Eine Schweizer Familie im Zarenreich: Ostwärts, wo der Horizont so endlos ist

 In Auswanderung, Gastbeitrag, Landleben, Unkategorisiert

Ein Gastartikel von Karin Huser

Wie lebte eine Schweizer Auswandererfamilie, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bis zum Revolutionsjahr 1917 in einer ländlichen Gegend der Ukraine im südlichen Zarenreich? Ein enormes Briefkonvolut, das mehrere hundert Briefe umfasst, zahlreiche Tagebücher und Lebenserinnerungen, Fotografien sowie weitere Familiendokumente in einer selten vorhandenen Dichte ermöglichen einen detaillierten und facettenreichen Einblick in den Alltag einer sogenannten Russlandschweizerfamilie. Dieser Artikel basiert auf einem Buch zum Thema, was am Ende vorgestellt wird.

Auswanderung – ein Entschluss

Als der Zürcher Bürgersohn August von Schulthess im Frühjahr 1871 in Trostjanetz, einem riesigen Landgut in der ostukrainischen Steppe, eintraf, hatte er dort um sieben Jahre den Komponisten Peter Ilitsch Tschaikowsky verpasst, der im Sommer 1864 drei Monate auf dem Gut lebte und an seinem ersten symphonischen Werk arbeitete. Der Komponist war von seinem einstigen Schulkameraden, Fürst Aleksej Wassiljewitsch Golizyn, auf das Anwesen eingeladen worden. Das tat jedoch nichts weiter zur Sache, denn August suchte nicht die Musik, sondern das weite Land, wo er im grossen Stil Ackerbau und Pflanzensamenzucht betreiben konnte.

August von Schulthess war 1845 als zweites Kind des Zürcher Bankiers Gustav Anton von Schulthess und der Helene geb. Thurneyssen im Haus «Rechberg» am Zürcher Hirschengraben zur Welt gekommen. Nach dem Besuch des Gymnasiums absolvierte er die Landwirtschaftliche Schule «Strickhof» in Zürich und machte anschliessend in Genf und Schlesien Praktika auf agrarischen Grossbetrieben. In Halle studierte er drei Semester am landwirtschaftlichen Institut und arbeitete schliesslich in mehreren Gutsbetrieben als Verwalter. Keine dieser Stellen und selbst die ihm von der Zürcher Regierung angebotene Leitung des «Strickhof» vermochten ihn jedoch lange zu begeistern. Sein Entschluss auszuwandern stand fest. 

Sehnsucht nach grossen Anbauflächen

Einzig bei der Wahl des Zielorts schwankte er eine Zeitlang, bis er sich auf Anraten seines Grossvaters, dem Bankier August Thurneyssen in Paris, für Russland entschied. Dieser empfahl ihm das Gut eines Herrn A. A. Mark, der beim Bankhaus in der Kreide stand, im Ort Trostjanetz im Gouvernement Charkow in der heutigen Nordostukraine. Dort übernahm August von Schulthess zunächst die Verwaltung eines Vorwerks, bis ihm Mark im November 1874 die Stelle des Obergutsverwalters anbot. Kurz darauf verkaufte Mark das 25 000 ha grosse Grundstück an den Moskauer Unternehmer Leopold König. Mit 9 000 ha Ackerland war Trostjanetz eines der grössten Landgüter des Gouvernements. Es umfasste eine Zuckerfabrik, eine Getreidemühle, eine Schnapsbrennerei sowie eine Parkettfabrik. August fand ein beinahe unerschöpfliches Betätigungsfeld, um seine Begeisterung für die Landwirtschaft auszuleben.

Die gemessen an westeuropäischen Ländern rückständige Landwirtschaft im Zarenreich wurde mittels neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse modernisiert, es kamen neue Landwirtschaftsmaschinen aus England wie Dampfpflüge, Dreschmaschinen und Selbstbinder zum Einsatz, und das «dryfarming», der Trockenfeldbau, eine Methode der Bodenbewirtschaftung an der klimatischen Trockengrenze, wurde eingeführt. August veranlasste Saatversuche mit verschiedenen in- und ausländischen Getreidesorten, insbesondere aber mit geeigneten Zuckerrübensorten. So erzielte er unter anderem in Zusammenarbeit mit der deutschen Firma Rabbethage & Giesecke einen hochwertigen Zuckerrübensamen, der einen bis zu 22fachen Zuckergehalt des herkömmlichen Saatguts aufwies. Der umsichtige Oberverwalter förderte auch die Gross- und Kleinviehzucht.

