Das österreichische Derby 1902 – Sensationen und Stelldichein der Schönen

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Das 35. österreichische Derby ließ an Sensation nichts zu wünschen übrig.“ So begann der gutbebilderte Bericht in einer Ausgabe der Zeitschrift „Die Woche“ von 1902. Das Derby gibt es bis heute. Ob es allerdings in der jetzigen Zeit noch so ein gesellschaftlicher Höhepunkt ist? Denn damals konnte man dort nicht nur die schnellsten Pferde, sondern vor allem die schönsten Damen von Wien bewundern.

Sehen und gesehen werden, hieß die Devise. Zu Tausenden strömten die Wiener in die Freudenau zur Rennbahn. Wie sie dort hinkamen?

„Drei Hauptverkehrsadern führen den Menschenstrom in die Freudenau: die Staatsbahn, der Donaukanal und die Hauptallee des Praters, in der sich das malerische Bild entwickelt.

Und womit?

Gleichzeitig mit den Fußgängern starten am Praterstern die Komfortables (Kutschen), Einspänner, bis dann um halb drei Uhr die wilde Jagd der Fiaker und Equipagen beginnt, die gegen vier Uhr den letzten Derbybesucher an der Barriere der Rennbahn abgesetzt haben.

Während die älteren Damen in den Logen Platz genommen hatten und sich auf der Jockeytribüne ausschließlich Herren drängten, war das eigentlich Epizentrum des Rennens: der Sattelplatz. Zum Sattelplatz hieß es, er wäre groß genug, dass „die drei- oder vierhundert Personen, die die elegante Gesellschaft Wiens ausmachen, umhergehen können.“ Dort drängten Damen (die jüngeren) und Herren durcheinander und die beiden wichtigsten Fragen waren: „Wer ist vom Hof da?“ und „Wer hat die schönste Toilette an?“.

Zu ersterem, also beim 35. Derby waren da: die Erzherzogin Marie Therese (die größte Pferdeliebhaberin Wiens genannt) mit ihren Töchtern Annunziata und Elisabeth, das Brüderpaar: die Erzherzöge Otto und Ferdinand Karl, ersterer mit seinem Sohn und weitere Erzherzöge, darunter der ledige Bruder des Kaisers Ludwig Viktor sowie Leopold Salvator „der Luftschiffer“ mit seiner Gemahlin Blanca. Luftschiffer? Er war von der neuen Luftfahrtechnik begeistert, unterstützte Projekte und hatte mit seiner Familie 1901 auch eine Ballonfahrt unternommen. Die Mitglieder der kaiserlichen Familie saßen übrigens in der Hofloge, auf dem Bild zu sehen – von dort konnte man gut das Getümmel überblicken (und kommentieren!).

Zur zweiten (viel wichtigeren) Frage: Schwierig. Denn „Es mußte schon eine Sensationstoilette erster Ordnung sein, die in diesem Gewühl der Eleganzen auffiel. Und dennoch gab es solche (!).“

Zwei Frauen fielen besonders auf: Prinzessin Marie Pleß und Katharina Schratt. Beide waren auf ihre Weise schillernde Persönlichkeiten!

Prinzessin Maria Pleß wurde eigentlich „Daisy von Pless“ genannt – in diesem Gastartikel wird ihr Leben erzählt. Sie war bekannt für ihre rauschenden Feste, ihre Nähe zu hochrangigen Persönlichkeiten und ihre besonderen Toiletten. Die sie beim Derby trug, wurde so beschrieben:

Prinzessin Maria Pleß erschien in einer blau, rosa und lila gemalten Gazetoilette und trug dazu einen viereckigen Schäferinnenhut, von dessen Rändern Blumen und Spitzen fielen und der unter dem Kinn mit einer großen rosa Schleife gebunden war.“

Klingt entzückend! Die zweite Dame, Katharina Schratt, eine Schauspielerin, war die langjährige Freundin des Kaisers. Kaiserin Sisi selbst hatte die Beziehung eingefädelt, in diesem Artikel könnt Ihr mehr dazu lesen (und weitere Geheimnisse von Sisi erfahren). Auch ihre Robe wird beschrieben:

Frau Schratt, die seit kurzer Zeit von ihrer Frühjahrsreise zurückgekehrt ist und den sie umdrängenden Kavalieren eifrig von Teneriffa erzählte, hatte sich ihre Derbytoilette aus Paris mitgebracht und erregte dementsprechend Aufsehen damit. Es war eine schwarze Tülltoilette, ganz mit großen Sternen aus gelben Stroh übersät und mit einer Bordüre aus demselben Material umrandet. Selbstverständlich hatte sie auch einen schwarzgelben Hut und in der Hand gelbe Marschall-Niel-Rosen.

Alles Ton in Ton, sogar die Blumen! Und was trug die übrige Damenwelt?

Überhaupt waren die gemalten Batist- und Gazekleider in der großen Mehrzahl, dazu riesige Hüte mit Federn, Blumen, Schleifen, alles in überlebensgroßen Dimensionen und zartesten Farben. Eine große Anzahl von Damen trug die Federboa, selten weiß, am häufigsten blaßblau.

Leider sind von den beiden beschriebenen Damen keine Fotos von diesem Tag überliefert, aber die Bilder vermitteln doch einen guten Eindruck vom Flair auf dem Derby und wie man dort gekleidet war.

Auch dabei waren Rennstallbesitzer –wie man im Foto sieht, eine ganze Menge. Die saßen auf der Tribüne der „Sportsmen“ – von dort konnte man das Rennen wahrscheinlich am besten verfolgen.

Apropos Rennen, kommen wir zur Sensation: das Favoritenpferd „Hazafi“ wurde geschlagen und dann auch noch im Ziel disqualifiziert! Sein Reiter, der zu dieser Zeit sehr populäre Jockey Van Dusen ließ ihn ein „unerlaubtes (Überhol-) Manöver ausführen“. „Daß der Renngerichtshof ins Rennen eingreifen mußte, ist schon an sich ein Ereignis“, hieß es dazu im Artikel und „als die rote Protesttafel aufgezogen wurde, war die Erregung stärker als während des Rennens selbst!“ Potz Blitz aber auch.

Alles in allem, wie es im letzten Satz des Artikels heißt „ein wahrhaft glänzendes Derby, …wenn auch kein Pferd mit wirklich überragenden Leistungen lief“.

Egal – darum war es in erster Linie auch nie gegangen…Aber für das Protokoll: hier noch ein Bild vom Derbysieger mit dem Namen „Llubar“.

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