MERAN – Aufstieg, Glanz und Schicksal einer europäischen Kurstadt

Ein Gastartikel von Angela Marina Reinhardt

1. Vorwort

Es gibt Städte in Europa, die zur Legende wurden, weil sie Hauptstädte oder Handelsmetropolen waren, weil sie mit Prachtstraßen, Palästen und Prunkbauten wuchern konnten. Und dann gibt es Meran.

Meran in Südtirol auf einer alten Postkarte, Bildrechte: privat

Meran, die im Mittelalter bedeutende und zwischenzeitlich still gewordene Stadt am Zusammenfluss von Passer und Etsch, wurde auf ganz andere Weise zur Legende: Als ein Ort, der als so schön, mild und heilsam galt, dass sogar Kaiserin Elisabeth von Österreich mehrfach viele Wochen dort verbrachte.

2. Berühmte Gäste: Und alle, alle kamen sie

Nicht nur »Sisi« liebte Meran. Adelige und Großbürger reisten an, Diplomaten und Ärzte. Elisabeths Bruder Carl Theodor in Bayern, ein angesehener Augenarzt, behandelte hier zeitweise sogar Patienten.

Und natürlich kamen die Künstler, Musiker und Schriftsteller: Franz Liszt komponierte hier seine »Glocken von Marling«, Edvard Grieg logierte auf Schloss Labers, Clara Schumann und die gefeierte Primaballerina Fanny Elßler kamen, ebenso wie Rainer Maria Rilke und Christian Morgenstern.

V. l. n. r.: Fanny Elßler, Franz Liszt, Clara Schumann, Edvard Grieg, Bilder: gemeinfrei

Und selbst als sich die alte Ordnung nach dem Ersten Weltkrieg bereits auflöste, begrüßte die Stadt noch einen ihrer berühmtesten Gäste: Im Frühjahr 1920 kam Franz Kafka nach Meran zur Kur und schrieb von hier aus einen Teil jener Briefe an Milena Jesenská, die später weltberühmt wurden.

Zu den Besuchern aus der Donaumonarchie gesellten sich Gäste aus halb Europa: Man reiste aus Wien und Berlin an, aus Russland und England, auch ein indischer Maharadscha kam nach Meran.

V. l. n. r.: Christian Morgenstern, Rainer Maria Rilke, Maharadscha Duleep Singh, Franz Kafka, Bilder: gemeinfrei

Wie in den anderen großen Kurorten der Epoche versprach man sich von einem Aufenthalt nicht nur Heilung und Erholung, sondern auch Zerstreuung und gesellschaftliche Kontakte.

Und vermutlich liebten nicht wenige Meran schlicht als einen Ort, an dem sich der Winter besonders angenehm verbringen ließ.

Kaiserin Elisabeth liebte Meran und besuchte die Stadt viele Male, Bild: gemeinfrei

3. Vom stillen Städtchen zum mondänen Kuror

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts hatte die Stadt begonnen, sich als Kurstadt zu profilieren. 1836 wird häufig als Beginn des modernen Meraner Kur Tourismus bezeichnet.

Einer der frühen Protagonisten war der Arzt Bernhard Mazegger, der 1840 in Obermais eine Kaltwasser-Heilanstalt mit Fremdenpension eröffnete.

Auch andere Ärzte priesen das milde Klima Merans als Heilmittel, die Anzahl der »ankommenden Fremden« stieg, Promenaden, Pensionen, Hotels und Kuranlagen entstanden.

 

Wer wo logiert, das vermeldete die Meraner Zeitung, hier 1871, Bild: gemeinfrei/Tessmann, digital

Man aß die örtlichen Trauben kiloweise zu Kurzwecken, trank Molke und absolvierte auf den Holzbohlen der anfangs noch gezimmerten »Wandelhalle« seine ärztlich verordneten Spaziergänge zwischen Passer-Ufer und Gilfschlucht.  

Als Kaiserin Elisabeth im Herbst 1870 mit ihrem Hofstaat in Meran eintraf und auf Schloss Trauttmansdorff Quartier nahm, wurde Meran schon als interessanter Neuzugang unter den Kurstädten Europas gehandelt. Doch dank des monatelangen Aufenthalts der Kaiserin in den Jahren 1870/1871 wurde das Überwintern im milden Klima endgültig en vogue.