Um die Milchproduktion zu verbessern führte er Schwyzer Zuchtvieh ein, Zuchtschafe bezog er aus England. Königs Gutsbetrieb in Trostjanetz erlangte so mit der Zeit sowohl in Russland als auch im Ausland den Ruf eines mustergültig geführten Unternehmens. Die Familie sprach dem allgemeinen Usus gemäss immer von Russland. Diese Bezeichnung wird im Buch mit Zarenreich bzw. dem Russischen Imperium gleichgesetzt, zu dem die Ukraine damals gehörte, um in der damaligen Zeit zu bleiben.

Familienglück und harte Feldarbeit

Trotz seines Wohlbefindens in Russland und den vorzüglichen Sprachkenntnissen, die August von Schulthess sich bald angeeignet hatte, suchte er nicht in seinem russisch-ukrainischen Umfeld nach einer Lebenspartnerin. Vielmehr fand er sein Liebesglück bei einem seiner regelmässigen Besuche zu Hause in Zürich, in der jüngsten Tochter des Seidenkaufmanns Heinrich Hess-Zuppinger. Nach langem, hartnäckigen Brautwerben war Marie schliesslich bereit, in eine Heirat einzuwilligen und ihrem Ehemann in die Ukraine zu folgen. Schon bald wurde die Tochter Antoinette geboren, es folgten vier weitere Töchter und drei Söhne.

August liebte Russland und ging vollkommen in seiner Oberverwalterstelle auf Königs Gutsbetrieb auf. Zu seinen zahlreichen Verpflichtungen gehörte es, sich ständig auf dem Laufenden zu halten, wie es mit den Pflanz- und Tierbeständen stand, wie die Saat-, Pflanz- und Erntearbeiten liefen. Täglich ritt er aus, um sich ein Bild vor Ort auf den Vorwerken zu machen, die zum Betrieb gehörten. Eine Visitation der Versuchsfelder schilderte Marie von Schulthess’ Schwester Henriette, die ihre Schwester mehrmals in der Ukraine besuchte und den Schwager auf seinen Inspektionsfahrten gern begleitete.

«Eine Lokomotive treibt durch langen Riemen die Maschine, einen grossen Kastenwagen; mit 2 Ochsen bespannte Wagen führten die Garben zu, ein Mann reicht sie mit der Gabel auf die Maschine; dort nehmen sie Weiber in Empfang, deren mehrere da oben standen, die einen zerschnitten das Band mit der Sichel, die anderen schoben die offenen Garben hinunter, hinter dem Wagen waren nebeneinander 3 Säcke befestigt, in die das ausgedro- schene Korn, in 3 Qualitäten sortiert, fiel; seitwärts flog Spreu u. kurze Strohhäksel weg, vorn stiess die Maschine das ausgedroschene Stroh hinauf, der Elevator, eine beidseitig eingefasste steile Bahn brachte das Stroh auf hohe Haufen, wo Männer es zurechtlegten. Andere luden das Gehäksel auf ihre kleinen Pferdewägelchen; die Kornsäcke wurden dann noch auf eine andere, wie mir schien, von Hand gedrehte Maschine geschüttet, wo die letzten Unreinigkeiten abstäubten, die Säcke darauf nebenan gewogen u. zurechtgemacht. Auf der entgegengesetzten Seite von der Dreschmaschine treibt die Lokomotive eine Holzsäge, wo das Bengel- holz [Rundhölzer mit einem Durchmesser unter 20 cm, zum Anheizen verwendet] zur Heizung gesägt wurde. So greift eines schon ins andere ein.»

Heimweh nach Zürich

August liebte Russland und alles, was damit zusammenhing. Marie hingegen, die ihr behütetes Zuhause in einer Seidenkaufmannsfamilie am Zürichsee erst nach längerem Zögern verlassen hatte, um ihrem Bewerber in vollkommen unbekannte Gefilde zu folgen, tat sich schwer in ihrem neuen Umfeld, wo die fremde Sprache nebst allen anderen Gesellschafts- und Mentalitätsunterschieden noch die geringste der zu überwindenden Schwierigkeiten war. Sie blieb denn auch all die Jahre im Zarenreich hin- und hergerissen zwischen der alten, geliebten Heimat Zürich und dem ihr immer etwas fremd gebliebenen Russland, wo sie acht Kinder gebar und grosszog.

