Gütermann – Am seidenen Faden zum Erfolg

 In Alltagsleben, Unkategorisiert, Werbung des Monats

Was haben ein Brioni-Anzug, ein Prada-Täschchen und der von Christo & Jean Claude verhüllte Reichstag gemeinsam? Sie sind alle mit Gütermann-Faden vernäht. Dass es die Firma schon lange gibt, darauf stieß ich –mal wieder- durch eine Werbung aus dem Jahre 1900 in der Zeitschrift Bazar.

Die zentrale Botschaft der Werbung: „Gütermanns Nähseide sind bei allen Damen wegen ihrer vorzüglichen Qualität sehr beliebt“. Damals wurde gerne und viel selbst genäht. Konfektionsware gab es zwar schon, aber sie war lange nicht so verbreitet wie heute. Kaufhäuser fand man zunächst nur in den Großstädten.

Damen des Bürgertums mit entsprechendem Portemonnaie ließen nähen – bei der Schneiderin, die ins Haus kam oder ein Geschäft hatte. Schneider gab es natürlich auch, wir wollen hier kein Geschlecht diskriminieren. Aber viele Damen nähten ihre Kleider selbst – ob aus Kostengründen oder weil sie Spass daran fanden und so auch ihr individuelles Modell schneidern konnten. Nähmaschinen existierten schon und in Frauen- und Familienzeitschriften fanden sich in jeder Ausgabe Schnittmusterbögen. In der Ausgabe davor wurden die Modelle als Zeichnungen präsentiert und der Schnittmusterbogen dafür lag dann der nächsten Ausgabe bei – die natürlich gekauft werden musste. So handhabte es z.B. die „Sonntagszeitung für das Deutsche Haus“. Eigentlich schlau, oder?

Als weiteres Geschäftsmodell für alle Damen, die zwar nähen wollten (oder mussten), aber doch nicht so gewandt in der Fertigung der Kleidungsstücke waren, bot man halbfertige Kleidung, die dann von der Käuferin fertig genäht werden konnte, an, so z.B. von August Polich.

Aber zurück zur Nähseide, die sowohl zum Nähen per Hand als auch für die Nähmaschine gebraucht wurde. Unternehmensgründer Max Gütermann (1828-1895) wuchs in Wien auf und arbeitete dort zunächst für ein Seidenhandelshaus als Angestellter. Wien war zu dieser Zeit eines der größten Handelszentren für Seidenwaren. Für Nähseide, die damals meist in Oberitalien hergestellt wurde, sah er einen Markt und gründete 1864 in Wien das Unternehmen. In Fridau nahe Wien mietete Gütermann 1866 eine Mühle und richtete dort mit einigen Mitarbeitern die erste kleine Fabrik ein. Die Geschäfte liefen gut und für die Expansion suchte man einen neuen Produktionsstandort. Im Breisgau Nahe dem Dorf Gutach wurde der Unternehmer fündig. Das neue Werk entstand  am Flüßchen Elz, dessen weiches Wasser besonders gut für das Färben der Nähseide geeignet war. Und so startete die Nähseidenfabrik „Gütermann & Co.“ 1867 mit 30 Mitabeitern in Gutach.

Kann man bei den Käufern durch Ehrlichkeit punkten? Im Falle Gütermann hat diese Strategie jedenfalls funktioniert. Denn wurden die Fäden bis dato nach Gewicht verkauft, stellte Gütermann bei seinen Fäden auf Länge um. Das stieß bei den Mitbewerbern nicht auf Begeisterung, denn üblicherweise wurden die Fäden oft mit Metallpulver beschwert –so konnten diese teurer verkauft werden.

Gütermann vermarktete diese Umstellung von Gewicht auf Länge clever auf der Weltausstellung 1873 in Wien und die Verbraucher honorierten es, in dem sie gerne Gütermann-Garne kauften.