Auch heute, inmitten wunderschöner Gärten: Schloss Trauttmansdorff bei Meran, Bild: gemeinfrei

In den folgenden Jahrzehnten etablierte sich Meran zu einer Kurstadt von internationalem Rang. Man erbaute ein erstes Kurhaus (1874), elegante Hotels öffneten ihre Pforten. Villenviertel wuchsen, Parks und Promenaden gaben der Stadt ein neues Gesicht. Mit der Eröffnung der Bahnverbindung von Bozen nach Meran 1881 wurde die Stadt wesentlich leichter erreichbar. Über den neu eröffneten Meraner Bahnhof war man nun in die großen Verkehrsnetze Europas eingebunden.

Eine der seltenen Aufnahmen des alten Meraner Kurhauses, Bild: gemeinfrei

In den darauffolgenden 30 Jahren bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs erlebte die Stadt ihre große Zeit. Ärzte und Stadtplaner beschäftigten sich dabei auch mit der Frage, wie man die Landschaft selbst zum Teil der Kur machen könnte. Und einer von ihnen sollte dabei besonders wichtig werden: Franz Tappeiner.

Der Arzt und Naturforscher setzte auf Bewegung an der frischen Luft und förderte die sogenannte »Terrain-Kur«. Auch setzte er sich für einen Ausbau der Meraner Spazierwege ein. Der nach ihm benannte Weg oberhalb der Stadt wurde ab den 1890er-Jahren zu einem charakteristischen Bestandteil des Meraner Kurlebens.

Der Tappeinerweg in den 1910er Jahren, Bild: gemeinfrei

Der noch heute erhaltene Neubau des Kurhauses wurde 1914 fertiggestellt. Die Eröffnung fiel bereits in die ersten Monate des Krieges und alle schönen Pläne waren perdu. Meran wurde Lazarettstadt, ab 1915 verlief südöstlich der Stadt die Dolomitenfront, in der Stadt arrangierten sich die Menschen, und der Kurbetrieb pausierte auf Jahre. Mit dem Kriegsende fiel die Donaumonarchie auseinander, Südtirol kam zu Italien – und Meran musste sich einmal mehr neu erfinden.

Doch dies kann ein anderes Mal Thema sein. Schauen wir uns lieber an, wofür Meran zu seinen Glanzzeiten so berühmt war: sein reges Kurleben und sein unvergleichliches Flair. Und begleiten wir zwei begüterte Damen jener Zeit einmal durch einen typischen Meraner Kurtag: von der morgendlichen Ertüchtigung bis zum abendlichen Vergnügen.

4. Ein Kurtag in Meran, anno 1908

Stellen wir uns vor, wir begleiten zwei Freundinnen: Die eine ist vielleicht eine ältere, unverheiratete Baronin aus niederem Adel, die im »Hotel Erzherzog Johann« am Sandplatz logiert. Und die andere, Witwe eines Wiener Bankiers, mit eigener Mietvilla im Meraner Stadtteil Obermais. Dann haben die beiden Damen womöglich vereinbart, mit einem ersten gemeinsamen Trank am Molke-Ausschank bei der Wandelhalle in den Tag zu starten.

Der Ausschank unweit der Wandelhalle heute – und um 1900, Bildmaterial: privat

Um die Kur in Meran zu genießen, müssen sie nicht manifest krank sein, es reicht, dass ihnen die Ärzte Kräftigung verschrieben haben – so versammelt sich vor dem Ausschank eine bunte Gruppe an Kurgästen, die die frische Meraner Molke mehr oder weniger nötig haben.

4.1 Molke, Trauben und Bewegung: der Morgen.

Alternativ zur Molke oder zur vergorenen Stutenmilch – auch Kumys wurde in Meran als Kurmittel angeboten – kann man sich auch die erste Portion seiner Tagesration von bis zu vier (!) Kilo Trauben zu Gemüte führen. Oder man erweitert den morgendlichen Spaziergang über die Gilfpromenade zu einer längeren Gesundheitswanderung entlang des bereits 1893 eröffneten »Tappeinerwegs« am Südhang des Küchelbergs, oberhalb der Altstadt von Meran.

Die Gilfschlucht mit der Promenade, Bildmaterial: privat

Der Gesundung dient auch ein eigenes Kurmittelhaus in direkter Nachbarschaft des Kurhauses, wo man die unterschiedlichsten Anwendungen in Anspruch nehmen kann, bis hin zum »Fitnesstraining« an einer Reihe wahrlich furchteinflößender Turngeräte. Was auch immer die Ärzteschaft verschrieben hat – es wird getreulich befolgt.