Gewisse Momente im Jahresverlauf brachte allerdings auch Marie ins Schwärmen; so liebte sie die Schlittenfahrten durch die prächtig glitzernde schneebedeckte Landschaft, unter anderem, wenn man Freunde besuchte oder einfach einen Spaziergang unternahm. Den Schwestern schrieb sie nach Zürich:

«Heut sind wir entzückt von unserm alltäglichen Spaziergang heimgekommen; es war eine Pracht auf dem Eis. Ihr müsst euch den Teich ganz von Gesträuch & Bäumen eingefasst denken, und das glitzerte heut im Sonnenschein, all die beweissten Äste gegen den dunkelblauen Himmel, zu Füssen der diamantglitzernde Schnee, & zwischen den weissen Bäumen durch die funkelnde Sonne! Dann wieder hat man heut (der Gärtner & ein paar Taglöhner) einen neuen Weg gebahnt mitten in das Gebüsch & Geschling & Sträuchern hinein, das am Ende den Teich abschliesst; alle Kinder stimmten überein: das sei ein Paradies. Man fand sich wie in einem Urwald von weissen christallenen Gräsern. Hätten wir Euch doch dabei gehabt! Es war nur 10 Grad Frost & dort ganz windstill. Die Einen liefen Schlittschuh, die Andern lustwandelten.»

Und drei Tage später die Eindrücke von einem weiteren Spaziergang:

«Es ist heut 17 ° [minus] gewesen, dabei aber heller Sonnenschein & kein Wind; prachtvoll auf d.[em] Eis, & im Wald, wohin wir mit August durch den tiefen Schnee wanderten. Als wir die Pracht der vereisten Bäume bewundernd darunter standen, schüttelte der l.[iebe] Papa fröhliche August den Schnee auf uns herunter. Ihr seht, er ist fröhlich. Gott Lob hat er fast immer seine Heiterkeit.»

Sie schreibt ausserdem, dass August vorhabe, einigen der ärmsten Familien im Umfeld des Gutsbetriebs für die bevorstehenden Festtage Lebensmittel schicken zu lassen. Auch die jüngste Tochter Sophie erwähnt in ihren Erinnerungen an ihre Kindheit insbesondere die malerische Landschaft rund um den Teich in Rjasnoe, die sommers und winters eine magische Ausstrahlung hatte:

«Ich erinnere mich, wie wir auf dem zugefrorenen Teich spazierten und die wundervollen Eisblumen bewunderten, die wie Schmetterlinge aussahen. Wenn Bäume und Sträucher mit Reif bedeckt waren, sah das so wunderschön, dass wir diese Gegend das Paradies nannten. Im Sommer fuhren wir im grossen Ruderboot spazieren – wenn dann die Glocken der Klosterkirche läuteten, war es unbeschreiblich schön und feierlich.»

Trotz der wunderbar anmutenden Umgebung liebten alle Kinder ebenso die Aufenthalte in der Schweiz und ganz besonders auch das Haus der Tanten, Henriette und Emilie Hess, bei denen die Kinder jahrelang ihre Sommerferien zubrachten und später auch wohnten, als sie zum Besuch der mittleren und höheren Schulen nach Zürich kamen.

Schwierige Zeiten

Nach der Geburt des sechsten Kindes erlitt Augusts Berufskarriere allerdings einen vorübergehenden Einbruch. Aus nicht vollständig geklärten Gründen verlor August von Schulthess im Januar 1888 seine Gutsverwalter-Stelle. In der innerfamiliären Überlieferung heisst es, der neue Gutsbesitzer, Leopold König, habe sich aufgrund von Intrigen innerhalb seiner Verwandtschaft zu diesem Schritt drängen lassen. Vorübergehend stellenlos fristete August mit seiner Familie in Kiew eine einjährige Wartezeit, bis er im Frühjahr 1889 im Gouvernement Jekaterinoslaw (heute Oblast’ Dnipropetrowsk) im Dorf Druschkowka erneut eine Stelle als Gutsverwalter antrat.

