„Kleider in Bewegung“ – eine Sonderausstellung des Historischen Museums Frankfurt

 In Aus dem Frauenleben, Ausstellungsbericht, Museumsbesuch, Unkategorisiert

Schaut man alte Fotos oder Illustrationen mit Frauen in langen prachtvollen Kleidern an, stellt man sich oft vor, wie sie durch Straßen und Parks flanierten.
Aber wie bewegten sie sich dabei – oder vielleicht sollte man besser sagen: wie weit konnten sie sich überhaupt bewegen?

Dieser Frage geht die neue Sonderausstellung des Historischen Museums Frankfurt „Kleider in Bewegung“ nach. Betrachtet wird der Zeitraum von 1850 bis ca. 1930. Ein Zeitraum, in dem neben einem Weltkrieg viel passierte – ob nun in der Technik, Gesellschaft oder Kunst.

Nicht nur in dieser Ausstellung geht man immer mehr dazu über, Entwicklungen im Zusammenhang zu betrachten. Denn die Veränderung der weiblichen Kleidung (bei den Männern verläuft sie lange nicht so spektakulär) hängt mit den allgemeinen Entwicklungen, insbesondere denen, die es währenddessen im Frauenleben gab, zusammen. Ein spannendes Thema!

Deshalb freute ich mich auch auf den Besuch der Ausstellung und insbesondere die Führung von Maren Ch. Härtel, einer der beiden Kuratorinnen der Ausstellung. Seit 2010 ist sie als Kuratorin für die Mode- und Textilsammlung des Museums zuständig. Die Idee zur Ausstellung entstand aus einem Forschungsprojekt, einer Kooperation mit Textilwissenschaftlerinnen der Universität Paderborn, gefördert von der Volkswagen-Stiftung. In diesem Projekt wird untersucht, welche Rückschlüsse man aus der Kleidung für die Lebenswirklichkeit der früheren Trägerinnen ziehen kann.

Etwas komisch war es schon, als wir uns mit Mundschutz ausgestattet, am Eingang begrüßten. Aber so ist das nun mal in diesen Zeiten. Und in jedem Fall besser als geschlossene Museen ohne Mundschutz. Auch die Konzeption der Ausstellung musste den neuen Umständen angepasst werden. Sollten die Besucher doch erst mit lebendigen Bildern – Filmen aus den 10er und 20er Jahren des 20. Jahrhunderts begrüßt werden, in welchen man einen Blick in den damaligen Frankfurter Lebensalltag werfen kann. Das war aufgrund der besonderen Maßnahmen nicht möglich, man startet nun auf der linken Seite der Ausstellung – ich fand es nicht störend und vom Verlauf der Ausstellung, die zwar nicht chronologisch ist, aber doch Kleidung aus ähnlichen Zeiten zusammen präsentiert, auch passend. Und keine Angst, die Filmaufnahmen kann man dann später noch anschauen…

In den Ausstellungsräumen stehen die Textilien im Raum, auf speziell entworfene Figurien montiert, die Darstellungen von Bewegungen ermöglichen. Man kann um sie herumgehen und sie im Ganzen betrachten. Es sind prächtige Roben dabei – wie mir die Kuratorin erzählt, stammen die meisten aus der hauseigenen Textiliensammlung. Denn das Historische Museum besitzt mit 16.000 Einzelstücken einer der größten textilen Sammlungen in Deutschland, was mir vorher nicht bekannt war.

Im 1878 gegründeten Museum begann man schon sehr früh, Textilien zu sammeln. So kamen sehr gut erhaltene Kleider des Frankfurter Bürgertums in die Sammlung – die Familien wollten sie nicht wegwerfen, man hatte sie aufbewahrt, aber irgendwann zog die Kleider niemand mehr an. Toll für die Sammlung und für uns, denn auch wenn Illustrationen und (später) Fotografien aus damaligen Frauenzeitschriften einen Eindruck der Mode vermitteln, ist es ein ganz anderes Erlebnis, sich die Originale anschauen zu können.

Wie beides korrespondiert, zeigt die Ausstellung übrigens auch. Denn zu den gezeigten Kleidern werden Bilder mit ganz ähnlichen Kleidern aus Modezeitschriften, wie z.B. dem „Bazar“ oder der „Illustrierten Modenzeitung“ präsentiert. Sehr schön für einen plastischen Vergleich! Zu den Toiletten, heute würde man „Outfits“ sagen, gehörten auch entsprechende Accessoires – ob nun der Hut, Sonnenschirm und natürlich auch passende Schuhe. Auch diese werden ab und an dazu drapiert.

