zu Sisis kleiner Schwester „Sophie Charlotte – das dramatische Schicksal…“ sowie zu Sisis Mutter Ludovika und ihrer Familie veröffentlicht.

Von Stefan Haderer ist der Artikel  „Sisis jugendliche Schwärmer – die Kaiserin und ihre griechischen Vorleser“ hier erschienen.

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