Wenige Monate später stieg er als Aktionär bei einem Gutsbetrieb mit einer Zuckerfabrik in Ugrojedy, wiederum im Gouvernement Charkow, ein. Die nach seinen Aussagen «unloyalen Mitaktionäre» vergällten ihm den von Erfolg gekrönten Zuckerrübenanbau, so dass er nach drei Jahren wieder aus dem Geschäft ausstieg. Finanzielle Nöte und Ärger bei der Liquidation des Unternehmens setzten seiner Gesundheit zu, so dass er sich zu einer längeren Kur nach Schönegg am Vierwaldstättersee begab. Ende 1894 wagte August einen Neubeginn: er trat die Stelle als Verwalter des Guts Mesenowka im Gouvernement Charkow an, das einer belgischen Aktiengesellschaft gehörte.

Drei Jahre später kehrte er schliesslich wieder an seinen ursprünglichen Wirkungsort Trostjanetz zurück. Leopold König hatte ihn zu dieser Rückkehr veranlasst, und August hielt diesen leitenden Posten bis zum Ende des Ersten Weltkriegs inne, als die Familie in die Schweiz übersiedelte. Auch bei seinem zweiten Trostjanetz-Aufenthalt pachtete August einen Gutsbetrieb mit einem Stück Land von 850 ha, auf dem er mit Zuckerrübensamen experimentierte. Nach wie vor war es das erwähnte Magdeburger Unternehmen Rabbethge & Giesecke, das diese Feldforschung finanzierte.

Die Revolutionen von 1917 und der darauffolgende Bürgerkrieg, Ereignisse, welche die ganze bisherige Lebenswelt der Familie in ihren Grundfesten erschütterten, bewogen das Paar zur Rückkehr in die Schweiz – ein Schicksal, das sie mit Tausenden Russlandschweizerinnen und -schweizern teilten. Besonders diejenigen Auswanderer, die im Zarenreich zu grossem Reichtum gekommen waren, eigene Fabriken oder grosse Gutshöfe besassen, verloren ihren Besitz und teils beachtliches Vermögen, als nach der Oktoberrevolution die Bolschewiki an die Macht kamen und sich umgehend daran machten, Privateigentum dem Staat einzuverleiben.

Abschied von Trostjanetz

Im Frühling 1917 erlitt August einen Schlaganfall, von dem er sich erstaunlich rasch erholte. Die mit dem Ausbruch der Oktoberrevolution entstandenen Schwierigkeiten führten jedoch dazu, dass auch die Familie von Schulthess beschloss, ihre Zelte in der Ukraine abzubrechen. 1918 erhielt August für sich, seine Ehefrau und die letzte bei ihnen verbliebene Tochter die Ausreisebewilligung, um in die Schweiz zurückzukehren.

Die beiden Söhne August junior und Paul befanden sich schon länger in der Schweiz. Die Tochter Marie war mit ihrer Familie im Juni 1918 mit einem von der Schweiz organisierten der Russlandschweizer-Transporte nach Zürich gereist. Dem mittleren Sohn, Fritz, seiner Ehefrau und den zwei Kindern gelang die Flucht in die Schweiz erst 1919, Tochter Emma, die mit ihrem Mann und der Tochter in Charkow lebte, gar erst 1929.

August von Schulthess schaffte es gar nicht mehr in die Schweiz. Seine Körperkräfte und seine Psyche hatten in den Kriegsjahren stark gelitten. Bereits vor Anreisebeginn erkrankte er, die darauffolgende Lungenentzündung sowie ein weiterer Schlaganfall führten schliesslich am 18. September 1918 beim Zwischenhalt in Wien zu seinem Tod. Marie von Schulthess kehrte als Witwe nach Zürich zurück und war froh, dort mit einigen ihrer nunmehr erwachsenen, teils verheirateten, teils bereits verwitweten Kindern in ihr ehemaliges Elternhaus ziehen zu können. Sie starb an Heiligabend 1946.

Buchvorstellung

Die vorliegende biografische Erzählung richtet sich an ein Lesepublikum, das an russischer Geschichte, Migrationsgeschichte(n), Lebensentwürfen von Frauen und an der Geschichte von Kindheit und Jugend im ausgehenden 19. Jahrhundert interessiert ist. Es handelt sich bei dieser Familiengeschichte nicht um eine Erzählung von Skandalen und dramatischen Liebesgeschichten, die grosse Familiensagas ausmachen. Wenn auch Intrigen in August von Schulthess’ Arbeitsumfeld und am Ende mit dem tragischen Tod eines Familienmitglieds gar «Mord und Todschlag» vorkommen: Es werden hier in erster Linie die bekannten Abläufe und Ereignisse von Geburten und Taufen, Hochzeiten, Krankheiten, Tod, Familienfesten, Besuchen bei den Bekannten, Fabrikeinweihungen und die Begegnungen mit der fremden Kultur geschildert.