Besonders stark sind Modelle vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts vertreten – die Röcke waren weit ausladend und über dem Po erhöht. Wie die Frauen diese Silhouetten erreichten? Durch entsprechende Unterkleidung. Auch diese ist in der Ausstellung zu sehen, von der Krinoline bis zur Tournüre. Sie waren praktischer und leichter als viele Unterröcke, die gleichfalls zu einem „Bausch-Effekt“ führten. Ob Tournüre oder Unterröcke – es war schwierig, sich dieses Ornats für gewisse Bedürfnisse zu entledigen. So waren die Unterhosen meist unten offen, damit war der Toilettengang leichter zu erledigen. Wie es mit der Monatshygiene gehandhabt wurde, könnt Ihr in diesem Artikel nachlesen.

Für die obere Silhouette war das Korsett zuständig, welches für die obligatorische schmale Taille sorgte. Auch hier arbeitete frau mit mehreren Schichten, zur Schonung dieses recht teuren Kleidungsstücks (die meisten wurden für die Frauen angefertigt, erst später konnte man fabrikmäßig hergestellte Korsetts kaufen), wurde darunter ein Unterhemd getragen. Und darüber zog man eine Untertaille (oder Korsettschoner) an, die der engen Form des Korsetts angepaßt war. Für die fabrikmäßige Korsettherstellung wurden übrigens gerne Frauen eingestellt.

Die Hauptzuständigkeit der Frau war die Repräsentation der bürgerlichen Familie und des eigenen (Wohl-)Standes. Ihre Toilette war ein wichtiges Aushängeschild dafür. Je aufwändiger sie war und desto häufiger sie am Tag gewechselt wurde, desto wohlhabender war die Familie. Es gab Ausgeh-, Morgen-, Reise-, Besuchs, Abend- und Ball-Toiletten und natürlich auch für jede Jahreszeit.

Die meisten Kleider wurden in Schneiderateliers gefertigt. Diese wurden teilweise schon im 19. Jahrhundert von Frauen geführt – nicht erst seit Coco Chanel. Zu nennen sind hier z.B. Jeanne Paquin, die in Paris ihr Atelier hatte sowie Marie Auguste Kunz, die ihr Geschäft für Damenkonfektion bereits 1869 in Frankfurt eröffnete.
Die Stoffe und Materialien waren hochwertig- sonst wären sie wohl heute auch nicht mehr erhalten. Auch wenn sie wie Kleider wirken – die Toilette bestand meist aus zwei Teilen – Oberteil und Rock. Damit alles richtig saß, waren sie oft mit Haken und Ösen verbunden. Variieren konnte man diese zweiteiligen Kleider nicht.

Dabei wechselte die Mode häufig – um sich „up-to-date“ zu kleiden, mußte man also entweder sehr gut betucht sein, um sich die neuen Toiletten zuzulegen. Oder man war erfinderisch und ließ ändern – und das sieht man recht häufig an den erhaltenen Modellen, auch den feineren, wie mir Frau Härtel bei unserem Rundgang erzählt. Sie wurden der Mode angepaßt.

Dass sich die Frauen mit diesen Kleidern nur eingeschränkt bewegen konnten, wird sehr gut nachvollziehbar. Aber die bürgerliche Frau im 19. Jahrhundert bewegte sich auch vorwiegend im Innenraum. Für Besuche stieg man in die Kutsche, die Einkäufe und den Haushalt erledigten Dienstmädchen und sportliche Betätigung war für Frauen verpönt.

Das änderte sich jedoch. Ende des 19. Jahrhunderts begann man, viel stärker auf eine gesunde Lebensweise zu achten. Kleidung und Ernährung wurden reformiert, es wurde zu Sport und Bewegung geraten.

So trat das Fahrrad seinen Siegeszug an – in der Ausstellung ist neben einem Damenrad aus den Anfangsjahren ein „Tricycle“ zu sehen, eine Art Dreirad, bei dem die Frau in der Mitte auf dem Sattel sass – obwohl die englische Königin Victoria eins besaß, setze sich dieses kostspielige Modell aber nicht durch.