4.2 Sehen und gesehen werden: Der Nachmittag

Mindestens ebenso wichtig wie die Gesundheitspflege ist in Meran allerdings auch die Pflege der gesellschaftlichen Kontakte. Darum wenden die Freundinnen einen nicht unwesentlichen Teil ihres weiteren Kurtages darauf, die Promenaden und Parkanlagen der Stadt zu besuchen.

Auf dem Tappeinerweg, rechts im Bild: Unsere beiden Damen?, Bildrechte: privat

Dort herrscht während der Saison, die in Meran um 1900 Anfang Oktober beginnt und sich bis ins späte Frühjahr zieht, ein mannigfaltiges Programm an Musikdarbietungen, Märkten, Festivitäten und Umzügen. Auf der Giselapromenade zwischen Passer und Kurhaus-Terrasse heißt es »Sehen und gesehen werden«, Neuankömmlinge werden beäugt, Klatsch ausgetauscht, man grüßt sich herzlich (oder auch kühl) und studiert das Treiben der anderen Flaneure.

Die Giselapromenade in Meran, um 1916, Bild: gemeinfrei

Auch unsere beiden Damen beteiligen sich an diesem Schaulaufen, bis sie auf eine kleine Stärkung im Café Meran einkehren, einem Traditionslokal am Pfarrplatz. Ein Stückchen Torte und eine heiße Schokolade später, schauen sie dann vielleicht noch in der Buchhandlung Pötzelberger gleich gegenüber vorbei. Dort gibt es nicht nur Bücher, Landkarten und den allseits beliebten Meraner Stadtführer von Hugo Knoblauch, sondern sie werden vielleicht auch von einem der jungen Praktikanten bei der Lektüreauswahl beraten.

Zeitungsannonce der Buchhandlung Pötzelberger, Bild: gemeinfrei/Tessmann, digital

4.3 Theater, Bälle und Musik: der Abend

Schließlich, nachdem sie sich zwischenzeitlich daheim umgezogen und vielleicht auch etwas geruht haben, steht das abendliche Vergnügen an. Was sollen unsere Freundinnen unternehmen? Es gibt so viele Möglichkeiten! Ein Besuch des neuen Stadttheaters am Rufinplatz? Dort wird an diesem Abend »Der Freischütz« gegeben. Oder ein Ball im Kurhaus, ausgerichtet vom Meraner Musikverein? Nun, dafür müssten sie ein Billet mit einer Einladung erhalten haben.

Das Meraner Stadttheater um 1910 auf einer alten Postkarte, Bildrechte: privat

Oder ist das Wetter schön warm? Dann böte sich eine abendliche Kutschfahrt an, entlang des Franz-Ferdinand-Kais, am Grand Hotel, Meranerhof vorbei – auch abends spielt das Kurorchester auf den Promenaden am Flussufer, die Walzerklänge würden die Fahrt sicher wunderbar untermalen.

Doch wie auch immer sich unsere beiden Damen entscheiden: Deutlich vor Mitternacht werden sie wieder zurück sein und sich zu Bett begeben. Denn eine Kursaison geht über viele Wochen, der Arzt hat ein gutes Maß an Schlaf verschrieben – und der nächste Tag beginnt wie zuvor pünktlich am Molkestand.

Eine Werbekarte des Grandhotels Meranerhof, Bildrechte: privat

Über die Autorin

Angela Marina Reinhardt ist Autorin historischer Romane mit Schauplätzen in Italien und im Alpenraum. Die ehemalige Kulturjournalistin verbringt seit vielen Jahren mehrere Wochen im Jahr im Südtiroler Vinschgau, einer Region in direkter Nachbarschaft zu Meran.

Dessen bewegte Stadtgeschichte war für sie der Ausgangspunkt, sich auch mit dem Meraner Kurwesen zu beschäftigen.

c Tom Lanzrath

Aus umfangreichen Recherchen zur Stadtgeschichte Merans ist schließlich ihre historische Meran-Saga entstanden.Dieser Link führt zu ihrer Webseite mit mehr Informationen dazu: https://www.angelamarina.com/meran-saga 

Wer sich für die Menschen, Schauplätze und Geschichten auf dem vielfach gepriesenen »Südbalkon der Donaumonarchie« interessiert, findet dort eine weitere literarische Annäherung an Meran und seine Geschichte im ausgehenden 19. Jahrhundert. 

Hier stellen wir den ersten Teil ihrer Saga auf unserer Seite vor. 

Weiterführende Links:

Literatur:

 

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