Sie machten die Freuden und Leiden des Familienalltags aus, der wiederum von den Jahreszeiten und einem doppelten Kirchenkalender geprägt war: dem evangelischen innerhalb der Familie und dem orthodoxen, der den Jahreszyklus und den Arbeitsalltag der russischen und ukrainischen Bevölkerung bestimmte. Wir erfahren, wie für den Arbeits- und Familienalltag eines Gutsverwalters eine pietistische, von Gott vorgegebene Ordnung ebenso massgebend war wie für den russischen und ukrainischen Bauern die Vorgaben der orthodoxen Kirche, zu denen sich allerdings bis weit über den Untergang des Zarenreichs hinaus einiges an Volksglaube und heidnischen Bräuchen mischte.

Doch gerade die vordergründig banalen Einblicke in einen deutsch- und französischsprachigen Mikrokosmos einer Schweizer Auswandererfamilie in einem russisch-ukrainischen Umfeld sind reizvoll. Manche der oftmals detailgenauen Schilderungen von Arbeitsvorgängen und (Familien)Ereignissen in diesem Buch, die dem grossen Quellenschatz entnommen sind, lesen sich wie die Szenen aus einem von Anton Tschechows Theaterstücken, einem von Leo Tolstois oder Iwan Turgenews Familienromanen oder Iwan Bunins Erzählungen, die auf realistisch-poetische Weise das russische Landleben vor der Oktoberevolution wiedergeben.

Nebst der Geschichte der Gutsverwalterfamilie wirft die vorliegende Darstellung eine Vielzahl von Schlaglichtern auf das ländliche Leben im Russischen Reich während der letzten 50 Jahre vor seinem Untergang nach den Revolutionen von 1917, so unter anderem auf die russische Zuckerproduktion, einen der bedeutendsten Industriesektoren des ausgehenden Zarenreichs.

In der Ukraine nahm die Produktion des begehrten Süssmittels besonders rasch zu; in den letzten vier Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts verfünffachten sich die Erträge. Waren im südlichen Teil die exportorientierte Getreidewirtschaft und im westlich des Dnjepr gelegenen Teil die Tabakproduktion dominant, spezialisierten sich die östlich des Dnjepr gelegenen Regionen auf die Zuckerrübenkultur. Vor dem Ersten Weltkrieg produzierten in der Ukraine rund 200 Zuckerraffinerien gegenüber vierzig Betrieben im restlichen Zarenreich, das heisst, die ukrainischen Fabriken stellten gut drei Viertel der jährlichen russischen Zuckerproduktion her. Dieser hohe Zuckerausstoss wurde erst nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs gedämmt, als der Eisenbahntransport zusammenbrach und der Kohlemangel viele Produktionsstätten lahmlegte.

So bedeutete der Erste Weltkrieg, besonders aber auch der Ausbruch der Februar- und der Oktoberrevolution sowie der darauffolgende Bürgerkrieg nicht nur für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung Russlands einen tiefschürfenden Umbruch und brachte das Leben der Menschen im Zarenreich vollkommen durcheinander; diese Ereignisse beendeten auch das Lebenswerk zahlreicher Schweizerinnen und Schweizer, die sich im Zarenreich ein Lebenswerk aufgebaut hatte. Einer von ihnen war August von Schulthess Rechberg aus Zürich.

Über die Autorin

Karin Huser ist Historikerin, Archivarin und Autorin. Sie promovierte in Allgemeiner Geschichte mit Schwerpunkt Osteuropa  an der Universität Zürich. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören die schweizerisch-russischen Wechselbeziehungen, Jüdische Geschichte und Arbeitergeschichte. Seit Juni 2008 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Staatsarchiv des Kantons Zürich; seit 2015 Leiterin der Abteilung Individuelle Kundendienste.

 

Das Buch „Ostwärts wo der Horizont so endlos ist“ ist 2022 im NZZ-Libro Verlag erschienen.

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