Ein langer Rock war allerdings auf dem Fahrrad sehr unpraktisch! Was tun? Man erfand einen Rock, unter dem weite Hosen versteckt waren. Auch Pumphosen kamen auf. Das Verständnis dafür setzte jedoch erst allmählich ein – zunächst wurden Frauen, die mutig genug waren, solche neuartigen „unsittlichen“ Kleidungsstücke zu tragen, oft verhöhnt und verspottet. Auch der Badeanzug brauchte so eine ganze Zeit, um sich aus einem einteiligen Anzug mit Rüschen zur heutigen Form zu entwickeln – ein Exemplar aus den 20er Jahren, unseren heutigen gar nicht so unähnlich schwingt in der Ausstellung von der Decke. Daneben sieht man ein Tenniskostüm aus den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts, was traditionellen Kleidern noch sehr ähnelt – nur dass es etwas leichter ist und ohne voluminöses Unterkleid auskommt. Trotzdem möchte man so nicht Tennis spielen!

Überhaupt – so schön die Frauen in ihren Kleidern mit passenden Hüten aussahen, verdeutlicht die Ausstellung, wie eingegrenzt der Bewegungsspielraum der Frauen bis in die Anfangsjahre des 20. Jahrhunderts war. Ich selbst trage ja zu Auftritten meist ein Kostüm, die Modellen dieser Zeit nachempfunden sind (allerdings ohne Korsett).  Es ist ein schönes Gefühl, so unterwegs zu sein, aber man muss auf so viel mehr achten – ob nun Treppen (Stolpern!), Fahrstühltüren (Rockeinklemm-Gefahr) oder den Boden (Schmutz!). Okay, das Problem mit dem Fahrstuhl können wir für die damalige Zeit vernachlässigen.

Damals gab es für den standesgemäßen Auftritt viele Benimmbücher mit Anleitungen, z.B. wie man den Rock richtig lupfte! Und Hilfsmittel, wie Kleiderraffer, mit denen man den Rock entsprechend hochzog oder die Schleppe befestigte – auch darüber informiert die Ausstellung.

Insgesamt wird der Wandel der Kleidung gut sichtbar. Zunächst kommt die Kombination von Kleidungsstücken – zu einem Rock können mehrere Blusen gewechselt bzw. angezogen werden -in der Ausstellung mit an Bügeln hängenden Blusen symbolisiert. Nach dem 1. Weltkrieg werden die Kleider dann kürzer und die Silhouette lockerer. Kein Korsett schnürt mehr die Taille ein – man hat Bewegungsfreiheit – auch für die neuen Tänze wie Charleston und Shimmy unerläßlich! Einige schöne 20er Jahre Kleider sind zu sehen. Babylon Berlin läßt grüßen (leider nicht mit einem Filmausschnitt, der für die Ausstellung vorgesehen war – die Hauptdarstellerin war nicht einverstanden).

Immer mehr Frauen wurden berufstätig – und mussten sich ohne Einschränkungen bewegen können (und auch in einem gewissen Tempo!). Die Entwicklung, welche Ende des 19. Jahrhunderts einsetzte- unterstützt von der Frauenbewegung und auch aus sozialer Notwendigkeit- hatte Fahrt aufgenommen, die Ideale hatten sich verändert. Nicht nur Frauen, die arbeiten mussten, erlernten einen Beruf, sondern auch Frauen, die arbeiten wollten und denen es nicht genügte, NUR Hausfrau und Mutter zu sein. Parallel dazu veränderte sich die gesellschaftliche Akzeptanz dafür:  Es war nicht mehr ehrenrührig, wenn Frauen arbeiteten, allerdings auch nicht, sie dafür geringer zu entlohnen (bis heute!).

Ich persönlich empfehle den Besuch der Ausstellung, deren Umsetzung mir gut gefallen hat. Und für alle Interessenten historischer Kleidung auch den sehr gut gestalteten Ausstellungskatalog.

Neben den Kleidungsstücken als Hauptdarsteller werden die Epochen aus denen sie stammen, mit Filmen, Ausschnitten aus Zeitschriften und Büchern sowie Informationstafeln lebendig dargestellt.

Besonders geeignet für:  alle Interessierten an historische Kleidung, Familien mit größeren Mädchen (ab 10 Jahren) und natürlich alle Geschichtsinteressierten 🙂!

Informationen:

zu sehen bis zum 24. Januar 2021

Öffnungszeiten: 

Di-Fr    10 – 18 Uhr

Mi        10 – 21 Uhr

Sa/So  11 – 19 Uhr

Es gibt ein Museumscafé und ein Museumshop.

Neuste Artikel

Kommentieren