Leitete Max Gütermann seine Firma als typischer Unternehmer der Gründerzeit mit patriarchischer Strenge, so pflegte er doch ein gutes und vertrauensvolles Verhältnis zu seinen Angestellten, die ihn deshalb mit „Papa Gütermann“ oder auch „Herr Max“ ansprachen. Letztere Gepflogenheit, die Gütermanns mit Herr und dem Vornamen anzusprechen, wurde auch von späteren Generationen gepflegt und spricht für einen gegenseitigen achtsamen Umgang von Belegschaft und Unternehmensführung. Es ging familiär zu, der Ausdruck „Familienunternehmen“ trifft es hier im doppelten Sinne.

1884 übergab Max das Unternehmen an seine fünf Söhne Carl, Julius, Alexander, Ludwig und Rudolf, die es erfolgreich weiterführten. Sie kümmerten sich gleichfalls um die sozialen Belange ihrer Angestellten, so wurde 1881 eine Betriebskrankenkasse gegründet sowie 1890 eine Werkskantine und 1894 ein Betriebskindergarten  geschaffen. Zum Andenken an den Gründer entstand 1896 das „Maxhaus“, ein gut eingerichtetes, von Ordensschwestern geleitetes Krankenhaus für die Belegschaft.

In der Freizeit konnten die Angestellten im Musikverein musizieren, die Männer im Männerchor trällern – auch einen werkseigenen Schützen-, Fußball- und Schachverein gab es.

Nach den Freizeitvereinen zu urteilen, bestand die Belegschaft vorwiegend aus Männern, jedoch sieht man auf dem Bild gleichfalls etliche Arbeiterinnen. Auch der Betriebskindergarten deutet darauf hin, dass ein Teil der Belegschaft weiblich war. Wahrscheinlich blieb für die Frauen keine Zeit, um Freizeitaktivitäten nachzugehen. In ihrer arbeitsfreien Zeit besorgten sie den Haushalt, kümmerten sich um die Kinder, kochten und  -wenn dann noch Zeit war- nähten sie vielleicht Kleidung – wenn, dann sicherlich mit Gütermann-Faden.

In jedem Fall schafften diese sozialen Aktivitäten eine Verbindung zwischen den Angestellten und der Unternehmerfamilie, die sich im übrigen auch in der Region engagierte.

Das Geschäft florierte so gut, dass immer mehr Arbeitskräfte gebraucht wurden, weshalb man in Gutach auch Werkswohnungen bauen ließ. Zwischen 1880 bis ca. 1950 wurden ca. 600 Werkswohnungen gebaut. Es entstanden neue Standorte, z.B. in Perosa und Wien.

Ab den 20er Jahren wurde das Unternehmen, unter der Führung von Richard Gütermann in der 3. Generation der Familie stärker international aktiv, der dem Unternehmen bis nach dem Ende des 2. Weltkriegs vorstand.

Nach dem Krieg konsolidierte sich die Firma, vergrößerte sich durch Zukäufe und begann mit der Produktion von synthetischen Nähfäden. In einer Zeit, in der synthetische Stoffe sich zu einem großen Markt entwickelten, ein wichtiger Impuls. Dadurch konnte sich die Firma auch in der technischen Textilindustrie etablieren. So werden 10% des Umsatzes mit diesen Nähfäden, die z.B. in der Automobilindustrie oder auch bei spektakulären Projekten wie der oben schon erwähnten Reichstagverhüllung eingesetzt werden, erzielt.

Natürlich gab es im Verlauf der Geschichte auch immer wieder schwierige Situationen für das Unternehmen. Letztendlich wurden sie gemeistert, in dem sich Gütermann an die neuen markt- und zeitbedingten Gegebenheiten anpasste.

2014 wurde das 150-jährige Jubiläum gefeiert. Im gleichen Jahr wurde die Firma vom amerikanischen Unternehmen American & Efird LCC übernommen und fungiert heute als Unternehmensgruppe A&E Gütermann.

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